Theodoros und Rhökos waren ferner, wie oben bemerkt

Theodoros und Rhökos waren ferner, wie oben bemerkt, die Erfinder der Kunst des Erzgusses, auf welche sie, wie Plinius erfuhr, schon lange vor der Vertreibung der Bacchiaden aus Co- rinth kamen (sunt qui in Samo primos omnium plasticen inve- nisse Rhoecum et Theodorum tradunt multo ante Bacchiadas Co- rintho pulsos). Unter dem Worte »Plasticen« verstand man die Plastik, und somit müsste Theodoros und sein Vater der alten Zeit der Töpfer einverleibt werden; allein unter χλἀκτνikη muss der Erzguss, die Kunst in Formen zu giessen, verstanden wer- den, wie Welcker, Philostrati Imag. p. 196, nachgewiesen, und schon Thiersch bemerkt hat. Frühere Schriftsteller setzen die Er- findung des Erzgusses zu Anfang der Olympiaden, nach Pliniu fällt sie aber vor Ol. 20. 2., wo die Bacchiaden vertrieben wur- den. Wenn wir indessen den Athenagoras (Legat. pro Christ. 14 p. 60) befragen, so müsste Theodorus von Samos neben Dädal mit einem Theodorus von Milet die Erfindung des Erzgusses un der Kunst Bildsäulen darzustellen ( avöpıavtoxovnkov kat a xnv) theilen; allein wahrscheinlich ist nur durch Irrthum aus d Samier Theodorus ein Milesier entstanden. Mit Theodoros Er- findung des Erzgusses hängt auch die Verbesserung von Wer- zeugen oder die Erfindung neuer Instrumente zusammen. Plini nennt sie „Normam, libellam, tornum et clavem.« Von Guss- beiten des Künstlers erhielt Pausanias keine Kunde, Plinius 34 8. 10 erwähnt aber das eigenhändige Bildniss des Meisters, wel- ches in Praeneste war. Die Figur hielt in der Rechten eine Fe- der und in der Linken zwischen drei Fingern eine Quadriga, so klei n, dass eine Fliege mit den Flügeln den Wagenführer mit dem Wa- gen zugleich überdeckte. Plinius nennt den Meister ausdrückl: »Theodorus, qui labyrinthum fecit«, und setzt bei, dass er dies Bildniss zu Samos in Erz gegossen habe. Hirt, 1. c. 85, findet dı Feinheit der Arbeit ganz begreiflich, da er diesen Theodoros auch im Schnitte von Gemmen geübt hält; allein der Verfertiger des Siegelringes des Polycrates lebte, wie bemerkt, viel später. Auch der alte Theodoros von Samos wurde von Plinius wahrscheinlich nur aus Missverstand unter die Kleinkünstler gezählt. Solche Quadrigen von Eisen, die eine Fliege bedecken konnte, dan

Theodoros der ältere war auch Architekt. Er baute mit sei- nem Vater Rhoikos am Labyrinthe auf Lemnos. Dieses Gebäude hatte 150 Säulen, welche bei der Bearbeitung auf einer so günsti- gen Vorrichtung ruhten, dass sie ein Knabe drehen konnte. Pli- nius 36. 13. 10 nennt als Architekten der Reihe nach: Smilis, Rhoecus et Theodorüs indigena. Aus dem letzteren Worte müsste man glauben, dieser Theodoros sei ein Lemnier gewesen, allein der Irrthum erklärt sich aus der oben angezogenen Stelle: des Pli- nius. Dann war Theodorus auch einer der ersten Architekten: bei dem Bau des Tempels der Artemis in Ephesus, wozu nach dem Zeugnisse von Herodot, Livius, Plinius und Dionysius Krösus und andere Könige Kleinasiens beitrugen. Der alte Theodoros legte Ol. 45 die Fundamente und füllte alter Ueberlieferung nach den Sumpfboden mit Kohlen, worunter vielleicht ein Rost von ange- branntem Holze zu verstehen ist. Wie weit er den Bau führte ist nicht bekannt; man weiss aber, dass Chersiphron noch unter Krösus die 60 Fuss hohen jonischen Säulen aufgestellt habe, Sein Sohn Metagenes legte die Architrave darüber, ein anderer Archi- tekt vergrösserte den Tempel, und Demetrios und Paeonios von Ephesus führten ihn etwa Ol. 90-100 zu Ende. Der Bau erhob sich auf 10 Stufen in einer Länge von 425 F. und einer Breite von 220 F., Octastylos, dipteros, diastylos, hypaethros. Bei der An- lage hatte Theodoros Theil, und vielleicht war auch der alte Plan von ihm gefertigt. Er musste damals als ein berühmter Baukünst- ler gelten, dessen Name sich nicht allein an den Bau des Laby- rinths in Lemnos knüpfte, sondern auch an jenen des Heräon in Samos. Er stand da um Ol. 40 seinem Vater Rhökus zur Seite, wie wir im Artikel desselben bemerkt haben. Pausanias, Lacon. IIl. 8., nennt ihn der Sage nach auch den Erbauer der kuppelförmigen Skias in Sparta, in welcher noch zur Zeit dieses Reisenden Volks- versammlungen gehalten wurden. Die Zeit der Entstehung dieses Gebäudes nennt er nicht. O. Müller bringt es aber mit dem Schatzhause des Sikyonischen Tyrannen Myron zu Olympia in Verbindung. Dieser Thesaurus wurde bald nach Ol. 33. gebaut, in der Zeit der Anfänge der jonischen Architektur. Der eine der Thalamoi in demselben war dorisch, der andere jonisch gebaut.

Ferner wurde einem alten Theodoros oder dem Philon, di Nı zoindıs zugeschrieben, welche nach einem Fragment bei Pol- lux X. 52. 188 (vgl. Hemsterhuis) eine allgemeine Unterweisung im Tempelbaue enthielt. Vitruvius, Praef. VIL. 12. Schreibt diesem Theodoros, oder vielleicht nur irgend einem späteren Künstler oder Kunstverständigen dieses Namens, auch ein Werk über den Tempel der Juno (Heräon) in Samos zu: (Edidit volumen de aede Junionis quae est Sami dorica, Theoderus); Auf diese Stelle hin nahm man an (O. Müller, S. 34; Kugler, Handbuch S. 188), dass das Heräon ein Bau des altthümlichen dorischen Styls ge- wesen sei, womit aber die gegenwärtigen Reste des Tempels (Jo- nian Antig. L. 1 ch. 5, Bedford bei Leake, Asia min, p. 348) nicht übereinstimmen. Sie zeigen die Formen der jonischen Architek- tur in hochaltthümlicher Gestaltung, welche gegen Vitruvius sprechen. Man glaubte daher, dass der Tempel zur Zeit des Po- lykrates, der mehrere bedeutende architektonische Unternehmun- gen auf Samos ausführte, neu gebaut wurde. Allein Herodot II. 148. III. 60, welcher diesen Tempel für den grössten erklärte, den

  • möge ebenfalls Theodoros geheissen haben, welcher mit unserm

Ihrer kannte, weiss nichts von einem Neubau, und Thiersch (in sei- ner Abh; über hellenisch bemalte Vasen in den Abhandlungen der k. bayr. Akademie IV. München 1844, S. 12), sagt daher, dass Theodorus über einen dorischen Tempel der Hera auf Samos nicht habe schreiben können, weil es weder dort, noch überhaupt in Jonien einen solchen gegeben habe. Nach seiner Ansicht be-

tektur gleich vom Anfang aufhebende Behauptung von einem do- rischen Juno-Tempel auf der falschen Leseart des Vitruvius do- rica statt ionica. Damit ist aber nicht gesagt, dass auch kein Werk über das Heräon vorhanden gewesen, Vitruvius mag darüber gegründete Nachricht gehabt haben, immerhin aber bleibt die Vermuthung, dass dieses Werk später entstanden sei. Der Verfasser

Künstler für Eine Person dürfte gehalten worden seyn, weil er mit seinem Vater Rhökus am Baue thätig war. Hirt (Gesch. d. b. R S. 86) ist seiner Sache gar zu gewiss, wenn er behauptet, Rhö- kus habe den Tempel gebaut, und sein Sohn Theodorus ihn be- schrieben, unbeachtet der scharfsinnigen Einwürfe Thiersch's (Epo- chen, 2. Aufl, S. 180.) Hirt (Amalthea I, 4.) meint, das Buch habe über die dorischen Verhältnisse des Tempels gehandelt, es sei also ein rein architektonisches, und in der Absicht geschrieben gewe- sen, die Lehre, nach welcher das Gebäude aufgeführt war, gel- tend zu machen und zu empfehlen, und diess könnte nur von Theodoros dem Sohne des Rhökos geschehen seyn, da nach seiner Ansicht kein späterer Künstler über die dorischen Verhältnisse ei- nes Tempels geschrieben haben dürfte, welche der früheren Zeit gemäss noch sehr schwerfällig aussehen müssten. Allein Hirt be- achtet nicht, dass zur Zeit des Polycrates, in welche er seinen Theodorus setzt, diess keineswegs der Fall war, abgesehen davon, dass die Reste einen Bau altjonischer Art beurkunden. Der Ruhm dieses grössten aller Tempel, wie Herodot ihn nennt, da zur Zeit dieses Geschichtsschreibers des Artemision seine volle Ausdehnung noch nicht erreicht zu haben scheint, könnte immerhin auch einen Späteren angereizt haben, den Tempel zum Gegenstand antiqui- tätischer Untersuchungen zu wählen, in denen die Geschichte sei- ner Erbauung und seine Architektur einen Hauptabschnitt bilde- ten, wie Thiersch der unhaltbaren Hypothese Hirt's gegenüber vermuthet.

Theodoros der Sohn des Telekles von Samos, gab schon in oben- stehendem Artikel einen Grund zur historischen Untersuchung, da er mit dem Sohne des Rhökus verwechselt wurde, der um mehr denn fünf Menschenalter älter ist als der Sohn des Telekles. Letzterer ist auch noch wieder von dem Bruder des alten Theodoros zu unter- scheiden.

Theodoros der jüngere war Metallarbeiter und von ihm ist wahrscheinlich das Bildniss mit der Quadriga, welche eine Fliege mit ihren Flügeln bedecken konnte, dessen wir im obigen Artikel erwähnt haben, da es dem älteren Theodoros zugeschrieben wurde. Der jüngere Theodoros arbeitete zwischen Ol. 55 und 58. für Polykrates und Polycrates. Er goss für den ersteren einen grossen silbernen Mischkrug für den delphischen Gott, nach Herodot I, 42 ein Werk von eigenthümlicher Schönheit, welche Pausa- nias den Arbeiten des Rhökus und des älteren Theodorus abspricht, die indessen nicht zu den Kleinmeistern gehörten, sondern als Architekten und Bildner in Erz und Eisen zu betrachten sind.

Dieser Mischkrug wurde Ol. 58. 1. (548 v. Chr.) geweiht. Ein gol-

dener Mischkrug war im Palaste der persischen Könige, welchen Charis aus Mitilene bei Athenäus XII 54. f. ein Werk des Theo- dor von Samos nennt, worunter ebenfalls unser Künstler zu verstehen sein dürfte, nicht der alte Theodoros, der Sohn des Rhökos. Dann fertigte Theodoros auch den Siegelring des Polykrates, wel- cher dem Tyrannen so wohl gefiel, dass er ihn beständig trug. Ob der Stein geschnitten gewesen, ist zweifelhaft. Nach Plinius war der Stein ein Sardonix, den man noch spät in Rom sah. Livia, die Gemahlin des Augustus, liess ihn in ein goldenes Horn fassen, und weihte ihn im Tempel der Concordia. Dass in diesem Stein ein Siegel oder eine Figur geschnitten sei, sagt weder Plinius, noch Herodot; sie sprechen nur von einer Fassung in Gold, die vermutlich schön gearbeitet war. Pausanias scheint von einem Siegel in Stein Kunde gehabt zu haben. Auch Strabo und Cle- mens Protr. deuten auf einen geschnittenen Stein. Neuere Ar- chäologen, wie O. Müller, S. 77. 2, wollen dem Theodorus nur die Fassung zueignen. Es gab im Alterthum eigene Siegelschnei- der, die auch andere Steine in Ringe schnitten; Theodoros wird aber nur Arbeiter in Metall genannt. Polykrates starb Ol. 64. 3, zu einer Zeit, wo Theodoros wahrscheinlich schon lange nicht mehr lebte.