Servandoni wurde nach der gewöhnlichen Annahme 1695 in Florenz geboren, französische Schriftsteller

Servandoni wurde nach der gewöhnlichen Annahme 1695 in Florenz geboren, französische Schriftsteller, wie d'Argenville, wollen aber in ihm den Sohn eines gemeinen Fuhrmannes von Lyon , Namens Servan erkennen, und Watelet behauptet, er sei aus dem Ländchen Annay gebürtig. Wie dem auch sei, Servandoni war schon als Knabe in Piacenza Schüler des berühmten Pannini, welcher auf seine spätere Kunstrichtung den entschiedensten Einfluss hatte. Wie dieser, so malte auch Servandoni in seiner frühesten Zeit architektonische Ansichten und Ruinen antiker Gebäude in reicher landschaftlicher Umgebung, und diese Gemälde haben vor vielen anderen derartigen Werken den Vorzug grosser Correktheit in baulicher Hinsicht, da Servandoni in Rom unter G. B. de Rossi genaue architektonische Studien machte. Dieses that er anfangs nur, um seinen Gemälden einen hohen Grad von Wahrheit zu verleihen, zuletzt aber führte ihn diess, auf die Bühnenmalerei, welche ihm einen glänzenden Ruhm bereitete. Er konnte auf diese Weise auch seine Reiselust befriedigen, welche von jeher ihn eingenommen hatte. So ging er schon in jungen Jahren nach Portugal , um in Lissabon sein Glück zu versuchen. Er malte da Dekorationen für die italienische Oper und lieferte auch mehrere Entwürfe zu öffentlichen Festivitäten und Belustigungen. Servandoni soll damit das Publikum bezaubert haben, und mit dem Christusorden geziert lassen ihn einige französische und italienische Schriftsteller 1724 den Schauplatz seines Ruhmes nach Paris versetzen. Auch Quatremere de Quincy, in seinem Leben der berühmtesten Architekten, folgt der Sage von dieser portugiesischen Decoration des Künstlers, welche aber wie wir unten erweisen,

Servandoni, Giovanni; Nicola Cav.

auf einem Irrthum beruht, indem ihm erst 1745 Papst Benedikt XIV. den Christusorden verlieh.

In Paris wurde ihm bald die Leitung der Oper-Decorationen anvertraut, und 1728 entwickelte er im »Orion« zum ersten Male den Zauber seiner Kunst, indem sich ganz Paris an die Mündun- gen des Nils, unter die Ruinen der Pyramiden versetzt glaubte. Man scheint erst damals die Täuschung kennen gelernt zu haben, welche die Perspektive in ihrer Anwendung auf Architektur und die genaue Berücksichtigung der Gesetze der Färbung und Be- leuchtung zu bewirken im Stande ist. Auch nahm von diesem Augenblicke an das Schauspiel der Oper eine neue Richtung, und während eines Zeitraumes von achtzehn Jahren führte er mehr als sechzig Opern-Decorationen aus, wodurch er alle seine Vor- gänger in Schatten stellte. Zu seinen schönsten Compositionen zählte man die des Palastes des Ninus, des Tempels der Minerva, der elisäischen Felder, des Palastes der Sonne und der Moschee Skanderbegs. Der Enthusiasmus, welchen diese Decorationen bei den Beschauern erregten, war ausserordentlich. Die höchste Stufe erreichte aber dieser in der Oper »L'Empire de l'Amour,« wo der Glanz der Farben und die Beleuchtung einen Effekt hervorbrach- ten, der nicht zu beschreiben war. Aus einer in der Mitte der Scene befindlichen Urne schienen Lichtstrahlen auszugehen, welche auf alle Decorationen einen Glanz warfen, den das Auge kaum zu erfassen vermochte. Doch sind solche Blendwerke nicht das

einzige Verdienst des Künstlers, welches er um die Decorations- malerei sich erwarb. Er richtete immer ein strenges Augenmerk auf die architektonische Wirklichkeit, und machte nie einen Auf- riss, bei welchem die Möglichkeit der Ausführung nicht durch den Plan hätte gerechtfertigt werden können.

Im Jahre 1731 wurde Servandoni von der Akademie der Ma- lerei und Bildhauerei als Landschaftsmaler zu ihrem Mitgliede ernannt. Bei dieser Gelegenheit überreichte er ein Gemälde, wel- ches in malerischer Anordnung einen Tempel mit einigen Ruinen vorstellt, wahrscheinlich das Bild im Museum des Louvre, welches unter dem Namen »Reunion de ruines« im Catalogue angeführt ist. Im ersten Felde sieht man eine Ruine jonischer Ordnung, durch eine Arkade blickt man auf einen Obelisken und auf die Reste eines dorischen Tempels. Im Vorgrunde steht ein Weib neben einem sitzenden Krieger. Im folgenden Jahre stellte Servandoni sein Modell zum Portal von St. Sulpice aus, und bald wurde der erste Stein dazu gelegt. Bei dieser Gelegenheit ertheilte ihm der Papst den Orden des hl. Johann von Lateran, und von dieser Zeit an nannte man den Künstler gewöhnlich den Ritter Servan- doni. Damit begann er seine eigentliche architektonische Lauf- bahn, welche wir aber später verfolgen, da er auch noch mehrere berühmte Decorationen ausführte, welche das Staunen der Pariser erregten. Bisher ging die Decoration mit dem Schauspiele immer Hand in Hand, jetzt aber verfiel er auf den Gedanken, dem Publikum ein dramatisches Schauspiel blos in Decorationen zu geben. Im Jahre 1748 componirte er nach Horaz Carm. L. 1. Ode 3. seine Pan- dora, welcher folgende Verse zu Grunde lagen:

Post ignem aetheria domo Subductum, macies, et nova febrium Terris incubuit cohors.

Die Eröffnung des Stückes begann mit dem Chaos nach der Idee des Dichters. Auf die Verwirrung folgte das Bild der Natur im goldenen Zeitalter, und diese Veränderungen dienten der Ge-

Im Jahre 1755 wurde Servandoni an den sächsisch-polnischen Hof berufen, um die Decorationen zur Oper »Aetius« zu malen. Sie wurden im höchsten Grade bewundert, und der König ver- lieh ihm den Titel eines Architect. Decorateur mit einem Gehalte von 20,000 Livres. Im Jahre 1749 ging Servandoni nach London, um ein Feuerwerk anzuordnen und die nöthigen Decorationen herzu- stellen. Dieses Fest erforderte einen Aufwand von 100,000 Pf. St. Auch nach Wien wurde der Künstler berufen, um bei der Ver- mählung des Kaisers mit der Infantin von Parma Festdecorationen anzubringen und das Feuerwerk zu leiten. Auch in Stuttgart war Servandoni, wo er eine Theaterdecoration herstellte, welche zu einem Triumphzuge dienen sollte, bei welchem 400 Pferde ihre Evolutionen machen konnten.

Das grosse Feuerwerk bei der Vermählung der Prinzessin Eli- sabeth mit Don Philipp ist in Kupfer gestochen vorhanden: Plan et Elevation de l'Edifice élevé en 1730 à l'occasion du mariage de Don Philippe. Ein anonymes Blatt gibt das Feuerwerk beim Friedensfeste 1730: Plan et vue du Feu d'artifice, tiré sur la Seine en 1730.

Alle diese Werke hatten aber nur kurze Dauer, deren Ruhm vorüberging. Ein grosses und bleibendes Denkmal ist aber sein Portal von St. Sulpice. Diese Kirche wurde 1646 nach den Plänen von Le Vau begonnen, aber von 1678 bis 1718 ruhte der Bau.

In den jetzigen Jahren wurden unter Leitung des General-Direktors Oppenord die Arbeiten wieder aufgenommen, und schon war man daran nach dem alten barocken Plan fortzubauen, als Servandoni mit seinem Modell zum Portal erschien, welches ein ganzes Jahr zur öffentlichen Kritik ausgestellt blieb. Das Werk fand allgemeinen Beifall, da es, imposant und großartig, auch den Reiz der Neuheit hatte. Dieses Portal bildet eine Halle von 184 F. Länge, und erhebt sich in zwei Stockwerken. Die Säulen des unteren sind in griechisch-dorischem Style aufgefasst und verdoppeln sich nach der Tiefe des Peristyls, um dadurch für das zweite Geschoss solide Stützen zu erhalten. Dieses, in ionischer Ordnung durchgeführt, besteht aus einer Galerie in Arkaden, deren Pfeiler mit Pilastern geziert sind. An den beiden Ecken der Vorderseite dieses schönen Portals erheben sich zwei Thürme, die einen integrierenden Teil des Ganzen ausmachen, und somit die architektonische Einheit nicht stören. Über dem Portal, welches ursprünglich einen Giebel hatte, der 1770 vom Blitze getroffen abgetragen werden musste, erheben sich die Thürme in zwei Stockwerken in korinthischer Ordnung. Es wurde aber daran schon mehr als eine Veränderung vorgenommen; die letzte von Chalgrin. Servandoni zeigt an diesem Portal ein für damalige Zeit seltenes Studium nach klassischen Vorbildern und einen ungewöhnlichen Sinn für Richtigkeit und Ebenmaß in den Verhältnissen seiner Säulenordnungen, die hier isoliert nach ihrer wahren Bestimmung erscheinen. Merkwürdig ist seine dorische Ordnung, die in Säule und Gebälk eine Ahnung echt griechischer Kunst zeigt. Zu dem allgemeinen Plan Servandoni's gehörte ein grosser Platz vor der Kirche; allein die vielen späteren Projekte machten die Ausführung des früheren unmöglich. Darüber gibt aber noch ein Blatt Aufschluss, unter dem Titel: Place de St. Sulpice. Servandoni et Benard fec.

Die Kirche mit ihrem neuen Peristyl ist ebenfalls öfters gestochen worden; das Portal allein von Ravenet, unter dem Titel: Elevation du grand portail de St. Sulpice; von Landon, Annales VII 87, und neuerlich v. E. Ollivier für Quatremere de Quincy's Leben der berühmtesten Architekten.

Das Portal von St. Sulpice erwarb dem Künstler das Lob eines ausgezeichneten Architekten, und selbst von dem jetzigen architektonischen Standpunkt aus betrachtet, verdient Servandoni's Peristyl grosse Beachtung. Es wurde ihm daher allgemeine Bewunderung und Auszeichnung zu Theil. Der Papst Benedikt XIV. ernannte ihn zum Ritter des Christusordens. Mehrere, selbst französische Schriftsteller, die von Servandoni's Leben Nachricht geben (wie die Verfasser des Nouveau dict. hist., und Milizia in den Memorie degli architetti II. 258), erzählen, er habe diesen Orden vom Könige von Portugal erhalten, weil er in Lissabon, wo er in seiner Jugend einige Jahre zugebracht hatte, sich durch seine Arbeiten die Gunst des Hofes erworben hatte. Allein sie verwechseln hier den portugiesischen mit dem italienischen Christusorden, und dass Servandoni keinen andern als diesen italienischen Orden erhalten habe, setzt die noch vorhandene Beschreibung der Feierlichkeit (im Mercure de France 1743, Decembre Vol. 1.), womit er von dem Erzbischof Longuet zu Sens in denselben aufgenommen wurde, ausser Zweifel. Vielleicht verdankt er selbst Longuet's Verwendung diese Auszeichnung. Denn er hatte nicht nur in seiner Cathedrale einen neuen Hauptaltar aufgeführt, sondern auch für Longuet's Bruder, den Priester von St. Sulpice, ausser dem schon erwähnten Portal noch mancherlei anderes in derselben Pfarrkirche gebaut. Die Einweihung in den Orden

Und so ist denn von den zahlreichen Projekten und Plänen, welche dieser Künstler ausgeführt hatte, das Wenigste vollkommen auf unsere Zeit gekommen. Nur einige Kupferstiche sind erhal- ten, und der Peristyl von St. Sulpice steht als Denkmal seines Namens da. Ausserdem blieb ihm auch die Nachrede eines schlech- ten Oekonomen, der die Tafel liebte und gerne mit zahlreichen Freunden sie theilte. Die grossen Summen, welche er verdiente, waren bald wieder verjubelt und er musste zu wiederholten Malen ins Ausland gehen, um seiner Gläubiger loszuwerden. Diderot (Essais sur la peinture p. 186) sagt von ihm 1756, Servandoni sei ein Mensch, den die Schätze von Peru nicht bereichern würden, er sei der Panurg von Rabelais, der 15,000 Mittel zum Erwerb, und 30,000 zum Verschwenden kenne. — In der letzten Zeit sei- nes Lebens rettete ihn nur noch die Pension des Königs von Polen und Sachsen vor Dürftigkeit, da ihm dieser, wie oben ge- sagt, von 1755 an 20,000 Liv. ausgesetzt hatte. In Frankreich hatte er keine Anstellung mehr, da man es da auf gab, einen so kostspie- ligen Architekten zu halten. Diderot sagt, der König, die Nation und das Publikum hätten den Vorsatz, ihn aus dem Elend zu retten, aufgeben müssen, und man wolle noch lieber die Schulden, die er habe, als die, die er machen werde. Kurz man bedurfte eines Servandoni nicht mehr. Die Nachwelt hat erst ganz den Stab über ihn gebrochen, ohne zu bedenken, dass dieser Mann auf die folgende Periode grossen Einfluss geübt habe. Er ist einer jener genialen Künstler, welche ihrem Zeitalter vorauseilten und die kommende Generation für eine einfachere, die weise Spar- samkeit der Alten nachahmende Verzierungsart empfänglicher mach- ten. Wie sehr sein Geschmack für einfache, edle architektoni-

Ritter Servandoni starb 1766 zu Paris, wie d'Argenville sagt, aus langer Weile, weil er nach gewonnenem Prozess mit dem Pfarrer von St. Sulpice kein Geschäft mehr zu haben glaubte.

Servia oder Servaes, s. Servatius. Servaes, s. den folgenden Artikel.

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