Siena, Francesco di Giorgio da

Siena , Francesco di Giorgio da, Bildhauer , Maler und Bau- meister, stammt aus der Familie der Martini (s. Simone Martini da Siena) und wurde den 23 Sept. 1439 in das Taufregister unter dem Namen Francesco Maurizio di Giorgio di Martino pollajuolo eingetragen. Sein Stammbaum findet sich bei della Valle (Lett. Sen. II. 67) und Vasari (Lebensbeschreibungen, deutsch von L. Schorn M.². Nr. LIX.) bringt Daten über sein Leben und sein Wirken bei, ohne jedoch überall sicher und genügend zu seyn, so dass namentlich B. v. Rumohr's ital. Forschungen III. f., Gio- sef del Rosso's Lettere Antellane, Roma 1822, die Anmerkungen der neuen florentinischen Herausgeber, Gaye's Mittheilungen aus einer unedierten Handschrift des Giov. Santi, Kunstblatt 1830, Nr. 86 ff. zur Ergänzung und Berichtigung benutzt werden müssen.

Vorerst ist es unrichtig, wenn man ihn zum Schüler Brunel- leschi's macht, da Francesco älter als dieser Meister ist. Ueber- diess wissen wir aus Vasari, dass er zu jeder Leistung geschickt war, und dass er als wohlhabender Mann nicht des Gewinnes wil- len, sondern nur zu seinem Vergnügen und der Ehre wegen ar- beitete. Zu seinen Hauptwerken gehören die plastischen Arbeiten, nicht so sehr die Malereien, deren er ebenfalls einige ausführte. Lanzi führt nur ein Bild der Geburt Christi an, welches sich zu seiner Zeit in der Sammlung des Abbate Ciaccheri befand. Neuer- lich fand sich aber in Monte Oliveto maggiore zu Chiusi eine andere Tafel von Francesco, welche die Himmelfahrt Mariä vor- stellt. Diese beiden Bilder nähern sich im Style den Werken des Mantegna. Auf dem Deckel eines auf der Bibliothek zu Siena auf- bewahrten eigenhändigen Manuskripts des Meisters findet sich die Angabe, dass er 1474 eine Krönung der Madonna für die Hospi- talkirche gemalt habe, und von 1408 — 75 finden sich in Urkun- den Zahlungen für seine Malereien, die jetzt verschollen sind. Von einem gemalten Bildnisse des Herzogs Federigo von Urbino erprächt Vasari,

Vasari legt diesem Künstler ferner zwei Engel in Bronze bei, und sagt nur, sie seyen auf dem Hauptaltare des Domes in Siena. Es sind diess die zwei Engel, welche das Ciborium halten, in glei- cher Höhe mit dem Tabernakel, welcher von Lorenzo Vecchietti

fertiget ist. Durch B. v. Rumohr (II. 201) wissen wir ferner, dass Francesco in Gipsrelief eine Madonna in Mitte einer Gruppe von Engeln gefertigt habe, und zwar für die Capelle ausserhalb Porta Camollia; ferner das Grabmal des Cristofano Felice in S. Francesco 1462, die Statuen der Heiligen Ansanus und Victorius an der Fassade des Casino de' Nobili, welche della Valle ihm bei- legt, rühren von Urbano da Cortona her. Vasari legt ihm auch eine Medaille mit dem Bildnisse des Herzogs Federigo von Ur- bino bei, darunter wahrscheinlich ein Medaillon zu verstehen ist.

Dann wird dieser Künstler von Vasari auch als Architekt ge- rühmt. Dass der Künstler den Vitruv, so wie die Denkmäler in Rom, Capua, Perugia u. s. w. studirt habe, sagt er selbst in sei- nem Manuscripte, er ist aber dennoch mehr als Ingenieur zu be- trachten, da Civilbauten, welche ihm Vasari zuschreibt, von an- dern Künstlern herrühren. Seine Hauptbeschäftigung waren: die Fortificationen, welche er im Dienste des Herzogs Federigo Feltro von Urbino vornahm. Er sagt selbst, dass er auf Antrieb und mit Hülfe des Herzogs Mittel ausgesonnen habe, der Wirkung der Canonen durch Befestigung zu begegnen, und, dass er verschie- dene kleine Festungen, die Citadelle von Cagli, Sasso di Monte- feltro, Tavoletto, Alaserra, Mondavi und Mondosi erbaut habe. Viele Schriftsteller (Lett. Sen. III. 195) halten ihn für den Erfinder der Minierung, und da seine Schrift über Befestigung die wichtig- sten, aus eigenem Nachdenken hervorgegangene Resultate enthält,

betrachtet ihn B. v. Rumohr (I. c. 186) als einen der Begründer der neuern Befestigungskunst.

Vasari erklärt diesen Künstler als den Erbauer des Palastes des Herzogs Federigo von Urbino, der als Graf von Montefeltro 1473 zu dieser Würde von Papst Sixtus IV. erhoben wurde. Dies ist einer der schönsten Paläste damaliger Zeit, durch ein Ku- pferwerk von Bianchi, Rom 1727 bekannt; allein Francesco ist nicht der Erbauer. Clementini (Racconto stor, di Rimini I. 554) setzt den Beginn des Baues schon 1447, gleichzeitig mit jenem der Kirche des heil. Franz in Rimini; doch auch diese Angabe ist nicht erweisbar. Der Bau begann wahrscheinlich um 1468, wo der erste Architekt desselben, Lucianus Lauranna aus Slavonien, ein Patent erhielt. Vgl. das Leben des Baccio Pintelli Nr. 541. Anmerk. 18. bei Vasari, deutsch von Schorn. Dieser Lauranna war noch 1483 in Urbino thätig, gleichzeitig mit Francesco di Giorgio, welcher in einem Briefe des Herzogs vom 26. Juli 1480 (Biblioth. zu Siena) dilettissimo architetto genannt wird. Dass er aber den Palast gebaut habe, erweist sich als gänzlich unbegründet. Er selbst erwähnt nur eines Stalles für 500 Pferde, oder eigentlich einer Reitercaserne. Ricci (Memorie delle belle arti in Gubbio) legt ihm den Bau des fast zerstörten Palastes in Gubbio bei, was ebenfalls noch des Beweises bedarf. Ganz irrig ist Vasari's weitere Angabe, dass Fran- cesco für Papst Pius II. alle Zeichnungen und Modelle zum Pal- laste und der bischöflichen Residenz in Pienza gefertigt habe. Wir wissen durch v. Rumohr I. c. 182, und del Rosso Lett. An- tellane Nr. 2., dass der päbstliche Bau zu Pienza schon 1450 be- gann, wie es scheint durch Bernhard Gamberelli il Rossellino. Eben- so irrig ist Vasari, wenn er dem Francesco den Bau des Palastes und der Loge des Papstes zuschreibt und dann bei der Anlage und Befestigung derselben gedenkt. Der Aretiner meint aber dort nicht Pienza, sondern Siena. Der erwähnte Palast ist der schöne Fa- milienpalast der Piccolomini, welchen der Papst seinem Neffen bestimmte, jetzt Collegio Tolomei. Dieser Palast ward schon 1460 begonnen, und einige Jahre nach dem Tode des Papstes beendigt.

*) Herzog Federigo soll selbst ausübender Künstler ge- wesen seyn. Eine unverbürgte Nachricht eines Manuscripts in der Magliabecchiana schreibt ihm die Zeichnung zum Dom von Urbino zu. Vgl. Vasari, deutsche Ausgabe, II, 2, 81, Note.

Dagegen fand v. Rumohr vieles angemerkt, was Vasari über- ging. Es wurde dem Francesco dio Aufsicht über den schon voll- endeten Dom in Siena anvertraut, in welchem er die Bele- gung der hölzernen Chorsitze angab. Im Jahre 1484 finden wir ihn an der Kirche del Calcinajo bei Curtona beschäftigt, wo es zuvörderst darauf ankam, ein dem Bau sehr hinderliches Berg- wasser abzuleiten. Er fertigte auch die Zeichnung und das Modell zur Kirche, wie aus der Urkunde erhellt, und den 6. Juni 1485 wurde der Grundstein gelegt. Val. Gaye 1. c. 359. Man hat die- sen schönen Bau irrig für ein Werk des Ant. da San Gallo ge- halten, dessen Zeichnung nicht ausgeführt wurde. Den Bau scheint ein anderer geleitet zu haben, denn schon am 20. Dec. 1485 wurde Francesco als Ingenieur der Republik Siena in Dienste genommen. Im Jahre 1490 ward er von Lodovico Maria Sforza nach Mailand zu einer Berathung über die Cuppel des Domes eingeladen, welche dann nach seinen Angaben von Gio. Ant. Amico und Gig. Giac. Dolcebono ausgeführt wurde. Die gothische Anordnung der Cup- pel mit der colossalen Statue der Maria auf dem Gipfel ist in seinem Gutachten erwähnt. Er blieb von Mai bis Juli in Mailand, und erhielt für seine Bemühung neben Vergütung der Reisekosten noch 1000 chn. Gulden und ein seidenes Kleid. Lett. San. 113. 84. f. Im Jahre 1491 ward er zu einer Berathung nach Lucca berufen, und 1495 gab ihm die Republik Urlaub, einem Rufe des Herzogs von Calabrien nach Neapel zu folgen, wo es ohne Zweifel der Anlage oder Verbesserung der Festungswerke galt. Im Jahre 1499 unternahm er eine Amtsreise nach Montepulciano, und 1501 wurde er von der Republik ins Feld gesandt. Rumohr 1. c. 198. Nach Vasari wäre der Meister nur 47 Jahre alt geworden, und 1490 müsste er gestorben seyn. B. v. Rumohr vermuthet, dass es 67 heissen solle; denn Francesco scheint bis 1506 gelebt zu haben.

In der Bibl. Magliabecchiana zu Florenz befindet sich das Manuscript mit Zeichnungen und Kriegsinstrumenten, wovon Va- sari sagt, dass es unter die seltenen Merkwürdigkeiten des Her- zogs Cosmo von Medici gehört. Diese Handschrift ist vollständiger in Plan und Ausführung, und reicher an Zeichnungen, als jene auf der Bibliothek in Siena. Beide enthalten einen Traktat über die Befestigungskunst nach den eigenen Erfahrungen des Verfas- sers, und eine Abhandlung über die Baukunst nach Vitruv. Ein drittes Exemplar besass Scamozzi, nach v. Rumohr vielleicht jetzt in der Markus-Bibliothek zu Venedig. Della Valle gibt einen etwas confused Auszug aus dem Sieneser Manuscript. Lett. San. 3, 106 f. Am Schlusse der Lebensbeschreibung lobt Vasari den Francesco, als denjenigen Künstler, der die Baukunst mehr geför- dert und erleichtert habe, als irgend ein anderer von Ser Brune- leschi bis zu seiner Zeit. Er vergass hier seinen berühmten Lands- mann Leo Bat. Alberti, der durch Schriften und Bauwerke wohl noch mehr beigetragen hat, die Grundsätze des Bruneleschi zu ver- breiten und auszubilden. Der Bildhauer Jacopo Cozzarelli, der Freund und Gefährte unsers Meisters, fertigte das Bildniss desselben.

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