Tolstoi, Theodor Graf von

Tolstoi, Theodor Graf von, Vice-Präsident der k. Akademie in St. Petersburg , und selbst als Künstler ausgezeichnet, wurde 1783 in St. Petersburg geboren. Zum Kriegsdienst herangebildet, betrat er seine Bahn als Marine-Offizier, kehrte aber in den Privatstand zurück, um sich der von Jugend auf geübten plastischen Kunst ausschliesslich zu widmen. Graf Tolstoi lebte aber fortan einige Jahre in Dunkelheit, und nur im engeren Kreise wusste man seinen Werth zu schätzen. In diese Zeit fällt die Anfertig- ung einer Reihe von Medaillons, welche in einem Durchmesser von 4 Zoll die merkwürdigsten Begebenheiten aus den Kriegsjah- ren von 1812, 13 und 14 in allegorischer Weise, leicht gehoben auf blauem Grunde darstellen. Diese Medaillons gehören zu den interessantesten Schöpfungen der plastischen Kunst, da sie mit dichterischem Geiste und im reinsten Style der Antike erfunden, und mit Meisterschaft ausgeführt sind. Die vordere Seite zeigt das Bildniss des Kaisers Alexander unter der Gestalt des Radamessus, des Gottes der Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit in alten slawischen Sagen. Im Revers dieser Medaillons sind dann die Hauptmomente aus den genannten Kriegsjahren dargestellt, 16 an der Zahl, beginnend mit der russischen Volksbewaffnung von 1812, und endend mit der Einnahme von Paris 1814. Diese allegorischen Bildwerke zogen die Aufmerksamkeit des Kaisers Alexander auf sich, und dieser vergalt dem Künstler seine Mühe mit ansehnlichen Summen, da er nicht beglittert war, und lange Zeit den Wider- willen seiner Familie ertragen musste. Der Graf gab diese geist- reichen Compositionen in Abbildung mit Text heraus, unter dem Titel: Basreliefs allegoriques gravés au trait en mémoire des évé- nements de la guerre de 1812, 13, 14. Inventés et exécutés par le Comte Théodore Tolstoi. Sie erschienen auch mit deutschem Text. St. Petersburg 1818. Vergrössert dienen diese Reliefs als Zierde in den Zimmern des k. Winterpalastes. Lialin und Klepikow haben sie in Bronze copirt. In neuester Zeit wurden sie in Stahl ge- schnitten, um sie zu Medaillen zu benutzen. Den Medaillon auf die Befreiung von Berlin 1813 gab Bolzenthal in seinen Skizzen zur Kunstgeschichte S. 327 im Umrisse,

Andere Arbeiten dieser Art geben in charakteristischen Gestalten Darstellungen aus der Odyssee in gr. 4, und sie liefern wieder den Beweis, wie sehr der Künstler in den Geist der Antike einzudringen vermag. Hierauf beschäftigte ihn ein grosses Werk, wozu ihn das Epos von Bachmanowitsch: die Geschichte Amors und der Psyche in russischer Sprache, begeisterte. Er wählte 60 Darstellungen aus der- selben, die er in grossem Formate ausführte. Im Jahre 1828 waren die Zeichnungen und auch schon einige Reliefs vollendet, und der Graf erntete neuen Ruhm. Später fertigte er zur Schonung sei- ner geschwächten Augen nur Rundbilder von grösserem Durch- messer, welche meistens Thiergestalten enthalten, welche eben so schön als charakteristisch aufgefasst sind. Zu seinen grösseren Ar- beiten gehören auch die Modelle zu den Bronzethüren der neuen