Seine Leichtigkeit in Behandlung des Thons war ausserordentlich, so dass man unter seiner Hand das Bild in üppigster Fülle wuchern sah. Hatte er einmal eine Idee gefasst

Seine Leichtigkeit in Behandlung des Thons war ausserordentlich, so dass man unter seiner Hand das Bild in üppigster Fülle wuchern sah. Hatte er einmal eine Idee gefasst, so musste sie die rohe Masse in einem Zuge versinnlichen, und wenn er plötzlich Abweichungen von der von ihm entworfenen Skizze vornahm, so geschah diess nicht selten mit einer Eile, die im ersten Augenblick vermuthen liess, dass er Willens sei, sein Werk zu vernichten. Im nächsten aber zeigte sich, wie die rohe Masse, ihm untergeben, der leichtesten Bewegung seiner kunstgeübten Hand gehorchte. Die wunderbare Schärfe und Sicherheit seines Auges erkannte auch schon in der Ferne die Fehler eines Schülers, der mit der vorbereitenden Ausführung eines Werkes beschäftigt war. Augenblicklich verbesserte er das Fehlerhafte und nahm das Ueberflüssige hinweg. Die von einem jungen Künstler mühselig ausge-

*) Testament und Codicill in Uebersetzung s. Kunstblatt 1844, Nr., 78. ;

gearbeitet, und mit wenigen Zügen waren die richtigen Formen angegeben. In Marmor arbeitete er selten ein Werk ganz aus; von anderen in Marmor vorbereitet standen seine Werke oft meh- rere Monate im Studio, bis er durch einen oder den andern Grund veranlasst, zur vollendeten Besicelung seine Meisterhand anlegte. Es entstand daher die Sage, dass er selbst nur in Thon modelli- ren, aber nicht in Marmor arbeiten könne. Thorwaldsen wusste es, dass man dieser Meinung sei, und gab, um dieselbe zu wider- legen, öfters seinen Arbeiten einen ungewöhnlichen Grad von Zar- theit, worin ihm Canova als Muster vorgestellt wurde. Als ihm bei einem Gelage ein Künstler geradezu sagte, er könne wohl modelliren, aber nicht meisseln, so entgegnete Thorwaldsen dem Selbstsüchtigen, man solle ihm die Hände binden und er wolle die Statue aus dem Marmor beißen.

Was sein Verhältnis zu Canova betrifft, so ist es ziemlich gewiss, dass er mehr als die meisten seiner Zeitgenossen Can- ova's wahres Verdienst zu schätzen wusste, so wie er denn über- haupt jedes Verdienst anerkannte. Auch Canova gestand dem dänischen Meister einen ausgezeichneten Künstlerrang zu, und Thiele hat daher Recht, wenn er behauptet, dass ohne die blind- en Bewunderer und so zu sagen Parteigänger, welche beide gefunden haben, kaum ein edler Wettstreit den Schein eines gegenseitigen Neides angenommen hätte. Dass Thorwaldsen öft- ers, wenn er Canova's Behandlung des gewählten Gegenstandes nicht billigte, den nämlichen Gegenstand wählte, um leibsam zu zeigen, wie er nach seinen Kunstansichten behan- delt werden könnte, scheint doch kein des grossen Künstlers un- würdiges Verfahren gewesen zu seyn, wenn er sich zu einem ähn- lichen Wettstreit berufen fühlte? Der wahre Kenner reichte der reinen und strengen Kunst eines Thorwaldsen die Palme, wenn auch von anderer Seite Canova seine Krone fand. Er selbst hat

*) Ueber dieses Verhältnis wurden viele Stimmen laut. Mehr oder weniger wird diese Sache berührt im Kunstblatt 1816 Nr. 3, und 1823 Nr. 74, 75; im Morgenblatt 1810, Nr. 10; im Hesperus von AndrGö 1823, Nr. 150, 151, 210, 288, 232 und 1824 Nr. 64, 152; in den lit. Blättern der Börsenhalle 1827, Nr. 102, 103; im ersten Bande von Fernow's röm' schen Studien; in Speth's Kunst in Italien, III. 199; in Atter- bom's Svea, III. 186; in Dr. Möller's Briefen, II. 624; in Odeleben's Beiträgen, II. 92; in E. v. d. Recke's Tagebuch, II. 305; in Carpentier's Reise, I. 146; in St. Domingo's Ruin wie es ist, 1825, S. 66. U., S., W.

*) Thorwaldsen setzte z. B. der Psyche von Canova (1789) di seinige 1811, dessen Achilles und Briseis (1790) denselben Gegenstand 1802 gegenüber. Canova's Caritas erschien 1792; jene von Thorwaldsen 1810. Die Gruppe von Amor und Psyche behandelte Canova 1797, Thorwaldsen 1804. Die "Statue des Jason stellten beide 1800 aus. Canova's Hebe von 1801 fand mit jener von Thorwaldsen 1806 den Ver- gleich. Die Venus Victrix behandelten beide 1805. Canova führte 1805 — 06 seine Tänzerinnen aus, Thorwaldsen stellte 1816 eine solche auf die Bühne. Die Gruppe der Grazien von Canova entstand 1814, Thorwaldsen gab 1819 mit der- seinigen der Kritik einen großen Spielraum.

Thorwaldsen war nicht verheirathet. Sein Herz war vom er- sten Abschiede der Geliebten in Copenhagen an der Liebe nicht mehr geöffnet. Er gab zwar vor seiner ersten Heimreise nach Dänemark, als er in Neapel krank darniederlag, einer ihn zärt- lich pflegenden Engländerin das Jawort, fand aber zuletzt, dass Dankbarkeit nicht Liebe sei, und er fühlte sich zum Ehemanne nicht geschaffen. Doch hinterliess er eine Tochter, welche 1832 mit dem dänischen Kammerherrn Poulsen sich vermählte,

Thorwaldsen's Bildnisse.

Colossale Büste, 1810 von ihm selbst in Rom modellirt und 1815 in Marmor ausgeführt, jetzt in der Akademie zu Copenha- gen, Gest. von E. C. W. Böckersberg für Thiele's Werk, fol.

Dessen Statue auf den Genius der Jugend gestützt, in Le- bensgrösse und von Thorwaldsen selbst modellirt, in dessen Mu- seum zu Copenhägen

Dessen Bildniß in eigenhändiger Zeichnung, wie er in der Werkstätte neben der Büste die Pfeife stopft, 1794. Gest. von P. Schöler für Thiele's Werk Nr. 8.

Büsten von Rauch, R. Schadow 1810, Wolff 1825, von der Launitz, Tenerani, Dalhoff (Bronze).