Wicar, Jean Baptiste Cav.

Wicar, Jean Baptiste Cav., auch Vicar und Vicart, Historien- maler von Lille , war Schüler von David, und begab sich dann als Pensionär der k. französischen Akademie nach Rom , wo er durch das Studium der Werke italienischer Meister auf eine Bahn geleitet wurde, welche von jener seines Meisters abführte. Den- noch verläugnet sich in den Werken dieses Künstlers die ursprüng- liche Schule nicht. Er nahm nur die grossen italienischen Colori- sten zum Vorbilde, und kommt in Zeichnung und Auffassung den französischen Meistern seiner Zeit gleich, nur dass er im Ange- sichte der grossen italienischen Maler weniger der Bühne huldigte, als jene. Zuerst findet man ihn in Goethe's Winckelmann (Tü- bingen 1805 S. 343) erwähnt, aber nur unter den Künstlern, wel- che Zeichnungen für Kupferstecher fertigten. Goethe und seine Kunstfreunde stellen aber den Tofanelli über ihn, und erklären den Wicar (Vicar) nur als den geschicktesten Künstler seiner Na- tion. Allein Tofanelli verdient das Lob nicht, welches ihm gespen- det wurde, da seine Zeichnungen den Geist der Vorbilder nicht er- reichen, und Wicar befleißt sich keiner größeren Treue. Die An- gabe im Winckelmann bezieht sich zunächst auf die Zeichnungen nach den Gemälden, Statuen etc. in der Gallerie zu Florenz, wel- che Wicar zu dem unten erwähnten Galleriewerke fertigte, und wovon 1780 der erste Theil erschien. Wir lernen aber den Künst- ler zuerst als Maler kennen. Anfangs malte er mehrere Bildnisse, und darunter jenes des Papstes Pius VII., welches durch den grossen Stich von L. Rados, und jenen von Contardi bekannt ist. Der Papst erscheint in lebensgrosser Gestalt, und trägt das Gepräge vollkommener Aehnlichkeit. Man findet dieses Bild in der herzoglich Leuchtenberg'schen Gallerie zu München, und Muxel hat es für das Galleriewerk radirt. Sehr reich an Bildnissen ist ein grosses Gemälde, welches er im Auftrage der französischen Re- gierung malte, dann aber in die Gallerie des Cardinal Fesch kam. Es stellt Pius VII. dar, wie er den 15. August 1805 das Concordat mit Frankreich unterzeichnet. Der heilige Vater sitzt am Tische im weissseidenen Gewande in einem mit rothem Sammt ausgeschla- genen Sessel im Saale des Quirinal, und reicht dem neben ihm stehenden Cardinal Consalvi die prächtig gebundene Bulle. Hinter ihm sitzt der Geheimschreiber Prälat Gfl de Pietra, und neben dem Tische haben die Prälaten Spina und Caselli ihre Sitze gefun- den. Neben der offenen Thüre steht ein Cämmerling, ein Schwei- zer und ein Capuziner, und die Aussicht geht auf einen Theil von Rom mit der Basilica des heil. Petrus. Die Jahrzahl 1805 bezeich- net die Zeit der Vollendung dieses Farbenprunk-Werkes. Es ist 12 F. 2 Z. 3 L. breit, und 7 F. 7 Z. 9 L. hoch.

Später wurde die Thätigkeit des Künstlers unterbrochen, in- dem er als französischer Commissär die italienischen Gallerien für das Central-Museum in Paris ausbeuten musste, und V. Denon konnte mit ihm wohl zufrieden seyn. Bei dieser Gelegenheit er-

warb er für sich eine grosse Anzahl von Originalzeichnungen, wel- che er bis 1823 in ganzer Masse besass. In diesem Jahre verkaufte er einen Theil an die Brüder Woodburn in London um 41000 Scudi romani, welche diese Zeichnungen mit anderen von A. Fedi, dem Gehülfen des Commissarius, dem Maler Thomas Lawrence über- liessen. Wicar erstand aber dafür 18224 den Rest der Zeichnungen, welche Fedi noch als Kunstbeute besass, und von diesen ging ein Theil durch Vermächtniss des Künstlers in das Museum zu Lille über. Wir haben aber durch diese Angaben der Geschichte vorge- griffen, und bemerken jetzt, dass Wicar von Rom aus sich nach Neapel begab, wo ihn König Murat zum Hofmaler, und dann zum Director der Akademie ernannte. Der Künstler verblieb bis 1814 in dieser Stellung, und führte mehrere Werke aus, deren sich in Kirchen und Palästen finden. In S. Francesco di Paolo ist ein gros- ses Altarbild von ihm, welches die Vermählung der heil. Jungfrau vorstellt, und vom Künstler später in Rom ausgeführt wurde. Auch in der Cathedrale zu Perugia ist ein grosses Bild der Vermählung Mariens. Unter den Bildnissen, welche Wicar zu Neapel malte, nennen wir das Portrait des Königs Murat, welches Ant. Ricci ge- stochen hat.

Von Neapel aus begab sich der Künstler nach Florenz, wo ihn die Zeichnungen zum Stiche des Galleriewerkes beschäftigten. Die beiden letzten Bände erschienen erst 1821, zu einer Zeit, als Wicar seinen Wohnsitz in Rom genommen hatte. Hier malte er 1820 das grosse und berühmte Bild, welches Virgil darstellt, wie er dem Augu- stus die Aeneide vorliest, in dem Momente gedacht, als er die Stelle: Tu Marcellus eris etc. recitirt. Dieses Gemälde, welches Graf Som- mariva in seiner Villa am Comersee aufstellte, erregte ausserordent- lichen Beifall. Man fand das Colorit unbeschreiblich schön, und das Ganze so vollkommen durchgeführt, dass man glauben sollte, Wicar habe in diesem Bilde ein Meisterwerk erster Grösse geschaffen. Alle jedoch dürfte nur die gut stylisirte Composition, und die glänzende, fette Aussenseite bestochen haben. Orloff, Histoire de la peinture en Italie II. 4535, scheint das Werk richtiger zu beurtheilen, weil er sagt, dass Bild sei schön componirt und gemalt, aber die Kreide- zeichnung dazu vorzüglicher. Die Zeichnung in seinen Gemälden ist überhaupt nicht immer correct, obgleich der Künstler mit der Feder meisterhaft und correct zeichnete. Im Jahre 1823 vollendete Wicar ein Gemälde mit colossalen Figuren, nämlich die Erwckung der Tochter der Wittwe von Naim, wovon sich die Skizze in der herzoglich Leuchtenberg'schen Gallerie zu München be- findet. Das grosse Gemälde wurde als Hauptwerk des Meisters er- klärt, und über das Bild des Virgil gesetzt. Doch fand es keinen Käufer, so dass es der Künstler später mit seinen Zeichnungen von alten Meistern dem Museum in Lille vermachte, wo man das Gemälde seit 1836 sieht. Im Jahre 1830 malte er für den Herzog Bracciano ein 11 Palm hohes und 8 Palm breites Bild, welches die Hauptmomente des Lebens des Giovanni Bracciano vorstellt. Den Schluss machte Wicar 1833 mit seinem grossen Gemälde des Co- riolan vor den Thoren Roms. Auch dieses Bild hat die Vorzüge und Fehler des Meisters. Es ist von glänzender Färbung, und zeigt die genaueste Kenntniss des Costüms. Wicar war überhaupt ein gelehrter Künstler, welcher nur edle und würdige Gestalten in historischer Wahrheit einführte.

Einen besonderen Ruf erwarb er sich auch durch die Heraus- gabe des florentinischen Galleriewerkes, welches unter folgendem

Titel erschien: Tableaux, statues, bas reliefs et camées de la Galerie

Im Jahre 1811 erschienen nach seinen Zeichnungen vier kleine zarte Blätter mit Figuren in Form von Cameen, unter dem Titel: L'accurd, Le caprice, L'épreuve, und La rupture. Die Compo- sition ist im Style der Antike.

Chevr. Wicar starb zu Rom 1834. In dem Werke: Le biogra- phie et le nécrologie réunis I, 93, ist seine Biographie,

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