Tischbein, Johann Heinrich I.

Tischbein, Johann Heinrich I., Maler, der ältere Künstler die- ses Namens, und der fünfte Sohn des Bäckers von Hayna, wurde 1722 daselbst geboren. Er sollte das Schlosserhandwerk erlernen, allein seine Liebe zur Kunst war so überwiegend, dass ihn der ältere Bruder, Joh. Valentin, dem Handwerke entzog. Jetzt trat er beim Tapetenmaler Zimmermann zu Cassel in die Lehre, genoss aber nebenbei auch den Unterricht des Hofmalers Freese, und machte in kurzer Zeit solche Fortschritte, dass ihn der Graf von Stadion nach Paris schickte, wo er bis 1748 unter Leitung des Malers J. A. Vanloo stand. Nach Ablauf dieser Zeit begab sich der Künstler nach Venedig , um unter Piazzetta sich weiter auszubilden. Er lebte acht Monate im Hause desselben, und benutzte nach zwei Jahren, welche er in Rom der Kunst weihte, neuerdings den Unterricht desselben; allein Piazzetta hatte doch nur geringen Einfluss auf ihn, indem er in der Manier der Coypel und Vanloo's arbeitete. Das Urtheil über diesen Meister ist indessen verschieden, indem ihn die Zeitgenossen mit Lob erhoben, spätere, besonders neuere Critiker, einen schärferen Maßstab an seine Leistungen leg- ten, ohne jedoch seine Verdienste zu verkennen, da er un- streitig der erste Maler von Belang ist, dem wir auf hessischer Boden begegnen. Engelschall gab eine Denkschrift über diesen Künstler heraus, *) und auch in den betreffenden Jahrgängen der Miscellen von Meusel finden wir den Künstler gewürdigt. Engelschall behauptet, die Ausartung seines Zeitalters habe ihn nicht mit fortgerissen, und Tischbein's Werke tragen das Gepräge eines bestimmten, männlichen Geschmackes. Er sei einer der Ed- len, die dem Verfall der Kunst geräuschlos entgegengewirkt hätten. Er habe seine Kunst nicht leicht zur blossen Nachah- mung herabgewürdigt, und selbst in seinen Bildnissen blicke fast immer etwas Dichterisches durch, wenn nicht in den Attri- buten, doch in der Wahl und Festhaltung des glücklichen Auge- nblickes. Er würde in seinem Leben bekannter geworden sein:

*) J. F. Tischbein als Mensch und Künstler dargestellt. Nürnberg 1797, 8.

Auch auf die Wahl der Gegenstände und die Auffassung dersel- ben geht Engelsohn ein, und gibt, so wie im Obigen, auch hiemit die Ansicht der Zeit des Künstlers. Bei Tischbein's Hang, die Be- gebenheiten der Heldenzeit darzustellen, sagt er, sei sein Genie gleichwohl weniger für das Grosse im Allgemeinen, für das Ideal wie es uns in der Antike begegne, empfänglich gewesen, als für das Pathetische in Darstellung einer bestimmten Begebenheit aus der Fabel oder Geschichte. Uebrigens habe er das Lächerliche dem bloss Schönen vorgezogen, und am liebsten solche Gegenstände behandelt, die durch ein höheres Interesse das moralische und ästhetische Gefühl in Bewegung setzen, und nicht bloss durch Sinnenreiz gefallen. Seine Compositionen — mehr überdacht, als durch den Schlag einer Zauberruthe entstanden — zeigen durch ihre Rundung und Einheit, dass sie nie blosse Zusammenstellung einzelner in der Natur aufgefasster Züge, sondern Schöpfungen ei- ner ordnenden Einbildungskraft seyen. Aus diesem freien Walten der Phantasie wollte es sich Engelsohn erklären, warum man bei Tischbein in den Physiognomien der handelnden Personen, wel- che selten das Nationalgepräge tragen, die historische Wahrheit ver- misst. Es ist ihm aber dennoch auffallend, dass seine Griechen und

Römer Teutsche und Franzosen sind, worauf Füssly mit Recht antwortet: Weil Tischbein seine Kunst an den Quellen zu Paris und Venedig, weniger an jenen zu Rom und des Alterthums erschöpft habe, noch sicherer finden wir den Künstler in Güthe's Kunst und Alterthum I. 2. 137 characterisirt, wo es heisst, Tisch- bein habe bei eigener fruchtbarer Erfindungsgabe von den fran- zösischen Künstlern das Oberflächliche, bloss zeichnende, das süß- liche, Gezierte und den falschen Ausdruck angenommen. Er sei, wie oben bemerkt, nur Nachahmer von Coypel und Vanloo.

Tischbein wurde 1752 Cabinetsmaler des Landgrafen von He- ssen-Cassel, dann dirigirender Professor an der Akademie in Cas- sel, mit dem Titel eines Hofrathes. Er führte in dieser Eigenschaft viele Gemälde aus, sowohl historisch-mythologische Darstellungen, als Bildnisse. Engelschall zählt 144 historische Gemälde von die- sem Künstler auf, und nennt als die vorzüglichsten die Auferste- hung Christi mit überlebensgrossen Figuren in der St. Michael- kirche zu Hamburg 1753; die Verklärung Christi in der luther- schen Kirche zu Cassel 1767; Hermann's Trophäen nach dem Sieg über Varus, auf dem Schlosse zu Pyrmont 1788; einen Cyclus von so Bildern aus der Geschichte der Cleopatra, wovon die meisten auf dem Schlosse Weissenstein sind, von 1760 — 1775; einen Cyclus von 16 grossen Bildern aus der Geschichte des Telemach, über den Thüren im Schlosse von Wilhelms-Thal 1775 — 1786; die Altar- bilder in der katholischen Kirche zu Cassel, worunter besonders ein Ecce homo gerühmt wurde 1778; die Kreuzabnahme und die Himmelfahrt in der Hauptkirche zu Stralsund 1787; Christus am Oelberge in der Kirche zu Hayna 1784, ein Geschenk des Künst- lers, dann erwähnt Engelschall noch als unsterbliche Werke des Meisters: vier Darstellungen aus Tasso's Rinaldo und Armida im Schlosse Weissenstein 1780; den Zorn des Achilles 1781; Elektra an der Urne weinend 1783; den Tod der Alceste, und dieselbe von Herkules zurückgebracht. Ausser den genannten Bildern aus Tasso sind im Lustschlosse Weissenstein bei Cassel noch viele andere Bilder von Tischbein, alle historischen und mythologischen Inhalts. Auch auswärtige Fürsten erwarben Bilder von ihm: Catharina II. von Russland die Sophonisbe mit dem Giftbecher 1772 und Aeneas vor dem Throne der Dido 1774; der Herzog von Sachsen-Gotha die Cleopatra mit der Schlange, und Artemis mit der Asche ihres Gemahls im Becher 1775; Prinz August von Gotha drei Serailscenen. Dass in den Gallerien zu Wien, Mün- chen und Dresden sich kein Bild von Tischbein befinde, hält der gute Füssly für eine wahre Schande.

Dann finden sich auch einige Genrebilder von Tischbein. Der- jenige, welches, unter dem Namen der Leserin bekannt, ist, welchen der Künstler der Klopstock'schen Lesegesellschaft in Hamburg schenkte, ist auf der Stadt-Bibliothek daselbst. Dann findet man auch Fa- milienbilder, die als sogenannte Conversationsstücke gelten konnen. Zu wiederholten Malen malte er sein eigenes Bildniss. Em- solches von 1781 ist in der Akademie zu Cassel. Dann stellte er sich 1774 mit seiner Familie in Lebensgrösse dar. Er erscheint in Begleitung seiner zwei Töchter, und an der Wand sieht man die Bildnisse seiner beiden verstorbenen Gattinnen. Auf einem ande- ren kleinen Bilde erscheint er mit der Palette in der Hand, wie er dem Clavierspiele seiner Tochter zuhört. Den Bildhauer Nelli stellte er vor, wie er die Büste unsers Künstlers modellirt.

Schlosse Wilhelmsthal sind von ihm viele Bildnisse schöner Frauen, theils in Lebensgrösse, theils in Brustbildern. Dieses „Gabia“

Tischbein starb zu Cassel 1780. Die letzten fünf Jahre seines Lebens konnte er wegen Schwäche der Augen wenig mehr arbei- ten. Allein auch die Bilder aus jener Zeit zeigen noch den Künst- ler von Talent, obgleich ihm seine Tochter die Farben auf der Palette anzeigen musste. Ein solches Bild stellt Marcus Curius dar. Von seinem persönlichen Charakter liefert Engelschall ein würdiges Bild. Wenn Fernow im Leben Garstens § 8 erzählt, dass Tischbein diesen Künstler zwar ohne Lehrgeld, aber unter der Bedingung habe aufnehmen wollen, dass er die drei ersten Jahre Bedientenstelle vertrete, und hinter der Kutsche des Hofra- thes stehe, meint Füssly, es beweise dies wohl nichts anderes, als dass wir alle, wenigstens in irgend einer Sünde empfangen und geboren seyen.

Stiche nach Werken dieses Meisters.

Das Bildniss des Künstlers, aber unähnlich, gest. von A. Kar- cher für Engelschall's Monographie, 38. /

Friedrich II. Landgraf von Hessen, gest. von W. C. Mayr, fol.

Crato Graf von Hohenlohe, gest. von J. J. Haid, fol. General-Lieutenant Francois de Chevert, gest. von Charpen- tier, dann von J. Barbier, und von Gautier Dagoty.

Das Bildniss des Erzbischofs von Auch, gest. von Vangelisti.

Gottfried Winkler: Sibi, arti, amicis. Gest. von Bause für den Catalog der Sammlung desselben.

Heinrich Christoph von Ochsenstein, gest. von J. E. Haid,

Friedrich Wilhelm Gleim, gest. von Wierz, dann von Kauke,

Friedrich Böner, Arzt, gest. von Sysang,

Apollo, halbe Figur, nach dem Bilde in der Akademie zu Cassel, gest. von G. W. Weise 1791, gr. fol.

Alcestis moriens. Eximii Auctoris Munus Academiae Clemen- tinae. Gest. von F. Rosaspina 1785. Roth gedruckt, gr. qu. fol.

Cato, wie er vor seinem Tode in Platon's Phaedon liest, gest. von E. F. Robert.

Urania und Apollo, gest. von J. F. de Mayr, gr. 8.

Polymnia und Erato, gest. von demselben, gr. 8.

L'agreable desordre, gest. von A. F. David, gr. fol.

La promesse du retour, gest. von demselben, gr. fol.

Ein ins Bad steigendes Mädchen, in Aquatinta von G. Welte 8

Was J. H. Tischbein jun. nach ihm gestochen, s. im Artikel desselben. . . . . . . . .

Nugler's Künstler-Lex. Bd. XVIII., . 83

Tischbein hat mehrere seiner Bilder in Kupfer geradirt, und auch in dieser Manier eine freie Hand bewiesen.

  1. Abraham Gotthold Kästner, Professor in Göttingen. In Kreide- manier, 41/2.

  2. Die Auferstehung Christi, nach dem Gemälde der St. Mi- chaelskirche in Hamburg. J. H. Tischbein pinxit. et sc. 1765 Gut geradirt, gr. fol.

  3. Thetis und Achilles. J. H. Tischbein p. et sc. 1757. Nach dem Bilde in Weissenstein, fol.

  4. Menelaus und Paris. Nach dem Bilde im Weissenstein. 1757 p. et sc. fol.;

  5. Venus und Cupido unter dem Zelte schlafend. J. H. Tisch- bein inv. et fecit, qu. 4.

  6. Amor beklagt sich bei der Venus über den Stich der Bienne. J. H. Tischbein inv. et fecit, qu. 4.

  7. Herkules bei Omphale spinnend, mit einem reichen landschaft- lichen Grunde. J. H. Tischbein inv. et f. Das Hauptblatt des Meisters, die erste Idee zum Bilde in der Gallerie zu Cassel und geistreich geradirt, gr. 4.

  8. Zephyr und Flora. Id. inv. et fecit, qu. 4.

  9. Die Hoffnung, sitzende Frau mit dem Anker in der Linken. Ohne Namen, aber dem Tischbein sen. beigelegt, gr. 8.

  10. Drei Frauen im Bade, zwei im Wasser, die dritte bereit das- selbe zu gehen. Im Grunde Landschaft. Tischbein inv. et fec. Aquatinti, 4.

Im ersten Drucke liest man: J. H. Tischbein inv.

  1. Zwei Mädchen im Garten am Monumente, wie sie sich den Kopf mit Blumen schmücken. Ohne Namen, qu. 4.

  2. Ein Hirt, welcher der Hirtin seine Liebe erklärt. Mit leich- tem landschaftlichen Grunde, J. H. Tischbein inv. et fecit, gr. 4

  3. Der unter dem Baume schlafende Hirt, wie ihn die Hirtin leise weckt. Id. inv. et f. qu. 4.