Siena, Agostino und Agnolo da

Siena , Agostino und Agnolo da, Bildhauer und Archi- tekten, Gemälde aus einer Künstlerfamilie, die bis ins 12. Jahrhun- dert hinaufreicht, und in der früheren Zeit meistens Architekten zählte. Von solchen wurde nach Vasari, deutsche Ausg. von L. Schorn I. 175, 1190 der Brunnen Fontebranda errichtet, und in den folgenden Jahren das Zollhaus und andere Gebäude in Siena, den Lettere Sanese II. 142, in der Storia del duomo di Orvieto.

*) Die meistens nach ihren Familiennamen unbekannten Mä- ster aus Siena folgen hier unter dem Ortsnamen alphabetisch nach den Taufnamen. Ueber einige Meister der sienesischen Schule gibt Vasari Nachricht, seine Angaben sind aber unsicher oder ganz falsch. Die deutsche Uebersetzung der Lebensbeschreibungen Vasari's gibt daher viele Berich- tigungen, mit Hinweisung auf die verschiedenen Schriften, in welchen sie enthalten sind. Diese Ausgabe liegt in einschlägigen Artikeln zu Grunde, und besonders auch v. Rumohr's italienische Forschungen, u. s. w. Die weiteren Angaben folgen an gehöriger Stelle.

kommen von 1290 an, dem Beginne des Doms, eine Reihe bisher unbekannter Architekten von Siena vor. Auch der Vater unserer Künstler, Maestro Rosso, war noch Architekt, wie wir dieses aus Cicognara's Storia della Scultura III. 277 wissen. Agostino widmete sich aber schon mit fünfzehn Jahren der Bildhauerei, und zwar unter Leitung des Giovanni Pisano, der nach Vasari sich einige Zeit in Siena aufhielt, um die Zeichnung zur Vorlage des dortigen Domes zu verfertigen. Agostino übertraf bald alle seine Mitschüler, und ein jeder nannte ihn das rechte Auge seines Meisters. Bald darauf trat auch Agnolo, Agostino's jüngerer Bruder bei Giovanni in die Lehre, und da er schon früher einiges heimlich gearbeitet hatte, so fand sich der Meister be- wogen, bei der Ausführung der Marmortafel für den Hauptaltar zu Arezzo beide Brüder zu Gehülfen zu wählen. Sie arbeiteten zu solcher Zufriedenheit desselben, dass er sie auch bei seinen Arbeiten in Pistoja, zu Pisa und besonders in Orvieto zu Hülfe zog, wo die von ihnen gefertigten Bilder der Propheten dem Giotto

so wohl gefielen, dass er sie als die besten Bildhauer der Zeit erklärte. Doch befiessen sich diese jungen Künstler nicht allein der Bildhauerei, sondern auch der Baukunst mit solchem Erfolge, dass Agostino 1308 den Auftrag erhielt, den Plan zum Palaste der Neuner in Malborghetto zu verfertigen. Dieses Bauwerk machte den Künstlern einen grossen Namen und daher wurden sie nach Giovanni's Tod zu Stadtbaumeistern in Siena ernannt. Im Jahre 1317 ward nach ihrer Angabe die Wand des Domes erbaut, welche gegen Mitternacht liegt, und 1321 wurde nach Vasari nach ihrer Zeichnung die Porta Romana errichtet, an welcher man eine Krö- nung Maria von Sano Lorenzetti sieht. Tizzone gibt 1320 und Ma- lavolti 1327 als die Zeit der Erbauung, Ugurgieri stimmt aber in den Pompe Sanese dem Vasari bei, welcher wohl auch recht hat, da Neri di Donato, ein Zeitgenosse der Künstler, die von den- selben unternommene Restauration des Thores nach Tufi in das Jahr 1327 setzt, so dass die genannten Schriftsteller dieses mit der Porta Romana verwechselt zu haben scheinen. Diese Arbeit be- schäftigte aber die Künstler nicht ausschliesslich, denn Baldinucci Dec. II. del Sec. I. 68 sagt in seiner Ergänzung der Nachrichten Vasari's, dass diese Meister 1325 den Bau des Thurmes auf dem grossen Platze in Siena begonnen haben, worauf wir noch weiter unten zurückkommen. Im Jahre 1326 begannen sie den Bau des Klosters und der Kirche von S. Francesco in Siena, von welcher Vasari ebenfalls Kunde hatte, nur nicht bis auf das Jahr.

Um diese Zeit lässt Vasari die beiden Brüder nach Orvieto berufen, um für die Kirche der hl. Jungfrau einige Bildwerke auszuführen, worunter er die Propheten an der Vorderwand nennt. Allein Vasari irrt sich da in der Zeit. Jene Bildwerke waren be- reits vollendet, denn Giotto sah 1326 dieselben bereits fertig, und da sie ihm vor allen gefielen, so empfahl er die Künstler dem Herrn Piero Saccone von Pietramala, welcher ihnen daraufhin die Ausführung des Grabmales des Bischofs Guido Tarlati von Arezzo übertrug, welches man in der Capelle des Sakraments im Dome sieht. Sie hatten dabei eine Zeichnung von Giotto, und führten in Zeit von drei Jahren das Werk mit grösstem Fleisse aus, so dass die Basreliefs wie Elfenbeintafeln erscheinen. In der Beschreibung ist Vasari wieder im Irrthume, indem an demselben nicht 12 sondern 16 Basreliefs sich finden, die in einer Menge kleiner Figuren Begebenheiten aus dem Leben des Bischofs vor- stellen. Ausführlich beschrieben sind sie in den Ragionamenti

  1. Die Installation des Bischofs 1312, mit der Ueberschrift: Fatto Vescovo. Vasari meint, dieses Bild beziehe sich auf die Herstellung der Stadtmauern von Arezzo, wogegen schon die Inschrift spricht.

  2. Die Wahl zum General-Signore von Arezzo 1321. Chia- mato Signore. Vasari erkennt darin irrig die Einnahme von Lucignano.

  3. Allegorische Darstellung auf die Bedrückung der Gemeinde von Arezzo, die als alter bärtiger Mann auf dem Throne vorgestellt ist, wie ihm viele andere Haar und Bart zer- reißen. Vasari will darin die Einnahme von Chiusi vor- gestellt wissen, Giotto hat aber in der Sala di Podesta auf ähnliche Weise die Calamität der Stadt Florenz vorgestellt. Die Aufschrift fehlt.

  4. Die Einsetzung zum Herrn von Arezzo, wo derselbe Greis, wie oben, auf dem Tribunal sitzt. Die Aufschrift sagt: Comune in Signoria.

  5. Die Herstellung der Mauern von Arezzo: El Far delle mura.

  6. Die Einnahme von Lucignano, nach der Inschrift: Luci- ignano.

  7. Die Einnahme von Chiusi: Chiusi.

  8. Die Einnahme von Fronzoli: Fronzola.

  9. Die Einnahme der Burg Foccognano, wo der Bischof mit dem Scepter unter dem Baldachin sitzt: Castel Focco- gnano. Vasari lässt diese Abtheilung weg.

  10. Die Einnahme der Festung Rondine: Rondine.

  11. Die Einnahme von Bucine in Waldambra: Bucine.

  12. Die Einnahme der Citadelle Caprese: Caprese.

  13. Die Demolirung des Schlosses Laterino: Laterina.

  14. Die Zerstörung von Monte Sansovino: Il Monte San- sovino.

  15. Die Krönung des Kaisers Ludwig des Bayern durch den Bischof in S. Ambrogio zu Mailand: Il Coronazione. Vasari glaubt hier die Krönung des Bischofs vorgestellt, und bringt irrig Pferde in die Darstellung.

  16. Der Tod des Bischofs: La morte di Messer.

An verschiedenen Stellen dieses Grabmals ist das Wappen der Ghibellinen und das des Bischofs angebracht, welches letztere sechs viereckige Steine von Gold auf blauem Grunde zeigt, in Hin- deutung auf die Familie Pietramala, welcher der Bischof angehört. An den Pfeilern zwischen den Abtheilungen sind stehende Figu- ren von Bischöfen gearbeitet. Die Gestalt des Bischofs, in Mar- mor ausgeführt, liegt auf dem Sarge hingestreckt unter einem Rundbogen, und zu den Seiten sieht man Engel, die eine Gardine zierlich halten. An der untern Leiste des Grabmals steht:

Hoc Opvs Fecit Magister Avgvstinvs Et Magister Angelvs De Senis, MCCCXLLX.

Dieses berühmte Werk ist auch in Abbildung bekannt. Die grössere und bessere s. Monumenti sepolcrali della Toscana, Fi- renze 1819 tav. 40. Auch bei Cicognara, Stor. della scult. tav. 24 und 32 ist eine Abbildung, die Beschreibung ist aber in beiden Werken nicht genau. Eine dritte Abbildung findet man bei

d' Agincourt, Hist de l' art par les monumens, pl. 27. Ueber die Krönung des Kaisers, Ludwig zu Mailand s. Ferrari monumenti, sacre e profani della Basilica di S. Ambrogio in Milano, p. 145., wo Tafel 23 eine grössere und genauere Abbildung der Kaiser- krönung nach d' Agincourt mitgetheilt ist. Stellenweise ist dieses Monument beschädigt, und zwar durch die Franzosen unter dem Herzog von Anjou, welche bei der Plünderung der Stadt dadurch an dem Feinde Rache nehmen wollten, wie Vasari versichert. Es ist aber immerhin noch so wohl erhalten, um die Kunst dieser Bilder bewundern zu können. Das Ganze ist ungemein fein und sauber gearbeitet, und in Lebendigkeit des Ausdruckes übertreffen die Künstler selbst ihre Meister; Vasari legt diesen Künstlern auch eine marmorne Altartafel, ehedem in S. Francesco zu Bologna, bei, welche in anderthalb Ellen hohen Figuren die Krönung der hl. Jungfrau durch Christus vorstellt, und zu beiden Seiten drei Heilige. Das Ganze ist mit reichen erhobenen Verzierungen umgeben, und mit einer Menge von halben Figuren nach der Weise damaliger Zeit. Unter jedem der Heili- gen ist ein Basrelief, welches eine Begebenheit aus dessen Leben vorstellt. Vasari sagt, dass man an diesem Werke Namen und Jahr- zahl, obwohl halb zerstört, lesen könne. Er gibt 1329 an, und fügt bei, dass die Künstler acht ganze Jahre daran gearbeitet haben. Die Sache ist indessen nicht so ganz gewiss, denn A. Masini (Bologna perlustrata I. 116) behauptet, in alten Documenten des Franziskanerklosters gefunden zu haben, dass die Venezianer Ja- copo und Piero dieses Altarwerk gefertigt hatten. Neuere For- scher fanden aber in dem Archive der Franziskaner nichts darüber vor, und Schorn glaubt sogar, eine solche Notiz sei gar nicht vorhan- den gewesen, da die Minoriten nur ein Archiv von geistlichen Sachen gehabt, die Administration aber stets den Signori deputati oder dem hl. Stuhle überlassen hätten. Indessen bringt auch Ci- cognara Stor. III. 286 ein handschriftliches Document bei, worin die Angabe enthalten ist, dass dieses Werk von Jacopo und Pietro Paolo aus Venedig, den Söhnen des Antonio dalle Masegne, und Schülern unserer beiden Sieneser, im Jahre 1338 für 2150 Ducaten in Gold gefertigt worden sey. Dieses Document vernichtet aber die Ansprüche des Agostino und Agnolo noch nicht ganz, denn es ist in demselben erstlich ein Irrthum in Hinsicht des Erblassers, der dieses Werk bestellt hatte, und ferner ist zu bemerken, dass die genannten Venezianer um 1300 zu Venedig arbeiteten, wie sich aus Inschriften ihrer dortigen Werke ergibt, und mithin können sie kaum 1338 das Werk in Bologna vollendet haben. Die Sache erschwert aber wieder das Aktenstück, auf welches sich Masini bezieht, nach welchem 1406 den Künstlern die letzte Zahlung ge- leistet wurde. Es bleibt also nichts übrig, als das Werk unseren Künstlern zu lassen, oder in dem zuletzt genannten Documente, so wie in der Angabe Vasari's einen Irrthum zu vermuthen. Die Zeit passt in einer Hinsicht allerdings für Agnolo und Agostino da Siena, da sie 1330 das Monument des Bischofs bereits vollendet hatten, so dass sie 1320 nach Vasari an eine neue Arbeit denken konnten. Dieses Altarwerk ist aber im Style von dem Grab- male des Guido Tarlati verschieden. Es lässt einen bedeutenden Fortschritt der Kunst erkennen, und nähert sich den Werken des Nicola Pisano an der Arca des hl. Dominicus zu Bologna. Cico- gnara selbst erklärt es als eines der schönsten Bildwerke des 14. Jahrhunderts. Dieser Unterschied im Style spricht freilich nicht für unsere Sieneser, da es kaum möglich ist, so schnell aller Eigen-

Thümlichkeit sich zu entäußern. Cicognara, Stor. I. tav. 36. gibt die Krönung, eine halbe Figur und das „Wunder eines Heiligen in Abbildung. Das Bildwerk ist nicht mehr in der Kirche, da diese in eine Dogana verwandelt wurde. Die Tafel ist zerlegt und in einem anderen Locale aufbewahrt. Graf Cicognara untersuchte sie, fand aber weder Schrift noch Jahrzahl darauf.

Eine gleiche Bewandtniss hat es auch mit einem Bildwerke, welches Vasari im Leben des Girolamo da Capri diesen beiden Meistern zuschreibt. Es ist dies das Grabmal des hl. Augustin in S. Agostino zu Pavia. Dieses Monument ist zwar den beglau- bigten Werken dieses Meister im Style sehr ähnlich, aber nach Cicognara, Stor. II. 201, erst 1362 begonnen worden, so dass es höchstens von Schülern dieser Sieneser herrühren könnte.

Agostino und Agnolo da Siena scheinen nach Vollendung des Grabmals des Bischofs Guido Tarlati zunächst als Architekten beschäftigt gewesen zu seyn. Sie begannen den Bau einer Festung, der aber bald wieder eingestellt wurde. Man zerstörte sogar die Werke wieder, wie Vasari benachrichtigt. Masini fand auch in einem Documente, dass diese beiden Bildhauer die Festung am Thore von Galliera erbaut. Hierauf machte die Ueberschwemmung des Po ihre Hilfe dringend nothwendig. Er trat zum Ver- derben des Gebietes von Mantua und Ferrara aus seinem Bette, und verwüstete viele Meilen umher das Land. In solcher Noth fanden die Bildhauer aus Siena Mittel, den Strom in seine Grän- zen zurückzuführen, indem sie ihn durch Dämme und Schutz- wehren einschlossen.

Im Jahre 1358 lässt Vasari diese beiden Meister nach Siena zurückkehren, wo jetzt nach ihrem Plane die neue Kirche St. Maria neben dem alten Dome erbaut wurde. Mit einer zweiten Angabe Vasari's, dass diese Künstler auch den Brunnen auf dem Platze vor der Signoria ausgeführt haben, hat es wieder wenig Richtigkeit. Aus den Lettere Sanese II. 181 geht nämlich hervor, dass 1343 dem Jacopo di Vanni dieses Unternehmen anvertraut wurde, der es zu Ende des Jahres 1344 beendigte, wo er auch starb. Vasari sagt, dass der Brunnen den 1. Juni 1343 zum ersten Male sprang, zu großer Freude und Befriedigung der Stadt, welche die Geschicklichkeit ihrer Mitbürger dankbar anerkannte. Zu der nämlichen Zeit lässt Vasari diesen Künstler den großen Rathaus- saal einrichten, und 1344 nach Angabe derselben den Thurm des Rathhauses beenden. Weiter oben sagt er aber, diese Meister hätten schon 1325 den Bau des Thurmes begonnen, der erst 1344 seine Vollendung erreicht haben müsste. Allein genauere Sienesische Schriftsteller setzen die Vollendung auf 1350, und so- demit ist Vasari's Angabe wieder in Zweifel gesetzt. Des pracht- vollen Palastes Sansedoni auf dem großen Platze in Siena, wel- chen Agostino 1338 baute, erwähnt Vasari nicht, was aber in der Storia del duomo di Orvieto p. 203 erwiesen wird. Hier werden auch einige Zweifel über diese angeblichen Brüder erhoben.

Endlich sagt Vasari, ging Agnolo nach Assisi, und arbeitete dort in der untern Kirche des hl. Franziskus eine Capelle und ein Grabmal für einen Bruder des Napoleone Orsino, welcher als Cardinal da gestorben war. Während dieser Zeit starb auch Ago- stino, der mit den Zeichnungen zu den Verzierungen des genann- ten Brunnens sich beschäftigte. Der Tod des Agostino da Siena fällt also um 1344. Das Todesjahr des Agnolo wusste Vasari [unleserlich]. Diese beiden Meister hatten auch viele Schüler, die eine Menge

frani von Venedig, und Jacobello mit Pietro Paolo, ebenfalls aus Venedig.

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