Winterhalter, Franz Xavier

Winterhalter, Franz Xavier, Maler, wurde 1803 zu St. Blasen in Baden geboren, erhielt aber seine Schulbildung in Karlsruhe , bis er 1823 nach München sich begab, um an der Akademie der Künste seine Studien fortzusetzen. Winterhalter zeichnete dabei, nach der Antike und dem lebenden Modelle, und war auch bereits im Stande ein gutes Portrait zu malen, als er der Malerei entsagen zu müssen glaubte. Er fand zwar im Hause des Hofmalers Stieler Zutritt, wo er im Tuschiren grosse Fortschritte machte, dennoch aber war er gezwungen, durch die Lithographie seinen Unterhalt zu sichern. Er zeichnete mehrere Bildnisse von Stieler auf Stein, welche grossen Beifall fanden. Auch für die lithographische Anstalt von Piloti und Sölver zeichnete er einige Platten, noch mehr aber nahm der Domherr Speth seine Fertigkeit in der Behandlung der lithographischen Kreide in Anspruch, da diese die vorzüglichsten Bilder seiner Gallerie bekannt machte. In München war also der jetzt so gefeierte, und als Fürstenmaler gefeierte Winterhalter nur als Lithograph in Ansehen, als welcher er auch zu Zeiten ein Bildniss malte.

Den Weg zu seinem Ruhme betrat der Künstler zuerst in Karlsruhe, wo er die durch den Stich bekannten Bildnisse d

Großherzog Leopold, die Großherzogin Sophie und des Mark- grafen Wilhelm von Baden malte. Diese Porträts erregten un- gewöhnliches Aufsehen, und erwarben ihm den Titel eines groß- herzoglich badischen Hofmalers. Jetzt fand er auch die Mittel, in Paris seine Ausbildung zu vollenden, wo das Genie dieses Künst- lers in kurzer Zeit allgemeine Anerkennung fand. Er ist seit 1834 ein gefeierter Maler, welcher nach und nach alle seine Neben- buhler in Schatten stellte. Anfangs wechselte er mit Porträts und lieblichen Genrebildern, welche als zarte Idyllen zu betrachten sind, in deren ausdrücksvollen Gestalten das Fleisch, Blut in den Adern hat, und die Gewänder wie natürliche Stoffe erscheinen. Unter den Bildnissen des Künstlers machte 1835 jenes der Gräfin von Langenstein Aufsehen, da man es eines van Dyck würdig fand. Die schöne Dame erscheint in der vortheilhaftesten Stell- ung, und aller Reiz der Farbe ist über das Bild ausgegossen. Damals bediente sich der Künstler in der Lackierung des Asphaltes, machte aber nur einen weisen Gebrauch davon, so dass mit der Zeit den Gemälden kein Schaden entsteht. Ueber die Bildnisse des Künstlers wollen wir aber später handeln, und zuerst auf einige andere Werke aufmerksam machen, welche zu den vorzüglichsten Erzeugnissen der modernen Malerei gehören. Im Jahre 1835 be- suchte Winterhalter Italien und Sizilien, und bereicherte sein Portefeuille mit trefflichen Aquarellzeichnungen, nach welchen er dann in Paris Bilder in Öl ausführte, welche südliche Gluth ath- men, und die üppigsten Formen zur Schau tragen. Zuerst malte er eine unter dem Baume schlafende Albaneserin, und als Gegen- stück eine ruhende Italienerin mit dem Korbe. Diese Gemälde sind von großer Kraft der Farbe; das erstere ein Bild der erquickenden Ruhe im Schatten unter glänzendem Himmel, das andere italie- nische Sonnengluth, welche nur durch einen Baumast gebro- chen wird. Die weibliche Gestalt ist ganz im Lichte, und auf die Hände fällt Schatten. Im Jahre 1830 malte Winterhalter die nea- politanische Fischerfamilie, welche sich dem Dolce far niente über- lässt. Diese Scene ist von der glühendsten Mittagssonne beleuch- tet, und enthält 50 schöne und graziöse Gestalten in aller Rein- heit der Zeichnung, dass das Bild stets eine Augenweide seyn wird. Zu gleicher Zeit sah man auf dem Salon eine italienische Mutter mit ihren Kindern, liebliche Geschöpfe, von welchen be- sonders die Damen entzückt waren. Die Franzosen waren von jeher grosse Verehrer der Muse des deutschen Meisters; nur seine Landfeinde legten zuweilen einen scharfen Maßstab der Kritik an. Die gemässigten Beurtheiler sagten nur, der Künstler bewege sich mit Grazie und Koketterie im Genre, was ebenfalls einen leichten Tadel enthält, da der Deutsche dem Deutschen das ko- kette Wesen übel nimmt, und es nur dem Franzosen nachsieht. Im Jahre 1837 brachte aber Winterhalter ein Gemälde zur Ausstel- lung, von welchem der Stich nur den Schatten gibt. Es ist unter dem Namen des Decamerone bekannt, und enthält auf einem Raume von vier Fuss im Garten eine Versammlung von jungen Männern und Frauen, welche auf eine Erzählung von Boecaccio horchen. In diesem Gemälde concentrirt sich Anmuth und Schönheit, geist- volle Eleganz und Feinheit. Die Stellungen der romantisch und phantastisch gekleideten Figuren sind natürlich, und die auf dem Rasen sitzenden Damen finden Gelegenheit, auf die ungezwungen- ste Weise ihre niedlich geformten Füsse bewundern zu lassen. Keine Figur gleicht der andern, und jede ist wunderschön. Des- wegen nickten selbst die Pariser Deutschen dem Bilde Beifall zu, und nahmen es nicht sehr übel, dass der Künstler die Füsse mit

anzusehen. Confus und skizzenhaft fand er jetzt die bauschigen Wallungen des Kleides hingeworfen, und es wurde ihm schwer, die leichten Pinselstriche für etwas Anderes als ein Werk des Zu- falls zu halten, Drei Schritte rückwärts aber erscheint alles dar- stellungsvoll und berechnet, und der Critiker nennt das Bild wie- der allerliebst. Der kleine, trefflich beschuhte Fuss schien ihm ganz novellenartig geistreich unter dem Röckchen hervorzukommen, und der kunstrichterliche Zorn hatte sich gelegt. Wir machen hier auf diese Erscheinung um so mehr aufmerksam, weil daraus auf eine Aenderung der Manier des Künstlers zu schliessen ist, indem früher die Reinheit und Bestimmtheit der Zeichnung mit einer sorgfältigen Behandlung sich paarte. Nach der Behauptung des Referenten E. C., welcher im Tübinger Kunstblatte mehrere Jahre über die Kunst in Paris berichtete, wäre dem Meister Win- terhalter von 1838 ab das Streben nach größtmöglichster Wir- kung und Erfassung des Materiellen das Erste gewesen, und er soll einzelne Theile absichtlich preisgegeben haben, um dafür in anderen eine desto grössere Plastik zu erzielen. Von dieser Zeit an sind aber die eigentlichen Genrebilder des Künstlers gezählt, da die Portraitmalerei seine Thätigkeit in Anspruch nahm.

Doch auch der berühmte Portraitmaler Winterhalter ist auf der einen Seite die Zielscheibe des Tadels, auf der anderen der Gegenstand hohen Lobes; Auf dieser Seite steht das französische Publikum, auf jener die kritisirende Landsmannschaft des deut- schen Malers, welcher zum Franzosen geworden war. Der ge- nannte Referent im Kunstblatt 1838 S. 230. will der lobspenden- den französischen Critik gegenüber den Bildnissen Winterhalter's nur in Bezug auf geschmackvolles Arrangement und seltene Vol- lendung einzelner Toilettenstücke Lob angedeihen lassen, übrigens aber scheint ihm der Maler des Decamerone in affectirte Grazie

und Farbenspielerei zu verfallen, und zu jenen manierirten Künst- lern zu gehören, gegen deren perfides, verführerisches Talent, die Kritik selbst möglichst auf der Hut sein müsse, Nur den Triumph der Praxis, der materiellen Prozedur gesteht er ihm zu, glaubt aber, dass durch dieses Verfahren der Weg zu Vanloo, und von diesem zu Boucher, führe. Allein trotz dieser scharfen, sicher zu strengen Kritik, wurde Winterhalter von den hohen und höchsten Personen in Anspruch genommen', was ihnen der Tübinger Critiker sehr übel nimmt, indem er z. B. an dem Bildnisse des Fürsten von Wagram mit seiner kleinen Tochter fast nur die Schnürstiefel, die glänzende Wachs und die Casimirhosen lobenswerth findet, Wir gehen ungern auf diese Polemik ein, da sie nicht ohne Animosität geführt ist, das Kunstblatt von Schorn fand aber in weitem Kreise Eingang, und somit ist das Urtheil über diesen Künstler, beson- ders bei rivalisirenden Zunftgenossen, leicht in obigem Sinne ge- sprochen, da der Tadel einige Jahre sich wiederholte, So lesen wir auch im Kunstblatt 1842 S. 214, dass Winterhalter seinen Bildnissen nur einen gewissen Anschein von Vornehmheit, und einen trügerischen Glanz in Anordnung und Ausführung gebe, es ihnen aber durchaus an Haltung und Noblesse, an feiner Eleganz und Charakteristik, an zarter Durchbildung und Durchdringung von Geist und Erscheinung fehle. Der König Louis Philipp müsste daher einen grossen Fehltritt begangen haben, dass er dem Künst- ler zu seinem Bildnisse gesessen, und dennoch ist es eines der be- sten Werke dieser Art, so wie das ähnlichste von allen, Die Ge- stalt scheint zu leben, und die Beiwerke können nicht schöner ge- malt seyn. Das grosse Portrait dieses Königs gehört zu den Pracht- stücken der Malerei, so wie jenes der Königin, welche in starker Lebensgrösse in einem prächtigen, mit Spitzen bedeckten Kleide erscheint. Winterhalter malte auch alle Prinzen und Prinzessinen des k Hauses in Lebensgrösse mit prachtvollen Beiwerken, Alle diese Bilder, und viele andere von hohen Herrschaften fan- den den höchsten Beifall, und anderseits auch wieder scharfen Tadel. Winterhalter wäre zuletzt gezwungen gewesen, eine Mo- distin anzustellen, um die Garderobe zu ordnen, ohne zu beden- ken, dass vornehme Damen auch Lieblingskleider zur Schau tra- gen wollen, wenn sie auch im Gemälde nicht vortheilhaft abstechen. So wird der Künstler getadelt, weil er die Gräfin von Duchätel mit ihrem Söhnchen im rothseidenen Kleide gemalt hat. Der Criticus meint, die nächstbeste Putzmacherin hätte den Künst- ler aufmerksam gemacht, dass das rothe Kleid dem Teint die Fri- sche benehme, und eine kleine Spitzengarnitur am Halse das Fleisch nicht genug hervorlasse. So verliert sich die Critik oft in Neben- dingen, ohne zu bedenken, dass dem Maler ein »Sic volo sic ju- beo« entgegen gerufen werden kann, Die Bildnisse der Gräfin und des Grafen Duchätel, ganze Figuren in starker Lebensgrösse, gehören übrigens zu den Hauptwerken des Künstlers. Diess ist auch mit den Bildnissen der Herzogin von Plaisance, der Herzo- gin von Orleans mit ihrem Kinde, der Prinzessin Clementine, der Herzoge von Orleans, Nemours und Aumale, des jungen Grafen von Paris etc. der Fall. Der letztere erscheint in zierlichem Co- stüm mit einer meisterhaft gemalten Feder auf dem Barret in der Hand. Dieses schöne Bild entging aber 1842 keineswegs der Krit- tik, Man vermisste die fein gebildeten, für seine Herkunft cha- rakteristischen Züge. Der kleine Prinz soll auch keine kindlich naive Gestalt haben. Wenn aber Winterhalter in der Natur seines Individuums recht gesehen hat? In diesem Falle hilft dann keine Modistin mehr, auf deren Kennerblick der Künstler einmal ver-

Winterhalter, Franz Xavier.

wiesen wurde. Es wäre indessen ermüdend, alle die Kreuz- und Querhiebe zu zählen, welche schon in öffentlichen Blättern auf Winterhalter geführt wurden, aber ohne gehörige Wirkung zu machen. Sein Ruf drang unaufhaltsam auch über die Grenzen Frankreichs, unbekümmert um die üblen Nachklänge, welche von Tübinger Kunstblättern ausgingen, und in den deutschen Ländern das Urtheil gefangen nahmen, wobei wir aber keineswegs in Ab- rede stellen, dass die Nachahmung dieses Meisters gefährlich wer- den könne. Winterhalter malte auch das Bildniß des Königs und der Königin von Belgien, so wie anderer hohen belgischen Herr- schaften. In letzterer Zeit berief ihn die Königin Viktoria nach London, um ihr Bildniß zu malen. Die Königin steht in reichen Festanzug lebensgroß mit einer leichten Krone auf dem Haupt in einer Landschaft, und hält eine Rose in der Hand. Dann malte der Künstler das Bildniß des Prinzen Albert in ganzer Figur, Co- pien von diesen Bildern (in halber Figur) sah man 1851 im Kry- stallpalaste. Die Originalportraite sind in den königlichen Gemä- chern aufgestellt, so wie jenes des kleinen Prinzen Edward von Wales in Matrosenkleidung. Hierauf erhielt der Künstler den Auf- trag, ein großes Familienbild zu malen, worauf die Königin, Prinz Albert und die königlichen Kinder sich befinden. Die höchsten Herrschaften sitzen von den Kindern umgeben; auf der Terrasse des Windschlosses, und Alles ist vereiniget, um durch Farbenzauber ein pompoßes Ganze herzustellen. Im Jahre 1845 machte Winter- halter in London auch Studien zu einem großen Gemälde für den König Louis Philipp, welches die Ceremonien bei der Auf- nahme der Ritter vom Hosenband-Orden vorstellen sollte. Die Ausführung dieses Gemäldes scheint nicht zu Stande gekommern zu seyn, da Winterhalter noch 1847 mit den Portraiten der eng- lischen Königsfamilie beschäftigt, und später für Louis Philipp eine unglückliche Periode eingetreten war.

Wir haben oben auf die Urtheile aufmerksam gemacht, welche über die Werke dieses Künstlers gefällt werden, so dass sich Lob und Tadel die Hand reichen. Gemäßigter und richtiger ist die Beurtheilung im Kunstblatt 1845 Nr. 64. Da heisst es, dass jedes der Bildnisse dieses Künstlers individuell in Auffassung und Farbe, und elegant arrangirt sei, männliche und weibliche gelingen ihm gleich gut, jedes ist Natur und Wahrheit. Die Bildnisse der fran- zösischen Familie, und des Königs von Belgien geben ebenso so viele Zeugnisse seiner Meisterschaft, als jene des englischen Königspaares mit den zahlreichen jungen Sprösslingen, welche wir lebendige Originale von den Wänden herabblicken, Man nennen den Künstler den Fürstenmaler, und den Fürsten unter den Por- traitmalern, welcher mit seinen Adjutanten Gräfin, Goblitz und Bontibonne alle anderen Bildnissmaler in Schatten gestellt hat? Gefährliche Nebenbuhler hat er in Paris nicht, es müsste denn seinen Bruder Hermann als solchen zu fürchten seyn, oder Dubufe, welcher mit erstaunlicher Technik und hoher Eleganz malt. Wappers in Antwerpen tritt ebenfalls mit ihm in die Schranken, steht aber dem Winterhalter und Dubufe an Eleganz der Anordnung nach und wird von unserm Künstler an Feinheit und Wahrheit des Co- lorits überboten, Wappers malt zwar mit viel größerer Leichtig- keit, Winterhalter dagegen mit grösster Gewissenhaftigkeit. Daher die überlegte Anordnung, und namentlich die feinere Nuancirung des Colorits bei jedem Individuum. Ubi plurima nitent paucis non offendunt maculis.

Stiche und Lithographien nach Werken dieses Künstlers., ,

Viktoria Rönigin von England mit der Krone in einer Land- schaft, gest. von Forster, gr. fol.

Louis Philippe, Roi de France, lith. von L. Noel. Kniestück, in einfacher bürgerlicher Kleidung, gr. fol.

Marie Amelie, Reine de France, gest. von Lefevre 1840,

gr. fol.

Leopold, König von Belgien, lith. von L. Noel. Kniestück, gr. fol.

S. A. R. le Duc d'Aumale, lith. von L. Noels. Kniestück, gr. fol. ... S. A.R. le Comte de Paris, Knabe in mittelalterlichem Costüm, lith. von L. Noels. Kniestück, gr. fol.

Prinz Edward von Wales, als Matrose, gest. von S. Cousins, fol.

Edward, Prinz von Wales, Knabe in Matrosentracht, lith. von Noels. Kniestück, fol.

Leopold, Grossherzog von Baden, gest. von L. Schuler, gr. fol.

Sophie, Grossherzogin von Baden, gest. von demselben, gr. fol.

Vorsicht

Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.

Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.

Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_bly19Wlc3NgC