Stoff über die Schulter zieht, betrachtet Waagen

Stoff über die Schulter zieht, betrachtet Waagen, I. c. S. 114 als

ein Werk aus der Schule des Scopas. Die ganze Auffassung hat

etwas Würdiges, und vereinigt mit einer gewissen Fülle der For-

men eine edle und keusche Grazie. Ein vorzügliches Exemplar in carrarischem Marmor, mit restaurirten Händen, kam aus dem Gar-

ten in Versailles ins Museum des Louvre, M. Franc. II. c. Bouill. I. 12., M. Nap. I, 1, Clarac, pl. 530.

Dem Kreise der Aphrodite gehört auch eine Gruppe von drei

Liebesgöttern an, welche man im Tempel der Venus zu Megara

sah,

stellten Eros, Himeros und Pothos (Liebe, Verlan-

gen, Sehnsucht) dar, in deren Geberden und Mienen man beson-

ders die zarte Verschiedenheit bewunderte.

In der Curia der Octavia zu Rom sah man einen Cupido mit dem Donnerkeile, welchen Plinius als Werk des Scopas bezeich- net. Man glaubte, er stellte den Alcibiades in jenem Alter vor.

Eines der herrlichsten Werke des Meisters war die Gruppe des Neptun, der Thetis und der Nereiden, auf Delphi-

nen und Hippocampen sitzend, und von anderen Wundertieren des Meeres umgeben, welche den Achill nach der Insel Leuke führen, nach O. Müller ein Gegenstand, in dem göttliche Würde, welche Anmuth, Heldengrüsse, trotzige Gewalt und üppige Fülle eines natarkräftigen Lebens zu so wunderbare Harmonie vereinigt sind, dass auch schon der Versuch, die Gruppe im Geiste der al- ten Kunst uns vorzustellen und auszudenken, uns mit dem innig- sten Wohlgefallen erfüllen muss. Auch Plinius spricht sich über dieses Werk, als die Arbeit eines ganzen Lebens, mit Bewunde- rung aus. Es war im Tempel des C. Domitius am Circus Flami-

erkennt Visconti in zwei herrlichen Basreliefs im Vatikan. Pio-Cl. IV. tav. 33. V. tav. 20.

*In der florentinischen Gallerie ist eine auf dem Seepferde sitzende Nereide, welche in der Weimarer Ausgabe des Winckel- mann (IX Buch, Anmerk., 207) als Werk des Scopas angegeben wird, Gal. Imperiale di Firenze IV. tav. 10. Diese Angabe findet wahrscheinlich nur in der Erinnerung an obige Gruppe des Achil- leus ihren Grund, was auch mit dem Bruchstücke eines auf einem Seethiere sitzenden Tritons der Fall seyn kann, welcher in der Note *) zum Winckelmann ebenfalls dem Scopas beigelegt wird. Dieses

Fragment war einst in einem Gartenpavillon der Villa Medici.

Dann wird auch eine von Scopas aus parischem Marmor ge- arbeitete Mänade (Anthol. Plan. IV. 3. 60. Anth. Palat. IX. 774. s. P. 642) erwähnt, in welcher er den höchsten Taumel des "göttlichen Rausches dargestellt habe. Auch Callistratus und Philo- stratus beschreiben das Bild einer Mänade, es ist aber nicht

sicht, dass diese Beschreibungen treue Schilderungen einst vorhandener Kunstwerke seyen. Callistratus nennt ein Rundbild, welches nicht den Tyrsus geschwungen, sondern ein geschlachtetes, ziegenähnliches Thier getragen habe. Eine solche Nachbildung hat sich indessen nicht erhalten, nur Basreliefs, worin man Wie- derholungen der Mänade des Scopas erkennen will. Eine solche,

aus der Villa Borghese stammend, ist im Museum des Louvre, und man gibt sie für eine Nachahmung jener Bacchantin des Scopas, welche Callistratus beschrieben, was sie aber nicht seyn kann, weil dieses Bild in Relief erscheint, dasselbe den Tyrsus schwingt, und in der Linken den Vordertheil eines zerrissenen Hirschkalbes trägt. Wie dem auch sei, das Basrelief des Louvre gilt als Nach- ahmung der rasenden Bacchantin von Scopas *), welche unter den ähnlichen Bildern dieser Art als das vorzüglichste zu betrachten ist. Waagen I. c. S. 114. sagt, es sei nicht möglich, dass gänz- liche Besessenseyn vom Gott, das heilige Rasen, ausgelassener und zugleich graziöser darzustellen als in dieser Figur. Das auf- göste Haar wallt von dem hinübergeworfenen Kopf herab. Die Rechte schwingt den Tyrsus, die Linke hält das Hirschkalb. Das leichte, flatternde Gewand drückt meisterlich das Augenblickliche der leidenschaftlichen Bewegung aus. Dieses Relief gibt Clarac in

Abbildung und bemerkt, dass es wohl geeignet sei, uns eine Vor- stellung der berühmten Mänade des Scopas zu geben.

*) M. v. Wagner sagt in seiner Abhandlung über die Aufstel- lung der Gruppe der Niobe (Kunstblatt 1830 Nro. 61. S. 342), dass dieses Relief nur ein Bruchstück eines sonst grös- seren Werkes sei, welche, wie es scheine, einen Chor von Bacchanten oder Mänaden darstellte, wie man mehrere der-

leichen Werke in der Villa Albani und im Mus. Vaticano findet, welche sich in Form und Stellung fast immer wie- derholen. Wenn das Bild im Louvre eine Nachbildung der Scopas'schen Mänade ist, so müsste sie nach Wagner eine Uebertragung vom Runde ins Basrelief seyn, was un- möglich ohne beträchtliche Veränderungen geschehen konnte. Auch sind von diesem Relief der Villa Borghese mehrere Wiederholungen vorhanden, welche, einige kleine Abwei- chungen abgerechnet, mit einander übereinstimmen.

Auch der tanzende und das Krupetium tretende Faun dürfte nach Waagen a. c. 115. der geistreichen Erfindung nach der Schule des Scopas angehören. Im Museum des Louvre ist ein Exemplar, welches der Arbeit nach in die Zeit des Hadrian gehören möchte,

Noch bestimmter als dieses Werk sprechen nach Waagen die Reliefs auf der berühmten Borghesischen Vase, die im Louvre Nr. 781 trägt. Der Bacchus, wie alle Figuren seines Gefolges, verbin- den mit der geistreichsten Erfindung, der gewähltesten Grazie eine gewisse Fülle der Formen. Die Ausführung möchte indessen eben- falls nicht vor Hadrian fallen. *

Zu Cnidus war nach Plinius von Scopas ein Dionysos von Marmor, und eines zweiten Bacchus, der am Monumente des Prasyllus war und jetzt im Britischen Museum sich befindet, ha- ben wir unten bei Gelegenheit der Beschreibung der Melpomene erwähnt, da dieser der Schule des Scopas angehören muss, wenn die Muse nach seiner Erfindung ist.

Cicero, de divin. I. 13., erwähnt eines Paniskons von Scopas, welchen er von einem solchen des Carneades in Chios unterschei- det, *

In der Glyptothek zu München ist der berühmte Barberinische Faun, eine colossale Figur aus parischem Marmor, welche nach Schorn (Catalog der Glyptoth. S. 60) als ein Werk aus der besten

griechischen Zeit, vielleicht des Scopas und Praxiteles gelten darf,

Dieser Faun, oder stumpfnasige Satyr, welcher mit Epheu be- kränzt vom Rausche umnebelt daliegt, als wenn er aus dem halb- geöffneten Munde athmen wollte, ist von einer Lebendigkeit der Darstellung in Marmor, wie wir sie in wenigen Werken der alten Kunst mit gleicher Vortrefflichkeit erreicht sehen. In der Behandlung des Marmor erinnert er an den Ilioneus der Glypto- thek, und auch in der allgemeinen Auffassung kann er nur einem Kunst- ler zugeschrieben werden, der alle Vorzüge und Eigenthümlichkeiten des Scopas vereiniget. Bei der Ausräumung des Grabens des Castell St. Angelo in Rom gefunden kam er in den Besitz des Hauses Barberini, und war zuerst ausgestreckt auf einen Felsblock restaur- rirt, wie man aus dem Stiche in Tetii Aedes Barberinae sieht, während er jetzt schief daliegt. Neu sind: das ganze rechte Bein, der mittlere Theil des linken Schenkels und der vordere des Schienbeins, samt dem linken Vorderfuss; der linke Vorderarm, der rechte Ellbogen, die Finger der rechten Hand und die ganze Rückseite des Sitzes. Diese Verstümmelung rührt vielleicht von 537 her, wo die Griechen unter Belisar auf die belagernden Gothen Statuen von der Engelsburg herabwarfen; Abgeb. bei Piranesi. Ein etwas jugendlicher Faun in Erz ist zu Neapel, Ant. di Ercol. 6, 40. *

In der griechischen Blumenlese (Anthol. Palatina II. 684) wird außer der oben erwähnten Menade noch ein Merkur genannt, „Ein Werk von hoher Bedeutung ist Skopas' Apollo als Führer des Musenreigens (Musagetes) im langen Gewände, dem Künstler in lebhafterer Gebärde den Ausdruck dichterischer Be- geisterung gab. Dieser Apollo war nach Plinius die Hauptstatue des prächtigen Tempels, welchen Augustus nach dem Siege bei Actium auf dem Palatin erbauen liess. Der Gott erschien da im langen Gewände mit der Leier zwischen Latona und Diana, wie Properz I 31, 15. singt: Inter matrem (von Praxiteles, Plin.) deus ipse interque sororem (von Timotheos, Plin.) Pythius in langen carmina veste sonat. Eine Copie dieses palatinischen Apollo ist der mit den Musen in der Villa des Cassius aufgefun- dene Vatikanische, Mus. Pio-Cl. I. 16. Mus. Franc. I. 5., Bouill. 1, 33. Visconti möchte Timarchides' Statue für das Original halten., Wo diese Apollostatue ursprünglich war, ist nicht angegeben, Strabo sagt, dass zu Chrysa im Gebiete von Troas der Tempel des Apollo Smintheus gewesen sei. Dieser Apollo war ein Werk des Skopas. Σκoπᾶς kann der Beiname von der Stadt Sminthe, oder von ouwivdoo (Maus) seyn. Hirt u. a. nennen daher diesen Apollo den Mäusetödter., Da Skopas der erste war, welcher den Apollo als Musen- führer darstellte, so möchte er auch die Musen als dessen Gefolge gebildet haben. Und man fand ja den oben genannten Vatikani- schen Apollo mit Statuen von Musen in der Villa des Cassius. Eine solche Muse, die Melpomene, aus pentelischem Marmor, be- findet sich im Museum des Louvre, die nach Waagen a. c. 1106. der Erfindung nach wohl von Skopas herrühren könnte. Die architektonisch strenge Sculptur dieser 12 F. 1 Z. hohen Statue ist hier auf das Feinste mit den Forderungen einer späteren, freien Kunst ausgeglichen. Ein erhabener Ernst und jene äussere Ruhe, welche der echten Begeisterung eigen ist, sprechen sich in den grossen, edlen Zügen des Antlitzes aus, dessen Strenge doch wie- der durch eine schöne Fülle des Ovals und aller Formen gemildert wird. In dem Gewande zeigt sich nach Waagen auf das Glän- zendste der Sieg der Kunst über die starre Masse; denn diese Falten haben durch die grossen Vertiefungen, die flächenartig gehaltene Höhen, die Wahrheit und Bestimmtheit der Motive, etwas überraschend Lebendiges, zumal da, wo sie durch den brei- ten Gurt zusammengehalten werden. Diese bis auf die neuen Hände und die neue Maske des Herkules wohl erhaltene Statue erinnert im Styl lebhaft an den Bacchus vom Monument des Trasyllus im brittischen Museum, wie Waagen bemerkt, so dass also auch dieser der Schule des Skopas angehören müsste. Was die Muse anbelangt, so fällt ihre derartige Auffassung sicher nicht vor Skopas, und doch bietet sie eine Durchdringung des Erhabe- nen mit dem Schönen und Graziösen dar, dass man sie nicht wohl viel später setzen kann. Dabei ist die Ausführung jedenfalls aus sehr guter Zeit und hat ein ächt griechisches Gepräge; denn die Formen sind durchgängig verstanden, die Arbeit sehr energisch und scharf, die Behandlung des Haares durch Vertiefungen höchst stylgemäss. Waagen glaubt, dass dieses Werk das Theater des Pompejus geziert haben könnte. Später befand es sich in der an dessen Stelle gelezten Cancelleria des Papstes, Dann müssen wir auch noch mehrerer anderer Gottheiten er- wähnen, die Skopas bildlich darstellte.

Im Inneren des Tempels der Athena Alea zu Tegea war die Göttin auf einer Biga vorgestellt und daneben sah man die Statuen des Aesculap und der Hygea aus pentelischem Mar- mor. Das Ismenium zu Theben bewahrte von Scopas ebenfalls ein Bild der Athena, und ein drittes sah man zu Cnidus, welches aber nach Plinius durch die berühmte Venus des Praxiteles ver- dunkelt wurde,

Die Statuen des Aesculap und der Hygea fertigte er zum zweiten Male für den Tempel des Gottes zu Gortys in Arkadien, Asklepios erschien hier jugendlich und unbärtig, während er später die Form eines reifen Mannes von Zeusähnlichem Antlitz erhielt. Die Hygea war als Jungfrau von besonders blühenden Zügen mit dem Gotte gruppiert.

Eine Statue der Artemis sah man in ihrem Tempel zu Theben, welcher Pausanias den Beinamen «unleida gab. Auch Lucian er- wähnt einer Statue der Artemis.

In Argos sah Pausanias eine Hekate von Marmor in ihrem Tempel, wo von Praxiteles ein Erzbild dieser Unheimlichen war.

Im Gymnasium zu Sykion war nach Pausanias ein Herakles

von Marmor aufgerichtet.

Eines der Hauptwerke des Meisters war die colossale Statue des Mars im Tempel des Brutus Callaicus am Circus Flaminius in Rom, wovon Plinius sagt, dass er sitzend dargestellt sei. Über die Conception dieses Bildes wissen wir nichts; O. Müller glaubt, aber, der Künstler habe sich ihn ausruhend in milder Stimmung gedacht, welches auch der Sinn einer noch vorhandenen Haupt- statue zu seyn scheint, in der uns vielleicht eine Copie des Scopas erhalten ist. Es ist diess der Mars Ludovisi, Perrier 383.; Maffei Raccolta 66. 67.; Firanesi Statue 36.; R. Rochette, M. J. pl. 13 Ätzler hält ihn für einen trauernden Achill, Hirt für einen Eros.

In den Servilischen Gärten zu Rom war zu Plinius Zeit eine sitzende Vesta mit zwei Chamätere, und zwei ganz ähnliche sah man unter den Denkmälern des Asinius Pollio, wo auch die Canephoren des Meisters aufgestellt waren.

Dann spricht Plinius auch von der Statue eines Janus, die Augustus aus Aegypten nach Rom brachte, und im Tempel des Gottes aufgestellt war, Allein man stritt sich, ob diese Statue von der Hand des Scopas oder Praxiteles sei,

Dieses war namentlich auch mit der berühmten Gruppe der Niobe der Fall, welche sich zu Rom im Tempel des Apollo Sosianus befand. So wie die römischen Kunstkenner nicht wussten, ob sie ein Werk des Praxiteles oder des Scopas sei, so wussten sie auch nicht, woher diese Gruppe nach Rom gekommen. Plinius spricht sich über den Meister nicht bestimmt aus, die Epigramme (Anth. Palat. App. II. 664. Plan. IV. 120. Ausonius Epit. Her. 23.) stimmen aber für Praxiteles. Auf diese Autorität hin haben einige Neuere die Gruppe diesem Meister zugeschrieben, während andere, die Ungewissheit der römischen Kunstkenner ins Auge fassend, sich mehr für den Scopas entschieden. Dagegen haben die Wei- marer Herausgeber der Werke Winckelmann's beide Ansichten verworfen, indem sie zu beweisen suchten, dass die Gruppe der Niobe weder von Scopas, noch von Praxiteles herrühren könne, ohne zu bedenken, dass es doch zu gewagt sei, den römischen Archäologen zu Plinius Zeit ein so geringes Kunsturtheil zu zu- trauen, und zwar im Angesichte von vielen Originalwerken jener

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Seopas? ö 169 Meister. Winckelmann selbst (Kunstgeschichte IX. 2. 26) hat sich

aus inneren Gründen mehr für den Scopas erklärt, indem, wie Winckelmann sagt, »die Idea der hohen Schönheit in den Köpfen und die reine Einfalt der Gewänder, besonders der Töchter der Niobe,» auf ältere Zeiten schliessen lasse, auf die Zeit vor Praxi- teles. Winckelmann (Abh. von der Kunst der Zeichnung $ 108) fand dann seine Ansicht noch mehr begründet durch die Ver- gleichung eines in Gyps geformten und in Rom erhaltenen Kopfes der Niobe mit dem gleich grossen Kopfe an der Statue der Niobe, indem man an dieser den empfindlich scharfen Umriss der Augen- brauen erblickt, welcher nach Winckelmann ein Kennzeichen des entfernteren Alterthums zu seyn pflegt, und welches man nicht an dem erwähnten Kopfe in Gyps sieht, wo im Gegentheile alles weich und rundlich gehalten ist, was nach der Behauptung des genannten Archäologen mehr Grazie hervorbringt, von welcher Praxiteles der Vater in seiner Kunst war.' Hieraus schliesst Win- ckelmann, dass in Rom zwei verschiedene Statuen der Niobe wa- ren, wovon er die Statue in Marmor dem Scopas, und diejenige, von welcher der Kopf in Gyps herrührt, dem Praxiteles zuschrei- ben wollte. Plinius spricht indessen nicht von einer einzelnen Statue, sondern von einer Gestalt der Niobe mit ihren sterbenden Kindern. Dass diese ein Werk des Scopas war, scheint jetzt die ziemlich verbreitete Meinung zu seyn, da diess durch innere Gründe unterstützt wird, welche gegen den Praxiteles entscheiden. Letzterer hat nach den über ihn vorhandenen Nachrichten sein Höchstes in dem Kreise feinster Anmuth und Lieblichkeit, süsser bacchischer Schwärmerei und Schalkheit geleistet. Mit diesen Nachrichten stimmen auch die auf uns gekommenen Sculpturen, welche mit Recht für Copien nach ganz unzweifelhaften Werken des Praxi- teles gehalten werden, wie der Apollo Sauroctonos, der oft vor- kommende, sich an den Baumstamm lehnende Faun (xzepißöoproc) wohl überein. Alle diese aber weichen von den noch aus dem Kreise der Niobe vorhandenen Sculpturen entschieden ab, und müssen denselben, obwohl sie bis auf den Ilioneus in der Glyptothek zu München nur Copien seyn möchten, namentlich an Grossheit und einer gewissen Fülle in Auffassung der Formen, wodurch sie der Zeit des Phidias verwandt sind, weit nachstehen. Der Ilioneus zeigt aber nach Waagen ]. c. 112. in Auffassung und Behandlung der Formen viel Verwandtschaft zur Venus von Milo im Louvre. Noch ungleich grösser findet aber Waagen den Un- terschied in der ganzen Geistesart, indem wir bei den Niobiden anstatt jener ruhigen, süssen, lieblichen Behaglichkeit und Schalk- heit, dem erhabensten und edelsten Pathos' begegnen. Hierzu kommt, dass unter den vielen, von dem Praxiteles erwähnten Werken sich nur sehr wenige pathetischen Inhalts befinden. Da- gegen stellen gerade die berühmtesten Werke des Scopas, Achill mit den Meeresgöttern, die rasende Bacchantin, ein sehr bewegtes Leben und leidenschaftliche Zustände dar. Jedenfalls ist so viel ewiss, dass man die Gruppe der Niobe mit grösserer Wahr- scheinlichkeit dem Scopas, als dem Praxiteles zu schreiben kann, und es bleibt auffallend, dass Plinius die charakteristischen Unterschiede der beiden Meister nicht streng genug berücksichtigte. Plinius scheint aber den Scopas als den Meister des Werkes anerkannt zu haben, indem er der Gruppe der Niobe nur bei Aufzählung der Werke desselben Erwähnung thut, nicht aber da, wo er von Werken des Praxiteles spricht. Daraus kann man auch auf die ge- wöhnliche Annahme schliessen, welche damals in Rom herrschte.

hinzu gekommen, die zum Ganzen nicht gehören, wie ein Disko- bol, eine Psyche, eine Musenfigur, eine Nymphe, eine Gruppe jugendlicher Pankratiasten, was sich alles nicht zum Ganzen fügt, obgleich mit den Niobiden gefunden. Als zur Gruppe gehörig erklärt O. Müller, Arch. S. 117, ausser der Mutter mit der jüng- sten Tochter zehn Figuren, und Thorwaldsen glaubte den soge- nannten Narcissuss in der Gallerie zu Florenz (Gal. tav. 74) hin- zufügen zu müssen. Ob aber auch diese Statuen die im Alterthume berühmten, sind, ist nach Müller u. a. sehr zweifelhaft, da die Behandlung der Körper, obwohl im Allgemeinen vortreflich und grossartig, doch nicht die durchgängige Vollendung und Frische zeigt, wie die Werke des griechischen Meissels aus der besten Zeit. Waagen |. c. 111. spricht sich seit dem Vergleiche der einen, jetzt im Braccio nuovo des römischen Museums aufgestellten, eilig bewegten Tochter mit der entsprechenden jener Gruppe in Florenz bestimmt für eine Nachbildung aus, ohne jedoch behaupten zu wollen, dass wir in der vatikanischen Statue das Original besitzen. Doch steht dieselbe nach Waagen an Lebendigkeit und Ursprüng- lichkeit der Gewandmotive dem Original unendlich viel näher, als die florentinische, wie viel man auch bei letzterer auf die Ueber- arbeitung rechnen mag. Doch auch die Mutter mit der jüngsten Tochter, welche höher als alle anderen Figuren der Gruppe zu schätzen ist, kommt im Style des Gewandes der vatikanischen nicht gleich, und einige der als Büsten vorkommenden Köpfe derselben sind mindestens eben so schön. Der lebendige Hauch griechischer Kunst ist dagegen in dem sogenannten Ilioneus in der Glyptothek zu München unverkennbar; er dürfte daher ohne Zweifel als der einzige Ueberrest der Original-Gruppe zu betrachten seyn, wobei um so mehr zu bedauern ist, dass der Kopf dieser Statue fehlt. Sie erscheint knieend und wird desshalb Ilioneus genannt, weil dieser letzte Sohn der Niobe nach Ovid beschwörend und betend Apollo's Mitleiden zu erflehen suchte. Sie ward neben anderen Antiken 1500 von Tycho de Brahe, dem Hofastronomen des Kaisers Rudolph, aus Italien nach Prag gebracht. Rudolfs kostbares

*) Der Tempel ist wahrscheinlich von Cn. Sosius gegründet, der unter Antonius in Syrien stand, und nachher mit C. Domitius zum römischen Consul ernannt wurde. Sosius dürfte auch die Gruppe aus Asien mit nach Rom gebracht haben, mit der Statue des Apollo von Cedernholz, von welcher Plinius an einer anderen Stelle ( XI 11) spricht, wo es heisst: In einem gewissen Tempel. Roms steht der Sosiani- sche Apollo von Cedernholz, der aus Seleucia dahin ge- bracht wurde. Kam nun die Gruppe ebenfalls aus Syrien oder Cilicien, wo Sosius ebenfalls Befehlshaber war, nach Rom, so würde diess einen Grund mehr für sich haben, dass sie von Scopas und nicht von Praxiteles sei, weil ersterer in Asien mehrere beträchtliche Arbeiten ausführte, von Praxiteles darüber aber nichts bekannt ist,

Die Gruppe in Florenz wurde nach ihrer Entdeckung 1583 in Rom wenig geachtet und für einen geringen Preis dem Cardinal Fernando de Medici überlassen, der sie im Garten seiner römı- schen Villa aufstellen liess. Hier blieb sie bis Winckelmann münd- lich und schriftlich ihren Werth verkündete. Endlich brachte sie 1777 der Erzherzog Leopold käuflich an sich und stellte sie in Florenz würdig auf. Die Aufstellung fand aber Schwierigkeit und mehrere Jahre Widerspruch. Man nahm gewöhnlich an, dass diese Gruppe der Niobe für ein Giebelfeld bestimmt war, und die römischen Archäologen suchten diesen Giebel am Tempel des Apollo Sosianus. Seit Erscheinung der kleinen Schrift: Le statue della favola di Nivbe situata nella prima loro disposizione da C. R. Cockerell, Firenze 1818, in welcher Cav. Bartholdi sich für die Aufstellung in einem Giebel erklärt, folgte man fast allgemein der Ansicht. Auch Zannoni, Gal. di Firenze II. tav. 76. stimmt dafür. Nur Thiersch (Epochen, erste und zweite Ausgabe, in dieser S. 368. Nota.) erklärte sich gegen diese Ansicht, gibt aber doch die dreieckige Form und bilaterale Anordnung der Gruppe zu.

Diese Gruppe war indessen schon früher der Gegenstand der Ordnung und Erklärung. Im Jahre 1770 erschien zu Florenz Fa- bronis Dissert. sulle statue appartenenti alla favola di Niobe, wo aber die Erläuterungen aus Ovid unpassend sind. Unter den Deut- schen ist als Ordner und Erklärer besonders auch A. W. Schlegel zu nennen: Bibliotheque universelle 1816. Litt. II 1001; dann H. Meyer in den Propyläen III. St. 2. 3, und Bötticher, Amalthea I.273.;

Ausser der Mutter, als Mittelpunkt, sind nach Müller (Arch. S. 117. 5.) folgende partıelle Gruppirungen nachgewiesen: 1) Der Pädagog (Gal. 15) war mit dem Jüngsten Sohne (Gal. 11) so zu- sammengestellt, dass dieser sich an ihn von der linken Seite an- drängte und er ihn mit dem rechten Arm an sich zog, nach der bei Soissons gefundenen Gruppe, welche mit Verwechslung von rechts und links bei R. Rochette M. J. pl. 79. abgebildet ist. 2) Ein Sohn (Gal. 2.) stützte mit dem vorgestellten linken Fuss eine umsinkende sterbende Schwester, welche in einer vatikanischen Gruppe, Cephalus und Procris genannt, erhalten ist, und suchte sie mit dem übergebreiteten Gewande zu schützen. 3) Eine Toch- ter (Gal. 3.) suchte ebenfalls mit ausgebreitetem Obergewande den auf das linke Knie gesunkenen Sohn (Gal. 4.) zu bedecken, eine Gruppe, die aus einer späteren Gemmenarbeit (Impronti gem. del Inst. arch. I. 74) mit Sicherheit erkannt werden kann.

Von den sicheren Figuren der Gruppe kommen ausser Florenz am häufigsten der erhabene Kopf der Mutter (sehr schön in Sars- koeselo und bei Lord Yarbarough), und der sterbende ausgestreckt liegende Sohn (auch in Dresden und München) vor. Die soge- nannte Niobe in Paris (Clarac pl. 323) hält O. Müller viel eher für eine Mänade, die sich einem Satyr entwindet.

Dann müssen wir von Scopas auch noch zweier Giebelfzierden gedenken, deren nähere Beschreibung aber fehlt.

In einem der Giebelfelder des Tempels der Athena Alca zu Tegea war von Scopas der Kampf des Achilleus mit Telephus dargestellt, und in dem anderen die Jagd des calydonischen Ebers, alles in halb erhabener Arbeit.

Ueber das Schicksal dieser Werke ist nichts bekannt, und keine Spur mehr übrig.

Dann war Scopas auch einer derjenigen Künstler, welche das prachtvolle Monument des Königs Mausolus verzierten, welches ihm Artemisia errichten liess. Dieser karische König starb Ol. 106. 3 oder 4, und somit gehörten die Bildwerke an diesem Mausoleum zu den spätesten des Meisters. Er fertigte da mit Bryaxis, Leo- chares und Timotheus die Reliefs des Frieses, Scopas jene der östlichen Seite, wie Plinius sagt. Der Inhalt dieser Bildwerke ist nicht bekannt, wahrscheinlich aber sind die Reliefs mit Amazonen- kämpfen u. a., die in der Burg zu Budrun eingemauert wurden, Reste jenes Frieses. Einiges ist bei R. Dalton Antiq. and views in Greece and Egypt, London 1709, Jonian Antiq. II. pl. 2. add. in der zweiten Ausgabe. Ueber einen schönen Caryatiden Torso s. Bullet, d. Inst. 1832. p. 168.

Dieses Mausoleum galt als ein Wunder der Welt. Die Voll- endung erreichte es erst nach dem Tode der Königin Artemisia, zu einer Zeit, als Scopas wahrscheinlich nicht mehr lebte.

SCOPAS nennt v. Murr einen Bildhauer, von welchem Graf Caylus eine Gemme besass, welche eine aus dem Bade stei-

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