Verrocchio, Andrea del

Verrocchio, Andrea del, Goldschmied , Zeichner, Maler, Bild- hauer und Holzschnitzer von Florenz , fand an Vasari (deutsche Ausg. II. 2. S. 263) einen Biographen, welcher ihn unter die aus- gezeichneten Meister Italiens zählt, aber ihm die Gabe der Natur abspricht, so dass bei Andrea Fleiss und Studium ersetzte, was bei anderen mit leichterer Mühe kommt. Vasari rühmt indessen diesen Künstler nur in einigen Werken, und nennt im Ganzen seine Methode hart und schroff; allein die neuere Kritik liess ihm grösseres Recht angedeihen. Nach B. v. Rumohr (Ital. Forschungen 302.) ist der Kunstcharakter des Verrocchio eine gründliche, ja ungemein tiefe und lebendige Naturanschauung ohne poetischen Schwung. Er vollendete das von früheren Meistern begonnene Naturstudium und überlieferte es den begabteren Genien, einem Leonardo da Vinci, Michelangelo u. A., zur freiesten Anwendung. Vasari gibt Nachricht von dem mancherlei Hilfsmitteln, welche die- ser Künstler eingeschlagen hatte, um den Bildungsgesetzen der Natur auf die Spur zu kommen. Andrea formte Theile von lebenden Menschen und Leichern in Gyps ab, welcher aus weichen Steinen bereitet, dann so hart wurde, dass man ganze Figuren darauf giessen könnte. Zu Andrea's Zeit wurde dann auch der Brauch allgemein, Masken von Verstorbenen zu nehmen, und sie zum Abguss von Bildnissen zu benützen, deren noch Vasari in den Häusern zu Florenz sah. Dieser Schriftsteller ist aber im Irr- thum, wenn er behauptet, dass Andrea der erste wäre, welcher dieses Verfahren in Ausführung brachte. Man machte schon früher Todtenmasken. In der Domverwaltung zu Florenz sieht man das auf diese Weise geformte Bildniss des Brunelleschi, dessen Maske genommen worden seyn muss, als Verrocchio 14 Jahre war. Eine weitere Folge des von Andrea vervollkommneten Gypsgusses war die Anfertigung von schönen Wachsbildern, deren man in Häu- sern und an allen Andachtsorten sah. Andrea verband sich zu die- sem Zwecke mit dem Wachsbildner Ottino, welcher nach den Mo- dellen desselben sogar lebensgrosse Figuren in Wachs herstellte, welche bemalt und bekleidet wurden. Verrocchio selbst scheint aber nur Modelle in harten Gyps gefertigt zu haben, und auch einige Bilder in Öl waren zu Vasari's Zeit noch vorhanden, wie die Modelle zu den Reliefs am Altar von S. Giovanni, einige sehr schöne Kinder, und ein Kopf des heil. Hieronymus, welcher bewundert wurde. Diese Bildwerke gingen vermutlich zu Grunde. Für eine wunderbare Sache galt auch das Kind an der Uhr am neuen Markte, welches die Arme mit dem Hammer hebt. Ob sich

Die genannten Bilder dürften zu den früheren Erzeugnissen des Meisters gehören, an welche sich dann die Grosserarbeiten und die in Silber getriebenen Bilder reihen. Vasari erwähnt ein Becken mit Laubwerk, und ein anderes mit einem anmuthigen Kindertanz, es sind aber beide verschwunden. Erhalten sind zwei Reliefs in Silber, ehemals am Altare von S. Giovanni, jetzt in der Garderobe der Domverwaltung zu Florenz. Richa (Desc. del duomo V. 31) will wissen, sie seyen um 1477 gearbeitet. Hierauf führte Verrocchio für die Capelle des Papstes Sixtus IV. in Rom einige Statuen der Apostel in Silber aus, welche nach Bottari unter Be- nedikt XIV. entwendet wurden. In Rom erwachte Andrea's Liebe zur Bildhauerei, und er gab die Goldschmiedekunst völlig auf. Jetzt versuchte er einige kleine Figuren in Bronze zu giessen; die sehr gerühmt wurden, und somit wagte sich der Künstler auch an den Marmor. Sein erstes Werk war das Grabmal der Gattin des Francesco Tornabuoni, welches in der Minerva zu sehen war, aber nicht mehr vorhanden ist. Nur das Grabmal des Francesco — Tornabuoni von Mino da Fiesole ist noch daselbst. Andrea stellte die Verstorbene auf dem Marmorsarge dar, und dabei drei Gestal- ten, welche die Tugenden versinnlichen. Nach seiner Rückkehr erhielt der Künstler in Florenz den Auftrag, die 21/2 Elle hohe Bronzestatue des David zu fertigen, welche jetzt im Saal der mo- dernen Bronzen in der florentinischen Gallerie aufgestellt ist. In diese Zeit setzt Vasari auch das Marmorbild der Madonna über dem von B. Rossellini gefertigten Grabmale des Lionardi Bruni in St. Croce. Dieses Werk ist noch vorhanden, verschwollen aber ein anderes halb erhobenes Marmorbild der Madonna mit dem Kinde, welches in dem Hause der Medici zu sehen war. Zwei Metallköpfe in Hochrelief, jene des Alexander und des Darius, welche Lorenzo de' Medici dem König Matthias Corvinus von Un- garisch schenkte, gaben nach Vasari Veranlassung, dass dem Künst- ler die Ausführung des Grabmales der Herzoge Giovanni und Pie- tro de Medici in S. Lorenzo aufgetragen wurde. Das Monument besteht aus einem Porphyrsarg, der von vier bronzenen Eckver- zierungen getragen wird. Ueber dem Sarge ist ein schön verzier- tes Mandorlengitter *) von Bronze angebracht. An dieses Werk reiht Vasari die Bronzegruppe des Heilandes mit dem ungläubigen Thomas, welche die Kaufmannschaft für das Oratorium von San Michele ausführen liess, wo sie noch zu sehen ist. Vasari beob- achtet keine richtige Zeitfolge, wir können aber jetzt die Zeit, in welcher dieses berühmte Werk entstanden ist, näher bestimmen. Dr. Gaye fand das Testament des Künstlers auf, und liess es im Carteggio inedito I. 367 Nr. 181 abdrucken. Die Angabe einer von der Zunft der Mercanzia noch geschuldeten Zahlung führte auf diese Gruppe. Die Ausführung wurde im März 1463 beschlossen. Schon 1467 wurde ihm eine Zahlung geleistet, und 1483 war der Lohn im Ganzen auf 800 Fiorini larghi bestimmt. Vier Jahre spa- ter wurde der Rest den beiden Nichten Verrocchio's als Aussteuer angeordnet. Zu Ende des Jahres 1486 war die Gruppe aufgestellt, Vasari lobt vornehmlich die Drapirung an diesen Figuren, und lobte, dass Andrea dieser Kunst nicht minder mächtig sei, als Botticelli, Lorenzo und die übrigen Meister vor ihm; allein die Gewänder scheinen nach Rumohr 1. c. II. 305 ein mit nasser Lein-

*) Mit oval gespitzten Oeffnungen und Ableitemen b

Da Verrocchio nach Vasari's Bemerkung in der Plastik jetzt nicht höher mehr steigen konnte, und in allen Dingen vollkom- men werden wollte, beschloss er seine Thätigkeit der Malerei zu- zuwenden. Er zeichnete die Cartons zu einer Schlacht von lauter nackten Gestalten sehr gut mit der Feder, um sie in Farben auf der Mauer auszuführen, und entwarf auch noch einige Cartons zu historischen Bildern, die er zu malen anfing, aber dann liegen liess. Vasari besass mehrere Zeichnungen von ihm, darunter ei- nige weibliche Köpfe mit lieblichen Zügen und schönem Haar- schmuck, welche Leonardo da Vinci stets nachgeahmt haben soll. Vasari besass auch die Zeichnungen von zwei Pferden mit ange- gebenen Maassen und Netzen. Mehrere andere Zeichnungen wa- ren in der Sammlung des Vincenzo Borghini, darunter die Abbil- dung eines Grabmales, welches Andrea in Venedig für einen Do- gen verfertigte, dann die Anbetung der Könige, und ein weib- licher Kopf sehr zart auf Papier gemalt. Alle diese Zeichnungen sind verschollen, die florentinischen Herausgeber des Vasari ver- muthen aber, dass viele Zeichnungen Verrocchio's unter dem Na- men des Leonardo da Vinci gehen.

Die Gemälde dieses Meisters sind selten. Zu Anfang unseres Jahrhunderts sah man bei den Nonnen von S. Domenico nel Maglio zu Florenz noch eine Tafel, welche die Madonna auf dem Throne mit einem Heiligen und der heil. Catharina von Siena vor- stellt, und im Stiche erhalten ist. Im k. Museum zu Berlin be- findet sich eine Madonna mit dem Kinde auf dem Schoosse, wel- ches den kleinen Johannes liebkoset, in einer Rundung in Tem- pera gemalt. Ein grösseres Rundbild ist seit 1840 in der k. Ere- mitage zu St. Petersburg, eine heil. Familie in Tempera. Den ehe- maligen Standort dieser Gemälde kennen wir nicht, da Vasari der- selben nicht erwähnt. Er nennt nur das Bild aus dem Kloster S. Salvi zu Florenz, welches jetzt in der Gallerie der Akademie der Künste aufbewahrt wird. Es stellt die Taufe Christi dar, und war vor der Transferirung in S. Verdiane. Der erste Engel rechts ist von Leonardo da Vinci, welcher der gelungenste Theil des übri- gens dürftigen Gemäldes ist. Andrea fühlte die Ueberlegenheit sei- nes Schülers, welcher durch seinen lebensvollen und schön be- handelten Engel die mageren Figuren Verrocchio's in Schatten setzte. Vasari berichtet, dass der Meister von dieser Zeit an den Pinsel nicht mehr berührt habe.

Er nahm jetzt wieder den Meissel zur Hand. Damals wurde der Rumpf und der Kopf eines antiken Marsyas aus rothem Mar- mor aufgefunden, und Andrea setzte ihm neue Beine, Schenkel und Arme an. Lorenzo de' Medici liess ihn in seinem Palaste auf- stellen, gegenwärtig sieht man ihn aber im westlichen Corridor der Gallerie einem anderen Marsyas gegenüber, welchen Herzog Co- simo in Rom gekauft hatte. Dieser wurde von Donatello restau- riert. Ob die im k. Antikensaale zu Berlin befindlichen interessan- ten Portraitbildungen aus dieser, oder einer früheren Zeit stam- men, ist uns unbekannt; Älter ist sicher das Bildniss des alten Cosmo de' Medici, Hochrelief in Marmor von grosser Wahrheit und Lebendigkeit. Dieses Bild war noch vor etlichen Jahren in der Sammlung des Marchese Orlandini zu Florenz, und wird von Vasari nicht erwähnt. Auch noch andere Portraits sind in Berlin, theils in Rundwerk, theils in erhobener Arbeit. Dann ist daselbst auch ein Werk in Terra della Robbia, welches die Kenner in Ber-

Das letzte Werk des Künstlers ist die Reiterstatue des vene- tianischen Feldherrn Bartolomeo Colleoni auf dem Platze S.Gio- vanni e Paolo zu Venedig. Schon hatte Andrea das Modell zum Pferde vollendet, und die Vorbereitungen zum Gusse gemacht, als unter Begünstigung einiger Nobili dem Vellano die Statue über- tragen wurde, welche demnach Verrocchio's Pferd besteigen sollte. Dieses erbitterte den Andrea in dem Grade, dass er Kopf und Füsse seines Modells zerschlug, und Venedig verliess. Hier- auf liess die Signoria ihm kund thun, dass er nie mehr wagen solle, Venedig zu betreten, wenn er nicht seines Kopfes verlustig gehen wolle. Auf diese Drohung entgegnete Andrea in einem Briefe, er werde sich wohl davor hüten, denn es stehe nicht in ihrer Macht, den Menschen für abgeschnittene Köpfe neue aufzu- setzen, noch auch jemals seinem Pferde einen zu verschaffen, der so schön wäre, wie der, welchen er anstatt des zerbrochenen ihm hätte wieder geben können. Diese Antwort war den Herren nicht missfällig, sie beriefen ihn mit doppeltem Gehalte nach Venedig zurück, und Andrea goss sein Werk in Bronze. Er zog sich ip- dessen bei der Arbeit eine Krankheit zu, welche nach wenigen Tagen seinem Leben ein Ende machte. Vasari sagt, dass nur noch wenig auszuputzen war, und dann sei das Werk an Ort und Stelle gekommen. Dagegen behauptet Cicognara, Stor. VI. 304., Leopardi fuhre das Pferd umgegossen, da am Bauche desselben steht: Ale- xander Leopardus f. opus. Der genannte Schriftsteller meint: das f. bedeute fudit, allein dieser Buchstabe wird herkömmlich für fecit gelesen, und somit bleibt die Inschrift immer zweideutig und betrüglich, wenn auch die dem Leopardo zugeschriebene Wie- derholung des Gusses erwiesen wäre. Man hat den Künstler vor dem Vorwurfe des Betruges zu retten gesucht. Mit Sicher- heit kann ihm das Piedestal zugeschrieben werden, welches wegen sei

Verrocchio starb 1488 im 56. Jahre. Lorenzo di Credi, wel- cher neben Pietro Perugino, Leonardo da Vinci und Francesco di Simone zu den berühmten Schülern des Meisters gezählt wird,

ließ seine Leiche nach Florenz bringen, um sie nach Vasari in S. Ambrogio in der Gruft des Ser. Michele di Cione beizusetzen. L. di Credi war auch Testaments-Executor. Im Testamente (d. d. 25. Juni 1488) heißt der Künstler Andreas quin(d)a(n)n Michaelis Ve- roch de Florentia, und der Executor Laurentius q. Andree de Oderich. Die Inschrift des Grabsteines lautet: S. (Sepulcrum) Mi- chaelis de Cionis et suorum et Andreae Verrocchi filii Dominici Michaelis qui obiit MCCCCLXVIII. Vasari und Baldinucci deuten das S. irrig auf Ser.

Frühere Schriftsteller machten den Andrea auch zum Kupfer- stecher und Formschneider, allein es lässt sich weder das eine noch das andere erweisen. Marolles will ihm zwar die Composition oder den Stich eines Blattes beilegen, welches eine Decoration bei der Vermählungsfeier der Prinzessin Christine von Lothringen vor- stellt. Allein diese Hochzeit fand 1589 in Florenz statt, über 100 Jahre nach Andrea Verrocchio. Die Zeit passt eher auf Tommaso del Verrocchio, welcher mit Vasari im herzoglichen Palaste zu Flo- renz malte, aber schon 1565. Ein Zeitgenosse war Battista del Verrocchio, dessen Borghini in den Malerbriefen erwähnt. Mos- nier, hist. des arts. Paris 1608, will auch einen Vincenzo Verroc- chio kennen.

Stiche nach Andrea Verrocchio:

Die Madonna auf dem Throne mit St. Catharina von Siena und einem Heiligen, das Gemälde aus S. Domenico nel Maglio zu Florenz. Gest. von Lasino für die Etruria pittrice Nr. XVI, fol.

Die Taufe Christi, das Gemälde in der florentinischen Gallerie gest. in der Gall. Fiorentina, fol.

Das Grabmahl der Herzoge Giovanni und Pietro de Medici in S. Lorenzo zu Florenz, gest. von C. Cort, gr. fol.

Dasselbe bei Gonelli, Monum. sepulcrali tav. 13,

Die Reiterstatue des Bartolomeo Colleoni in Venedig, abge- bildet bei Cicognara, Stor. della scolt. II. tav. 24.

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