Turner, Joseph Mallord William, Landschaftsmaler , einer der gefeiertsten englischen Meister des 19. Jahrhunderts, wurde um 1770 in London geboren, und von Wilson unterrichtet. Als Künst- ler von entschiedenem Talente gelangte er bald zu Ansehen, und daher zählt ihn schon Fiorillo V. 831 zu den achtungswürdigsten Malern der brittischen Schule zu Anfang unseres Jahrhunderts, aber mit der Bemerkung, dass er in seinen letzten Gemälden etwas zu flüchtig gearbeitet habe. Diese Klage wiederholte sich im Laufe der Jahre nur zu häufig, namentlich in der letzteren Zeit. Turner, der durch seine vielen, oft sehr geistreichen Compositionen, wel- che für Almanache und andere illustrierte Werke auf das zierlich- ste gestochen sind, in ganz Europa bekannt ist, und auch einige Bilder gemalt hat, welche mit Besonnenheit und Fleiss durchge- führt sind, enttäuscht den Beschauer in anderen Werken wieder auf merkwürdige Weise. Er besitzt ein ausgezeichnetes Talent für Farbe. Seine Farben sind mit Sinn für Harmonie neben einander gesetzt, und manchmal findet man deutlich gemalte Partien; allein Eald scheint er wieder alles verwischen zu wollen, so dass Himmel und Erde, Bäume, Häuser, Menschen, Schiffe und Wellen in ein- ander rinnen. Das Kunsttreiben dieses Meisters ist im Auslande im Allgemeinen nur wenigen klar, da die nach ihm vorhandenen Stiche zu den gefälligsten Erzeugnissen der Kunst gehören, und auch in England gibt es viele, welche die gänzliche Verwildung eines bedeutenden Talentes bewundern, und dergleichen Bilder für besonders kühn und geistreich halten.
Die Werke dieses Meisters sind zahlreich. Zu seinen frühe- ren gehören mehrere Bilder im sogenannten heroischen Style. Aus den Gedichten Ossian's schöpfte er romantische Ansichten, oder Nebelfelder mit phantastischen Gestalten. Dann malte er auch ägyptische Ansichten, ohne das Land gesehen zu haben, wobei
Kupferstiche und seine Phantasie ihm hilfreich waren. Wunder- bare Ereignisse der Bibel und der alten Mythe spornten ihn eben- falls zur Produktion. Die Darstellung der Sündfluth, die Vernich- tung einer Armee durch den Würgengel, durch einen von unsicht- barer Macht erregten Wirbelwind u. s. w. hatte er in reichen Bil- dern behandelt. Fiorillo rühmt zwei Seestücke von 1802, Erzeug- nisse einer vom Sturme bewegten Phantasie, nicht der eigentlichen Naturanschauung. Auf dem ersten dieser Gemälde sieht man bei schwarzem Himmel die fürchterlichste Brandung, welche die Schiffe vor Anker, und die Fischer in ihren Kähnen zu verschlin- gen droht. Am Ufer erscheinen dunkle Gebäude und Thürme.
Nagler's Künstler-Lex. Bd. XIX, 11
die Fahrzeuge durchschneiden in verschiedenen Richtungen die
Wellen, deren Schaumkronen meisterhaft hingeworfen sind. Auf
den Segeln treiben Schatten- und Lichttheile ein mannigfaltiges
Spiel. Fiorillo gesteht diesem Bilde viele Schönheiten zu, kann
aber bereits die Vermuthung nicht mehr zurückweisen, dass den
Künstler ein zu frühes Lob trunken und nachlässig gemacht habe,
so dass sein oben bezeichnetes Kunsttreiben ein frühes Datum hat,
Nach dem Inhalte von einigen Bildern aus jener Zeit könnte man
schliessen, Turner habe schon in frühen Jahren überseeische Rei-
sen unternommen. So sah man auf der akademischen Kunstaus-
stellung von 1803 eine Aussicht in Savoyen auf den Montblanc,
und landschaftliche Sittengemälde: ein Bild der Weinlese in Ma-
con, und des Landungsplatzes zu Calais mit den französischen
Fischweibern; Dass aber der Künstler damals auch die Schweiz
besucht habe, scheint Fiorillo nicht zu glauben, denn er nennt
sein Bild des Rheinfalles bei Schafhausen eine wahre Spottrede nach
einem elenden Gemälde oder Kupferstich, Ein Gegenstück bildet
ungefähr die Einweihung der Walhalla, deren wir später erwäh-
nen. Mittlerweile fertigte der Künstler auch viele Zeichnungen,
neben anderen zu dem Werke: Beauties of England and Wales, or
delineations topographical, historical and descriptive, 4. An diesem
Werke arbeiteten noch mehrere andere Künstler und Gelehrte. Von
seinen grösseren Gemälden, die später in weiterem Kreise bekannt
wurden, nennen wir sein Bild der Erbauung Carthago's: mit einem
glänzigen Sonnenuntergang über das Meer. Dieses Gemälde brachte
Turner 1815 zur Ausstellung, und 1816 malte er als Gegenstück
den Fall von Carthago. Hierauf erhielt er vom Prinzen Regenten
den Auftrag, die schönsten Ansichten Italiens zu zeichnen, worüber
fast zwei Jahre verflossen. Nach seiner Rückkehr führte er einige
dieser Bilder in Oel aus, welche 1820 in Carltonhouse aufgestellt
wurden. Diese Gemälde fanden grossen Beifall; und man behaup-
tete bei Gelegenheit der Ausstellung, der Künstler stehe in höhern
und idealen Landschaften allein da, und habe auch in der
Ausführung Niemand, der ihm gleichkomme.' Ein grosses Gemälde
von 1823 stellt den Tempel des Jupiter Panhellenios dar, ein Bild
der Pracht des griechischen Alterthums. Man erkannte darin ein
Meisterstück des Künstlers, welches uns auch im Stiche vorliegt,
und eine Ansicht des Tempels der Sibylle in Tivoli zum Gesichte
stück hat. Unermüdet im Auffinden neuer Stoffe zu malerischen
Darstellungen unternahm er weitere Reisen in England und Wales
zu einem Prachtwerke, welches nach seinen Aquarellzeichnungen
die interessantesten Ansichten jener Länder im Stiche enthält.
Früher schon hatte er Hastings und die Umgegend zu diesem Zwe-
cke gewählt, so dass sein Ruf nicht allein in England entschieden
war, sondern auch im Auslande einen Widerhall fand, da die
Kupferstecher den Künstler von der gefälligsten Seite schilderten.
Anders hielt es die Critik mit seinen Gemälden, da sie den Irrweg
erkannte, auf welchem der geistreiche Turner ein schönes Talent
vergeudete. Den damaligen Standpunkt des Künstlers, finden wir
im Kunstblatt 1824 richtig bezeichnet, wenn es heisst, dass der-
selbe Anfangs unter Leitung der Natur Werke geschaffen habe,
welche durch einfache, grossartige Auffassung sich empfehlen. In
der Färbung blieb er bei vorwaltendem Hange zum Mannigfalti-
gen und Glänzenden noch länger in den Schranken der Mässig-
ung, endlich aber fing er an, in allen Theilen die Natur zu
überbieten, und dem damals sogenannten grossen Style Mass und
Wahrheit zu opfern, Er blendete das körperliche Auge der Menge
durch bunte und grelle Farbentöne, welche später in bunte Ver- wirrung ausarteten. Ein solches Farbenprunkbild ist neben ande- ren sein Gesicht der Medea, welches er 1831 der staunenden Menge vorstellte. Außer den Gemälden fallen in diese Zeit auch eine Menge von Zeichnungen zum Stiche für die poetischen Werke von W. Scott, für Finden's Illustrations of the Bible, für Heath's Gallery of British Engravings, für Roger's Italy, für englische Keepsakes und Almanache, welche alle den Künstler von einer geistreichen und angenehmen Seite erscheinen lassen,
Im Jahre 1838 reiste Turner wieder nach Italien, um Zeich- nungen aufzunehmen, und Studien zu neuen Gemälden zu machen. Auch den Rhein bereiste der Künstler, so wie die Ufer der Loire und Seine. Viele Zeichnungen, welche er in Frankreich fertigte, sind durch den Stahlstich bekannt. Auch mehrere der grösseren Gemälde, welche der Künstler nach seiner Rückkehr ausführte, und theils in Somersethouse aufbewahrt werden, sind durch Blät- ter der berühmtesten englischen Kupferstecher bekannt. Zu sei- nen Hauptwerken zählt man die herrliche Landschaft mit Merkur und Argus, eine andere ideale Landschaft, welche das alte Italien versinnlichen soll, die Ansicht des Sees von Nemi, jene des Campo santo in Pisa, der Dogana in Venedig, von Oberwesel mit dem Rhein, von Ehrenbreitstein u. s. w. Wangen (Kunstwerke und Künstler in England und Paris I. 423) sagt aber, dass er sich in Somersethouse vor den Bildern des in England so gepriesenen Tur- ner merkwürdig getäuscht fand. Dieser Schriftsteller sah nie eine solche Flüchtigkeit der Behandlung, einen so gänzlichen Mangel an Wahrheit, als in den von diesem Künstler gemalten Ansichten von Ehrenbreitstein und des Brandes der Parlamentshäuser. Tur- ner vereinigte grelle, geschminkte Buntheit mit einem allgemeinen nebulistischen Wesen. Auf der Kunstausstellung zu München 1840 sah man von ihm eine Darstellung des Zuges zur Einweihung der Walhalla bei Regensburg. Dieses Bild erregte Sensation, denn man hielt es für die reinste Satyre auf eine Feier dieser Art. Man kannte den Turner aus den lieblichen Stahlstichen nach seinen Zeichnungen, und glaubte daher mit einem Spottbilde sich von ihm beehrt zu sehen. Wenn die späteren Werke dieses Meisters alle in dieser Weise behandelt sind, so liefern sie Beweise der schlimmsten und lächerlichsten Verirrungen, in welche die Malerei then kann. Man konnte bei der Betrachtung dieses Bildes nicht begreifen, dass der Künstler einmal gute Bilder gemalt und sich auf schöne Licht- und Farbeneffekte verstanden habe. In Bildern der genannten Art ist weder Zeichnung noch Malerei, noch Sinn und Verstand. Man möchte diese Produkte am liebsten für heitere Satyre halten, wären sie nicht leider bärer Ernst. Für den Beitrag zur Münchner Kunstausstellung ist ihm im Kunstblatt 1841 S. 198 als Klexer ein Denkmal gesetzt. Wir bemerken aber dabei, dass man auch in England die Verwilderung eines so be- deutenden Talentes bedauere. Mehrere seiner Werke gelten nur als Curiositäten der Malerei.
Turner wurde 1805 Mitglied der Akademie in London, und später Professor der Perspektive an dieser Anstalt. Er bearbeitete e solchen ein Unterrichtswerk, unter dem Titel: Liber studiorum, illustrative of landscape compositions, viz historical, mountainous, pastoral, marine and architectural. Mit Skizzen in Aquatinta, 1 — 6 Lief. London 1828, qu. fol.
Ein anderes Werk über diesen Meister erschien unter folgen- dem Titel: Modern painters: their Superiority in the art of Land-
_ Tivoli, a composition, Ansicht von Tivoli mit dem Tempel der Sibylle, gest. von Edward Goodall 1827, roy, qu. fol. Das alte Italien, gest. von J. T, Willmore, roy., qu. fol. Ansicht von Ehrenbreitenstein , gest. von J. Pye, roy. qu. fol, '
Wicliffe near Rekeby, gest. von J. Pye, roy. qu. fol,
Richmond in Yorkshire. Felsenlandschalt, gest. von W. R. Smith , qu. fol.
Plymouth Citadel, gest. von W. Cooke, gr. qu. ful.
Weathercote Cave, grosser Wasserfall, gest, von S; Middi- man, gr. qu. fol.
Pope's Villa, für J. Britton's Werk: The fine arts of the Eng- lish schuol 1812 , £fol.
Eine Folge von 4 Jagdstücken: The fox chase, Southerly wind and cloudy sky, 4 colorırte Blätter von Hunt, qu. fol.
Landscape Illustrations of the Bible, consisting in views of
‚ the most remarkable places mentioned in the Old and New Testa-
ments, from drawings by Turner, Callcott, Stanfield a. a., and
engr. by W. and E. Finden. Dieses Werk erschien von 1834 an
zu London bei Murray in 24 Heften zu vier Stahlstichen , mit
Tezxt von T. H. Horne. Die ersten 8 Hefte wurden 41835 als Bib- lical Keespake ausgegeben, roy. 8.
The Keepsake. Almanach von 1833 ff. Mit herrlichen Stahl- stichen nach Turner u. a.
Landscape, portrait and historical Illustrations of the poetical Works of Sir W. Scott, from drawings by Calcott, Chalon, Land- gecer, Turner, etc. 40 Stahlstiche. London, Tilt. 1833, roy. 8.
Rogers' Italy, containing 54 exquisite Line Engraving by Fin- den, Le Keux, Pye, Goodall etc. After the Designs of Turner and Stothard. Luoundon, Cadell and Moxon 1836, 8.
Heath's Gallery of British en ravings. London 1836 f., gr. 8.
Paris et Londres, Keepsake frangais. Loundon et Paris 1837 bis 309. Mehrere architektonische Ansichten, meist von T. Hig- ham gestochen, 8.
jews in England and Wales, nach Zeichnungen von Tur- ner, gest. von Rob, Wallis, E. Goodall, W. R. Smith, Varral u. a. Mit historischem und beschreibendem Text von H. C., Lloyd., London 1817 f. 2 Bände, 4,
e
S
A picturesque delineation of the southern coast of England, London 1817 — 27. 2 Bände mit Kupfern von W. und G. Cooke nach Zeichnungen von Turner, W. Collins, P. Dewint, W. West- all etc., gr. 4. ;
Views of eastern and western coast of England, London 1827 ff. Dieses Werk bildet die Fortsetzung des obigen.
River scenery from original drawings by Turner and Th. Gir- tin, gestochen von den beiden Cooke. London 1827, gr. 4.
The rivers in France. Uferscenen der Loire und Seine, aus- gezeichnete Stahlstiche von Willmore, Branchard, Fisher u. a. London 1835 ff., 8. Die Gegenden der Loire sind meisterhaft gestochene Bilder, von grossem Reize.
Andere radirte Blätter, vielleicht von Turner selbst, s. M. Turner.
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