Tiberghien, Peter Soseph Jacob, Graveur und Goldschmid, geb. zu Menin in Flandern 1755, war mit grossem Talent be- gabt, welches aber längere Zeit sich selbst überlassen blieb. Er diente als Lehrjunge bei einem Silberarbeiter , und lieferte schon als solcher geschmackvolle Arbeiten. Später arbeitete er in der Ciselieranstalt des Goldarbeiters Nolf in Courtrai, der zugleich auch die Stelle eines Direktors der dortigen Akademie bekleidete. Dieser geschickte Mann gestattete seinem Gehülfen den Besuch der Aka- demie, wo er zeichnete und modellirte, was auf seine Kunstrich- tung den wohlthätigsten Einfluss hatte. Von Courtrai aus begab sich Tiberghien nach Antwerpen , um bei dem berühmten Gold- schmied Verbert in Condition zu treten. Er besuchte aber auch die Akademie, um die Architektur zu studieren und mit der Malerei vertraut zu werden. Nach sechsjähriger Thätigkeit liess er sich end- lich in Gent nieder, wo er den Ruf eines ausgezeichneten Künstlers gründete, ohne Paris und Italien gesehen zu haben. Zuerst beschäf- tigte ihn der Abt von Baudeloo. Man bewundert das schöne Gitter und die zwei grossen Vasen vor dem Chor der Abteikirche. Hierauf übertrug ihm der Herzog von Sachsen-Teschen mehrere Ciselierar- beiten, und auch viele andere Fürsten erwarben Werke in Silber und Gold von ihm. Tiberghien brachte diesen Zweig der Kunst-In- dustrie zu einer hohen Stufe, und er ist als derjenige zu betrachten, welcher den schlechten Geschmack der Zeit verbannte und den Sinn für die Leistungen der Renaissance erweckte. Die älteren italie- nischen Meister waren sein Vorbild. Zu den Hauptwerken Tiber- ghien's gehört aber eine Reihe von Medaillons, welche in Silber ge- arbeitet die wichtigsten Ereignisse der Stadt Gent in einem Zeit- raume von fünf und zwanzig Jahren darstellen. Sie zeichnen sich durch geistreiche Anordnung, durch Correktheit der Zeichnung, und durch grosse Eleganz in den Details aus. In Stahl geschnit- ten wären sie treffliche Matrizen für Medaillen. Das erfindungs- reiche Talent dieses Mannes trug auch öfter zur Verschönerung öffentlicher Feste bei, indem er Decorationen zeichnete und selbe anordnete. Im Jahre 1802 kam er auf den Entwurf eines Triumphal-Camins, welchen die Municipalität von Gent in einem Saale des Rathhauses zu errichten beschloss. Zu seinen letzten Arbeiten gehören vier Basreliefs, welche 1810 bei Gelegenheit der Ver- mählung Napoleon's einen Triumphbogen zierten. Diese schönen Compositionen erschienen bald darauf in Kupfer gestochen, da aber nur wenige Exemplare in das Publicum kamen, so liess sie L. de Bast für die Annales du Salon de Gand 1823 wieder ste- chen, wo sie p. 138 zu finden sind, zugleich mit einer Biogra- phie des Meisters, welcher 1810 starb. Er war einer der Direk- toren der alten Akademie. In der neu errichteten Kunstschule war er Direktor der Abtheilung für Gravirkunst. C. Normand stach sein Bildniss nach einer Zeichnung von L. de Bast, wel- cher als Schüler dieses Künstlers dadurch einen Beweis der Dank- barkeit aussprach.