Wilhelm der Deutsche, auch Wilhelm von Innsbruck genannt

Wilhelm der Deutsche, auch Wilhelm von Innsbruck genannt, wird von Vasari unter diejenigen Architekten gezählt, welche in ihrer Kunst Verbesserungen anbrachten. Der genannte Schriftstel- ler behauptet, dass Bonanno und Meister Wilhelm der Deutsche 1174 den schiefen Glockenthurm des Domes in Pisa gegründet, aber nicht Erfahrung genug gehabt hatten, wie in Pisa ein Fun- dament zu legen sei, indem sie den Grund nicht verpfählten, wie es nöthig gewesen wäre. Die Ursache davon war nach Vasari das Senken des Thurms, so dass er sechs und eine halbe Rile (17 Palm,

Dass Bonanno den Bau begonnen habe, scheint richtig zu seyn, denn am Eingang sind Fragmente einer Grabschrift, in:

welcher der Name eines Bonanno da Pisa vorkommt*), und im Thurme liest man: Hospitium Hunc Pisani civis Bonano no mine Die Zeit des Baues bestimmt die Inschrift am Thurme: A. D. MCLXXIV. Campanile hoc fuit fundatum mense Augusti. Bonanno vollendete aber den Thurm nicht, und man nimmt daher an, er habe nur den Grund gelegt, und vielleicht denselben zu einer ge- wissen Höhe gebracht. Andere geben ihm den Wilhelm von Isen- bruck **) und den Tommaso Pisano, den Sohn des Andrea zu Gehülfen. Letzterer soll den Theil mit den Glocken vollendet haben, und kann daher mit Bonanno nicht gearbeitet haben. Gug- lielmo Tedesco ist noch älter, es lässt sich aber nicht documen- tiren, dass er mit Bonanno wirklich gearbeitet habe. Seine Thä- tigkeit gehört einer späteren Zeit an, der Periode nach . In diesem Jahre war der Thurm noch nicht vollendet, und es ist wohl möglich, dass man wegen der Senkung desselben den Bau einige Jahre ausgesetzt habe. Erst 1233, am 27. December, wurde der Operajo Renato zur Reparatur des Domes, und zum Baue des Thurmes verpflichtet. Jetzt könnte die Zeit für Wilhelm von Innsbruck kommen, auf welchen Tommaso Pisano folgte, der das Werk krönte. /

Dieser berühmte, schauerliche Thurm ist ganz von Marmor, ausgezeichnet gearbeitet, verbunden und gefügt, so dass er in seiner schiefen Richtung der Ewigkeit trotzt. Er bildet einen Cy- linder mit acht Säulenstellungen von aussen übereinander. Die 15 Säulen des unteren Geschosses sind 34 Br. hoch, und mit der Mauer verbunden. Die 30 Säulen vom zweiten bis zum siebenten Geschosse sind kleiner und vorstehend, so dass sie Peristyle bilden. Das obere Geschoss mit den Fenstern hat 12 Säulen, Die Treppe zählt 293 Stufen, welche in der dicken Mauer hinauffüh- ren, und zu den Peristyle gelangen lassen. Das Gebäude ist 250 Palm hoch.

Ueber die schiefe Neigung des Thurmes wurde viel gestritten, indem einige mit Vasari annahmen, dass das Fundament auf der schwächeren Seite gewichen sei, andere eine ursprüngliche Abstüt- zung dieser Art vertheidigten, was nicht unwahrscheinlich seyn dürfte, da diess nicht der einzige schiefe Thurm in Italien ist***). Die Unterbrechung des Baues bis zum Jahre 1233 ist vielleicht ent- scheidend, und dürfte für eine unbeabsichtigte Senkung sprechen. Man war vermutlich zur Ueberzeugung gekommen, dass die so geheuere Masse auch in dieser Lage den Ausbau gestatte, und wagte kühn die Vollendung. Die absichtliche schiefe Stellung wurde auch noch neuerlich behauptet in dem Werke: Le fabrice principali di Pisa, intagliate da Ranieri Grassi, incisore, Pisano.

*) Vgl. A. Torri, Inscriptiones Romanae del duomo di Pisa e la memoria sepolchrale dell' architetto Bonanno 1841.

**) Della Valle will keinem deutschen Meister die Ehre zollen, sondern hält den Meister Wilhelm mit Fra Guglielmo Tedesco, von welchem sich im Dome zu Orvieto Reliefs finden, für eine Person, s. weiter unten Wilhelm von Innsbruck.

***) Ueber die Streitfragen s. Dandini, Janus II. 206.

P

Qual pare a riguardar la Carisenda Sotto 'l chinato, quand' un nuvol vada — Sovr essa sì, ché ella incontra penda.

Unter der Carisenda versteht Dante den berühmten schiefen Thurm in Bologna, welchen die alten Familien Carisendi und Asinelli gebaut haben.

Schliesslich bemerken wir noch, dass auch ein Johann von Innsbruck als Baumeister des schiefen Thurmes genannt wird. Lord Baltimore fand nämlich in einer der Vorstädte von Pisa eine In- schrift wie folgt: Johannes Oenipontanus obliquus vindex obliqui Pisis 1174.

Dieser Inschrift wurde Anfangs viel Gewicht beigelegt, und man wollte glauben machen, Vasari hätte seinen Wilhelm den Deutschen statt des Johannes von Innsbruck eingeschoben. Der edle Tyroler Johannes sollte bucklicht, oder schief gewachsen gewesen seyn, so dass er nach seinem Körper auch dem Thurme die schiefe Richtung gegeben hätte. Diess ist sicher ein Absur- dum, so wie auch die ganze Inschrift verdächtig ist. Man achtet auch nicht mehr darauf. Eine andere Frage ist aber, ob Meister Wilhelm wirklich aus Innsbruck stammt. Vasari und andere nen- nen ihn nur Guglielmo tedesco,

Die Existenz dieses Meisters steht aber durch Tradition fest, und er darf nicht mit dem Bildhauer und Baumeister Wilhelm (Wi- ligelmus) verwechselt werden, welcher mit Nicolo da Ficarolo ar- beitete, wie aus dem Artikel dieses Meisters zu ersehen ist. Auch ein Dominikaner Bruder Guglielmus von Pisa ist von ihm zu un- terscheiden. Dieser fertigte mit Nicolo Pisano die Arca des heil. Dominikus in Bologna, in welche 1233 die Gebeine des Heiligen gelegt wurden. Im Jahre 1203 führte er für den Dom in Orvieto Reliefs aus, und 1304 arbeitete er in Pisa für die Camaldolen- ser Kirche. Dieser merkwürdige Künstler, welchen Vasari nicht kennt, stammt aus der Familie der Agnelli, und daher geben wir unter diesem Namen in den Supplementen Nachricht. Er wurde durch V. Marchesi (Memorie dei più insigni pittori, scultori e architetti Domenicani. Florenz 1845) der Kunstgeschichte anheim gegeben. Fra Guglielmo starb im Kloster Buonconvento bei Bo- logna 1313, nachdem er 56 Jahre das Gewand des heil. Domini- cus getragen hatte,

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