Strongylion, Erzbildner, wird von Pausanias und Plinius als ein Künstler ersten Ranges erwähnt, und von den neueren Geschicht- schreibern der Kunst für einen Zeitgenossen des Praxiteles und des älteren Kephisodotos gehalten, so dass man seine Lebenszeit um Ol. 103 setzen zu müssen glaubte. Allein L. Ross, Kunstblatt 1841 Nr. 1, hat das Unbegründete dieser Angaben dargethan. Schon O. Müller hat in seinem Handbuche der Archäologie § 124 die Zeitbestimmung bereits bezweifelt, dem C. Sillig entgegen, der im Catalogus artificum veterum die Beziehung des Strongylion zu Praxiteles aus einer Stelle des Pausanias folgerte, indem er den alten Reisenden sagen lässt, »dass unter den Statuen der zwölf Göt- ter, die man zu Megara im Heiligthum der Artemis Soteira als Werke des Praxiteles zeigte, die Artemis von Strongylion gearbeitet sei.« Allein Pausanias I. 40. 2. coll. 44. 6, sagt etwas ganz anderes. Er erzählt nämlich, dass die Megarer jenes Heiligthum der Arte- mis Soteira zum Andenken an eine wunderbare Begebenheit aus den Perserkriegen errichtet hätten, und dass das eherne Cultusbild der Artemis selbst ein Werk des Strongylion gewesen sei; ausser- dem aber habe man von ihm dort auch Statuen der römischen Kaiser und die Bilder der zwölf Götter angezeigt, welche letzteren dem Praxiteles zugeschrieben wurden. Mithin fällt nicht allein die vermeinte Zeitgenossenschaft des Strongylion und Praxiteles in nichts zusammen, sondern es wird auch einleuchtend, dass jener bedeutend früher gelebt haben muss, da man nicht wird annehmen wollen, dass die Gründung eines Heiligthums und Stiftung eines Cultusbildes zur Verherrlichung eines Vorfalls aus dem Kriege mit Mardonios sich länger als hundert Jahre nach der Begebenheit selbst verzögert haben sollte.
Nicht viel besser sieht es aus mit der zweiten Annahme, dass Strongylion ein Zeitgenosse des älteren Kephisodotos gewesen sei, den Plinius 34. 10. um Ol. 102 setzt. Sie beruht darauf, dass Pau- sanias in der Beschreibung des Heiligtums zwei Statuengruppen der Musen anführt, von denen die eine ganz von Kephisodotos, die andere je zu einem Drittheile von ihm, von Strongylion und Olym- piosthenes gefertigt war. Hier mangelt jeder chronologische An- haltspunkt, zumal da Olympiosthenes' Zeitalter ganz unbekannt ist. Kephisodotos könnte auch der Sohn des Praxiteles, also ein jün- gerer Künstler seyn, und auch ein jüngerer Strongylion könnte angenommen werden. Allein wenn auch Kephisodotos der ältere dieses Namens ist, so folgt doch noch nicht, dass Strongylion bis in die 102te Ol. herabgerückt werden müsse, selbst dann nicht, wenn man, wie es scheint, eine gleichmässige Vertheilung der Musen zu je dreien annimmt. Es hindert nichts, die Blüthezeit des Kephisodotos 5 — 9 Olympiaden früher anfangen zu lassen, als die von Plinius angegebene runde Zahl, und ihn als jungen Mann mit dem bereits bejahrten Strongylion, vielleicht als Schüler mit dem Lehrer, in Verbindung zu bringen. Der Strongylion des Pausanias ist also wahrscheinlich älter gewesen als Praxiteles, und blühte um Ol. 86 — 97.
Kunde, dass Strongylion der Verfertiger jenes Standbildes war.
(Srpovynlov Eroinov). Dass dieser Meister in Bildung von Süie- ren und Pferden von hoher Vortreflichkeit war, weiss auch Pausa- nias, nur nennt er kein solches Bild von Strongylion, da ihm die Inschrift am Piedestal des trojanischen Pferdes auf der Burg entgangen ist. Ross setzt die Errichtung des Denkmals etwa Ol. 91. 1., da der Durios Hippos zuerst in den Vögeln des Aristo- phanes Ol. 91. 2=414 v. Ch. erwähnt wird. Die komische Poesie giebt es ihrer Natur nach, immer auf die frischesten Neuigkeiten im Gebiete der Politik, Literatur und Kunst anzuspielen, und sie mit hält sich Ross in Uebereinstimmung mit den paläographischen Indizien zu der Annahme berechtiget, dass der übrigens unbekannte Chäredemos sein trojanisches Pferd kurz vorher, etwa im ersten Jahre derselben Olympiade, geweiht hatte. Jedenfalls gewinnen wir für die Lebenszeit des Strongylion das Ergebniss, dass er schon
um Ol. 91. ein bewährter Künstler war, dem die Ausführung eines Werkes von solchem Umfange und solcher Wichtigkeit übertragen werden konnte. Nehmen wir nun an, dass die Errichtung des Durios Hippos etwa in die Mitte seiner künstlerischen Laufbahn falle, und dass diese auch nur einen Zeitraum von 11 Olympiaden oder 44 Jahren umfasst habe, so kann er an der einen Seite schon um Ol. 86, also noch unter Phidias thätig gewesen seyn, und an der anderen Seite sehr wohl bis zu den Zeiten des älteren Kephi- sodotos, bis Ol. 97, seine Kunst fortgeübt haben.
Ausserdem nennt Plinius von Strangylion, ohne Zeitangabe, zwei andere berühmte Werke: eine Amazone, die von der Schön- heit ihrer Beine den Beinamen Evxvvnus hatte, und die dem Nero so wohl gefiel, dass er sie auf Reisen mit sich herumzuführen pflegte, und dann den berühmten Knaben, in welchen Brutus sich so verliebt hatte, dass er von den späteren Römern nur unter dem Namen »Bruti puer» gefeiert wurde. Bei Gelegenheit der Ama- zone erinnert Ross an jene Ueberlieferung bei Plinius (34. 10.) von einem Weltstreit des Phidias und anderer namhafter Künstler seines Zeitalters in der schönsten Amazonenbildung, eine Ueberlieferung, die man vielleicht zu schnell in das Reich der sogenannten Künstleranekdoten gesetzt hat. Nach Ross könnte jener ganz unbe- kannte Kydon, der den vierten Preis erhielt (quarta Cydonis) dem Strongylion Platz machen müssen, der mit seinem Bilde der Artemis Soteira bis in die letzte Lebenszeit des Phidias hinauf- reichen kann, so dass es bei Plinius »Quarta Strongylionis* heissen müsste. Plinius scheint selbst von Bewerbern ungleichen Alters Kunde gehabt zu haben, worauf der Beisatz deutet: Quamquam diversis aetatibus geniti.
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