Udine , Giovanni da, jener berühmte Künstler, der sich unter
Rafael in den vatikanischen Loggien Ruhm erwarb, wird von Va- sari bald Gio. de' Nanni, bald Camatore genannt. Wir haben seiner unter Gio. Nanni erwähnt, weil mehrere Schriftsteller glau- ben, dies sei der Familienname des Künstlers; allein Graf Ma- niago, der in seiner Storia delle belle arti friulane. Udine 1823, urkundliche Belege über die Künstler von Udine beibringt, fand diese Annahme nicht bestätiget. Nach Maniago wurde Giovanni 1487 (nach anderen ) in Udine geboren, denn er fand im Tratto dall' archivo Moroldi eine Hinweisung auf ein eigenhändi- ges Notizenbuch, welches unter dem Titel: Rotolo Recamador principia 1530, in cui vi sono variissime altre annotazioni etc., den Künstler als unorthographischen und schlechten Stylisten be- urkundet, so wie er überhaupt in wissenschaftlicher Hinsicht sehr weit zurück war. In diesem Rotolo ist nach Maniago, Docu- menti XC., bezüglich des Alters desselben folgendes angemerkt: Ali 21 d'Aprile 1545. Jo. Giovanni Recamador pittore essendo di eta d'anni 57, et mesi 6 manco giorni 6, no certo homo di mal gu- vernu etc. Seinen Vater Francesco nennt Vasari »qual cittadino onorato.« Ueber das Amt desselben gibt eine Urkunde im Stadt- Archiv zu Udine von 1497 Aufschluss, bei Maniago im Auszug der Documente LXXXIX. In dem genannten Jahre erschien Fran- cesco vor dem Rathe, und das Protocoll besagt folgendes: »In dicta Convocatione comparuit Ser. Franciscus Recamatoris provisiona- tus nostrae Civitatis ad faciendum provisiones contra pestem expo- nens, se omni diligentia et sollecitudine procurare et exercere Of- ficium suum equitando quotidie circa portas Terrae Utini, et ex- tra ad cognoscendum loca suspecta et infecta peste«. Francesco Re- camador stammte aus einer obscuren Familie, und lebte in bür- gerlichen Verhältnissen als Aufseher der Zollgrenze der Stadt-Udine. Sein Sohn Giovanni adelte aber die Familie durch seine Kunst. Ueber seinen Aufenthalt in Rom und über die Werke, welche
er in jener Stadt hinterlassen hat, haben wir im Artikel »Gio. Nanni« Nachricht gegeben. Bei der Belagerung von Rom durch die Fran- zosen stand er unter den römischen Scharfschützen, und einer der Schriftsteller des 16. Jahrhunderts (Capodagli, P. 357) nennt ihn als denjenigen, welcher die tödtliche Kugel auf den Conne- table von Bourbon gesandt hat, eine Ehre, welche sich auch Ben- venuto Cellini beilegt. Nach seiner Flucht aus Rom fand er in Udine ein Asyl, nach drei Jahren berief ihn aber Clemens VII. wieder nach Rom. Dieser Papst verlieh dem Künstler 1531 eine Pension von 80 Ducati d'oro, welche ihm nach eigener Aussage, im oben er- wähnten Rotolo des Künstlers im Archiv Moroldi ( Maniago, Do- cum. XCII.), Fra Bastiano deluclanis Pitor Veneto (Sebastiano del Piombo) auszuzahlen musste. Im Jahre 1532 schickte ihn der Papst nach Florenz, um die Sakristei von S. Lorenzo in Stucco zu verzieren; allein die Arbeit war noch nicht ganz vollendet, als der Papst starb, und am Hofe des neuen Kirchenfürsten war für ihn nichts mehr zu thun. Ausserdem fertigte er die Zeichnungen zu den gemalten Fenstern der Bibliotheca Laurentiana in Florenz. Jetzt beschloss der Künstler in Udine seiner Kunst zu leben.
In ciner Ergabung vom 4. Februar 1553 (Maniago, Docum. XCII.).
Von Venedig aus begab sich Ricamatore wieder nach Udine, wo man auf das Talent dieses Meisters stolz war. Wenn die Jahr- zahl 1508 bei Maniago, Docum. XCIV, richtig ist, so wurde Ser Joannes de Recamatoribus schon den 1. Mai dieses Jahres Ex or- dine popularium zum Consiliarius ernannt. Er war auch Direktor al- ler öffentlichen Bauten und Malereien. Sein Gutachten wurde überall eingeholt. Im Jahre 1547 ernannte man ihn einstimmig zum Taxator von Malwerken. Der egregius Ser Joannes de Recama- toribus musste damals die Bilder des Battista de Grassis auf dem Altare U. H. in S. Cristoforo schätzen, und als 1535 dem Pom- ponio Amalteo die Flügelbilder der Orgel in S. Vito ultra Tul- lumentum verdungen werden sollten, wartete man die Rückkunft des Meisters ab, damit er sein Gutachten über die Zeichnung abgebe, (Maniago, Doc. LXVIII). Für solche Dienste wurde ihm ein bedeutendes Honorar zu Theil. In seiner Ernennung zum Protho- meter und Architetto generale d. d. 11. Juli 1552 (Maniago, Doc. XCVI.) wurde ihm die Aufsicht über alle öffentlichen Werke der Kunst, und in specie über die Bauten der Stadt übertragen, sowohl über die bestehenden, als über die in Ausführung begriff- fenen und zukünftigen. Namentlich ist auch die Wasserleitung genannt, welche zur Fontana publica führte. Für seine Bemühun- gen wurde ihm ein jährliches Stipendium von 40 Dukaten zu L. ausgesetzt,
Weise Rafael's aufgefasst, die Färbung ist aber etwas hart und
erinnert im Tone an Giulio Romano. Von diesem kostbaren Fries spricht auch Vasari. Er sagt, Gio. da Udine habe ihn auf Bitten des Vaters des Cav. Gio. Francesco de' Spilimbergo in einem Saale desselben gemalt. Dieser Saal ist im Castello,
'Auch im Schlosse der Sign. di Colloredo sind zwei Zimmer von Ricamatore ausgeziert. In dem einen stellte er die Arbeiten des Herkules dar, jedes der Bilder in einer Einfassung von Ara- besken mit Caryatiden und Candelabern. Im zweiten Zimmer ist ein von Giovanni in Helldunkel gemalter Fries mit verschiedenen Thieren zwischen Blumen und Laubwerk. Dazwischen erscheinen Medaillons von Kindergestalten getragen. Von bewunderungswür- diger Reinheit und Schönheit sind aber die Bilder des Gewölbes eines Gemaches, welches als Archiv benutzt wurde. Sie erschei-
nen in fünf Feldern mit Einfassungen von Arabes-
ken. Im mittleren Kreise stellte er die Abdankung Carl V. dar, welche in einem Rundgebäude vorgeht. In den andern viereckigen Feldern sieht man den Fall des Ikarus, den Gigantensturz, den Untergang der Stadt des stolzen Salmoneus durch Jupiter's Blitz und den Sturz des Phaeton. In den beiden langen Feldern, welche auf der einen und der anderen Seite das Gewölbe füllen, erscheinen die liebli- chen Bilder der Grazien und andere mythologische Scenen, ferner Göttergestalten in Gemmen grau in Grau gemalt. In einer Lunette stellte er die allegorische Figur des Friedens dar, welcher vor dem Tempel des Janus die Kriegswaffen verbrennt, in zwei an- deren Lunetten sieht man Venus, wie sie den Adonis von der Jagd zurückhält, und Amor von Psyche im Schlafe belauscht. Diese Figuren sind gross, haben aber durch die Zeit gelitten. Genauer beschrieben finden wir die genannten, wenig bekannten Bilder bei Maniago l. c. p. 114 ff.
In Udine verzierte Ricamatore den Palast des Jacopo Valva- sone di Maniago, des Freundes unsers Künstlers. Diese Ma- Jereien wurden aber nach drei hundert Jahren auf barbarische Weise vernichtet. Abate Boni: sulla pittura d'un gonfalone, p. 22, hat sie früher beschrieben. Nur einige Stücke der beiden Friese und drei Ovale wurden aufbewahrt. Das eine stellt zwei Genien vor der brennenden Ara dar, wie sie den Stammbaum der Familie Valvasone halten und Blumen in das Feuer streuen.
Von grösserer Bedeutung sind Giovanni's Deckenbilder in einem Saale des erzbischöflichen Palastes in Udine, welche noch in ihrer Frische erscheinen, während die römischen Malereien des Künstlers sehr gelitten haben. Nur das Gemälde im Centrum des Gewölbes hat Gio. Canal restaurirt. Der Künstler malte hier Darstellungen aus dem Leben Jesu im Geschmacke Rafael's, und brachte weite Land- schaften und Architektur an. Auf ionischen Säulen stehen Figu- ren der Tugenden. In den vier Ecken sieht man kleine Land- schaften mit Obelisken, Tempeln und Altären. Die übrigen Räume füllen Arabesken mit Kindern, Faunen und allen Arten von Thie-
Aus dem Notizenbuche des Künstlers ersah Graf Maniago, dass derselbe noch mehrere andere Werke im Vaterlande ausge- führt habe, welche aber zu Grunde gegangen sind. In einer Ka- pelle der Madonna di Monte bei Cividale waren Arbeiten in Stucco von ihm. Er fertigte auch die Zeichnung zur Orgelverzierung im Dome zu Cividale, und arbeitete für dieselbe zierliche Schnitz- werke. In Kirchen waren gemalte Fahnen und Baldachine von ihm. Maniago nennt deren nach Urkunden, Docum. CXI. p. 306, es findet sich aber kein Werk dieser Art mehr.
Auch als Architekt war Ricamatore in Friaul thätig. Er fertigte den Plan zum grossen Thurme von S. Daniele, welchen der Car- dinal Grimani erbauen liess. In Cividale wurden nach seinen Zeichnungen die Fenstereinfassungen und die Thore der Kirche von St. Maria dei Battuti ausgeführt. Die betreffende Urkunde ist von 1530, und bei Maniago, Doc. CI. abgedruckt. Der Steinmetz wird Magister Benedictus de civitate Austriae genannt. In Udine wurde der majestätische Thurm mit der Uhr nach seinem Plane erbaut. Die bei Maniago, Doc. CII. abgedruckte Urkunde ist vom 11. Oct- tober 1527, und stammt somit aus einer Zeit, in welcher der Künst- ler noch in Rom lebte. Der Uhrthurm war aber damals schon im Bau begriffen, man wollte ihm nur ein stattlicheres Ansehen geben, als er nach dem ersten Plane hätte erhalten sollen. Der Bau- ausschuss fand es zur Ehre und Würde der Stadt gerathen, einen schöneren Plan entwerfen zu lassen, worum dessignum factum in cartis per subtilem et providum architectum Ser Joan- nem Recamatoris de Utino. Im Jahre 1547 hatte er die Ober- aufsicht beim Bau der grossen Treppe des Schlosses in Udine, wozu er das Modell lieferte. Hierauf (1552) leitete er das Wasser in die neue Fontaine der Stadt. Giovanni hatte schon 1542 seine Kunst in der Hydraulik erprobt, indem er die Fontaine von S. Giacomo anlegte, wobei er auch das Modell zum Wasserbehälter machte. Im Jahre 1548 fertigte er ein Modell zur Vergrösserung des Rathhaussaales, höheres Interesse erregte aber 1539 sein Mo- dell zum Umbau des Chores der Cathedrale in Udine. Diesen unternahm der Cardinal Marino Grimani, und Magister Leopardus de foro veteri war dabei Werkmeister. Die betrefenden Docu- mente s. Maniago 1. c. p. 118.
Giov. Ricamatore lebte viele Jahre in seiner Vaterstadt, hoch- geehrt als Künstler und Bürger. Er bewohnte ein schönes Haus, welches er selbst eingerichtet hatte. Die Fagade desselben galt als eine Zierde der Strasse. Sie schien von Quadern gebaut, wel- che aber aus Stucco bestanden. Er brachte blinde Fenster an, um das Ansehen des Gebäudes zu vermehren. In der Mitte der Fagade erscheint die heil. Jungfrau in halberhobener Arbeit, und an der Decke des Saales im Gebäude stellte er die heil. Jungfrau und die Evangelisten in Stucco dar. Im Style erinnert dieses Haus an Palladio. Was an Grösse und Reichthum abging, ersetzte nach Alfieri (Opere varie, Milano 1802 III. p. 1785) der Name dieses göttlichen Talentes. Viele Jahre verlebte der Künst- ler hier ferne von dem grossen Schauplatz der Kunst, im Jahre 1547 lud ihn endlich der Herzog Pier Luigi Farnese nach Parma ein, um die Stadt durch seine Kunst zu verherrlichen. Das ehren- volle Schreiben des Fürsten ist vom 5. September (Maniago, Doc. CIX), aber nach drei Tagen war dieser ein Opfer der Verschwö-
M, so dass Ricamätor nicht mehr an die Abreise denken konnte. Im Jahre 1564 machte er, noch gesund an Körper und Geist, sein Testament, und verfügte über sein Vermögen. Seine übrigen Ueberreste sollten in S. Lucia zu Udine ruhen, wo die Inder seiner zweiten Ehe begraben lagen (Maniago, Doc. XCIX). In seinem Testamente gedenkt er nur seines ältesten Sohnes Rafael, wel- cher Canonicus in Cividale war. Hierauf begab er sich nach Rom, wo ihm der Papst den Auftrag ertheilte, die bereits beschädigten Gemälde in den vatikanischen Loggien zu restauriren. Von Rom schickte er sein Bildniss nach Udine, der Meister selbst aber kam nicht mehr zurück. Er starb in Rom 1564, und wurde im Pan- theon begraben, da wo auch die Gebeine des unsterblichen Ra- fael ruhen. Sein Todesjahr bestimmt Vasari. Seine Wittwe, die der am 30. Mai erfolgenden Aufhebung der Ehem- nung des Testaments bereits mit Bernardino Amadeo wieder ver- heirathet war. Maniago, Doc. CXV. -
Vasari gibt das Bildniss dieses Meisters, dann finden wir es auch bei Sandrart I; tav. 2., in der florentinischen Serie de ritratti T. 123, bei d'Argensville I. 129, bei Bullart I. 403., bei Bartoli T. 43., und einzeln von Baron gestochen.
Stiche nach Werken dieses Meisters:
Die Bundeslade durch den Jordan getragen, reiche Composition, wahrscheinlich von G. da Udine, in 4 Blätter von C. Bos Die heil. Jungfrau mit dem Kinde auf Wolken von Engeln umgeben. Angeblich nach einer Zeichnung Nanni's radirt. Ohne Namen, 8. 3.
Die Arabesken und Figuren in den vatikanischen Loggien aus- geführt, unter dem Titel: Parergn atque ornamenta, ex a spensetii pmtotypisi a J. Nannio Il.lhnbensi in Vaticani Palatii Xystis partim opere plastico partim coloribus expressa, Blätter von P.PS.: Bartoli radirt. Mit Dedication an den Cardinal Borghese, qu. fol.
Die Folge der Arabesken, 20 Blätter von Agostino Veneziano (2 von Jacopo Francia). A. Salamanca exc., kl. fol.
Neuere Stiche nach diesen Ornamenten sind von Gio. Otta- viani. S. den Artikel desselben, und noch mehrere andere s. Ra- fael Santi, XIV. 451.
Fries mit Cupido und einer Sirene, gest. von A. Veneziano. Ant. Sal. exc. Bartsch XV. p. 532.
Arabeske, Ant. Sal. exc. Bartisch XV. 55. 56. Nr. 10 2.
Spielende Amoretten, nach Rafael und Giov. da Udine, gest. vom Meister mit dem Würfel. Bartsch 27.
- Zwei Blätter mit Grotesken, nach Zeichnungen radirt von Caylus, für Crozat's Recueil.
Die schönen Laub- und Früchtgewinde im Saale mit der Fa- ma. Psyche in der Farnesina. Die Stiche s. Rafael Santi, XIV, 30.
- Ein Vogel mit einem Fischknochen auf dem Baumaste, nach einer Federzeichnung aus dem Cabinet Howard von C. Knapton im Umriss gestochen, 1730, fol.
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