Steuben, Carl, Maler, ein gefeierter Künstler der modernen fran- zösischen Schule, Ritter der Ehrenlegion, wurde 1751 zu Mann- heim geboren, und kam schon in jungen Jahren nach Paris , wo unter David, R. Lefevre und Baron Gros sein ausgezeichnetes Ta- lent in kurzer Zeit bewunderungswürdige Blüthen trieb. Er zeigte schon Aufsehen mit einem grossen Gemälde, welches die Kräfte eines Jünglings weit zu überragen schien. Es stellt Peter den Grossen dar, wie er beim Sturme auf dem Ladogasee mutig das Steuerruder erfaßte und seinen ängstlichen Gefährten zurief: Seid ohne Furcht, Peter ist bei euch. Steuben stellte einen ge- waltigen Kampf der Elemente dar. Der Mast ist zerschmettert, Blitze zucken, Wogen überschlagen das Schiff, und die Matrosen stürzen nieder, während Peter in kühnem Sturze das Steuerruder erfaßt. Napoleon kaufte dieses Gemälde kurz vor seinem Feld- zuge nach Russland , und Ludwig XVIII. ließ die Szene in der Manufaktur der Gobelins in eine Tapete wirken, um sie dem Kai- ser Alexander zum Geschenke zu machen. Man sieht sie jetzt in Peterhofe zu St. Petersburg . Auch deutschen Dichtern entnahm er einige seiner Arbeiten, die bereits einen Hang zur Übertrei- bung kund geben, von welchem Steuben nie mehr frei wurde. Er hat die Gränze des Manierismus überschritten, und wer ihn ohne sein Talent folgt, versinkt in gänzliche Ausartung der Kunst. Steuben behauptet sich aber mit seiner Kraft des Geistes und der Phantasie, und im Besitze aller Mittel, welche nur einem Künst- ler erster Grösse zu Gebote stehen, auf seiner schwindelnden Höhe, und wird angestaunt und getadelt. Zu seinen früheren Bildern, in welchen er eine glückliche Bewältigung des romantischen Stoffes kund gibt, gehört der Schwur der drei Männer auf dem Riedli in einsamer Sommernacht am See, und Tell, wie er den Nachen Gessler's hinter sich stösst, um den kühnen Sprung zu wagen, beide Gemälde im Palais royal. Da ist auch das Idealportrait einer jungen Mutter mit dem schlummernden Kinde am Busen, welches man immer mit inniger Liebe betrachtet, so wie das eines lebens- lustigen, feuerigen andalusischen Mädchens, mit der jungen Mut- ter, eines der schönsten früheren Werke des Meisters. Im Jahre 1819 malte er im Auftrage der Prefecture de la Seine den Bischof St. Germain, wie ihm König Childerich seine Schätze zur Vertei- lung an die Armen übergibt, und 1822 rühmte man ein mytholo- gisches Bild, welches Merkur und Argus vorstellt. Hierauf ging er an eine colossale Darstellung aus der Kindheit Peters des Grossen, welche seit 1828 in der Gallerie Luxembourg zu sehen ist. Es ist dies eine Episode aus der Geschichte des ersten Aufstandes der Strelitzen, wo Peter als Kind von seiner Mutter in das Kle- ster Troizkoi gerettet wird. Die Aufrührer folgen ihr, erstürmen das Kloster, wagen es aber nicht das Kind vor dem Altar der Madonna zu tödten, da die Mutter den Mördern mit der Rache des Himmels droht. Der eine zaudert, und der andere ist bereits
da jeder Beschauer sich unwiderstehlich angezogen fühlte. Man fand die dramatische Wirkung vollkommen, das Bild herrlich in allen Theilen. So sprach sich die Kritik im Jahre 1828 aus, jetzt aber würde sie nach strengerm Maasse trichten, welches von Seite deutscher Kunstrichter fast alle Werke dieses Meisters erfahren haben. In neuerer Zeit wurde diese Darstellung auf eine Tapete der Gobelins übertragen. Später wählte Steuben zwei Darstellun- gen aus dem Leben Napoleon's, welche der Oberst Chambure er- hielt. Das eine stellt die Rückkehr des Kaisers von der Insel Elba dar, und würde nach dem Tode des Besitzers für die Gallerie Orleans um 6500 Frs. gekauft. Das zweite schildert den Tod Napoleon's, und wurde bei derselben Auktion für 12,000 Frs. erstanden. Jetzt wurde es in der Gallerie de Luxembourg aufgestellt. Auch dies ist eines von den hoch gepriesenen Werken des Künstlers. Von zwei fast gleichzeitigen Bildern stellt das eine die Kaiserin Anna von Oesterreich dar, wie sie Broussel und Blanc-Mesnil 1648 von der Gefangenschaft befreit, eines der vorzüglichsten Gemälde Steu- ben's, jetzt im Palais royal. Das andere führt uns in die Assem- blee constituante, und zeigt den Mirabeau handelnd in derselben.
Alle diese Werke, und inzwischen auch kleinere Genrebilder und treffliche Porträte, führte der Künstler in Oel aus; im vierten Saale des Staatsrathes und in einem der Säle des Museums sind aber auch Frescobilder, welche der Reihe nach auf jene folgen. Im Saale des Staatsrathes malte er die Unschuld, wie sie sich der Gerechtigkeit in die Arme wirft, und über der Thüre ist die allego- rische Gestalt der Stärke sein Werk. An einem Plafond des Museums sieht man Heinrich IV. wie er nach dem Siege von Ivry seinen gefangenen Feinden verzeiht, worunter der verwundete, trotzige Connetable mit der Milde des Königs zu Pferde gut con- trastirt. Auch die Anordnung und Haltung des Ganzen ist sehr glücklich, die Färbung blühend und der Vortrag breit und fleissig, so dass Steuben hier auch in der Technik der Frescomalerei seine Meisterschaft bewährt. In der historischen Gallerie zu Versailles sind histo- rische Porträts und Schlachtbilder von Steuben. Die geschichtlichen Bild- nisse sind im Kniestücke. Darunter nennen wir jene des Jean Sans-peur, Herzogs von Bourgogne (gestorben 1419), des Louis de France, Herzogs von Orleans, Regent von Frankreich während der Krankheit Carl's VI., im Prachtgewande (gest. 1407), und jenes der Marquise de Pompadour. Das frühere der daselbst aufge- stellten großen Schlachtbilder, stellt die Schlacht von Tours 1593
vor, dann die Schlacht bei Poitiers, eines der vorzüglichsten Bilder des Salon von 1836, und die Niederlage Abdurhaman's, ein 1838 erühmtes Gemälde. Für diese historische Gallerie malte er auch die Schlacht von Waterloo, wobei er den Moment festhielt, wie die Schlacht zu Gunsten der Alliirten sich entscheidet, und Napo- leon nur auf Bitten der Generale sein Leben schont. An allen diesen Gemälden fand die Kritik zu loben und zu tadeln, musste aber immer zugeben, dass sie zu den ausgezeichnetsten Erschei- nungen der modernen französischen Kunst gehören. Ein neueres Bild aus dem Leben Napoleons stellt diesen im Momente dar, wie er dem General Gourgaud sein Testament diktirt.
Überdies finden sich von Steuben auch noch mehrere Staff- leibilder. Unter diesen nennen wir vor allen die Esmeralda, nach der Mignon von Scheffer das liebenswürdigste Kind von der Welt.
Im Jahre 1845 brachte Steuben zwei vorzügliche Bilder zur Ausstellung: Joseph und Putiphar's Frau, und Hagar vor Ab- raham, beide zu dem Stich bekannt, welcher aber die Feinheit der Originale nur sehr unvollkommen wieder gibt. In der Bei- lage zur allgemeinen Zeitung 1840 Nro. 323, sagt ein Bericht- er über die Kunstausstellung zu Berlin, dass wohl keine von allen Darstellungen jener bedenklichen Scene an Zartheit mit die- ser Steuben'schen vergleichbar sei, auch nicht die des Rafael, welcher der Frau ein so hässliches Gesicht gab, dass die entsetzliche Hast, mit welcher er den Joseph davonlaufen lässt, auch ohne Keusch- heit erklärlich wird. Bei Steuben sehen wir dagegen die schöne Frau mit grossen Reizen halb verhüllt auf ihrem Lager. Sie siecht auf den jungen, am Fusse des Bettes stehenden Joseph mit einem beredten, den jeden widerlich verletzenden freien Blick, und reicht ihm die Hand dar. Der Jüngling flieht nicht; er senkt züchtig den Blick und tritt betroffen zurück. Keiner hat viel- leicht diesen Gegenstand sinniger und anziehender behandelt, wenn sich auch ein gewisser Mangel an Charakteristik ausspricht. In dieser Hinsicht ist die Hagar auf dem anderen Bilde weit die vorzüglichste Figur, leider ist aber der Abraham durchaus ver- dorben. Der genannte Berichtgeber meint, dem Talente dieses Malers seyen vielleicht sehr bestimmte Grenzen vorgezeichnet. Aber innerhalb derselben, so wie auch in seinen Bildnissen, zeige er sich als einen Mann von feinem Gefühl und nicht gewöhnlichem Geist. Steuben hatte viele Bildnisse gemalt, welche an Wahrheit, Feinheit und Klarheit der Färbung, wie an Leichtigkeit und Sicher- heit der Touche zu dem Besten gehören, was in unsern Tagen gemacht wird. Zu seinen früheren gehört das Bildniss Napoleon's, welchen er für den Colonel Chambure malte, dann jenes des Prin- zen von Preussen, des Alexander von Humboldt u. s. w. Ein Verzeichniss derselben zu geben ist nicht möglich, denn in den Ausstellungs-Catalogen steht häufig nur: Portrait de Mr. und Mme. N. N.
Carl Steuben wurde 1828 Ritter der Ehrenlegion.
Stiche und Lithographien nach Bildern dieses Meisters.
The Emperor Napoleon, Brustbild, gest. von A. Lefevre, fol.
Der Prinz von Preussen, gest. von Lignon, fol.
Alexander von Humboldt, gest. von Lignon, fol.
Jean Sans-peur, duc de Bourgogne, in Stahl gestochen von Sichling, gr. 8.
Louis de France, in Stahl gest. von Sichling, gr. 8.
Judith va trouver l' Holoferne, gest. von Jazet, fol,
Hagar durch Sara dem Abraham vorgestellt, gest. von Rollet, fol.
Joseph und Putiphar's Weib, gest. von Rollet, fol.
Peter der Grosse auf dem Ladoga, lith. von C. Kauffmann, qu. roy. fol.
Pierre le Grand sauvé par sa mère, gest. von E. Jazet, qu. imp. fol.
Derselbe Darstellung, gest. von A. Migneret, als Gegenstück
zu Carl's XII. Belagerung von Copenhagen, gemalt von Schnetz, roy. qu. fol.
Die Schlacht von Waterloo, lith. von F. S. Maier, gr. fol.
Der Tod Napoleon's, gest. von Jazet, gr. qu. fol.
Die Rückkehr Napoleon's von Elba, gest. von Jazet, gr. qu. fol.
La Reddition d'Ulm. Napoleon empfängt den General Mack, reiche Composition, meist Portraite. Nach V. Adam und Steuben gest. von E. J. Ruhierre 1832, imp. qu. fol.
Napoleon diktirt sein Testament, lith. von Gregoire und De- neuvx, gr. fol.;
Der Hut des Kaisers Napoleon, gest. von Ch. Bouvier, fol.
Die Schlacht von Tours, in Stahl gest. von Beinn, gr. 8.
Gehört in Gavard's Gal. hist. de Versailles.
La jeune mère française, das erwähnte Bild im Palais Royal, gest. von C. Conquy, fol. La Esmeralda, gest. von Jazet, roy. fol.
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