Wernhard zum Hilzheim, nennt sich ein Maler, welcher unter dem Jahre 1487 seinen Namen ins Buch der Zunft zum Himmel in Basel eintragen ließ. Er eröffnet die Reihe der Gesellschaft,
Wernher oder Werinher, heißen drei kunstfertige Mönche des Klosters Tegernsee in Oberbayern, wo von jeher die Kunst ge- pflegt wurde. Schon Abt Gotzbert, welcher 1001 starb, schreibt an den Grafen Arnold von Andechs (Pez, Anecdot., VI. 122): »Lo- cum nostrum Tegernsee talibus operibus honorum sublimasti, qua- libus nec priscorum temporibus comperti sumus, nec nos visuros esse sperabamus« Dieser Abt schmückte während seiner zehnjäh- rigen Regierung die Klosterkirche mit farbigen Fenstern, und ließ die Säle des Klosters mit künstlich getäfelten Decken versehen. Selbst der Erzguß wurde geübt, und die Glocken, welche der Abt in die Thürme brachte, wurden in Tegernsee gegossen. Der Mönch Udalrich hatte die Aufsicht über die Glockengießerei. Auch Bücher ließ er schreiben, welche mit Miniaturen verziert waren. Das Kloster hatte unter ihm bereits eine mechanische Schule. Wir wissen aus einer alten Chronik, dass dieser Abt adelige Schüler nach Hause schickte, weil er sie in den Künsten hinlänglich geübt glaubte. In dieser Schule lehrten Mönche die Kunst, es ist aber keiner na- mentlich bekannt. Der ältere Werinher lebte unter Abt Eberhard II., welcher 1101 starb. Eberhard zierte die Kirche mit einer getäfelten Ecke, mit Gemälden, bunten Fenstern, mit künstlichem Estrich, und ließ ein kostbares Rauchfass anfertigen. Wernher wird bei Pez (Anecd. III. 3. 515) als der Verfertiger einer aus Gold, Silber, Bernstein und Gemmen zusammengesetzten Tafel genannt, eines be- wunderten Werkes. Doch nannte sich der Meister auf dieser Tafel Wezel, so dass vielleicht Werinher der Klostername ist. Dann be- saß er auch eine vorzügliche Kunst, die Bücher mit goldenen und silbernen Zierrathen zu belegen. Vielleicht fertigte er das oben
*) Die Geschichte dieses alten Klosters s. J. v. Hefner. Tegern- see und seine Umgebung. München 1853.
erwähnte Rauchfass. Wenigstens wissen wir urkundlich, dass Werinher ein kunstreiches, metallenes Waschbecken gefertigt habe
Der jüngere Werinher lebte unter Abt Rupert, welcher 1184 starb. Dieser Mönch hatte den Beinamen Scholasticus, und muss vielleicht von einem anderen, anscheinlich älteren Mönche oder Bruder unterschieden werden, dessen Existenz wir aber nur vermuthen. Der Scholasticus hatte als Schulvorstand wahrscheinlich nicht die gehörige Muße, um die Kunst in solcher Ausdehnung zu üben, wie angegeben ist. Ein Werinher verfertigte Geschmeide, goss Gefässe in Erz, und verstand die Pracht der Farben in Glas zu schmelzen. Fünf von ihm gemalte Fenster waren der Stolz der Tegernseer Mönche. Darin sind vielleicht die Anfänge der eigentlichen Glasmalerei in Bayern zu suchen. Glasmosaiken und Fenster in bunten Gläsern waren schon ein Jahrhundert früher in Anwendung gekommen. Schon Abt Gosbert hatte eine Glashütte angelegt, die unter Beringer (+1012) bereits in so blühendem Zustande war, dass der Bischof von Freising und eine Äbtissin Bestellungen machten. Noch in später Zeit sah man im Kreuzgang des Klosters Wappen der alten Geschlechter in die Fenster eingeschmolzen. Die Geschmeide-, Guss- und Glasarbeiten mussten fast die Thätigkeit eines Mannes in Anspruch nehmen; wir finden aber noch andere Werke einem Werinher beigelegt, und dieser – wohl jener Werinherus Scholasticus, welcher als Zeichner, Maler und Dichter erscheint. Man kennt weder Abstammung, noch Jahr und Ort seiner Geburt. Auch von seinen Schicksalen lässt sich nur wenig erfahren. Aus Briefen von ihm und anderen geht aber hervor, dass er im Kloster zu Tegernsee erzogen und gebildet worden ist und dass ihm als Mann grosse Unbill zugestoßen sei. Er dichtete und schrieb eine Anweisung zur Dichtkunst. Dann nennt er sich als Verfertiger eines Lobgedichtes auf die heil. Jungfrau vom Jahr 1173. Der Superintendent Oetter hat dieses Gedicht 1802 in lateinischem Druck gegeben. Eine bessere Bearbeitung findet man aber in Hofmann's Fundgruben III. 145. Man schreibt ihm auch ein lateinisches Gedicht in der dramatischen Form jener Zeit zu, ein „Ludus anticlaus" von der Ankunft und dem Untergange des Antichrists u. a. Massmann legt ihm auch ein lateinisches Frühlingslied und noch Anderes bei. Werinher war aber auch Zeichner und Maler. Die Klosterchronik besagt, dass er eine Karte gezeichnet habe, welche Günther (Westenrieder's Beiträge I. 115) für die Peutingersche hält. Von grösserer Bedeutung sind aber die farbigen Zeichnungen, mit welchen er sein Loblied auf die heil. Jungfrau geschmückt hat. Dass sich der Dichter selbst Wernher nenne, und darunter der Scholasticus zu verstehen sei, haben wir bereits erwähnt. Dieses Werk ist in einer Copie, welche nach der neuentdeckten Schrift nicht vor Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden seyn kann, auf unsere Zeit gekommen. Der k. preussische General-Postmeister von Nagler hat das Manuscript erworben, und es befindet sich jetzt im Cabinet zu Berlin. Dr. Rugler nahm diese Handschrift zum Gegenstande einer Abhandlung, welche unter folgendem Titel erschien: Dissertatio de Werinhero, saeculi XII. mnacho Tegernseensi, et de picturis minufis, quibus carmen Ssuum theodiscum de Vita B. V. M. ornavit. Berolini 1831. Der Codex hat 94 Blätter in kl. 4., und auf jeder Seite 22 Verse. Die 85 Bilder nehmen über die Hälfte einer Seite ein, und befinden sich mitten zwischen dem Texte, bisweilen sogar mitten in einem Satze, so dass der Dichter sogleich die rechten Motive für eine bildliche Einschaltung aufgegriffen und benutzt hat; Die Umrisse sind schwarz und roth, nämlich so, dass durch die Wahl der Farben
theils das Nackte, welches immer mit schwarzen Linien angegeben ist, von den Gewändern, theils die verschiedenen Bestandtheile der Kleidung, besonders da, wo mehrere Figuren eine Gruppe bilden, unterschieden werden. Sehr selten ist ein ganzer Theil der Figu- ren mit Farben bedeckt. Öfter sieht man Gold an den Heiligen- schalen, Kronen etc., Silber bei Waffen. Der Grund des Bildes ist farbig, z. B. ein blaues Quadrat mit grünem Rande; selten ist Purpurfarbe angewendet. Das Ganze ist von einem goldenen und silbernen Rahmen eingefasst. Die Darstellungen aus dem Leben Mariens erscheinen hier zum erstenmal in einer Vollendung und Mannichfaltigkeit, und als Zeugnisse einer frischen Begeisterung, wie sie die Künstler des späteren Mittelalters mit Vorliebe zu be- handeln pflegten. Wernher ist aber kein Rafael und kein Dürer, obgleich man in seinen Bildern einen sehr verständigen Künstler sieht, welcher mit feinem Sinne die Gegenstände entwarf, und sich
durch eine freiere Behandlung und Pflege der Kunst verdient ge- macht hat. Doch kennt er, wie seine Zeitgenossen, die Verhält- nisse des menschlichen Körpers nicht. An den Köpfen ist die Un- terlippe mit einer rothen Linie, die Wangen sind durch rothe Fle- cken bezeichnet. Die zuweilen sehr verdrehten Gestalten, welche wenig Nacktes zeigen, stehen ohne künstliche Gruppirung einzeln, neben oder hinter einander. Sie halten lange Streifen mit bibli- schen Sprüchen, obgleich der Künstler das Verhältniss der sprechen- den Personen gut zu geben weiss. Zuweilen bemerkt man sogar einen nicht unglücklich getroffenen Charakter in den Köpfen, am vollendetsten ist aber der Ausdruck von Gemüthsbewegungen, vor- nehmlich schmerzlichen. Die Gewandung ist die aus der Zeit des Künstlers, und im Wurfe durch die gleiche Entfernung der Fal- ten eckig und gebrüchen. Der oben genannte Oetter hat sechs Bilder in Kupfer stechen lassen, und selbe dem Texte beigefügt. Kugler gibt die Abfolge der bethlehemitischen Mütter in Abbildung. Wenn man auch die Biblia pauperum, welche das Kloster Tegern- see besass, dem Wernher Scholasticus zuschreiben will, bleibt dies nur Vermuthung. Fiorillo (Deutschland I. 103, 105, 200) meint sogar, die Darstellungen der Armenbibel seyen dieselben, wie im Loblied auf die heil. Jungfrau. Auch jenes Bibelwerk, wel- ches die Mönche von Tegernsee dem Kaiser Heinrich dem Heiligen (1002—1024) schenkten, kann nicht von diesem Wernher herrüh- ren. Die Klosterchronik bei Pez, Anecd. III. 3. 512, macht auf einen prächtig gebundenen und verzierten Codex aufmerksam, wenn es heisst: Auro et argento composita ac scriptura decenter ornata. Auf der k. Bibliothek in Bamberg, wo Kaiser Heinrich das von ihm gegründete Stift mit Werken beschenkte, sind mehrere alte Manuscripte mit Miniaturen, welche in die Zeit des Kaisers hin- aufreichen, keines trägt aber Wernher's Namen. Vgl. Waagen, Kunstwerke und Künstler in Deutschland I, 89 ff. Es ist auch nur eine Vermuthung von Günther (Gesch. der lit. Anstalten I. 306), wenn er dem Wernher von Tegernsee die Bilder eines Codex der Abtei Weihenstephan bei Freising zuschreibt. Auf dem ersten Blatte opfert der Abt Alcuin (1183—1190) dem heil. Stephan die Werke von Horaz und Virgil. Die Zeit würde wenigstens für Wernher passen, da man annimmt, er sei 1107 gestorben. Auch weiss man, dass in Tegernsee Abschriften von Werken der alten classischen Literatur gemacht wurden. Die k. Hof- und Staatsbibliothek zu München besitzt mehrere solcher Codices.
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