Stoss oder Stuos, Veit

Stoss oder Stuos, Veit, Bildhauer und Kupferstecher von Cra- kau, einer der merkwürdigsten Meister seiner Zeit, war bisher in Deutschland nur durch wenige Schnitzwerke bekannt, und selbst von diesen wurden einige in Zweifel gezogen. Ueber seine Le- bensverhältnisse verlautete ebenfalls wenig, und man musste mit Doppelmayr sich begnügen, welcher behauptete, der Künstler sei gegen Ende des 15. Jahrhunderts nach Nürnberg gekommen, und habe daselbst eine Reihe von Jahren gearbeitet, bis er endlich erblindet, 1542 oder nach anderen 1533, im Spitale zu Schwabach im 65. Jahre sein Daseyn beschlossen, aber nicht durch ein flecken- loses Leben, indem er wegen Urkundenfälschung durch die Backen gebrannt wurde. Uebers wurden nur wenige Stiche von ihm aufgezählt, und damit ein Künstler entlassen, dessen Ein- fluss auf die deutsche Kunst im Allgemeinen von hoher Wichtig- keit ist. Der erste, welcher ihm ein weiteres Recht zusprach, ist C. Heideloff, der in seiner Ornamentik des Mittelalters I. 1843 ihm Werke zuschrieb, die bisher als ehrwürdiges Vermächtniss des Peter Vischer galten, nämlich das Grabmahl des hl. Sebaldus, die Magdeburger und Römhilder Monumente, u. a. Gegen diese Begünstigung des Professors Heideloff wurde aber im Kunstblatte 1846 Nro. 11. Reclamation erhoben, da nach der bisherigen An- nahme auf den Grund Doppelmayr's der Künstler erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts nach Nürnberg gekommen seyn soll, also zu einer Zeit, in welcher die genannten Werke bereits vollendet da- standen. Dieses gab uns Veranlassung im Kunstblatte 1847 Nro. 36 urkundliche Belege beizubringen, welche nicht nur über die Wirksamkeit des Künstlers in Crakau Aufschluss geben und die Zeit seiner früheren Ankunft in Nürnberg bestimmen, sondern auch der Behauptung Heideloff's grösseres Gewicht geben, über- haupt die mannigfaltige Thätigkeit des Künstlers beurkunden.

Die bisher unbekannte Quelle, aus welcher sichere Nachrich- ten über die Familie Stoss fliessen, sind die Acta consularia Cra- coviensia, welche im Rathsarchive der Stadt Crakau aufbewahrt werden, und deren Durchsuchung wir dem Bürger und Buchhänd- ler Ambros Grabowski daselbst verdanken. Es sind diess die Fas- tikel II. und III., welche von 1450.— 1500 reichen. Der Vater des Künstlers war ein Deutscher, welcher sich mit seiner Frau in Krakau niedergelassen hatte, zu einer Zeit, wo viele deutsche Hand- werker und Kaufleute in Polen Erwerb fanden, und zur Klasse der ersten gehört auch der alte Stoss. Ob sein Sohn Veit in Cra- kau geboren wurde, ist nicht ermittelt, und auch das Geburtsjahr schwankt zwischen 1438 und 1447, indem ihn einige 1433, andere 1442 im 65. Jahre sterben lassen. Die einzig sicheren Daten geben die Rathsakten, in welchen der Künstler Vit der Schnitzer, Vit der

Bildereritzcer, Meister Veit der Schnitzer, Mag. Veit der Schnitzer u. s. w. genannt wird, nie Veit Stoss. Dass aber dieser Veit Schnitzer mit unserm Veit Stoss eine Person sei, beweiset das von ihm gefertigte Cenotaphium des Königs Kazimierz Jagiellonczyk, an welchem man neben dem Monogramm den Namen VEIT. (VE?) STOSS liest. Über sein Auftreten als Künstler ist ebenfalls nichts bekannt, es lässt sich aber mit Sicherheit annehmen, dass er schon um 1472 ein bewährter Meister war, da ihm in diesem Jahre ein großes Werk übertragen wurde, welches er in Zeit von zwölf Jahren herstellte, und das als Wunder der Kunst betrachtet wurde. Es ist dies das Schnitzwerk des großen Altares der Archi-Presby- teralkirche Panny Maryi auf dem Ring (Rynku) zu Krakau, welche an Kunstwerken alle anderen Kirchen der Stadt übertrifft. Das bewunderungswürdigste ist aber der große Altar von Veit Stoss im reichen germanischen Style. In der mittleren Abtheilung sieht man in colossalen Figuren die Krönung Mariä und auf den Flügeln in erhobener Arbeit Darstellungen aus dem Leben der heiligen Jungfrau und des Erlösers: die Empfängniss Mariä, die Geburt Christi, Jesus im Tempel, die Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt. Auch Scenen aus dem alten Testamente sind gewählt, in so fern sich dieselben auf Maria und den Erlöser beziehen. Dieser Bil- dercyclus erscheint in reicher architektonischer Einfassung, und die zierlich gearbeiteten gothischen Thürmchen reichten weit hin- auf gegen das Gewölbe. Der obere Aufsatz hat aber durch Brand gelitten. Dieser Altar wurde vermuthlich auf Kosten der Kauf- mannschaft von Krakau ausgeführt; den an der Spitze des Unter- nehmens stand der Kaufmann und Bürger Jan Turzo (Joh. Thurso), welcher in den Rathsakten der Bauherr, der Verweser der großen Tafel genannt wird. Turzo besorgte auch das Geld, und die Farben. Aus einer Urkunde: Sabb. ante diem Laurentii A. D. 1485 geht hervor, dass Meister Bernhard der Goldschmied das Gold geliefert hat. Martin Molter und Matthäus Goldschmied übernah- men die Fassarbeiten, welche aber schon ein Jahr früher vollendet waren. Denn eine Urkunde d. d. Fer. VI. ante d. Francisci A. D. 1484 sichert dem Meister des Altares in Panny Maryi bedeutende Vorrechte und Ehren zu. Diese Urkunde ist für Veit Stoss von Wichtigkeit, und daher ist sie im Kunstblatte des genannten Jahres abgedruckt.

Der Altar in der Frauenkirche verbreitete den Ruf des Künst- lers weit hin, und da bekanntlich in Polen von jeher eine grosse Anzahl von ansässigen Deutschen mit den Nachbarstaaten in mannigfaltigem Verkehre standen, so kann allerdings die Kunde von einem solchen Meisterwerke auch in Bälde nach Nürnberg gedrungen seyn, wo damals die Kunst auf das sorgfältigste ge- pflegt wurde. Die Kirchenverwaltung von St. Sebald beschloss dem Heiligen, zu dessen Ehren die Kirche erbaut war, ein pracht- volles Monument zu setzen, welches die Gebeine desselben auf- nehmen sollte, und dass man schon vor 1488 ein solches Werk

projektirt hatte, beweiset eine alte Zeichnung im Besitze des Prof. Jeideloff, welche dieser in seiner Ornamentik des Mittelalters be- kannt machte und dem Veit Stoss zuschrieb, ohne gerade historische Belege dafür beibringen zu können. Diese 5 F. hohe Zeichnung enthält den ersten Entwurf des Sebaldusgrabes mit einer gothischen Bekrönung, welche später von Peter Vischer, oder auf Veranlassung der Kirchenpfleger, weggelassen wurde, da die Ausführung zu grosse Kosten verursacht haben dürfte. Das Werk war ursprüng- lich auf 60 F. berechnet, und nicht zum Vortheile des Ganzen er- scheint die Verkleinerung. Die Zeichnung ist mit einem Mono-

Heideloff hat aber sicher volles Recht, den erwähnten alten Riss dem V. Stoss zuzuschreiben, wie wir oben bemerkt haben. Ausser dem Monogramme stimmt auch die Jahrzahl 1488 für ihn; denn der Künstler kam 1486, oder 1487, nicht zu Anfang des 15. Jahrhunderts nach Nürnberg, wie man bisher nach Doppel- mayrs Angabe geglaubt hat. Seine Abreise von Crakau nach Nürnberg ist aktenmäßig. Die Urkunde, welche in unserer Dar- legung im Kunstblatte 182 in Extenso abgedruckt ist, sagt sogar, dass er in seinen »nöthigen Geschäften« die Ausfahrt unternommen habe, und somit können wir annehmen, dass er einem Rufe nach Nürnberg gefolgt sei. Heideloffs angebliche Hypothese, dass Stoss bei der Errichtung des Grabmales des hl. Sebald nach Nürnberg berufen worden, dürfte daher schwer zu widerlegen seyn, da die Urkunde beweist, dass Stoss in Kunst- angelegenheit nach Nürnberg kam. Seine Abwesenheit war auf längere Zeit berechnet, und ein Werk, wie das Sebaldusgrab, konnte auch nicht in der Eile entworfen seyn. Der Künstler stellte daher verm., II. p. Brigitt. A, D. 1486 in der Person des Johann Hey- decke, des Stadtschreibers von Crakau, einen Sachwalter, und einen Vormünder seiner Frau und der Kinder auf. Freilich sagt die Urkunde nicht, dass gerade der Entwurf und das Modell zum

Sebaldusgrabe ihn beschäftiget habe, die Wahrscheinlichkeit spricht aber dafür,

Im Jahre 1480 erscheint Stoss wieder in Krakau, und zwar als Zunftmeister (Cechmistrz). Die Stelle eines solchen hatte er auch 1484 bekleidet, und sie fiel immer nur den tüchtigsten Künstlern zu, welche vom Rathe Bestätigung erhielten. In einer Urkunde von 1490, Fer. IV. an. Dom. Judica, wird Meyster Vitus der Snitzer als Schiedsrichter genannt, da sich Zunftstreitigkeiten er hoben hatten. Unter den Anwesenden wird ein Goldschmid, ein Tischler, ein Riemer und ein Steinmez genannt, die also alle zu einer Zunft gehörten. V. Stoss vereinigte die Parteien, und sie beschlossen »eyne dem anderen frunt und forderer czu seyn czu ewigen tagen, bey funf magken busse, welche es nicht worden.»

Im Jahre 1401 war Stoss wieder Zunftmeister, und zum letzten- male finden wir seiner 1405 als Magister Mechanicorum erwähnt.

Ein zweites grossartiges Werk des Künstlers ist das Monument des Königs Kazimierz Jagiellonczyk, welcher 1402 zu Grodnie in Lithauen starb, und in seiner Gruft in der hl. Kreuzcapelle der Schlosskirche auf dem Wawel beigesetzt wurde. Das von Stoss gefertigte Monument ist aber in der Cathedrale, ein Werk von rothem Granit. Unter einem von Säulen getragenen, und mit gothischen Thürmchen gezierten Dache liegt der König im Hoch- relief auf dem Sarge. Dieser selbst ist von Bögen desselben Stgles getragen, und in den einzelnen Abtheilungen mit je zwei allegori- schen Figuren geziert, die eine sitzend, die andere stehend. Das Denkmal bezeichnete der Künstler mit seinem Namen und nicht mit der Jahrzahl, wie eine unserer Quellen sagt, wie folgt: EIT STVOS 1402. Dann fügte er das Monogramm bei, welches im Kunstblatte 1847, nur etwas zu fein, nachgebildet ist. Es ähnelt demjenigen, welches Brulliot, Dict. des monogr. I, 5270, und II, 2832 gibt, und in flüchtigeren Zügen, nur umgekehrt, jenem auf dem Heidelof- schen Entwurf zum Sebaldusgrabe. Die Lesart EIT statt VEIT hat aber etwas Auffallendes. In dem Werke: Krakow i jego okw lice 1836 p. 127. 357., wo das Monument beschrieben ist, wird EIT gelesen, es soll aber FIT heissen. Der Künstler schrieb auch anderwärts Fit oder Fitus, wie in einer Handschrift des Archivi zu Nürnberg. Vgl. Brulliot, 1. c, IL, 2832.

Ausser den beiden genannten grossen Werken werden in Cra- kau dem Veit Stoss noch zwei andere Bildwerke zugeschrieben, über welche sich aber keine urkundlichen Belege finden. Da- bei ist ein Basrelief in Stein, welches Christus am Oelberge vor- stellt, und an einem Hause eingemauert ist. Das andere steht in der Kreuzkapelle der Cathedrale; ein Schnitzwerk mit fast le- bensgrossen Figuren, den Täufer Johannes vorstellend und Scene) aus dessen Leben in Basreliefs. Zu seinen letzten Arbeiten in Cra- kau, die mit Bestimmtheit ihm zugeschrieben werden können, ge- hören die beiden Reihen von Rathsherrensesseln im großen Chor der Frauenkirche rechts und links des Altares, wofür er 500 Gul- den in zwei Raten erhielt. Dies bestätiget eine Urkunde vom Fer. 5. p. Mathei A. D. 1405.

Nach 14065 erscheint V. Stoss nicht mehr in den Crakauef Rathsakten und man kann daher annehmen, dass er bald darauf die zweite Reise nach Nürnberg unternommen habe, wo er jelzl seinen bleibenden Wohnsitz aufschlug. Seine Ankunft in Nürt- berg fällt demnach in die Zeit der Ausführung des Denkmals d Erzbischofs Ernst in Magdeburg, welches 1405 (nach anderer An- gabe 1. 1407) durch P. Vischer gegossen wurde. Der Zeit nach kap?

daher Stoss das Modell zu diesem Monumente wohl gefertigt haben, wie Heideloff glaubt. Stoss hatte schon früher in Krakau seine Tüchtigkeit zu solchen Arbeiten bewiesen, und vielleicht wa- ren gerade die Monumente in Magdeburg und Römhild die Ver- anlassung seiner zweiten Reise nach Nürnberg. Adam Krafft kommt bei diesen Arbeiten in keine Berührung. Er war gerade mit gros- sen Werken beschäftigt. Dann spricht der Stil der Grabmonu- mente in keiner Weise für ihn. Dem Peter Vischer will aber Hei- deloff in keinem Falle die Ehre der Erfindung gönnen, wenn auch nicht zu läugnen ist, dass er sich über die gewöhnlichen Giesser erhob. Sein Kunststreben ist entschieden; denn wir wissen, dass er sich an bestimmten Abenden bei A. Krafft einfand, um zu zeichnen und zu modelliren, und sich über Kunst zu besprechen. Er wollte indessen, wie es scheint, immer nur als Rothgiesser an- gesehen werden, denn das Magdeburger Monument hat die Auf- schrift: »Gemacht zu Nürnberg von mir Peter Vischer rotgiesser etc. « Dieses Monument ist aber nicht das erste unter den genann- ten, sondern jenes des Grafen Otto IV. von Henneberg in der Stiftskirche zu Römhild. Es wurde in den achtziger Jahren ge- gossen, so dass Veit Stoss bei seinem ersten Aufenthalte in Nürn- berg dasselbe modellirt haben müsste. Beim Gusse der Attribute der Evangelisten bediente sich Vischer bei beiden derselben Form, denn sie sind am Magdeburger Monumente vollkommen dieselben. Als weitere Arbeiten Vischer's in dieser Kirche gelten dann die Grabmäler des Grafen Hermann VII. und seiner Gemahlin Elisa- beth, worin Heideloff ebenfalls den Geist und die Manier des V. Stoss erkennt, In Nürnberg ist Veit Stoss nur als Bildschnitzer bekannt, aus dessen Werkstätte die mannigfaltigsten Holzschnitzarbeiten in alle Welt ausgingen, deren aber viele zu Grunde gegangen zu seyn scheinen. Für den König von Portugal fertigte er die lebensgros- sen Statuen von Adam und Eva, welche mit solcher Naturwahrheit dargestellt waren, dass sich der König beim Auspacken darüber entsetzte. Den Figuren fehlte nur die Sprache. In der gothischen Stadtkirche zu Schwabach ist ein ausgezeichnet schöner Altar- schrein von Stoss. Das Innere enthält in vergoldetem und be- maltem Schnitzwerk die Statuen der Maria und Anna, wie diese von der ersteren das Jesuskind empfängt. Dabei sind Joseph und Joachim. Auf dem Inneren der Flügel sieht man in zehn Reliefs andere Mitglieder der Familie Christi, feine Köpfe, und alles fleis- sig ausgeführt. Die Aussenseite der Flügel zeigt wieder Joachim und Anna, aber in Gemälden. Zwei unbewegliche Flügel enthal- ten die Heiligen Andreas und Loy. Diese Bilder zeigen nach Waagen (K. und RK. in Deutschland I. 248) viele Verwandtschaft zu den früheren Werken des Hans Burgkmayr. Das Schnitzwerk schreibt Heideloff dem V. Stoss zu, dessen Monogramm es nicht trägt. In der Kirche zu Rothweil ist ein Christusbild von Stoss, und in der oberen Pfarrkirche zu Bamberg ein in Holz geschnitzter Altar mit lebensgrossen Figuren, welche die Anbetung der Hirten vorstellen. Auf den Flügeln ist die Geburt der Maria, die Ver- kündigung, die Heimsuchung und die Darstellung im Tempel ge- schnitzt. Diese Tafeln zierten ehemals den Hauptaltar, jetzt ist er aber zertheilt an der Wand innerhalb der Thüre neben dem Thurm zu sehen. Am Schlussstein eines Bogens liest man die Jahrzahl 1523 und daneben ist das Zeichen (Brulliot 1. 3270) des Veit Stoss, welches man früher nicht als solches erkannte. Murr wollte

daher dieses Schnitzwerk weder dem V. Stoss, noch dem A. Dürer zuschreiben. Waagen }, c. 87, fand aber die Übereinstimmung mit diesem Werke und dem bekannten englischen Gruß in der Lorenzkirche zu Nürnberg entschieden, und bemerkt, dass es mit vollem Rechte dem Stoss zugeschrieben werde. Dass dieses Schnitz- werk früher von einigen dem A. Dürer zugeschrieben wurde, ist jetzt klar; denn Waagen sagt, dass kein anderer Bildschnitzer so unter dem Einflusse Dürer's gestanden, und so dessen Vorzüge und Mängel theilt, als Stoss. Die Köpfe haben viel Charakter und Ausdruck, aber keine schönen Formen, die guten Hauptmo- tive der Gewänder werden durch die vielen knitterigen Brüche gestört, welches durch das Massive in der Sculptur noch unange- nehmer wirkt, als in der Malerei. Die Anbetung der Hirten ist von J. C. Weihrauch für A. Scheidenberg's Geschichte der Pfarrei U. L. Frauen in Bamberg 1787 gestochen, aber in zu kleinem Formate.

Auch in Nürnberg sind noch einige Werke von V. Stoss. In der St. Lorenzkirche ist der berühmte englische Gruß, welcher 1518 von Anton Tucher gestiftet ist. In der Mitte eines 13 F. hohen und 11 F. breiten Kranzes von Rosen sieht man in bemal- tem Schnitzwerk Maria und den verkündenden Engel, von anderen kleineren Engeln umgeben. Oben über dem Kranze erscheint der segnende Gott Vater zwischen anbetenden Engeln, unten ein das Gewölk, so den Fussboden bildet, unterstützender Engel. An dem Rosenkranze stellen kleine Reliefs in Rundungen die sieben Freu- den Mariens dar, und die Schlange mit dem Apfel hängt herab. Dieser Rosenkranz, welcher frei in der Luft hängt, gehört zu den ausgezeichnetsten Werken dieser Art, obgleich die etwas rund- lichen Köpfe weder in der Form gerade sehr schön, noch im Ausdruck besonders edel sind. Die sorgfältige Durchbildung trägt nach Waagen, c. 244, das Gepräge eines eigenthümlichen, dem Dürer in der Empfindung verwandten Künstlergeistes. Die Be- malung und Vergoldung ist sehr zierlich. Die kleinen Medaillons sind durch Abgüsse bekannt, die Abbildung des ganzen Werkes bei Doppelmayr gibt nur eine unwürdige Vorstellung. Dieser Rosenkranz hing lange in einem Sacke im Chore der Kirche, und wurde erst zur Zeit der Säkularisation von seiner Hülle be- freit. Jetzt wurde er von seiner seit Jahrhunderten behaupteten Stelle genommen, anfangs in der Kaiserkapelle und dann in der dem katholischen Cultus zurückgegebenen Frauenkirche aufgehängt. Hier störte er aber die Aussicht von der Orgel auf den Altar, und wurde 1817 wieder herabgenommen, wobei der Strick brach und das Schnitzwerk in unzählige Stückchen zerschellte. Durch den Bildhauer Rottermund musterhaft zusammengesetzt hängt jetzt das- selbe wieder an alter Stelle in der Lorenzerkirche. Ein zweites ausgezeichnetes Werk dieses Meisters ist das grosse Crucifix nebst Maria und Johannes auf dem von Heideloff neu hergestellten Altare in der St. Sebalduskirche. Das Christbild ist von höchster Wahrheit im Ausdrucke des Sterbens und so trefflich das Ganze, dass der Churfürst von Mainz 1652 dem Magistrate 1000 Dukaten dafür bot. Bei der Restauration wurde es bronzirt. In der Samm- lung der k. Kunstschule ist eine Madonna mit dem Kinde, wahr- scheinlich jenes Bild, welches ehedem in der Fronwage war, und dem V. Stoss zugeschrieben wurde. In der Marienkirche war ein grosser Altar, den Jakob Welser von Augsburg 1504, angeblich von Stoss machen liess, der aber aus der Kirche geschafft wurde. In der Kaiserkapelle auf der Burg ist eine Krönung Mariä im Holz geschnitzt, angeblich von V. Stoss, und abgebildet im dritten

Veit Stoss, der in Crakau als ein tugendhafter, ehrlicher und unbescholtener Mann geehrt wurde, soll in Nürnberg der Fäl- schung überwiesen worden seyn. In den Nürnberg'schen Malefiz- büchern liest man mit Erstaunen folgende Stelle: »Anno 1503 am St. Barbaratag wurde Veit Stoss, ein künstlicher Bildhauer, wegen falscher Briefe durch die Backen gebrannt.» Diese Briefe schrieb er, um dadurch in den Besitz unrechtmässigen Gutes zu gelangen. In einem alten Gedichte heisst es: »wodurch er viel Güter that erzwacken." In seinem hohen Alter erblindete er, und starb im Spitale zu Schwabach 1535 oder 1542, im 85. Jahre.

Kupferstiche,

Sandrart sagt in seiner deutschen Akademie, dass V. Stoss nicht allein Bildhauer, sondern auch des Reissens, Malens und Kupferstechens kundig gewesen sei. Von Malereien ist indessen nichts bekannt. Kupferstiche können ihm aber mit vollem Rechte zugeschrieben werden. Es scheint sich auch durch Tradition er- halten zu haben, dass ein Kupferstecher Stolzen, Stolzhirs, Stol- zius oder Franz Stoss gelebt habe, und dieselben Namen werden auch einem Formschneider gegeben, worüber wir unten im Arti- kel des Martin Stoss handeln. Einen Franz Stoss oder Stolzhirs will A. Marolles kennen, ist aber wahrscheinlich nur durch das Monogramm des Veit Stoss verleitet worden, einen Franz Stoss anzunehmen. Unser Künstler schrieb nämlich seinen Taufnamen nicht immer Vit und Veit, sondern Fit und Fitus, und dess- wegen stehen zu den Seiten des Monogrammes die Buchstaben F. S. in gothischer Form. Fit ist wahrscheinlich auch am Grab- male des Königs Kasimir in Crakau zu lesen, weil auf Kupfersti- chen das gothische F. in etwas dem E. ähnelt, und das Mono- gramm ist sicher jenes, welches auf Kupferstichen mit F. S. vor- kommt, bei Bartsch VI. 66., bei Brulliot I, 3270. II. 2832. Auch Ottley II. 627. führt dieses Zeichen an, hält es aber für das eines unbekannten Meisters. Dieser soll nach Strutt im Dictionary, und Heinecke, Idee gen. p. 219., der Lehrer des Martin Schön gewe- sen seyn, nach welchem letzterey eine Passion copirt haben durfte. Diese Angaben sind ohne Grund, so wie es auch keinen Franz Stoss gegeben hat. Die Blätter aber mit dem Monogramm und den Buchstaben f, S. gehören aber sicher dem Veit Stoss an.

Bartsch PI. gr. VI. 66. beschreibt drei Blätter von diesem Mei- ster, Nro. 1 — 3. Sie sind alle sehr selten und stehen in hohen Preisen. So finden wir das Blatt mit dem gothischen Capitäl auf 36 Gulden gewerthet.

  1. Die Erweckung des Lazarus. Jesus erhebt links in Beglei- tung seiner Schüler segnend die Hand über Lazarus, der in Mitte des Blattes aus dem Grabe steigt. Am Rande dessel- ben knieen zwei Frauen, links vorn knieet eine andere Frau, und rechts stehen vier Männer, wovon der eine einen gros- sen Sabel an der Seite trägt. Der Todtengräber mit der Schaufel steht in Mitte des Vorgrundes vom Rücken ge- sehen, und zu seinen Füssen sieht man das Monument mit f. S. Im Grunde rechts sind Häuser und in der Mitte eine Capelle. H. 8 Z. 2 L., Br. 7 Z. 3 L.

  2. Der Leichnam des Herrn links am Fusse des Kreuzes aus- gestreckt, von Maria hnieend unterstützt. Sie ist im Begrife das Antlitz desselben zu küssen. Über ihn erhebt sich Johannes im faltenreichen Mantel, wie er nach der Dornen- krone des entseelten Herrn reicht. In der Mitte unten nach links ist das Zeichen mit dem verkehrten S. H. 5 Z. Br. 4 Z. 3 L.

  3. Die hl. Jungfrau stehend mit dem Kinde auf dem linken Arme. Sie ist von vorn dargestellt mit einem Apfel in der rechten Hand. Unten nach rechts ist das Zeichen. H. 7 Z. 7 1/2 L.? Br. 5 Z. 4 1/2 L.?

  4. Die hl. Jungfrau mit dem Kinde im reichen Mantel, dessen Falten über die Füße herabfallen. Sie neigt das mit dem Nimbus umgebene Haupt nach dem Kinde, und hält eine Rose in der Hand. Mit dem Zeichen. H. 7 Z. 6 L., Br. 5 Z. 4 L., Dieses Blatt erwähnt Ottley II. 627. Nro. 2., Brulliot II. 2832. fügt noch 6 andere Blätter hinzu, gibt aber das Mass nicht an. Sie tragen alle das bekannte Zeichen mit f. S.

  5. Die hl. Familie in einem gewölbten Zimmer.

  6. Die hl. Jungfrau mit dem Kinde auf dem Throne sitzend

  7. Die Ehebrecherin vor Christus,

  8. Die Enthauptung des hl. Paulus,

  9. Die Enthauptung der hl. Catharina.

  10. Ein gothisches Capitäl auf weissem Grund,

  11. Ein Ornament, in einer seltsamen Blume bestehend, die 20 einem Zweige hervorwächst, dessen Spitze man nach links unten sieht. In der Mitte oben ist der kleine gothische Buchstabe f., wie er auf einigen der Blätter des V. Stos vorkommt. Dieses Blatt ist schlecht gestochen. Bartsch I (II.) Pl. VI. 399. und Brulliot II. 743 erklären es als Arbeit eines unbekannten. H. 2 Z. 9 L., Br. 1 Z. 11 L.

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