Turchini, Alessandro, Maler von Verona, genannt Orbetto, war Anfangs Schüler von Brusasorci, welcher den talentvollen Jüng- ling in kurzer Zeit so weit heranbildete, dass er dem Meister gleich stand, wenn nicht denselben übertraf. Orbetto musste da- her nach dem 1605 erfolgten Tod desselben die von ihm angefan- genen Bilder vollenden, wobei ihm Pascal Ottoni behülflich war. Auch seine eigenen Bilder aus jener Zeit sind in der trockenen und glatten Weise Brusasorci's behandelt, nur bemerkt man zu- weilen in den Gesichtszügen seiner Figuren eine Nachahmung G. Renis, und im Colorite suchte er sich dem Correggio zu nähern. Von Verona aus begab sich der Künstler nach Venedig , wo er unter C. Cagliari's Aufsicht arbeitete, und dann ging er nach Rom , wo er im Verlaufe der Jahre seine frühere Kunstweise ganz ver- läugnete, und zahlreiche Werke schuf, welche häufig bunt und maniert sind, aber den Künstler auch von einer originellen, nicht selten graziösen Seite kennen lernen. Die Gemälde seiner besten Zeit sind von brillanter und kräftiger Färbung, und be- sonders gefielen jene in einem rötlichen, hellen Tone, welcher den Bildern große Frische verlieh, die aber etwas bunt erschei- nen. In der Zeichnung, worin er später die römische Schule zum Vorbild nahm, ist er nicht immer ganz korrekt, obgleich man ein lobenswertes Studium der Natur erkennt. Später strebte er nach strengerer Ausbildung der Form, darüber büsste er aber die warme Färbung mehr oder minder ein, was auffallend erscheint, da der Künstler in Anwendung und Behandlung der Farben mit grösster Sorgfalt verfuhr. Man glaubte ihn in dem Besitze benei- denswerther Geheimnisse, selbst in chemischer Bereitung der Far- ben. Dann sind seine Compositionen auch nicht immer streng durchdacht. Er machte keine ausführliche Zeichnung, keinen voll- kommenen Carton, sondern setzte häufig nur auf der Leinwand eine Figur zur anderen hinzu, und brachte auf solche Weise ein ganzes Bild zusammen, welches nicht als harmonisches Ganze zu erachten ist, da in Stellung und Ausdruck der Figuren Mängel zu erkennen sind. Ölskizzen kommen aber zuweilen vor. Orbetto ist also ein graziöser, nicht selten origineller und geistreicher Ma- nierist. Mehrere seiner kleinen Staffeleibilder sind auf Marmor und Achat gemalt.
Turchi hatte in Rom seinen festen Wohnsitz, und nahm sich eine schöne Römerin zur Frau, die ihm, so wie später die Töchter, zum Modell diente. Seine meisten Bilder findet man aber in Verona. Er malte in der Kirche della Concezione zu Rom mit Sacchi und Berettini im Wettbewerb, und selbst diese Meister konn-
seinen Ruhm nicht verdunkeln. In der genannten Kirche ist von ihm das Bild des heil. Felix des Kapuziners, und in St. Ro- mualdo die Flucht in Aegypten, beide Altargemälde. Auch meh- rere Staffeleibilder sah man in Rom von diesem Künstler. Beson- ders gerühmt wurde sein Bild des Sissera in der Gallerie Colonna.
In Verona besass die Familie Ghirardini, welche den Künstler auch in Rom noch begünstigte, so viel Bilder von Turchi, dass mehrere Gallerien damit verschenkt werden konnten. Eine Anbetung der Könige (Epiphania) war der Gegenstand hoher Bewun- derung. Lanzı sagt, die anbetenden Weisen seyen so königlich gekleidet, dass man sich des Gedankens an die Titiane und Bas- sanos nicht enthalten könne. Das Haus Fatorini in Bologna be- sass eine Skizze davon, Ehedem in der Kirche della Misericordia, jetzt in Ricovero sieht man eine Kreuzabnehmung von Turchi, welche einige für das Hauptwerk des Meisters halten. Das Bild hat nur drei Figuren: den Leichnam, Maria und Nicodemus. Die Madonna erscheint im höchsten Schmerz, und Nicodemus unter- stützt den toten Erlöser. Anordnung und Färbung sind vollkom- men, doch ist das Ganze keine eigentliche Kreuzabnehmung, wie man angegeben findet. Die Italiener nennen ein solches Bild Pietà, In St. Anastasia ist eine graziose Himmelfahrt von ihm, in St. Ni- colo die Geburt Christi, in S. Fermo eine ähnliche Darstellung, in S. Tommaso Cantauriense Magdalena und Martha mit einem Engelchore, in S. Stefano ein brillantes Werk, welches die Mar- ter von vier Heiligen vorstellt, und in St. Maria in Organo ein treffliches Bild der Madonna in einer Gloria, unten St. Anton und Franz,
In der Kunstschule zu Bergamo, Carrara genannt, ist ein schönes Bild der Galathea von ihm, und im Palazzo di Podesta zu Padua ein kleines Gemälde mit der Geißlung Christi.
Auch im Auslande sind mehrere schöne Bilder von Turchi.
Im Museum des Louvre ist das durch G. Edelink's Stich be- kannte Bild der Sintfluth, eine figurenreiche Composition, von guten Motiven und sorgfältig gezeichnet. Der Ton ist zwar faul, aber harmonischer als meist. Dieses Bild war von jeher im Louvre, Aus Versailles stammt die Vermählung der heil. Catharina, ein Ge- mälde mit hübschen Köpfen, und von besonders lebhafter Färbung. Die Heilige, im Begriffe den Ring an den Finger zu stecken, stützt sich auf das Rad. Ein drittes Gemälde im Louvre stellt den Tod des Antonius dar, und ist eines der Hauptwerke des Meisters, ehedem im Hotel Toulouse. Der Künstler dachte sich dabei auch den Tod der Cleopatra, welche von der Natter gebissen sterbend in den Armen ihrer Frauen liegt. Die Composition ist sehr verständ- lich, und die in einigen Theilen ungewöhnlich lebhafte Färbung ausgezeichnet schön. Ein weiteres Gemälde zeigt die Ehebrecherin vor Christus, dramatisch in den Motiven und durch die hellen Lichter und die dunklen Schatten von grosser Wirkung. Ein Ge- mälde mit Samson von Delila den Philistern verrathen, findet sich zweifelhaft,
Waagen, K. u. K. II 517.
Auch in England findet man Werke dieses Meisters. In der
dem Lord Egerton gehörigen Bridgewater - Gallerie ist Joseph und Putiphar's Weib auf grauem Marmor, ein besonders brillantes Bild von fleißiger Abrundung aller Theile, doch wie immer bunt und manierirt. Es stammt aus der Gallerie Orleans. In dieser Gallerie war auch ein Bild der Engel bei Abraham, welches Hr. E. Coxe für 100 Pf. St. erstand. In der Bildersammlung in Dul- wich - College ist ein Bild der Madonna mit dem Kinde, vor wel-
In der k. Eremitage zu St. Petersburg ist eine Nachtscene von magisch-schauerlichem Charakter. Sie stellt die um den Leichnam des Heilandes trauernden Freunde dar. Ein Bild der Taufe Chri- sti ist manierirt und von unnatürlichen Stellungen. Von zwei my- thologischen Gemälden stellt das eine Pan und Syrinx, das andere Bacchus und Ariadne dar.
Nach Vasari's Behauptung sollen auch in Spanien viele Bil- der von Turchi seyn. Im Museum zu Madrid ist eine schöne Flucht nach Aegypten, auf Stein gemalt.
Die Gallerie in Dresden ist besonders reich an Werken die- ses Meisters, und darunter gehören einige zu den besten Arbeiten Turchis. Die meisten sind auf Schieferstein gemalt. 1) Chri- stus mit der Dornenkrone und dem Rohre, 2) die Steinigung des heil. Stephan, auf Amethyst, 3) Gott Vater mit dem Leichnam des Sohnes auf dem Schosse von Engeln umgeben, 4) Venus mit dem entblößten Leichnam des Adonis in Schoosse, 5) Maria mit dem säugenden Jesuskinde, 6) die Geburt des Heilandes mit den Engeln und nahenden Hirten, 7) David mit dem Haupte des Go- riath, lebensgrosses Kniestück auf Leinwand, 8) das Urtheil des Paris, ein 3 Fuss hohes Bild auf Holz, 9) die Darstellung des Je- suskindes im Tempel, reiche Composition auf Kupfer,
In der k. k. Gallerie zu Wien ist ein kleines Bild auf Stein, Christus in der Vorhölle darstellend, dann eine kleine Grablegung auf Schiefer, und ein auf beiden Seiten bemaltes Bild auf Stein, die Anbetung der Hirten, und der vom Kreuze abgenommene Hei- land von den Seinen beweint. In der Gallerie Lichtenstein zu Wien sind drei mythologische Supraporten: Venus auf dem Wagen von Tauben gezogen, Venus mit Mars und Amor, und die drei Grazien.
In der Pinakothek zu München ist nur ein Bild von Tur- chi, auf Schieferstein gemalt, die Herodias vorstellend, wie sie vom Nachrichter das Haupt des Johannes empfängt. Eine Medonna mit dem Kinde und dem kleinen Johannes befindet sich in Schleiss- heim.
Turchi l'Orbetto starb zu Rom 1648 im 66. Jahre, wie Pozzo angibt. Nach anderen starb er 1650 im 70. Jahre. Brandolese liess sein Bildniss stechen, welches damals ein H. Vianelli besass. Daraus wollte Brandolese abnehmen, dass der Künstler den Bei- namen Orbetto erhalten habe, weil er am linken Auge Myops war. Passeri will aber wissen, Turchi habe als Knabe einem Blind- en zum Wegweiser gedient, und sei desswegen Orbetto genannt worden.
Stiche nach Werken Turchis.
Die meisten Urbilder haben wir oben genannt, und verweisen daher auf das Verzeichniss derselben.
Le Deluge. Die Sündfluth. Gest. von J. und G. Edelink, nach dem Bilde im Louvre, für das Cabinet du Roi, 1681, gr. qu. fol.
Dieselbe Darstellung, radirt von Queverdo und vollendet von Villery, kl. 4.
Dieselbe Darstellung, gest. von C. Duflos, qu. fol.
Joseph und Putiphar's Frau, gest. von Gauthier Dagoty für die Gallerie Orleans, kl. fol.
David mit dem Haupte Goliath's, lith. für Hanfstängl's Dresd- ner Galleriewerk, roy. fol.
Das Opfer Abraham's, mit Gott Vater in den Wolken und den ersten Eltern, gest. von C. Mogalli, gr. fol.
Samson von Delila verrathen, das Bild im Louvre, im Umriss bei Landon, XI 7.
Die Anbetung der Hirten, gest. von G. D. Nicolai, qu. fol.
Die Darstellung im Tempel, gest. von C. van Dalen, qu. fol.
Die Taufe Christi, gest. von Lorenzini, fol.
Der ungläubige Thomas, nach dem Bilde des Cabinet Poullain, von einem Ungeannten gestochen, kl. 4.
Die Ehebrecherin vor Christus, radirt von Lerouge und voll- endet von Forster, kl. 4.
Die Vermählung der heil. Catharina, gest. von G. Scotin, für das Cabinet du Roy 1679, qu. fol.
Die Himmelfahrt Christi, dabei Patriarchen, gest. von C. Mo- galli, qu. 8.
Die Allegorie auf die Geburt des heil. Petrus, gest. von F. A. Lo- renzini, gr. fol.
Heilige Scenen nach Kirchengemälden in Verona, in Umrissen von G. Zancon, 8.
Cupid and Psyche. Psyche betrachtet den schlafenden Amor bei Lampenschein, J. Smith exc. Capitalblatt in schwarzer Ma- nier, von J. Beckett, qu. fol.
Jupiter und Leda, radirt von Boutrois, und vollendet von Carot, kl. 4.
Der Raub der Proserpina, im Umriss von G. Zancon, qu. 8.
Das Urtheil des Paris, im Umriss von demselben, qu. 8.
Galathea auf dem Meere, von demselben, qu. fol.
Venus beweint den Adonis, gest. von J. Beauvarlet für das Dresdner Galleriewerk, kl. qu. fol.
Der Tod des Marc Anton und der Cleopatra, radirt von De- Jaunay und vollendet von Niquet, kl. 4.
Dasselbe Bild im Umriss bei Landon VIII.
Eine weibliche Büste, gest. von Coelemans für Aiguilles' Ca- binet, rund 4. Angeblich Turchi's Geliebte.
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