Vernet, Claude Joseph, Landschafts- und Marinemaler , wurde am 14. August 1714 zu Avignon geboren, und in der Kirche St. Genest daselbst getauft. Burjavel (Dict. Bio-Bibliographique des célébrités Vauclusiennes 1841) sagt, dass Vernet schon als Knabe von acht Jahren ein entschiedenes Talent zur Malerei geäußert habe, und seine Fortschritte waren so reißend, dass jeder, der die Arbeiten des achtzehnjährigen Jünglings sah, ihn zu einer Reise nach Italien aufforderte. Der Vater, Antoine Vernet, verlor in ihm seine Stütze, konnte aber der Ausbildung dieses schönen Talentes nicht hinderlich seyn, und somit reiste Joseph gegen 1732 nach Rom ab. In Michaud's Biographie universelle heisst es, Ver- net habe auf dem Schiffe, welches ihn nach Italien brachte, ohne Unterlass die Erscheinungen des Meeres beobachtet, und es sei schon damals der Entschluss in ihm reif geworden, die Seemalerei zur Hauptaufgabe seines Lebens zu machen. Er soll deswegen in Rom bei B. Fergioni um Aufnahme gebeten haben, welcher damals in diesem Fache Ruf hatte. Dagegen behauptet J. A. Da- vid im Dictionnaire de la conversation et de la lecture (1853), dass er aus derselben Quelle geschöpft hat, auf die nicht nur Avignon , sondern ganz Frankreich stolz ist. In der genannten Stadt ist seit mehr als zwei Decennien ein Musée Vernet, und bei der Einweihung desselben veranlasstete die Akademie von Vau- cluse eine öffentliche Sitzung, bei welcher auch Carle und Horace Vernet gegenwärtig waren. Für das beste Eloge auf Joseph Vernet wurde ein Preis ausgesetzt, welchen M. Big- nan erhielt. Seine Ode, und andere Lobreden auf Joseph Vernet sind in folgendem Berichte abgedruckt: Seance pub- lique de l'Académie de Vaucluse, tenue le 10. Octobre 1826. Avignon 1826. Das Musée Vernet besitzt viele Zeichnun- gen und Gemälde der Künstler dieses Namens, Auch die Nachlässe der Maler Carle und Joseph Vernet werden dort aufbewahrt. Wir bedauern nur, dass nicht auch über Ho- race Vernet so reiche Dokumente vorliegen, Allerdings weiss ganz Europa von ihm zu reden, und somit werden wir nach- her erzählen.
Vernet scheint bis im Sommer 1753 in Rom geblieben zu seyn, jetzt machte ihm aber der Marquis de Marigny im Auftrag Lud- wig's XV. den Vorschlag, nach Frankreich zurückzukehren. Der Künstler versäumte diesen günstigen Zeitpunkt nicht, und schiffte sich auf einem kleinen Fahrzeuge in Livorno ein. Vom Sturme überfallen, drohte es das Meer zu verschlingen, während alle zitterten, liess sich der Künstler an den Mastbaum anbinden, um das furchtbare Element zu belauschen, und den Flug der Wellen zu skizziren. Ein junger Bildhauer von Barbentone, Namens Ve- ray, hat diesen Moment aus Vernet's Leben plastisch behandelt, und die Statue in Gips ist jetzt im Musée Calvet zu Avignon. Horace Vernet hat diese Scene gemalt, und selbe 1822 im Salon des Louvre zur Ausstellung gebracht. Die genannten französi- schen Schriftsteller sind über den Zeitpunkt im Irrthum, in wel- chem Vernet nach Frankreich kam. Nach ihrer Angabe wurde er schon vor 1752 Mitglied der Akademie in Paris, und in diesem, oder in dem folgenden Jahre soll er den Auftrag erhalten haben, die berühmten französischen Seehäfen zu malen, welche jetzt, 15 an der Zahl, eine Zierde des Musée du Louvre sind. Allein Verne reiste erst 1753 mit seiner Gattin, seinem in Rom gebornen Sohne Livio und seinem Schwiegervater Parker ab, und den 416. Oktobe: desselben Jahres kam er in Marseille an. Proben seiner Kunst waren aber schon viel früher in Paris zu finden. Aus dieser Zeit stammen die Ansichten vom Castel St. Angelo und des Ponte Rott' in Rom, dann die Ansicht der Umgebung der Stadt, jetzt im Mu- seum des Louvre. Im Jahre 1750 bestellte Mme. de Pompadour zwei Gemälde, und in demselben Jahre bezahlte ihm Mr. de For- bin für einen Seesturm 80 römische Thaler. Im Jahre 1751 malt
er für Mr. Peillon über eine Ansicht von Avignon, und erhielt dafür 1500 Livres. Für zwei andere Bilder bezahlte ihm dieser im folgenden Jahre 1200 Livres. Im Jahre 1753 bestellte Mr. Poulha- riez, Négociant in Marseille, zwei Landschaften mit Ansichten der See. Das eine dieser Gemälde ist unter dem Namen »La Tempête,« das andere unter jenem »Des Baigneuses« von J. Balechou gesto- chen, und beide sind berühmt. Für den Marschall de Noailles malte er 1755 acht ovale Bilder, und erhielt für jedes 100 Pistolen. Mit demselben Datum ist auch ein Bild im Louvre versehen. Män- ner und Frauen setzen in einer Schaluppe ans Land. Links eilen Matrosen zu Hilfe, und auf der See wird ein Schiff an den Fel- sen geschleudert. Vernet hatte bereits außerordentliche technische Fertigkeit erlangt, es ist aber irrig, wenn es in der Biographie universelle heißt, dass er diese Leichtigkeit missbraucht, und von Morgen bis Abend ein Gemälde vollendet habe. Diese Anschul- digung widerlegt das Tagbuch des Künstlers. Er sagt z. B. unter dem Jahre 1754, dass er zur Anlage des Gemäldes, welches den Thun-Fischfang vorstellt, sechs Tage gebraucht habe. Mit der Zeichnung und der Anlage des Bildes im Louvre, welches die Rhede von Toulon vorstellt, verfloßen 15 — 20 Tage, und den 15. De- zember 1755 ging er an die Ausführung, welche nicht in 12 Stun- den erfolgte, da das Bild die Jahrzahl 1750 trägt. Dieselbe Jahr- zahl hat auch die Ansicht der Rhede von Antibes, deren Ausfüh- rung er den 19. November begann, und die daher allerdings in verhältnismäßig kurzer Zeit vollendet wurde, wie es von der meisterhaften Pinselführung eines Vernet sich erwarten lässt, Die Ansichten der französischen Seehäfen erschienen in fol- gender Ordnung:
- Der Eingang in den Hafen von Marseille, mit J. Vernet als Zeichner von seiner Familie umgeben, welche ihn auf den alten Branntweintrinker Hannibal aufmerksam macht, 1754.
- Das Innere desselben Hafens, von Pavillon des Parkes aus aufgenommen, 1754.
- Der Golf von Bandol, mit dem oben erwähnten Thun-Fisch- fang, 1755.
- Die Rhede von Antibes, von der Landseite aufgenom- men, 1756.
- Der neue Hafen von Toulon, vom Artillerie-Park aus, 1759.
- Die Rhede von Toulon, mit der schönen Umgebung, 1759.
- Der alte Hafen von Toulon, 1756.
- Der Hafen und die Stadt Bordeaux, von den Salinieren aus, 1758.
- Dieselben, von dem Schlosse Trompette aus, 1758.
- Der Hafen von Cette in Languedoc, 1761.
- Der Hafen und die Stadt Bayonne, von den Salinieren aus gemalt, 1761.
- Dieselben von der Allee von Boufflers aus genommen, 1761.
- Der Hafen von Rochelle, von der Petite-rive aus, 1762.
- Derselbe, von dem Colonial-Magazin aus, 1762.
- Der Hafen von Dieppe, mit der Stadt, 1765. Vernet führte diese großen Bilder im Auftrage des Königs Louis XV. in weniger als 12 Jahren aus, worauf ein ängstlicher Künstler seine Lebenszeit verwendet hätte. Die Fortsetzung dieser Sammlung überliess er dem Maler Hue, und die ganze Folge be- läuft sich auf 24 Bilder. Großen Gewinn zog er aus diesen Arbeiten gerade nicht, da er für das Stück nur 2000 Thaler erhielt, und die Reisekosten
J. Vernet fand zu seinen Lebzeiten enthusiastische Verehrer und Lobredner. Der merkwürdigste darunter ist Diderot, welcher sich selten von materiellen Dingen begeistern liess. Er schrieb einen Bericht über die Kunstausstellung von Paris 1765, wo 20 Bild- er von Vernet zu sehen waren, welche er in zwei Jahren allein
aufgeführt hatte, während ein anderer Künstler kaum zwei gemalt hätt- e. Diderot bewunderte die unglaublichen Lichteffekte und die schön- en Himmel, die ruhigen und brausenden Wassermassen, die wunder- bare Abwechslung der Scene, die meisterhafte Anordnung der Bilder. Er fühlt das Unglück und die Schrecken des Sturmes, das
Unter gewissen Verhältnissen ist auch ein Matrose Kunstrichter.
Die Aufgabe, welche ihm Ludwig XV. gesetzt hatte, erforderte viele Reisen, und somit führte er ein unstetes Leben. Die Bilder der Seehäfen führte er gewöhnlich an Ort und Stelle im Grossen aus. Erst 1765 ließ er sich mit seiner ganzen Familie in Paris nieder, und bezog seine Wohnung im Louvre. Im Jahre 1770 wurde er akademischer Rath, und 1777 kaufte er ein Haus in Ruel bei Paris, welches er später mit einem Landhause in Mon- ceau vertauschte. Im Jahre 1778 treffen wir den Künstler auf einer Reise in der Schweiz, und in Begleitung seines Sohnes Carl. Diese Reise galt der Ausbildung des letzteren, welche Ver- net mit der größten Gewissenhaftigkeit leitete. Der Sohn sollte in der Schweiz die Natur sowohl in ihrer höchsten Schönheit, als in ihrer Großartigkeit kennen lernen. Vernet selbst malte einige Ansichten, und machte dann die Bilder jenen Männern zum Ge- schenke, welche ihn ehrenvoll aufgenommen hatten. Er stellte
seinen Sohn dem Voltaire, J. J. Rousseau, Gessner und Lavater vor, und es ist anzunehmen, dass diese unter den Beschenkten sind. Er lebte in der Schweiz auf großem Fusse, denn aus sei- nem Rechenbuche geht hervor, dass er 17000 Fr. verausgabte, und die Reise von Genf nach Paris kostete 600 Fr. Vernet stand in glänzenden Verhältnissen, da ihm seine Werke bedeutende Sum- men eintrugen. In Rom erhielt er Anfangs nur 40 Liv. für das Bild, später aber stieg der Preis auf 100 römische Thaler. In Frankreich nahm aber der Werth von Jahr zu Jahr zu, so dass ihm zuletzt für ein Bild 15—20000 Liv. bezahlt wurden. Im Jahre 1778 verlieh ihm der König eine jährliche Pension von 50 Liv., welche bald darauf auf 900 Liv. stieg, und 1780 1200 Liv. betrug. Seine Renten beliefen sich 1782 auf 4842 Fr., sein Budget machte er aber auf 10076 Fr. Sein Tisch kostete jetzt 432 Fr., während er in Rom nur 2 Fr. ausgeben konnte. Auf Kleidung setzte er 1500 Fr., für Wäsche 600 Fr., für die Equipage und das Theater 600 Fr. u. s. w. Die Lehrer seines Sohnes Carl hielten 600 Fr., der Laquais perruquier 300 Fr., sein anderer Di- ener 200 Fr. etc. Zu Neujahrsgeschenken bestimmte er 600 Fr. Die Gesammtausgabe des genannten Jahres überstieg aber das Budget weit, denn er gab 20538 Fr. aus. Vernet war ein Mann vom besten Herzen, und von seltener Generosität. Er unte
nach J. A. David (Diet. de la conversation) den Mr. Chalgrin, den
Architekten des Arc de l'etoile; Achard identificirt ihn aber mit dem französischen Gesandtschaftssecretär Chalgrin am bayerischen Hofe. Sie starb 1793 auf dem Schaffot.
L. M. Vanloo hat Vernet's Bildniss gemalt, und L. J. Cathelin es gestochen, gr. fol.* B. A. Nicolet stach die Büste des Meisters nach C. N. Cochin's Zeichnung. Mauzaisse hat sein Bildniss 1823 lithographirt, fol. Dieses Blatt kommt auch in Chabert's Vie des peintres vor.
Dann existirt auch eine Denkmünze in Gold und Bronze mit der Büste des Künstlers, und der Legende: »Vernet, ce nom seul illustrait trois villes."
Stiche nach diesem Meister. Vernet lies einen grossen Theil seiner Werke in Kupfer ste- chen, und gestattete bei einigen Blättern auch dem Stecher einen
Anteil am Gewinn. Später betrieb er den Handel auf eigene Rechnung. Francois Vernet und der Maler Volaire leiteten die kaufmännischen Geschäfte. Balechau, Le Bas, Aliamet, Flipart und Martini von Parma haben die schönsten Blätter geliefert. Dieses Künstlerwerk ist sehr beträchtlich, und bietet eine merkwürdige Abwechselung. Man schätzt es über 200 Blätter Landschaften und Marinen. Viele sind noch gegenwärtig geschätzt, ehedem aber gehörten sie zu den Lieblingsgegenständen der Sammler.
Folgendes Verzeichniss bietet eine Auswahl der vorzüglich- sten Stiche nach Gemälden von Vernet.
Die 15 französischen Seehäfen, wie oben verzeichnet, gesto- chen von C. N. Cochin fils und J. P. le Bas, 1760—67. 1) Le port neuf, ou l'Arsenal de Toulon. 2) Interieur du port de Mar- seille, 3) La Madrague, la vue du golfe de Bandol. 4) L'entre- e du port de Marseille. 5) Le port vieux de Toulon. 6) La rade et la ville de Toulon. 7) Le port d'Antibes. 8) Le port de Cette, 9) Vue de la ville et du port de Bordeaux prise du cote de Sali- nieres, 10) Vue de la ville de Bordeaux, prise du chäteau Trompette. 11) Vue de la ville et du port de Bayonne, prise du cote des glacis de la citadelle, 12) Idem, prise de Vallce de Bouffleurs.
Zu dieser Folge rechnet man auch öfter folgende Blätter:
- Le port et la ville de Havre. 17) Vue du port de la ville de Rouen. 18) Vue du pont et de la ville de Rouen. Diese drei Blätter sind nach C. N. Cochin's Zeichnungen von Le Bas und Choffard gestochen, s. gr. imp. qu. fol.,
Die vier Tagszeiten, reiche und großartige Compositionen mit großen ländlichen Figuren. 4 Blätter von L. J. Cathelin, mit Dedication an den Marquis de Marigny, s. gr. roy, qu. fol.,
Die vier Tagszeiten, andere Compositionen, gest. von J. Allia- met, mit Dedication an den Grafen von Vilette, gr. qu. fol.,
Diese beiden Folgen sind auch im Manuel français. Paris 1805, im Umriß gestochen. Der Künstler malte die eine für den Grafen von Artois, die andere für den König, welcher sie im Schlosse zu Choisy aufstellen ließ. Jetzt sind sie im Louvre.
Die vier Tagszeiten, nach den Bildern des Mr. Panton Beeten von F. Vivares 1768 gestochen, mit englischen und französischen Aufschriften, gr. qu. fol.
Eine Folge von 412 italienischen Ansichten, gestochen von P. J. Le Bas, Helman und Masquelier, gr. qu. fol.
Eine Folge von 6 Ansichten aus der Umgegend von Neapel F. Basan sc., qu. fol.
Die Ansicht von Lissabon, im Vordergrund Marquis de Pombal sitzend, wie er über den Plan zum Aufbau der Stadt nach dem Erdbeben nachdenkt. L. Vanloo et J. Vernet pinxerunt 41767 A, J. Padrao et J. S. Carpinettus del., J. Beauvarlet sc., Sehr seltenes und schönes Blatt, mit Dedication an Marquis Pombal, im größten Folio;
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