Syrlin, oder Sürlin, der Name einer berühmten Künstlerfamilie zu Ulm, die im 15. Jahrhunderte, und noch in den beiden ersten Decennien des folgenden sich auszeichnete. Der älteste dieses Na- mens, Georg Syrlin, war 1413 Zimmermann in Söflingen , und liess sich später, in Ulm nieder, wo er noch 1430 in den Bürger- Büchern vorkommt. Im Jahre 1442 erscheint ein Ludwig Syr- lin, und 1447 ein Hans Syrlin. Derjenige Meister aber, wel- cher der Ulmerschule den höchsten Ruhm bereitete, ist Jörg Syr- lin der Ältere, an welchen sich der Jüngere mit gleichem Lobe reiht. Jörg Syrlin sen. tritt 1468 im Bürgerbuche als Schrei- ner und Bildhauer auf, war aber schon früher thätig. Der Jün- gere kommt von 1484—1512 als Meister vor, und lebte vielleicht noch 1517; denn unter diesem Jahre erscheint in einer Hütten- rechnung noch ein Jürg Syrlin. Auch unser Leonhard Syrlin könnte zu dieser Familie gehören. Ueber diese Meister und ihre Leistun- gen gibt besonders folgendes Werk Aufschluss: Ulm's Kunstleben im Mittelalter von C. v. Grüneisen und E. Mauch, Ulm 1840. Zum Gegenstande der mittelalterlichen Kunst machen es sich auch die Verhandlungen des Vereins für Kunst und Alterthum in Ulm und Oberschwaben 1—4. Ulm 1843—46. Von besonderer Wich- tigkeit sind die Beiträge zur Architektur und Ornamentik des Mit- telalters aus dem Münster in Ulm von Eduard Mauch, welchem wir genaue Forschungen über die Werke der beiden Syrlin ver- danken. Er hat sie grösstentheils auch gezeichnet, und ein beson- deres Augenmerk auf die eingeschnittenen Namen gerichtet, aus deren Charakteren sich mit vieler Sicherheit auf die Echtheit schliessen lässt. Auch Heideloff weist in seiner Ornamentik des Mittelalters auf die Werke der beiden Syrlin hin, Heft 1—4. Nürnberg 1843. gr. 4.
Das älteste bekannte Werk des Jörg Syrlin sen., oder wenig- stens eines Syrlin, ist ein 4 F. 8½ Z. hohes Singpult von Eichen- holz, welches 1844 der Werkmeister Heuss in Göppingen dem Vereine in Ulm überschickte. Der Stamm des Ständers ist ge- flechtartig verziert, und ruht auf einem Fusse, welcher in vier durchbrochenen Armen ausspringt. Den eigentlichen Untersatz des Pultes bilden die vier Evangelisten, runde Gestalten in alter symbolischer Weise. Der eingeschnitzte Name Syrlin und die Jahr- zahl 1458 besagt den Meister und die Zeit der Entstehung. Der Bauinspektor Fr. Thrän hat dieses Pult perspectivisch gezeichnet, und Federer für den zweiten Vereinsbericht es lithographirt. Ein beglaubigtes Werk des älteren Syrlin sind die grossen Stühle im Chore und am Rücken des Kreuzaltares im Münster zu Ulm. Die letzteren sind die frühesten Arbeiten dieser Art, und von be- sonderer Schönheit, besonders in den Arabesken. Oben erscheint der Heiland als Richter mit dem Schwerte, unter ihm in den acht Giebelfeldern sind Brustbilder von Heiligen, und am Pulte zwei Sibyllen. Dann schnitt der Meister auch Jahrzahl und Namen ein: 1468. Jürg Syrlin. In Ulm's Kunstleben S. 72 ist eine Abbildung im Stahlstich. Die Stühle des Chores fertigte der Künstler von 1460—1474 aus Eichenholz, den Stuhl zu 13 rheinischen Gulden. An der Nordseite sind 46, und an der Südseite 43 Sitze je in doppelter Reihe. Die vordere Reihe hat
geführt haben. Dieser ruht unter einem von drei Säulen getragenen Baldachin auf vier Löwen, über welchen die Brustbilder von acht Propheten mit Wappen angebracht sind. Ein sicheres Werk dieses Meisters, und das einzige in Stein, ist aber der Brunnen auf dem Markte in Ulm, welcher 1841 unter Leitung des Architekten Thrän restauriert wurde. In Mitte des Kastens erhebt sich ein dreiseitiger Aufbau mit drei Nischen und einer Figur in jeder derselben. Diese Figuren stehen in einer Höhe von 8 F., und darüber erhebt sich ein zierlicher Baldachin, aus welchem in schlanker Verjüngung ein gewundener Aufbau mit Blumen und Blättern zu einer Höhe von 27 F. emporsteigt. Die Ritterfiguren in den Nischen sind von Sandstein, vortrefflich gedacht und ausgeführt. Das eingehauene Monogramm mit dem Namen: Jörg Syrlin 1482, macht den Meister unzweifelhaft. Von dem älteren Syrlin, nicht von Jörg dem Söhnlein, könnten auch im Kloster Lorch jene Werke gewesen seyn, deren in einer Handschrift des Klosters erwähnt wird, und wovon E. Mauch (Zur Architektur und Ornamentik etc.) Kunde erhielt. In dieser Pergamenthandschrift steht: »1481 ist gemacht worden die Tafel vff den Fronaltar von Meister Jerg Steinhawer zu Ulm, vmb 250 Gulden vnd 3 Fuder Wein etc.« Ferner steht in dem angehängten Necrologium: Obiit Jörg de Ulma, der die Tafel vff den Fronaltar hat gemacht, vnd, darnach pro remedio anime suae vnd seiner Hausfrawen das Crucifix in dem Capitel bey dem Stul des Abts umsonst.« Das Todesjahr ist nicht angegeben, es kann sich aber das »Obiit« nicht auf Syrlin jun. beziehen, wenn die Handschrift, wie angegeben, gegen Ende des 15. Jahrhunderts gefertigt wurde. Tafel und Crucifix soll 1525 mit der Kirche zerstört worden seyn.
Mit dem Jahre 1482 oder 1484 schliesst sich nach dem damaligen Standpunkt der Forschung die Thätigkeit des älteren Syrlin, es mag aber im Privatbesitze noch manches Werk des einen oder des andern Syrlin vorhanden seyn. So besitzt Decan Dr. Dursch in Wurmlingen neben vielen anderen Werken mittelalterlicher Schnitzerei eine Kreuzigung in beinahe halb lebensgrossen Figuren, welche zu dem Trefflichsten gehören dürften, was dieser Meister geschaffen hat, und dessen Erhaltung bis auf den reichen Farbenschmuck nichts zu wünschen übrig lässt. Professor E. Mauch in Ulm besitzt zwei Büsten in halber Lebensgrösse, welche ohne Zweifel von einem Syrlin nach dem Leben in Holz geschnitzt sind. Die eingeschnittene Schrift bezeichnet eine als: Simon von Waldeck, die andere als: Anna von Witzleben. Am Rücken sind ihre Wappenschilder angesetzt. Die Thätigkeit des Vereines von Ulm und Oberschwaben lässt noch manchen Zuwachs hoffen.
- Das Todesjahr des älteren Jörg Syrlin ist unbekannt, es geht aber die Sage, dass er unzufrieden mit dem Rathe von Ulm, der ihm das erbetene Leibgeding abschlug, nach Wien gegangen und dort, oder kurz nach der Rückkehr in die Heimath, im Elend gestorben sei. Nach einer vielverbreiteten Annahme fertigte aber Syrlin in Wien die alten Chorstühle in der St. Stephanskirche, denn am Buche einer Mönchsstatue ist das Monogramm J. S. eingeschnitten. Sie breiten sich zu beiden Seiten der mittleren Pfeiler aus, und jede Seite enthält 20 Vorder- und 23 Rücksitze. Jeder Sitz ist von dem anderen durch eine reich verzierte Säule, auf der immer eine Heiligenstatue unter einem durchbrochenen Dächlein steht, getrennt. Die Lehnen theilen sich in drei Felder, in welchen dem Sitzenden zunächst Halbrundbogen mit Laubverzierungen, dann über diesen viereckige Tafeln mit halb erhobenen
Darstellungen der Leidensgeschichte, und ganz oben fensterähnliche Oeffnungen mit Spitzbogen angebracht sind. Ueberall herrscht die sinnreichste und geschmackvollste Mannigfaltigkeit. Dass Syr- lin diese Arbeiten geliefert habe, vermuthete man auch aus Ähnlichkeit mit den Chorstühlen im Münster zu Ulm, allein nach jüngst aufgefundenen Akten der Stadt Wien von 1484 nennt sich der Meister: »Wilhalm Rollinger pildsniczer.« Es war ja ohnehin auffallend, dass Syrlin nach Vollendung dieser Arbeit verlustlos im Spital zu Wien gestorben sei. Auch das Vaterland wird den Künstler nicht undankbar von sich gewiesen haben, und wenn er je im Spitale gestorben ist, so kann dasselb nicht gerade in Folge der Armuth geschehen seyn, indem zu jener Zeit mehrere be mittelte Männer das Leben in Ruhe in einem Hospitale beschlossen, Das Elend des Vaters würde auch den Sohn anklagen. — Sein Bildniß auf einem der Chorstühle im Münster zu Ulm ist in dem oben genannten Kupferwerke von E. Mauch gestochen. Auch in der Umfassung des Titelblattes von Ulims Kunstleben etc. ist es gestochen. Sein Monogramm befindet sich ebenfalls auf diesem Titelblatte.
Der jüngere Jörg Sürlin tritt mit dem Jahre 1484 urkund- lich auf den Schauplatz, und er behauptet sich mit gleicher Kunst- vortrefflichkeit, wie der Vater. Auffallend ist die Orthographie des Namens, da er immer, mit dem y seinen Namen einschnitt, der Vater aber fast immer des u sich bediente. Zur Linken des Choraltars im Münster zu Ulm soll ein dreifacher Stuhl gestan- den haben, an welchem eingeschnitten war: Georgii Sürlin junioris opus completum 1484. Später übernahm der Künst- ler für die RKlosterkirche in Blaubeuern mehrere Arbeiten, worin er sich auf eine eigenthümliche Weise auszeichnet, sowie über- haupt die beiden Syrlin in ihrer Art als einzig dastehen. Er fer- tigte die reich verzierten Chorstühle, laut Inschrift: Anno Domini 1403 elaborata sunt subsellia a Georgio Sürlin de Ulma hujus ar- tis peritissimo. Wie Syrlin sen. am Gestühle im Dome zu Ulm, so brachte auch der jüngere Sürlin hier sein Bildniß an. Daselbst ist auch ein berühmter Altar von 1406, welcher als Werk dieses Meisters erklärt wird, Am Fusse des Altarschreines befinden sich in prächtigen Nischen die lebensgrossen Brustbilder der Apostel mit Christus in der Mitte, zur Seite die Pfalzgrafen von Tübin- gen als Wappenhalter. Ueber diesen in Mitte des Altares, steht Maria von Engeln gekrönt, in Lebensgrösse mit dem Kinde auf dem Arme, welches einen Apfel hält. Rechts vor Maria steht Jo- hannes der Täufer mit Buch und Lamm, und neben ihm erscheint S. Benedikt mit Buch und Krummstab. Gegenüber steht die heil. Scholastica, St. Benedikt's Schwester, mit der Taube auf dem Bu- che. Alle diese Figuren sind bemalt und vergoldet, sowie auch die Nischen reich vergoldet und damascirt sind. An den sechs Lesenen, welche das Ganze in fünf Abtheilungen durchschneiden, fehlen am Altare zehn herrliche Figuren, welche entwendet wor- den sind. Auf dem rechten Altarflügel sieht man in halberho- bener Arbeit die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem, und oben an einer schmalen Verlängerung des Flügels erscheint der Meister Sürlin mit dem Rosenkranze auf einem Kissen knieend. Der zweite Flügel, zur Rechten des Beschauers, enthält die Weisen aus dem Morgenlande, welche das Kind anbeten. Oben auf der Erhöhung ist das Portrait des Bischofs Otto von Constanz, Die Malereien sind von B. Zeitblom und M. Schaffner. Diesen prächtigen Altar haben in neuester Zeit Carl und Manfred Hei- deloff gezeichnet, und Friedrich Wagner und Philipp Walther den
selbst gestochen*) Die Erklärung ist von Reis und C, Heideloff, gr. 8. Auf dem grossen Blatte erscheint der Altar ergänzt. Es sind die Figuren der Lesenen von Heidelöff componirt,
Werke dieses Meisters dürften nach Eduard Mauch (Verhand- lungen des Vereines für Kunst und Alterthum in Ulm II. S. 19) auch die 7 grossen Hochreliefs seyn, welche unter dem Porticus der Kirche in Oberdischingen eingesetzt sind, Sie kamen der Sage nach 1810 aus Blaubeuern dorthin, zur Zeit als man die ge- nannte Kirche baute, Damals wurde die Klosterkirche zu Blau- beuern in einen Fruchtkasten umgewandelt, und somit ist es sehr wahrscheinlich, dass sie von da entnommen, und Werke Syrlins oder seiner Schule sind, da der Meister für jenes Klo- ster viele Arbeiten geliefert hat. Die erste dieser Tafeln zeigt Christus am Oelberge, die zweite und dritte die Kreuztragung und Verspottung, und weiter sieht man einen Christus am Kreuze zwischen den Schächern, die Himmelfahrt, die Grablegung und die Auferstehung dargestellt. Die Figuren mögen 3 Längelsgrösse haben, Diese reichen Darstellungen sind von edler Anordnung, und in den Bewegungen der Figuren herrscht Würde und Ruhe, Die Köpfe sind voll Ausdruck, und in einigen Darstellungen, wie in der Kreuztragung und Grablegung, sind auch die nackten Theile richtig und flüssig behandelt. Der Faltenwurf ist noch nicht so eckig und knitterig, wie diess in späteren Arbeiten be-
merkt wird, so dass diese Sculpturen zu den schönsten des Mit- telalters gehören.
Im Jahre 1505 schnitzte Sürlin drei Stühle für die Neidhart'sche Capelle im Münster zu Ulm, welche noch vorhanden sind. Hie- rauf schnitzte er das Chorgestühl zu Ennetach im Oberschwa- ben, welches zwar nicht so reich an Bildwerken ist, wie jenes im Münster, aber doch zu den vorzüglichsten Werken des Mei- sters gehört. Die sogenannten Levitenstühle links am Hochaltare sind laut Inschrift 1506, und die zwei grossen Sitzreihen links und rechts des Chores 1506 gefertigt. Im vierten Hefte des Ver- eins in Ulm S. 20 u. 42 wird auf dieses Werk hingewiesen und da- bei das Bedauern ausgedrückt, dass die Sitze in jüngster Zeit weiss ausgestrichen wurden. Mit dem Namen des Meisters und der Jahrzahl 1510 bezeichnet ist ferner der aus Lindenholz geschnitzte Kanzeldeckel im Münster zu Ulm, und 1512 schnitzte er das mit den Bildern der Propheten gezierte Chorgestühl in der Kirche zu Geislingen, welches leider verdorben ist. Die Chorstühle von Ochsenhausen sollen gleichfalls 1514 von Sürlin gefertigt seyn. Ausser diesen Werken nennt die Geschichte noch einen Altar bei den Wengen in Ulm, und einen anderen in der Kirche zu Zwie- falten. Auch die in Holz geschnitzten Reliefs, welche aus dem
Armenhause zu Tigerfeld in die Kunstschule zu Stuttgart gebracht
wurden, hält E. Mauch für Werke dieses Meisters, so wie den Weihwasserkessel im Münster, welcher nach Ergebniss der Akten 1507 von den Meistern Lienhart Aeltlin und Bernhard Winkler an der Säule neben der Sakristei angebracht wurde. Das Blatt VII, bei E. Mauch gibt den Aufriss und zweierlei Querschnitte. Aus dem
achteckigen, mit Laubwerk verzierten Kiessel steigt die 70 F. hohe Säule empor. ;
*) Der Stich ist 26 Zoll hoch, und 16 Z. breit. Ein gemalter Abdruck auf Pergament kostet 50 Gulden, ein schwarzer Druck vor der Schrift 10 Gulden 30 Kreuzer.
Sylpensa: ein Geistlicher, war nach der Angabe im Compendium hist. von Cedrenus, Paris 1657, Hofmaler des Kaisers Athanasius, für welchen er Bilder ausführen musste, deren Inhalt seinem Stande Unehre machte. Er zog sich desswegen den Hass des Volkes zu,