Wren, Christopher, Architekt , geboren zu East-Knoyle in Wilt- shire 1632, war der Sohn eines Geistlichen, welcher als Dekan in Windsor starb. Er wurde als adelicher Pensionär im Wadham- College zu Oxford erzogen, und studirte da mit solcher Vorliebe die mathematischen Wissenschaften, dass er bereits als Knabe von dreizehn Jahren die Verbesserung verschiedener astronomischen In- strumente sich zur Aufgabe machte, und selbst einen Scenographen
sich für die Architektur, und unternahm eine Reise nach Frankreich ,
um architektonische Studien zu machen. Der damalige französi- sche Styl hatte aber keinen entschiedenen Einfluss auf seine Rich- tung, indem er als Mann von originellem Geiste nur dasjenige aufnahm, was ihm klassisch schien. Die französische Ueberladung war ihm verhasst, und daher suchte er seine Vorbilder in Italien , oder vielmehr in den Werken des Vitruvius, und der sogenannten klassischen Schule des 16. Jahrhunderts. Allein der Sinn für wahre architektonische Schönheit war zu seiner Zeit noch nicht aufge- schlossen, und daher tragen auch seine im antikisirenden Style er- richteten Gebäude das Gepräge des Verfalles der römischen Architek- tur. Es wurden ihm aber auch die Gesetze des sogenannten gothi- schen Styls nicht ganz klar, bei dessen Anwendung er sich diesel- ben Willkührlichkeiten erlaubte, wie bei seinen Bauten in der rö- mischen Bauweise, welche indessen die allergrösste Anzahl seiner Werke bilden. Er war der erste, welcher die alte germanische Ar- chitektur die saracenische nannte, da er ihren Ursprung im Mor- genlande nach dem Verfall des griechischen RKaiserthums suchte. Mehrere haben ihm hierin nachgebettet, ohne zu bedenken, dass dieser Zeitraum viel zu spät ist. Auch war Wren einer derjenigen Künstler, welche die gothische Bauweise als ausschliessliches Eigen- thum des Freimaurers Ordens betrachteten, welchem er eine Reihe von Jahren angehörte, und zuletzt als Grossmeister vorstand. Die Mitwelt erkannte ihm den Ruhm des ersten Architekten Englands zu, in den neueren englischen Parteikämpfen kam er aber schlech- ter weg. Nur die Vertreter des klassischen Styls, wie Cockerell u. a., lassen ihm in Hinsicht auf die St. Paulskirche noch den al- ten Ruhm, da diese, abgesehen von dem Mangel an höherer Würde des kirchlichen Charakters, durch die grandiosen inneren Verhält- nısse, und die edel gehaltene äussere Dekoration der Kuppel eines der schönsten Werke damaliger Zeit, und als würdiges Gegenstück zur St. -Peterskirche in Rom gedacht ist. Die englischen Schutz- herren des gothischen Styls, oder die Romantiker, suchen nur mehr die Fehler des Künstlers auf, wie W. Pugin, welcher in The tree prin- ciples of pointed or Christian Architecture, London 1841, den Bann- strahl auf die Classiker, und somit beziehungsweise auch auf Ch. Wren schleudert. Pugin ist ein bigotter Verehrer des gothischen Styls, und nimmt das grösste Aergerniss an den Werken der grie- chischen und römischen Architektur. Bei seiner Verhöhnung der heidnischen Formen ist ihm Wren's St. Paulskirche ein Gräuel, und er würde an den Ruinen derselben die Augen weiden. Die von Wren erbauten berühmten Thürme der Bowkirche sind ihm in einem barbarischen Geschmacke ausgeführt, und er wartet sehn- lich auf den Blitzstrahl, welcher sie zu Boden schleudert. Zur Vernichtung der grossen Säule würde er sich wohl einen zweiten Brand von 1666 gefallen lassen. Man muss daher bei einer Beur- theilung der Werke Wren's auf die Partei Rücksicht nehmen, von welcher sie ausgeht. Bezüglich des architektonischen Styls herr- schen in England einseitige, pedantische und unduldsame Ansich- ten. Gothen und Classiker liegen im Streite, und jede Partei sucht Enthusiasmüs zu erregen. Sicher ist, dass der gothische Kirchen- styl, nach Pugin der katholische, für ein protestantisches Land
Nach dem grossen Brande von 1666 fand unser Künstler ein weites Feld der Thätigkeit. Er entwarf einen Plan zur Umbildung der Stadt, und legte ihn dem Könige Carl II. vor. Dieser Fürst nahm ihn in seine Dienste; ernannte ihn aber erst 1668 nach Den- ham's Tod zum Ober-Architekten. Der Plan zum neuen Stadttheile war weise berechnet, wurde aber nicht befolgt. Die Strassen muss- ten indessen in gerader Richtung geführt, und alle hölzernen Ge- bäude entfernt werden. Das Projekt war in seiner Ausdehnung grossartig, und obwohl nicht vollkommen durchgeführt doch von grossem Einfluss auf die Grösse, Regelmässigkeit und Eleganz des neuen Stadttheils. Offenbar verdankt daher London seine schnelle Vergrösserung dem Brand vom 13. September 1666.
Wren's Hauptwerk der Architektur, aber nicht das erste der Reihe nach, ist die St. Paul's Cathedral. Der erste Stein wurde den 21. Juni 1675 gelegt, und nach 35 Jahren (1710) stand das Werk aus Portland-Steinen vollendet da. Die Kosten beliefen sich über eine Million Pt. St. Wren's ursprünglicher Plan war sehr reich, und um die Schönheiten des Baues hervorzuheben, liess er ein kostbares Modell fertigen, welches unberücksichtigt blieb und zuletzt in einem Winkel der Kirche dem Verderben preisgegeben wurde. Der Bischof von London und seine Clerisy verwahrten allen innern Schmuck, und gestatteten nicht einmal die Aufstellung von Statuen, für welche er würdige Räume bestimmt hatte. Der treffliche Künstler, dessen Bescheidenheit fast an Furchtsamkeit
ränzte, war von der Ignoranz der damaligen Machthaber tief ver- letzt, und reichte eine für ihn heftige Protestation ein, welche erst 1798 unter den Familienpapieren Wren's aufgefunden wurde. Im Gentlemens Magazine tom. LXVIII. p. 304 ist es abgedruckt un- ter dem Titel: Memorial of Sir Ch. Wren relating to the adorning St. Paul's Cathedral, October 18. 1717. Seine Vorstellung blieb in- dessen fruchtlos, obgleich sich gewichtige Stimme für ihn erhoben. Die sonst prachtliebenden Episcopalen wollten in der Kirche nur ungezierte Massen haben. Die Grundform bildet ein Kreuz, und zwei mächtige Säulenreihen scheiden das Schiff in drei Theile. Ma- jestätisch wölbt sich die Cuppola auf corinthischen Säulen, und über- ragt die beiden Thürme der Cathedrale. Das Hauptportal auf der Westseite besteht in einem Porticus von zwölf corinthischen Säu- len, und auch die übrigen Fronten entsprechen der Pracht des Ganzen. Von Aussen hatte die Kirche von jeher ein pompöses An- sehen, die reichere Ausschmückung im Innern datirt aber erst von 1704. Bis dahin sträubten sich die Prälaten gegen eine angeblich jacobinische innere Decoration der Kirche, endlich aber wurde der Tempel mit Gemälden, Statuen und Denkmälern geziert. Joshua Reynolds, B. West und A. Robertson boten sich früher vergebens, auf ei- gene Kosten Gemälde zu schaffen; ihr guter Wille wurde »a me- morable Absurdity« gescholten. Dem James Thornhill ward es endlich vorbehalten, die Cuppola mit Gemälden zu zieren. Das erste Monument in der Kirche wurde 1700 dem Philanthropisten John Howard gesetzt, und nach und nach fanden viele berühmte Männer ihre Denkmäler in der Cathedrale.
Christopher Wren soll von 1668 — 1718 fünfzig Kirchen gebaut
Auch ausser London findet man Bauwerke dieses berühmten Künstlers. Sein Werk ist die östliche Fassade des Palastes in Hamp- toncourt, welche unter König Wilhelm III. von 1690—94 erbaut wurde. Sie ist ebenfalls in Wren's bekanntem, der italienischen Bauweise entlehntem Style aufgeführt, und zeigt verschiedenartiges Gemisch. Dann baute er auch das dritte, grosse Viereck des Foun- tain-court, und die sogenannte Cartoon-Gallery, in welcher Rafael's Cartons aufbewahrt werden. Dieser Saal ist lang und hoch, und mit braun gebeitztem Eichenholz getäfelt. Das Theater in Oxford gehört zu den Hauptwerken des Künstlers, da er die Form des antiken Theaters glücklich nachgeahmt hat. Ferners baute er den grossen Glockenthurm der Christ-Church daselbst, das Biblio- thek-Gebäude von Trinity-College zu Cambridge, die Capelle zu Pembroke-hall, die Marienkirche zu Warwick, u. s. w.
Christopher Wren war ein eben so gelehrter Künstler, als ein Mann von dem edelsten Charakter. Der König ertheilte ihm
*) Dieses Gebäude wird von anderen dem John Vanbrugh zu-
geschrieben. Letzterer stand unter dem Einfluss Wrens,
und half ihm auch beim Bau des Greenwich-Hospitals. Das jetzige Theater ist 1818 von Nash gebaut worden.
**) Das alte Theater existirt nicht mehr. Das jetzige baute 1811 der Architekt B. Wyatt,
Naglers' Künstler-Lex. Bd. XII. 8
die Ritterwürde, er starb aber in tiefer Armuth, da er keine Bau-
steine, für sich gesammelt hatte. Er bekleidete nur die Stelle eines Architekten und Commissärs des Spitals von Chelsea, und dann jene eines Controlleurs des Windsor-Schlosses. Die Stelle eines General-Diktors der k. Bauten, welche ihm vom Könige Carl II. zugesichert wurde, hatte er 1718 verloren. Die k. Societät der Künstler beiliess ihm wenigstens die Ehre eines Präsidenten, zu welchen sie ihn 1680 ernannt hatte. Als Baumeister der St. Pauls- Kirche hatte er eine jährliche Besoldung von 200 Pf. St., und er musste zuletzt den Vorwurf hören, dass er nur dieser geringen Gratification wegen den Bau 35 Jahre hinausgezogen habe. Unter solchen Verhältnissen konnte der Ritter freilich kein Vermögen sammeln, da sein ehrlicher und stoischer Charakter jedem Erwerb abhold war, welchen seine Bestallung nicht erlaubte. Sein gleich-
namiger Sohn, welcher die Werke des Vaters herausgab, und selbst
Architekt war, konnte daher nicht vom Fette desselben zehren, wie es später gewöhnlich vorkam. Seinem bescheidenen Privatleben entspricht auch das unansehnliche Grabmal des Künstlers in
der St. Paul's Cathedral. Auf einer Platte steht:
Here lieth Christophorus Wren Kn't, who dyed, in the year of our Lord 1723 and of his Age 90½.
Weiter folgt eine lateinische Aufschrift: Subtus conditur, cujus Ecclesiae et Urbis conditor Christophorus Wren, qui vixit annos ultra nonaginta, non sibi sed bono publico. Lector, si monumentum
requiris, circumspice. Obiit 25. Febr. anno 1723 aet. 90½. In der Artunion 1810 ist eine Abbildung des Monumentes und der
Räumlichkeit. Auch eine Lobrede wird dem Künstler gehalten. G. Kneller hat sein Bildniss gemalt, und J. Smith dasselbe in Mezzo- tinto gestochen, gr. fol. In Lavater's Physiognomik ist das Bildniss copirt. J. Thornhill hat sein Bildniss für das Theater in Oxford gemalt.
Ch. Wren hat nie etwas herausgegeben. Erst nach seinem Tode wurden die Zeichnungen und Papiere gesammelt. James Elmes befasste sich mehrere Jahre mit den Werken dieses Künstlers, und 1807 bereitete er eine Prachtausgabe über die St. Paulskirche vor. Im Jahre 1823 erschien folgendes Werk: Memoirs of the life and works of Sir Ch. Wren, by James Elmes. Auf andere Abbildungen der Werke Wren's weist das folgende Verzeichniss hin:
Die grosse Säule zur Erinnerung an den Brand von London 1666. Gest. v. W. Lowry 1701, gr. imp. fol.
Der Plan zum Aufbau der Stadt London nach dem grossen Brande. Gest. von Hulsberg 1724, s. gr. roy. fol.
Synopsis aedificiorum publicorum Dom. Ch. Wren. London 1749. In diesem sehr seltenen Werke sind neun verschiedene Pläne der St. Paulskirche, fol.
In Storer's British Cathedrals. 4 Bände in 8., handelt die 28. Abtheilung über die St. Paulskirche.
Das alte Modell zur St. Paul's Cathedral, Abbildung und
Grundriss, gest. im Gentleman's Magazine 1783, tom. LXVIII, p. 23.
Plan of Sir C. Wren's first Designs of St. Paul's Cathedral in London. A large model of which is deposited at the present Church, over the North Chapel. Gest. von B. Cole, Imp. fol.
Orthography of the Cathedral Church of St. Paul, to the South, according to the first Intention of the architect. Gest. von Huls- berg, imp. fol.
Ch. Wren hat auch ein Blatt in schwarzer Manier geliefert, welches beinahe als Unicum betrachtet wird. Es stellt die Büste eines Mohren im blossen Kopfe mit Halsring dar, en face etwas nach links (vom Beschauer). Die Arbeit ist sehr fein, und das Bild mit Gefühl dargestellt. Ohne Namen. H. 62. L. 4. Br. 42. 64 L.
R. Weigel besass in letzter Zeit das bisher einzig bekannte Exemplar von dieser Platte, welche der zarten Arbeit wegen über- haupt nur wenig Abdrücke liefern konnte. Graf Lee de Laborde liess den Mohren durch A. F. Girard täuschend copiren, und fügte die Abdrücke seiner Histoire de la Gravure en maniere noire, Pa- ris 1830, gr. 8. bei. Es existiren nur 25 Exemplare vor der Schrift, und auf grosses Papier.
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