Theophilus, Priester und Mönch

Theophilus, Priester und Mönch , auch Rugerus genannt, war ei- ner jener Männer des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts, welche in ihrer stillen Klostercelle der Kunst in ausgedehnter Weise ihr Leben weihten, und neben der Ausübung derselben namentlich im technischen Theile für damalige Zeit Bewunderungs- würdiges geleistet haben. Man weiss aber nicht, woher dieser Mönch stammt, und wo er gelebt hat. Aus seinem Werke, des- sen wir unten näher erwähnen, sollte man schließen, er habe die griechischen Kunstverhältnisse unmittelbar in Constantinopel erforscht, oder sei wenigstens in Venedig oder in Sicilien damals vertraut geworden. Er scheint mit der Feder in der Hand alle Werkstätten des Continents besucht zu haben. Er kennt die deutl-

Dieses Werk verdient vor drei anderen Schriften über Kunst- technik *) die besondere Aufmerksamkeit der Kunstforscher. Den Namen des Theophilus nennt zuerst Cor. Agrippa, De incert, et vanit. scientiarum, Antv. 1530. Cap. XC., er kennt aber nur das zweite Buch, jenes über die Glasmalerei , »de qua Theophilus qui- dam pulcherrimum librum conscripsit.« Josias Simmler, Epit. Bıb- lioth. C. Gesneri. Tiguri 1555, p. 173, gibt aber den Inhalt der Handschrift der Leipziger Bibliothek, welche in einem alten Klo- ster gefunden wurde, näher an: Theophili monachi hb. IIM Pri- mus de temperamentis colorum, Secundus de ratione vitri, Tertius de fusoria et metallica. Extant apud Georgium Agricolam in per- gamenis, et in Cella veteri monasterio, quae bibliotheca Lipsiam translata est. Dasselbe Manuscript erwähnt auch Joachim Fellner: Cat. cod. manuscript. biblioth. Paulinae in academia Lipsiensi p. 255, und in den Actis eruditorum 1600, p. 410, ist dasselbe genauer beschrieben, als eine der Seltenheiten der Paulinischen Bibliothek. Da lesen wir: Est autem isthoc libri initium: Theophilus humilis presbyter, servus servorum Dei, indignus nomine et professione

*) 1) Compositiones ad tingenda musiva, pelles etc. bei Mu- ratori,' Antiq. Italicae medii aevi. II. 2) Heraclius, de co- loribus et artibus Romanorum. Ed. Raspe. 3) Cennino Cen- nini, trattato della pittura (1437), Roma 1821.

(Alter der Oelmalerei S. 303, und Leiste (zur Geschichte und Li- teratur aus den Schätzen der Bibliothek zu Wolfenbüttel, IV. Vor- bericht, 5) setzten das Manuscript ins 13. oder 14. Jahrhundert.

Ein drittes Manuscript des Theophilus war 1706 in der Bib- liotheca Bigotiana V. 51, welches aber nur die 20 ersten Capitel des ersten Buches enthält. Es ist wahrscheinlich jenes Exemplar, welches jetzt im Cataloge der k. Bibliothek in Paris sub. Nr. 0741 als Codex chartaceus, olim Bigotianus angegeben und folgenden Inhalts ist: 1) Experimenta 118 de coloribus. 2) Theophili de omni scientia picturae artis. 3—5) andere Schriften. Die Handschrift scheint aus der Mitte des 15. Jahrhunderts zu stammen.

Lessing fand auf der Bibliothek in Wolfenbüttel jenes Ma- nuscript auf, welches nach Simmler 1555 Georg Agricola besass. Es gab ihm die Veranlassung zu seiner Abhandlung über das Alter der Oelmalerei, welche 1774 erschien, und im achten Bande seiner vermischten Schriften. Berlin 1791, wieder abgedruckt wurde. In dieser Abhandlung spricht er bekanntlich dem Jan van Eyck die Erfindung der Oelmalerei ab, weil schon Theophilus das Oel zur Malerei empfiehlt, und die Anweisung dazu gibt. Lessing wollte auch das Werk des Theophilus aus den Handschriften in Wolfen- büttel und Leipzig herausgeben, als ihn der Tod an seinem Un- ternehmen hinderte. Christian Leiste gab dann 1781 (Zur Gesch. u. Lit. aus den Schätzen der herz. Bibliothek in Wolfenbüttel IV. S. 289 — 424) Diversarum artium Schedula heraus. Während die- ser Zeit publicirte auch der Engländer E. Raspe einen Theil des Wer- kes von Theophilus nach einer Handschrift des 13. Jahrhunderts in der Bibliothek des Trinity-College in Cambridge, verfuhr, aber mit grosser Nachlässigkeit. Das Buch hat den Titel: A crı- tical essay on oil-painting, proving that the art of painting in oil was known before the pretended discovery of John and Hubert van Eyck; to which are added, Theophilus de arte pingendi, Era- clius de artibus Romanorum, and a review of Farinator's Lumen animae, by R. E. Raspe. London 1781, 4. Dieses Werk enthält die ersten 37 Capitel des zweiten Buches der Diversarum artium Schedula. Raspe fand auf der Universitäts- Bibliothek in Cam- bridge auch noch ein zweites Manuscript vor, welches das erste Buch enthält, bis auf die Capitel 33 — 37.

Manuscripte der Diversarum artium Schedula finden sich also folgende: 1 in Wolfenbüttel, 1 in Leipzig, 2 in Cambridge, 1 in Paris. Eine neuere Abschrift aus dem 17. Jahrhundert ist in der Bibliothek Nani (Morelli Cod. manusc. lat. Biblioth. Nanianae. Venet. 1776, p. 33), mit dem abweichenden Titel: Theophili mo- nachi, qui et Rugerus, libri tres, II. de Temperamentis colorum. III. de Arte vitriaria. IV. de Arte fusili. Morelli spricht auch von zwei Handschriften der kaiserlichen Bibliothek in Wien, die eine aus dem 12. Jahrhundert, aber unvollständig, die andere wahr- scheinlich Copie der Handschrift der Bibliotheca Naniana. Lam- padius weiss indessen nichts von solchen Codices, und auch spä- tere Bibliographen schweigen davon.

Die bisher publicirten Manuscripte sind jene des Trinity-Col-

lege in Cambridge, in Wolfenbüttel und Leipzig, keine dieser Ausgaben aber genügt vollkommen. Deswegen liess Graf Charles Escalopier von dem Manuscripte aus dem 13. Jahrhunderte auf der Universitäts - Bibliothek in Cambridge eine getreue Abschrift nehmen, und veranstaltete eine neue Ausgabe, welche mit kriti- schen Noten und mit den Varianten der anderen fünf Handschrif- ten versehen ist. Sie erschien unter dem Titel:

Theophili Presbyteri et Monachi libri II seu Di- versarum Artium Schedula. Opera et studio Ca- roli de L'Escalopier. Mit französischer Uebersetzun

des lateinischen Textes, Lutetiae Parisiorum MDCCCXLII. 4.

Ueber den Ursprung dieses Werkes, welches durch die biblio- graphischen Nomenclaturen des 16. Jahrhunderts bekannt ist, sind wir noch immer in Dunkelheit. Was Lessing (Alter der Oelmalerei, gesammelte Schriften, S. 304) und Leiste (Zur Gesch. u. Lit. VI. Vorbericht, 4.) über das Alter der Handschrift in Wolfenbüttel sagen, ist ohne Grund. Der erstere setzt den Codex ins elfte, und der andere ins zehnte Jahrhundert, gibt aber zuletzt die volle Un- sicherheit seiner Ansicht kund, indem er an anderer Stelle der Schrift den Wolfenbütteler Codex mit jenem in Leipzig in das selbe Jahrhundert setzt, d. h. ins 13. oder 14. Jahrhundert. Der Sprung ist zwar unüberlegt, das 13. Jahrhundert hat aber jeden- falls näheres Recht, als das 10. und 11. Jahrhundert.

Die Schriftsteller des 15. Jahrhunderts nennen das Werk gar nicht, oft aber erwähnt ein unbekannter römischer Compilator aus der Zeit des Papstes Johann XXII. (1316 — 1334) dieses Theophilus. Er sagt in seinem Werke, welches der Papst »Lumen animae« nannte, dass ihm neben anderen Handschriften aus einem deut- schen Kloster das Breviarium diversarum artium des Theophilus zugekommen sei, und 42mal verweist er auf die- sen Gewährsmann*). Ist nun aber das erwähnte Breviarium diver- sarum artium des Theophilus die Diversarum artium Schedula ? Sinnler bejaht es, Lessing, Raspe und Leiste verneinen; allein J. M. Guichard, Introduction zur Div. art. Schedula des Grafen L'Escalopier, fand bei der Vergleichung der betreffenden Stellen, dass das Breviarium die Schedula diversarum artium sei, und dass der Compilator nur nicht wörtlich excerpirte.

Wenn nun diess der Fall ist, so könnte das Werk spätestens gegen Ende des 13. Jahrhunderts abgefasst seyn; Guichard gibt aber auch zu, die Zeit der Entstehung ins 12. Jahrhundert zu setzen. Jedenfalls konnte Theophilus nur in der Periode des mäch- tigen Aufschwungs der Kunst geschrieben haben, wo alle Künste mit einander wetteiferten. Die Schrecken vor dem Ablauf des tau- sendjährigen Reiches waren verschwunden, ein neues Leben war erwacht, ein mächtiger Geist durchdrang die alte Welt, und ein tiefes religiöses Gefühl sprach sich in prachtvollen Tempeln aus. Er gab dem Maler, dem Mosaikarbeiter, dem Ciseleur, dem Giesser,

*) Der Carmeliter Mathias Farinator in Wien beförderte 1477 das Lumen animae zum Drucke, unter dem Titel: Liber moralitatum elegantissimus magnarum rerum naturalium, Lu- men animae dictus, cum septem appuritoribus, necnon sanc- torum doctorum orthodoxe fidei professorum, poetarum etiam ac oratorum auctoritatibus per modum pharetre secundum ordinem alphabetici collectis. Farinator wurde irrig für den Verfasser gehalten.

Wer gegenwärtig das Werk des Theophilus zum Gegenstande seines Studiums macht, findet in der Ausgabe der Diversarum ar- tium Schedula von Ch. de l'Escalopier genügende Hülfsmittel.