Tischbein, Johann Heinrich Wilhelm

Tischbein, Johann Heinrich Wilhelm, Maler, genannt der Neapolitaner, der jüngere Sohn Johann Conrad's, wurde 1751 zu Haina geboren, unter tausendjährigen Eichen, wie der Künstler selbst erzählte*). Unter diesen Bäumen, der Genosse von Haa- sen, Gänsen und Habichten, wuchs der Knabe heran, mit der Kreide in der Hand, um seinem Drange zur Kunst zu genügen. Die Schilderung seines Lebens ist etwas phantastisch, nicht ohne poetische Ausschmückung, und er wollte glauben machen, dass er unter ungewöhnlichen Erscheinungen zum Künstler berufen wurde. Tischbein war lange ein gefeierter Künstler , zu welchen ihn glückliche Umstände und die Gunst berühmter Schriftsteller schon in früher Zeit stempelten, allein er konnte sein Ansehen nicht behaupten, und während in der letzteren Periode seines Lebens die jüngere Generation ihr Licht in vollem Glanze leuch- ten ließ, war Tischbein's Stern untergegangen. Den ersten Un- terricht ertheilte ihm sein Vater, und dann kam er nach Cassel , wo er seinem Oheim Johann Heinrich Tischbein die weitere Ausbil- dung verdankte. Dieser unterwies ihn im historischen Fache, wel- ches er aber unter Anleitung des Johann Jakob Tischbein mit der Landschafts- und Thiermalerei vertauschen wollte. Allein später kehrte er in Hamburg wieder zur Geschichtsmalerei zurück, und copirte da eine Menge älterer Malwerke, besonders Bildnisse. Nach Beendigung seiner vorläufigen Studien ging der Künstler nach Am- sterdam, und besuchte auch andere holländische Städte, was auf seine weitere Richtung grossen Einfluss hatte. Er wollte zwar in der Folge Aehnliches wie Carstens erreichen, besass aber den Ernst jenes Meisters nicht, und näherte sich in seinem Streben immer mehr der holländischen Schule, als dass er der Kunst eine so würdige Seite abgewann, wodurch Carstens zur Regeneration derselben beitrug, während Tischbein öfters mit der Lässigkeit eines Dilettanten der Eingebung seiner Phantasie huldigte, und ei- nes Beifalls sich erfreute, welchen Carstens nicht gewinnen konnte, Im Jahre 1772 kehrte Tischbein aus Holland zurück nach Cassel, und malte da meistens Bildnisse und Landschaften. Unter den ersteren ist auch jenes der Landgräfin von Cassel, welche ihn 1777 nach Berlin empfahl, wo er im Jahresfrist mehr als fünfzig Personen des Hofes malte, Darunter ist auch ein Familienbild des Prinzen Ferdinand von Preussen in fünf Figuren, welches grossen Beifall fand. Im Jahre 1779 sollte er sich mit Unterstützung des Landgrafen von Cassel nach Rom begeben, verweilte aber ein- ige Zeit in der Schweiz, wo er mit dem Diacon Pfenninger, mit Bodmer und Lavater Umgang pflog, und bei letzterem physiogno- mische Grillen fing, die sich in mehreren seiner späteren Compo- sitionen äusserten. Pfenninger besass mehrere Bildnisse von ihm, meistens von Leuten auffallender Kopfbildung. Im Jahre 1782 kam der Künstler in Rom an, wo er jetzt ernste Studien machte, Hier zeichnete er Werke von Rafael, Dominichino, Guercino, Leonardo da Vinci u. a., und auch Gemälde dieser Meister copir- te er, wie eine heilige Familie von Rafael, Christus mit der Dorn- enkrone von Guercino etc. Jetzt gedachte der Künstler mit

*) Zeitung für die elegante Welt 1808 Nr. 853.

Tischbein, Johann Heinrich Wilhelm.

Ernst sich der Historienmalerei zu widmen, und er entwarf mehrere historische Compo- sitionen. Zu seinen vorzüglichsten gehört das Gemälde der Iphigenia, welche den von den Furien verfolgten Orestes tröstet. Dieses Thema wählte er aus Goethe's Tragödie, welcher damals mit Tischbein in Rom lebte. Noch grösseres Auf- sehen erregte aber sein Bild des unglücklichen Conradin von Schwaben, wie er im Gefängnisse zu Neapel nach verkündetem Todesurtheil mit Friedrich von Oesterreich die Schachpartie fort- setzt. Dieses Bild ist ungefähr 8 F. breit und 5 F. hoch und be- findet sich in der Gallerie zu Gotha. Auch in kleineren Wieder- holungen kommt es vor. Als eines der besten Werke jener Zeit bereitete es dem Künstler entschiedenen Ruf, und man baute die grössten Hoffnungen auf ihn. Tischbein fand sich aber wenig ermuntert zur Bearbeitung vaterländischer Geschichtsscenen. Er wollte mit Conradin von Schwaben einen Cyclus solcher Darstel- lungen eröffnen, wozu ihn seine Freunde in der Schweiz aneifer- ten. Er componirte dieses Bild in Zürich, und führte es dann von 1783 — 1784 zu Rom in Oel aus, verstand sich aber nicht sogleich zur Fortsetzung des projectirten Cyclus. Seine Scene aus Goethe's Götz von Berlichingen erfolgte später, und ist als Fortsetzung zu betrachten. Dieses durch Susemihl's Stich bekannte Bild stellt den Götz dar, wie er den gelangenen Weislingen nach Jaulthau- sen bringt. Nach Vollendung seines Bildes des Conradin unter- nahm der Künstler einige Wiederholungen desselben, und wen- dete sich dann dem heroischen Alterthume zu, da die Darstellun- gen aus demselben grösseren Anklang fanden, als patriotische Szenen. Auch kam er damals auf die Idee, den Menschen in sei- nem Verhältnisse zur Thierwelt darzustellen, was er später in zahlreichen Compositionen veranschaulichte. Das erste Bild die- ser Art, welches er in Rom ausführte, stellt die Herrschaft der Menschen über die Thiere dar. Dann malte Tischbein damals auch einige Bildnisse, worunter wir jenes von Goethe nennen, welchen er im Mantel und mit rundem Hut unter Trümmern der Vorzeit liegend vorstellte. Auch das Porträt des Malers und Archäologen Meyer malte er in Rom. Im Jahre 1787 begab sich der Künstler nach Neapel, wo ihm im folgenden Jahre die Königin für ein Bildniss des Kronprinzen eine goldene Dose mit 200 Unzen überreichen liess. Tischbein war in kurzer Zeit ein gefeierter Künstler. Er concourirte dess- wegen um die Stelle eines Direktors der Akademie zu Neapel, wo- bei er ein Bild zur Ausstellung brachte, welches den König Mis- sisa vorstellt, wie er der Sophonisbe den Giftbecher reicht. Dies- es Bild trug den Sieg davon, und Tischbein wurde 1790 Director der Akademie. Er reorganisirte diese Anstalt, und bildete meh- rere glücklich gewählte Schüler. Auch mehrere Gemälde führte er aus, wie eine grosse Anzahl von Zeichnungen. Wir verdanken diesem Meister eine homerische Gallerie in Abbildungen nach der Antike, deren Stich bei seiner Abreise von Neapel bis auf wenige Platten vollendet war. Dann zeichnete Tischbein auch eine grosse An- zahl von antiken Vasen für Hamilton, welche ebenfalls gestochen sind, und worauf wir unten weiter zurückkommen, wie auf die homerischen Darstellungen. Der Künstler erwarb sich mit diesen Zeichnungen, deren Echtheit im neuen deutschen Merkur 1801 S. 218 ff. untersucht wird, immerhin grosses Verdienst, indem er zur Weckung des Sinnes für antike Kunst nicht wenig beitrug. Er hatte aber überdiess noch eine Menge anderer Antiken gezeichnet. Auf 10 Foliobände beliefen sich die Zeichnungen dieser Arbeit, als er nach Deutschland zurückkehrte. Dann fertigte Tischbein

Das genannte Werk, welches Thier- und Menschenportraite ent- hält, gab ihm zu einem weiteren Cyclus von Zeichnungen Veran- lassung, welche in einer Reihe von Bambocciaden die Geschichte des Esels vorstellen, oder vielmehr ein ganzes Menschenleben, mit heiterer Laune und mit feinem Witze vorgetragen. Diese Folge hatte der Künstler noch in Italien vollendet, und selbe »Leben der Brüder« betitelt. Eine zweite Folge von Aquarellbildern, wel- che der Künstler grössten Theils in Neapel vollendete, wird in Meusel's Miscellen III 444 — 447 beschrieben: unter dem Titel: »Phantasien fürs stumme Buch, und einige Ueberbleibsel der Si- byllinischen Bücher vor der Grotte von Cumae gesammelt. Oder deutlicher: Ein Buch der Weisheit in redenden Bildern und Ge- mälden, deusam und verständlich für alle, die das Schöne im Geist und in der Wahrheit anbeten.« Tischbein lieferte zu seinen Folgen auch gewöhnlich eine poetisch - philosophische Beschrei- bung, die hier und da ins Phantastische geht. Grossen Reichthum der Ideen muss man dem Künstler zugestehen, und es genügt keine oberflächliche Betrachtung seiner Werke. Eine andere Samm- lung seiner Zeichnungen stellt alles Schöne der gemeinen Natur dem Schönen der höchsten Natur gegenüber dar. In einem weiteren Cyklus zeigt er die reiche Wirkung des Farbenspiels auf die Schön- heit. Ein anderer vergleicht das Romantische und Idyllische mit einander. Als Fortsetzungen seiner Studien über die Thier- und Menschen-Welt in ihrer ausseren Verschiedenheit nennen wir dann noch zwei Folgen von Zeichnungen, wovon die eine Beobach- tungen über die Menschengen, die andere Vergleichungen der Thier- charaktere enthält. Einige der genannten Bilderreihen arbeitete der Künstler in Deutschland unter dem Schutze des Herzogs von Oldenburg aus.

Es finden sich aber von Tischbein auch viele Bilder in Oel, da er seinen Träumen nur in den Nebenstunden nachhing, und dieselben durch Zeichnungen fixirte, Er malte in Neapel Bild- nisse, Landschaften und historische Darstellungen in Oel, immer- hin aber machen seine Aquarellen den grössten Theil seiner Werke aus, da er sich damals in anakreontischen Idyllen, in Allegorien aus der Menschen- und Thierwelt besonders gefiel; allein diese skizzenhaften Bilder zogen ihm später den Vorwurf eines dilettan- tenmässigen Betriebs der Kunst zu. Ein 12 F. hohes und 14 F. breites Bild, das letzte Werk in Neapel, stellt den Hektor dar, wie er dem Paris seine Weichlichkeit vorwirft, Dieses Gemälde rettete ihm 1790 beim Ausbruche der Revolution das Leben, da er sich damit als deutscher Künstler legitimirte. Er schiffte sich jetzt mit einem kleinen, aber ausgesuchten Theile seiner Kunstschätze, da- runter die Platten zum Homer und zum Vasenwerke, mit Hackert und Haigelin nach Livorno ein, aber vom Sturme verschlagen wurde das Schiff an der Küste von Korsika gekapert. Die Reisen- den erhielten aber alle ihre Habseligkeiten zurück, und Tischbein

Dann hinterliess Tischbein auch verschiedene Abhandlungen, Die Stitt und die Feder waren bei ihm fast gleich thätig. Vieles hbrachte er über die Charaktere der Menschen und Thiere zu Pa- pier, und da, wo das Wort nicht ausreichte, musste das Bild eintreten, Er beabsichtigte ein eigenes Werk über die Beurthei- lung des Aeusseren der Menschen. Lavater hatte zu dieser Rich- tung den Impuls gegeben. Dann wollte er auch Dichter und Redner seyn, und historische und philosophische Bildung ihm ab- zusprechen hatte Niemand gewagt. Seine eigene Lebensgeschichte ist der letzte Zuruf an die kommenden deutschen Künstler. Nicht ohne Interesse liest man die Schrift : Heinrich Wilhelm Tischbein, seine Bilder, seine Träume, seine Erinnerungen in dem herzog- lichen Schlosse zu Oldenburg. Bremen 1822, 8. Tischbein starb 1829 zu Eutin. Obgleich er nicht ohne Eitelkeit war, gerne sein Lob hörte, und selbst unbefangen einstimmte, und obgleich seine Gestalt etwas ehrwürdiges hatte, in seinem Kopfe keine gewöhnli- chen Züge sich ausdrückten, so malte er doch nie sein eigenes Bildniss dar, Auch von anderen Künstlern ist er unsers Wissens nicht gemalt worden. Baron von Rumohr kannte diesen Künst- ler viele Jahre und wusste sich denselben noch nach dessen Tod so lebendig vorzustellen, dass er den Kopf Tischbein's im Um- risse zeichnete, Diese Zeichnung fügte Vogel von Vogelstein sei- ner berühmten Portraitsammlung bei. In dieser Sammlung ist aber

Stiche nach Werken dieses Meisters.

Prinz Victor Amadeus von Anhalt, geätzt von J. Pichler 1792 fol.

G. Bodmer, gest. von W. Stumpf 1783. Oval, fol.

Graf C. W. von Finkenstein, preussischer Staatsminister, gest. von D. Berger für den zehnten Band der Berliner Wochenschn. C. G. Heyne, gest. von Geyser, und dann von Riepenhausen für Heeren's Biographie. Göttingen 1813, 8.

Frau Döbbelin, Schauspielerin, als Ariadne, gestochen von Holfrath. C. Ph. Gessner, gest. von C. G. Rasch. Conrad von Schwaben, nach einem Bilde in der Sammlung des Grafen L. Fries in Wien von Stubenrauch geschabt, fol.

Götz von Berlichingen und Weislingen, gest. von C. Wester- mayer, gr. qu. fol. In derselben Darstellung, in Helldunkel von J. C. Susemihl, fol.

Die Blätter zu G. v. Seckendorff's Vorlesungen über Dekla- mation und Mimik. Braunschweig 1810.

Andere Werke dieses Meisters, mit eigenhändigen Radirungen desselben.

  1. Homer, nach Antiken gezeichnet von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Direktor der k. Malerakademie zu Neapel. In einsigen 9 Hefte mit den vortrefflich geraditen Vignetten von Tischbein. Göttingen und Stuttgart 1801–1823, gr. fol.

Zu den ersten 6 Heften von 1801–1804 lieferte C. G. Heyne die Beschreibung. Ungünstige Zeitumstände verzögerten die Fortsetzung; erst 1821–1823 folgten die übrigen Hefte in der Cotta'schen Buchhandlung, welche die früheren Platten von der Dieterich'schen Handlung erworben hatte. Die Beschreibung ist von L. Schorn. Für das 10. Heft waren mehrere unedirte Abbildungen von Statuen, Terracotten, Gemälden und Mosaiken bestimmt. Bei der Herausgabe der letzten Hefte war auch die Lithe- graphie thätig.

  1. Figures d'Homère, avec les explications de Ch. Heyne, mises en français par Ch. Villers. Metz 1802–1806, gr. fol.

Dieses Werk enthält nur die sechs ersten Hefte.

  1. Collection of engravings from ancient Vases, mostly of pure Greek work discovered in sepulchres in the Kingdom of the two Sicilies—in possession of William Hamilton—with remarks on each vase by the collector, published by W. Tischbein. 4 Bände, jeder zu 60 Blätter, der letzte ohne Text. Napoli 1791 ff., gr. fol. In Paris erschienen Copien: Recueil de gravures d'après ces vases antiques—. Paris, Benard, 1805–1809.

  2. Umrisse griechischer Gemälde auf antiken, in den Jahren 1780–1790 in Campanien und Sicilien ausgegrabenen Vasen, herausgegeben von W. Tischbein. I. 1–3. Weimar, Indu- strie-Comptoir 1797–1800, gr. fol.

  3. Têtes de différents animaux dessinés d'après nature, pour

Dieses Werk enthält 15 radirte Blätter. Das erste ist der bekannte Thier-Laokoon, welcher in den frühen einzelnen Abdrücken ohne Schrift vorkommt. Dann folgt der Stier- kupf, der Löwenkopf, die Familie der Füchse, das Pferd, der Hund und die Katze, lauter Tierporträts. Dann fol- gen acht charakteristische Männer- und Götterköpfe: Cor- reggio, Salvator Rosa, Michel Angelo, Rafael Sanzio, Scipio Africanus, Caracalla, Jupiter und Apollo,

Alle diese Blätter kommen einzeln vor.

  1. Eine Folge von 17 Darstellungen auf 4 Folioblättern: land- schaftliche Compositionen, mythologische Compositionen nach der Antike, Tiergruppen, Vignetten u. A. In verschie- dener Grösse radirt, und bezeichnet: W. Tischbein inv. et fecit.