Tenerani, Pietro Cav., Bildhauer von Torano bei Carrara , be- gann seine höheren Studien in Rom unter Canova's Leitung, und hatte bereits ein ausgezeichnetes Talent entwickelt, als er sich an Thorwaldsen anschloss, der in ihm einen Gehülfen zählte, wel- cher selbst hohe Meisterschaft errungen hatte. Er führte mehrere berühmte Werke desselben ins Grosse aus, sowie denn überhaupt Thorwaldsen zu vielen nur die Skizzen und kleinen Modelle machte, nach welchen dann seine Schüler und Gehülfen die wei- teren Arbeiten begannen. Unter letzteren steht Tenerani als Len- ker und Meister oben an, stand aber nie in dem Verhältnisse, dass sein Ruhm in jenem des geistvollen Thorwaldsen aufging. Als kräf- tiges Talent und durchdrungen von dem Geiste der Antike, welcher seinen Meister beseelte, steht er von jeher selbstschö- pferisch da, und lieferte Werke, die an Schönheit und Tiefe jenen Thorwaldsen's nicht nachstehen. Tenerani erscheint diesem Meister gegenüber an der Spitze der italienischen Künstler, wel- che, zum Theil noch unter Canova's, zum Theil unter Thor- waldsen's Einfluss, die Bildhauerei auf eine Höhe gebracht, wel- che sie seit langer Zeit nicht zu erreichen im Stand war. Seit Thorwaldsen's Tod hat Tenerani in Rom keinen Nebenbuhler mehr. In seinem Atelier herrscht seit Jahren grosse Thätigkeit, da er nicht allein auf die Kunstliebe der Fremden angewiesen ist, sondern von seinem eigenen Vaterlande Aufmunterung und Unterstützung fand. Er ist auch Professor der Sculptur an der Aka demie von S. Luca, sowie Mitglied mehrerer auswärtigen Aka- demien. Im Jahre 1840 überschickte ihm das französische In- stitut das Ehrendiplom, die Akademien in Wien, Berlin, Mün- chen u. s. w. folgten nach. Im Jahre 1842 gab ihm König Lud- wig von Bayern das Ritterkreuz des Ordens vom heil. Michael, und auch italienische Fürsten zierten seine Brust. Eine Zierde des ausgezeichneten Meisters ist auch die ihm eigenthümliche Liebens- würdigkeit und seine Bescheidenheit, die jedes wahre Verdienst anzuerkennen.
Tenerani's Werke sind zahlreich und mannigfaltig, da er sich mit gleicher Kunst auf dem Gebiete der Mythe, wie auf jenem der christlichen Kunst bewegt. Eines der frühesten Werke, wel- ches ihn bereits als würdigen Nachfolger Thorwaldsen's bezeugt, ist das liebliche Bild der Psyche mit Pandora's Büchse 4810. Diese Statue, eines der anmuthigsten Werke der neueren italieni- schen Sculptur, ist im Palaste Lenzoni zu Florenz, und Eigen- thum der Donna Carlotta Lenzoni Medici. Der geistreiche Giordani hat es auf poetische Weise beschrieben. In der Antologia di Fi-
Rezens 3826 ist das Bild von Zignani gestochen. Um diese Zeit fertigte er auch eine Gruppe, welche Psyche und Venus vorstellt, ; und 3827 eine liegende Venus, welcher Amor den Dorn aus dem Fusse zieht, letztere im Museum des Fürsten von Esterhazy, ein liebliches Bildwerk in carrarischem Marmor. Dieselbe Darstellung, sehr fleißig in Marmor ausgeführt, ist auch in der Sammlung zu Chatsworth. Gleichzeitig ist ein schönes Bild aus dem Bacchischen Kreise, ein junger Faun, der die Flöte bläst. Im Jahre 1823 fand ein Christus am Kreuze allgemeinen Beifall, eine lebensgroße aus- drucksvolle Gestalt, welche nachmals von Giovacchino Belli als Geschenk des Herzogszugs Ferdinando III für die Kirche des mi- litärischen Ordens S. Stetano zu Pisa in Silber getrieben wurde, und daselbst aufgestellt ist.
Inzwischen arbeitete Tenerani im Atelier Thorwaldsen's an Werken dieses Meisters. Sein Werk sind neben anderen die Ge- nien des Todes und der Unsterblichkeit, so wie die Muse der Ge- schichte am Monumente des Herzogs Eugen von Leuchtenberg in der St. Michaelskirche zu München, ausgezeichnet schöne Gestal- ten von feinstem Ebenmaße. Ein anderes Grabdenkmal von Te- nerani, welches 1830 die Sieneser setzen ließen, ist jenes des Gou- verneurs Giulio Blachini von Siena. Im Jahre 1834 wurden ihm zwei colossale Statuen zur Ausführung übertragen, wovon jene des Evangelisten Johannes 1839 in S. Gracisco di Paolo zu Nea- pel, und die des heil. Ignatius als Geschenk der Redemptoristen in der Basilica Vaticana zu Rom aufgestellt wurde. Im Jahre 1839 führte er für die Basilica des heil. Paulus daselbst die Statue des heilig. Benedikt in Marmor aus. Der Heilige ist ebenfalls in colos- salen Verhältnissen und sitzend dargestellt. Im Jahre 1842 voll- endete er eine Statue des heil. Bernhard, deren Standort uns unbe- kannt ist. In Messina ist ein großes monumentales Werk in Erz, wozu Tenerani 1841 das Modell vollendete. Es ist dies die co- lossale Statue des Königs Ferdinand II. von Neapel, welche in der k. Erzgiesserei zu München gegossen, und 1845 aufgestellt wurde. Ein zweites Werk dieser Art ist die Statue Bolivar's, welche 1843 zum Gusse nach München geschickt wurde, welchen Inspektor Müller leitete. Diese Statue wurde in Columbia aufgestellt. In dem- selben Jahre fertigte er auch eine lebensgroße Statue der Gross- fürstin von Leuchtenberg, welche nach St. Petersburg kam, wo auch Tenerani's Statue des Grafen von Orloff sich befindet, wel- cher sitzend dargestellt ist.
Diese monumentalen Arbeiten nahmen aber die Zeit des Künst- lers nicht allein in Anspruch, er fertigte inzwischen auch viele andere Bildwerke, unter welche wir vornehmlich zwei Werke christ- licher Richtung nennen, da sie zu den herrlichsten Erzeugnissen Tenerani's gehören. Das eine dieser Werke ist ein großes Mar- morbild der Kreuzabnahme in der Capelle Torlonia im Late- ran, 1842 vollendet, und das andere dient als Grabmal der Her- zogin Lante in St. Maria sopra Minerva zu Rom. Der Bote des Weltgerichtes sitzt mit der Posaune auf dem Schoosse und haar- rend des Momentes. Das Antlitz ist voll grossartiger Schönheit, Ruhe und Wehmuth zugleich sind ausgegossen über die Majestät dieser Züge. In langen Locken wallt das Haar um die Stirne und fällt gerade über Nacken und Schulter. Im Kunstblatt 1843 Nr. 73 lesen wir, es gebe keine edlere Gestalt, keine wahrere Dar- stellung des Gegenstandes, und Tenerani habe kein schöneres Werk geschaffen. Im Palaste Torlonia sind mehrere mythologi- sche Figuren von ihm. Dieses Gebäude ist reich an plastischen
Schmuckwerken, worunter jene vor Tenerani und Troschel zu den schönsten gehören. Uebrigens sind eine Menge von Wer- ken dieses Künstlers in den Händen fremder und einheimischer Privatpersonen, darunter auch meisterhafte Büsten. Unter letzte- ren nennen wir jene des Herzogs von Bordeaux 1840, des Cardi- nals Rivarola; in der Sakristei von St. Maria degli Angeli zu As- sisi 1841, des berühmten Meisters Thorwaldsen, ein Denkmal der Pietät Teneranis in der Akademie von St. Luca, und besonders die des Papstes Pius IX., welche in Marmor ausgeführt, in zahl- reichen Abgüssen vorhanden ist. Von seinen Werken mytholo- gischer Richtung sind viele in Wiederholungen zu finden, wie seine Psyche und die liegende Venus mit Amor. Letztere führte er 1842 zum dritten Male in Marmor aus, und 1840 bestellte sie der Kaiser von Russland aufs neue;