Solario, Antonio de, genannt il Zingaro, war einer der berühmtesten Maler seiner Zeit, dessen Leben an jenes des Quintin Messis erinnert, so dass es dem Giulio Genaino zu einem Drama Stoff gab, während Johanna Schopenhauer jenes des Quin- tin in eine Novelle einkleidete. Über den Geburtsort des Mei- sters herrschen aber verschiedene Angaben, und erst in neuerer Zeit wurden die Widersprüche gelöst. Es fragte sich immer, ob Solario ein Neapolitaner oder aus Venedig sei. Namentlich war es Domenici, welcher den Irrthum in die Kunstgeschichte brachte, indem er, älteren Angaben entgegen, in seinem Leben der nea- politanischen Maler den Solario seinen Landsmann nennt, und ihn um zu Civita in den Abruzzen geboren werden lässt. An- deren Schriftstellern, die über die Kunst in Neapel benachrichten, und unsern Künstler einen Venetianer nennen, wie Cesareo d'Eu- genio (Anfang des 16. Jahrhunderts), Carlo Celano (Notizie del Bello della citta di Napoli) und Pompeo Sarnelli (Vera Guida de' Fo- restieri di Napoli ), hält er das Stillschweigen Vasari's und Ridolfi's entgegen, die nicht unterlassen haben würden, einen so ausgezeichneten Meister der venetianischen Schule zu erwähnen, wenn sie einen Grund dazu gehabt hätten. Gegenwärtig ist aber die Landsmannschaft Antonio's entschieden, einmal und am spre- chendsten, durch die beglaubigte Aufschrift eines Bildes, welches Abbate Celotti besass, einer Madonna mit dem Kinde, das einen Vogel am Faden hält, wo sich der Künstler »Antonius da Solario Venetus« nennt, und dann durch eine Schrift des G. A. Moschini, welche auf Veranlassung dieses Bildes unter folgendem Titel erschien: Memorie della vita di Antonio de Solario detto il Zingaro, pit- tore Veneziano. Venezia 1828.
Solario wurde gegen das Ende des 14. Jahrhunderts geboren. Sein Vater war ein Schmied, und scheint einer von jenen dürftigen Handwerkern gewesen zu seyn, die mit ihrem Handwerksgeräthe von Ort zu Ort herumziehen. Solario mag auch daher den Bei- namen des Zigeuners bekommen haben. Er scheint selbst in Eisen gearbeitet, und durch seine Arbeiten ausgezeichnete Anlagen ver- rathen zu haben; denn kaum hatte Colantonio del Fiore zu Nea-
Während er im Hause des Malers Colantonio hämmerte und stählte, entglühte sein Herz für dessen schöne Tochter, und er- schloß es mit dem festen Vorsatze, das Handwerk mit der Kunst zu vertauschen, denn Colantonio hatte ihm die Tochter zur Frau versprochen, wenn der sieben und zwanzigjährige Jüngling nach zehn Jahren ein tüchtiger Maler geworden wäre. Solario jubelte, als ob zehn Jahre ein Tag wären und verließ Neapel in aller Eile; denn er wollte die Kunst weit von Colantonio erlernen. Er ging zuerst nach Rom, fand aber keinen Meister nach seinem Wunsche. Hier hörte er aber sehr vortheilhaft von Lippo Dalmasio sprechen. Er ging zu ihm nach Bologna und ward in seine Schule auf- genommen. Jetzt versagte er sich jede Muße, jedes Vergnügen, zeichnete Tag und Nacht und bald zeigte sich, dass ihn die Natur zum Maler bestimmt hatte. Besonders beschäftigte er sich mit Madonnen, die sein Lehrer mit so grosser Reinheit und Schön- heit darstellte,
Nachdem er sechs oder sieben Jahre lang bei Lippo gelernt hatte, trieb ihn sein Ehrgeiz, Italien zu bereisen, um die andern berühmten Maler kennen zu lernen. Nach dem Berichte des Do- menici wirkte er in den drei Jahren, die von den zehn beding- ten fehlten, gleichsam Wunder. Nachdem er in Venedig bei Vi- varini, in Florenz bei Bicci, in Ferrara bei Galasso, in Rom bei Pisanello und Gentile da Fabriano in der Schule gewesen, kehrte er endlich zurück nach Neapel, ließ sich der Königin Johanna vorstellen und bot ihr eines seiner Gemälde, eine Madonna mit dem Kinde von Engeln gekrönt, als Geschenk an. Die Fürstin erkannte ihn nicht wieder, er aber warf sich ihr freudig zu Füssen, und gab sich als den Zigeuner zu erkennen, der vor zehn Jahren an ihrem Hofe als Schmied gearbeitet hatte, und der die Tochter des Colantonio nicht zur Frau erhielte, wenn er ihn nicht in der Kunst erreicht hätte. Die Königin erstaunte und wollte zu ihrer Ueber- zeugung selbst von ihm gemalt werden. Das Bild gelang vor- trefflich. Nun ließ die Königin den Colantonio rufen, der noch von nichts wusste, um sein Urtheil über die Madonna und ihr Bildniss zu sagen. Er erhob beide Bilder bis an den Himmel, und säumte nach gelöstem Räthsel nicht, die Tochter dem glücklichen Maler zu geben.
Als Solario's Kunstfähigkeit und seine seltsame Geschichte be- kannt wurde, wetteiferte man von allen Seiten, Gemälde von ihm zu haben. Er ward Hofmaler und malte viel für die Königin. Vorzüglich suchte man seine Madonnen, welche man leider nicht mehr findet. Zingaro starb zu Neapel 1455.
Antonio de Solario ist ein würdiger Vorläufer jener grossen Meister, die das 16. Jahrhundert durch ihre unsterblichen Werke verherrlichten. Er ist für Neapel wichtiger, als Colantonio del Fiore, welcher, unter fländrischem Einfluss stehend, als der erste vorzügliche Meister jener Schule zu betrachten ist, und 1444 starb. Zingaro's Werke tragen mehr das Gepräge der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie halten zum Theil eine eigenthümliche Mitte zwischen der Schule von Umbrien und der des oberen Deutsch- lands. In dem Ausdrucke einer süssen, holdseligen Milde sind sie ungemein anziehend. Kugler (Handbuch S. 686) meint, diese ihre Eigenthümlichkeit deute auf ein verwandtschaftliches Verhältniss zur altspanischen Kunst, welche mit solcher Richtung überein-
Solario, Antonio de.
stimmt. Vornehmlich gilt dieses von den als Zingaro bekannten Gemälden des Museum in Neapel, so wie von mehreren Altarbil- dern dortiger Kirchen. Etwas anders, doch wiederum sehr be- deutend erscheinen die ihm zugeschriebenen (leider beschädigten) Fresken im Klosterhofe von S. Severino. Diese zeichnen sich u. a. auch durch die meisterhafte Ausbildung der landschaftlichen Gründe aus. Lanzi sagt, seine Altar- und Staffeleibilder seyen in Tempera gemalt, was sich nicht so verhält. Sie sind in der Art der Oelmalerei behandelt, wie Colantonio's Stud. Hieronymus in den Studien zu Neapel. Auch Domenici ist im Irrthum, wenn er sagt, dass Zingaro seinen Styl nach dem des Matteo da Siena gebildet habe. In den Werken des letzteren zeigt sich keine Spur von oberdeutscher Art,
Der grösste Schatz von Werken des Zingaro ist in Neapel, da der Künstler in dieser Stadt arbeitete und eine Schule gründete, aus welcher tüchtige Künstler hervorgingen, und die bis auf Te- sauro herab blühte. Unter diesen Schülern haben mehrere rühm- liche Werke hinterlassen, wie Angelo di Roccadirame, die Stief- söhne des Agnolo Franco, Pietro und Polito Donzello, deren Ar- beiten mit jenen des Meisters verwechselt werden können. An Solario und die beiden Donzelli erinnert auch Silvestro und Si- mone Papa. Ueber diese Meister s. Le belle arti, del G. Grossi II, 58.
In S. Domenico zu Neapel ist in der Capelle des Gekreuzigten eine noch jetzt wohl erhaltene Kreuzabnahme, die ihm zugeschrie- ben wird, welche aber nach Hirt (Kugler's Museum 1833. S. 165) offenbar niederländisch und ganz in der Art des van Eyck gemalt ist. Allein andere behaupten, dass Zingaro's Werke in vieler Hin- sicht eine Nachahmung des van Eyck verrathen. In S. Severino
sieht man eine Madonna mit dem Kinde, und umher Heilige in mehreren Feldern auf Goldgrund. Da sieht man auch Frescoge- mälde von ihm, die besonders gepriesen wurden. Sie stellen in mehreren Abtheilungen das Leben des hl. Benedikt vor, wo seiner Phantasie das reichste Feld geöffnet war. Er begann dieses Werk in Helldunkel; allein die Mönche sahen auf Farbenpracht, und somit entsprach ihnen der Künstler, vollendete aber das Werk nicht. Die Ursache der Unterbrechung ist nicht bekannt. Die vorhandenen Bilder werden aber noch immer als die Haupt- werke des Meisters gepriesen. Die Neapolitaner sind stolz auf ihren Solario. Die Mönche von Monte Oliveto liessen ihre Klo- sterkapelle durch ihn mit Bildern ausschmücken. Hier malte An- tonio das Leben des Erlösers und der hl. Jungfrau, was ihm so wohl gelang, dass von nun an jede Kirche in Neapel Gemälde von ihm haben wollte. Diese überhäuften Arbeiten sind viel- leicht die Ursache, dass er die Malereien in S. Severino nicht vollenden konnte. In S. Lorenzo sieht man ein Gemälde mit St. Franz, der seinen Brüdern die Ordensregel ertheilt. In S. Pietro Martire wird diesem Künstler ein Bild des hl. Vincenz im Gebete zugeschrieben, ein von jeher gepriesenes Gemälde. Im Kreuzgang dieses Klosters malte er einige Darstellungen aus dem Leben des Heiligen, in welchen sich der Künstler selbst übertroffen haben soll. Diese Bilder führte Solario in Fresco aus. In der Carthause von Neapel sind mehrere Figuren von Aposteln, die man für Werke des Zingaro hielt. P. della Valle (Not. II, 47) fand aber in den Denkbüchern des Klosters angemerkt, dass einige Figuren von Matteo da Siena, andere von Zingaro und seinen Schülern herrühren.
Domenici behauptet auch, dass sich in Privathäusern zu Neapel eine Menge Madonnenbilder von Zingaro befunden haben; allein diese Gemälde sind fast alle verschwunden, wenn sie je Arbeiten dieses Meisters waren, da die Zahl seiner Gemälde zu gross ist, als dass er auch noch so viele Staffeleibilder hätte ausführen kön- nen. Ein solches Madonnenbild galt im Hause des Herzogs della Torre für Zingaro's Werk, worin aber andere die Arbeit des Matteo da Siena erkannten. Der Prinz Rocca Perdittummo besass zu Fio- rillo's Zeit eine Madonna mit dem Kinde in einer Glorie von kleinen Engeln, welche Solario zugeschrieben wurde. Der Abbate Celotti aus Venedig erwarb in neuerer Zeit ein allerliebstes Ma- donnenbildchen, welches, wie oben gesagt, mit „Antonius da Solario in Venetia f." bezeichnet ist. Maria hält das Kind vor sich, welches an einem Faden den Vogel auf der Bank umherlaufen lässt, wäh- rend der kleine Johannes ihm einen gefangenen Schmetterling hereinhält. Dieses Bild, welches nach dem Norden wanderte, ist von Gräcie und Anmuth; eine rührende Kindlichkeit und Frömmigkeit ist über die ganze Gruppe ausgegossen. Der Ton ist kräftig, das Colorit harmonisch, die Ausführung in den Fleischpartien zart, wenn auch in der Zeichnung der Extremitäten vielleicht minder sicher und gelungen. Auf einem an die Bank angehefteten Blatte ist obige Inschrift. Es ist durch einen Kupferstich bekannt.
Dann behauptet Domenici auch, dass Zingaro geistliche und weltliche Bücher mit Miniaturgemälden geziert, und viele seiner geistreichen Gedanken in Zeichnungen dargelegt habe. Er nennt einen Codex des Tragikers Seneca, den Antonio mit Bildern ver- zierte, und zwei Bibeln, ebenfalls mit Miniaturen von seiner Hand. Der Seneca war in der Vallettanischen Bibliothek, aus welcher er in jene der Hieronymitaner in Neapel überging. Die eine Bibel war in der Vaticana zu Rom, und kam als Geschenk des Papstes an den Cardinal Oliviero Caraffa. Die andere besass der Cardinal Annibale da Capua. Eine von beiden, oder eine dritte besass 1780 Cav. Pesaro, Gesandter am spanischen Hofe. Die Bibliothek Pesaro's kam 1801 nach London. Ob indessen alle diese Miniaturen von Zingaro herrühren, bleibt dahin gestellt, da sie anderwärts nicht erwähnt werden.
In einem Verzeichnisse der Gallerie zu Florenz von 1618 p. 32 wird ein toder Christus in den Armen der Jünger dem Zingaro zugeschrieben, ein Gemälde von grosser Schönheit, worüber aber die Meinungen getheilt waren. Auch Domenici erwähnt eines solchen Bildes, wahrscheinlich jenes, welches später der neapoli- tanische Prinz von Rocca Perdittumo besass.
In der k. Pinakothek zu München ist von ihm ein 5' 4" 2" hohes Bild des heil. Ambrosius im bischöflichen Ornate, ganze stehende Figur, mit Landschaft im Hintergrunde. Ein zweites Ge- mälde dieser Gallerie, fast eben so hoch, stellt das Bildniss des hl.
Durch Kupferstiche ist bisher wenig von diesem Meister be kannt. Das Mebliche Madonnenbild des Abbate Celotti wurde ge- stochen. Das Museo Borbonico wird vermuthlich auch Proben nach diesem Meister geben. Wenn auf Kupferstichen Antonio So- lari steht, bedeutet es den And. Solario. Sein Bildniss ist in der obgenannten Schrift Moschini's,
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