Scopas, einer der edelsten griechischen Künstler

Scopas, einer der edelsten griechischen Künstler, der als Architekt , Bildhauer und Erzgießer ausgezeichnet war, und zwar in der Pe- riode der neuattischen Schule, welche sich nach dem peloponne- sischen Kriege erhebt, und deren Kunstweise in gleichem Maße dem Geiste des damaligen Lebens entsprach, wie die Phidiasische dem Charakter des älteren. O. Müller (Arch. d. Kunst §. 124) bezeichnet vornehmlich den Scopas, und dann den Praxiteles als diejenigen Meister, durch welche die Kunst zuerst die der damal- igen Stimmung der Gemüther zusagende Richtung zu aufgeregte- ren und weicheren Empfindungen erhielt, welche indes bei diesen Meistern noch mit einer edlen und großartigen Auffassung der Gegenstände aufs schönste vereinigt war. Scopas steht um 300 — 350 v. Chr. (um Ol. 86 bis nach Ol. 106), wie Wagens (K. u. K. III S. 110) sehr treffend sagt als der älteste an der Spitze derje- nigen Epoche, welche durch die Ausbildung des Pathetischen, der ganz freien Grazie und des Lieblichen, so wie durch die künstle- rische Ausgestaltung solcher Gottheiten, bei welchen diese Eigen- schaften vorwalten, vorzugsweise charakterisiert wird. Er entlehnt seine liebsten Gegenstände aus dem Kreise des Dionysos und der Aphrodite. In jenem Kreise war er nach O. Müller sicher einer der ersten, welcher den Bacchischen Euthusiasmus in völlig freier, fesselnder Gestalt zeigte *). Seine Meisterschaft in diesem beweist, unter andern die Zusammenstellung der durch geringe Nuancen unterschiedenen Wesen: Eros , Himeros und Pothos, in einer Sta- tuengruppe. O. Müller findet es auch wahrscheinlich, dass durch Scopas zuerst der dem bacchischen Kreise eigene Charakter der Formen und Bewegungen auf die Darstellung der Wesen des Me- eres übertragen wurde, wonach die Tritonen als Satyren, die Ne- reiden als Mänaden der Seegestalten, und der ganze Zug wie von innerer Lebensfülle beseligt und berauscht erscheint. Diesem Kreise gehörte die Gruppe der Meergötter mit Achilleus an. Das Apolloideal verdankt ihm die anmutigere und lebensvollere Form des Pythischen Kitharoden; er schuf sie, indem er der in der Kunst früher herkömmlichen Figur mehr Ausdruck von Schwung und Be- geisterung verlieh *). Sann ist er auch der eigentliche Urheber *) Den Festzug eines Satyr und dreier Mänaden in alter Feyer- lichkeit, von Kallimachos, s. Mus. Cap. IV. tav. 43. *) Apollo von Leto und Artemis begleitet, als pytischen Ki- tharsänger librend, nach älterer Weise, s. Zoga Bassiri). 1l. tav. 00.; Mus. Napoleon IV. pl.7. 9. 10. (Clarac Ri 120. 4122.); Marbles of the Brit. Mus. Ill _ p. 13., dann Nr. 18. Apollon in demselben Costum einen Päan zur Kithar sin- gend. Mus. Napol. IV. pl. 8. Glyptoth. ia München (Bar- ber. Muse) Bracci Mem. I. 25.

Nagler's Künstler - Lex. Bd.XVI. 11

der späteren, mehr individualisirten Auffassung der Venus zu be- trachten, da wir aus Plinius wissen, dass Scopas die Liebesgöttin in verschiedenen Beziehungen gebildet habe. Als Stoff wählte er gewöhnlich den weicheren Marmor, selten das Erz.

Scopas ist wahrscheinlich der Sohn des Erzgiessers Aristan- dros von Paros, der um Ol. 84. thätig war; denn die Stelle des Plinius XXXIV. 10., wo er unsern Künstler in die Reihe der um Ol. 87. lebenden Meister bringt, ist jetzt ohne Gültigkeit, da nach Thiersch (Epochen S. 285) darunter wahrscheinlich Onatas gemeint ist *). Doch scheint Scopas ebenfalls schon um Ol. 84. ein tüch- tiger Meister gewesen zu seyn, da ihm nach Ol. 85. der Bau des Tempels der Athena Alea zu Tegea anvertraut wurde, der grösste und schönste Tempel des Peloponnes, wovon aber nur geringe Ueberreste vorhanden sind (Dodwell I. 419). Er war ein Peripte- ros Hypäthros, im Aeusseren mit einem jonischen Peristyl, im In- neren mit dorischen Säulenstellungen, über denen Gallerien von korinthischen Säulen standen. So wie in der Sculptur so bezeich- nete Scopas auch hier für die Architektur eine neue Epoche, näm- lich durch die Anwendung der korinthischen Säulen als einer selbst- ständigen Ordnung, so wie durch die durchgeführte Verbindung der drei verschiedenen Ordnungen zu einem Ganzen. Ueber die Bildwerke, womit er diesen Tempel schmückte (Statue der Athene, Achilleus und Telephus, und calydonische Jagd) werden wir un- ten berichten.

Sculpturen des Scopas.

Als ein Werk, welches vorzüglich geeignet ist, die Rich- tung dieses Meisters klar zu veranschaulichen, bezeichnet man jetzt die Venus von Milo (Melos) im Museum zu Paris. Diese 6 F. 3 Z. hohe Statue erklärt Waagen (Kunstwerke und Künstler in Paris S. 108) der Meinung derjenigen entgegen, welche darin eine Nachahmung eines Werkes des Praxiteles vermuthen, als wahr- scheinlich Originalwerk aus der Schule von Scopas, welches erst 1820 von einem Landmanne beim Graben in einer Nische entdeckt wurde. Dieser Statue erwähnt zwar keiner der alten Schriftsteller, allein Scopas lieferte mehrere Werke dieser Art, und somit konnte auch sie auf dem alten Milos, wenigstens unter seinem Einflusse entstanden seyn. Nur von den Hüften abwärts bekleidet, steht die Göttin in dem stolzen Bewusstseyn sicheren Sieges, das Haupt er- hoben, fast auf sich beruhend da, in den Händen ursprünglich ohne Zweifel irgend ein Symbol des Sieges haltend. Die Behand- lung des Nackten erinnert nach Waagen in der Grossheit, Verein- fachung und Bestimmtheit der Formen noch lebhaft an die Rund- werke vom Parthenon, vereinigt aber damit eine gewisse, wenn

gleich durchaus keusche, naive, frische und gesunde Weiche und Fülle, welche schon überall vorhanden, doch am deutlichsten in den Falten der Haut zwischen der rechten Schulter und dem Arm,

*) Plinius nennt da: »Pythagoram, Scopam, Perelium.« Dieser Scopas kann nicht unser Künstler seyn, da dieser noch Ol. 106 arbeitete. Heyne (antiq. Aufs. I, 253) glaubte daher den Namen Scopas streichen zu müssen, Bötticher (Ant. 153) nahm dasselbe an., Fea (zu Winckelmann II. 197) unter- schied zwei Scopas, so wie Sillig (Catal. artif. p. 415), der aus »Scopam, Perelium« einen Scopas Elius herausfindet, so dass wir einen Meister dieses Namens von Paros, und einen andern von Elis hätten.

in der Halsgrube, und den leichten horizontalen Hautfalten des Halses selbst ausgesprochen ist. Durch die Verbindung dieser so schwer zu vereinigenen Eigenschaften übt diese, obschon keines- wegs sehr fleissig durchgebildete Statue einen ganz eigenthümlichen Reiz aus, welcher nach Waagen's Ansicht keiner anderen aus dem Alterthum in diesem Grade innewohnt. Ferners sagt Waagen, auch das Antlitz der Göttin zeige eine ähnliche Vereinbarung von gei- stiger Würde und edler Sinnlichkeit, und der Mund, in dem das Gefühl des sieghaften Stolzes am meisten ausgedrückt sei, gehüre in jener Durchdringung der Bestimmtheit und Fülle der Formen gewiss zu den schönsten, welche uns in den antiken Kunstwerken aufbehalten worden sind. In den Augen findet Waagen dagegen schon sehr entschieden den sehnsüchtig-sinnlichen und schmach- tenden Ausdruck (das üypov der Alten), welcher besonders durch das Heranfziehen der unteren Augenlieder hervorgebracht wird, und bei den späteren Bildungen der Venus meist so stark vorhan- den ist, dem Geiste der Kunst des Phidias und seiner Schule aber gewiss durchaus fremd geblieben war. Die Augenknochen sind hier nicht von der sonst so häufigen, schneidenden Schärfe, son- dern, zumal nach den äusseren Seiten zu, sehr weich gehalten. Das Haar ist, besonders in seinem Ansatz am Fleisch, ungleich breiter und freier behandelt, als in den Werken aus der Zeit des Phidias, Die Ohren sind ungewöhnlich klein und zierlich. Die seltene Erhaltung der Epidermis, die weiche und klare Textur, und der warme, gelbliche Ton des parischen Marmors, erhöhen das Hinreissende im Ausdruck des Kopfes noch ganz ungemein. Das Gewand endlich hat nach Waagen zwar in den einzelnen Falten ganz die Schärfe der parthenonischen Sculpturen, und drückt den feinen Stoff sehr deutlich aus, doch sind manche jener engen, un- tergeordneten Falten, welche zur Zeit des Phidias aus jenen ge- kniffnen Brüchen des alten Styls entwickelt und beibehalten zu seyn scheinen, hier mit weiser Ökonomie unterdrückt, und dadurch die Hauptmotive deutlicher hervorgehoben. Aus dieser Ueberein- stimmung so mancher Theile mit Sculpturen aus der Zeit des Phidias und aus dem späteren Elemente in anderen schliesst Waa- gen, dass hier wohl kein anderer Meister, als Scopas passe, der nur ungefähr 50 Jahre nach Phidias wirkte. Was ihn aber noch fer- ner bestärkt, dass diese Statue aus Scopas Schule hervorgegangen, ist der Umstand, dass dieselbe in der ganzen Art der Auffassung der Form, wie in Behandlung und Anordnung des Haares eine entschiedene Verwandtschaft zu den Niobiden zeigt, in ersterer Hin- sicht besonders der Hioneus in der Glyptothek zu München, wel- cher vielleicht der einzige Ueberrest der Originalgruppe ist, deren erhabenes Pathos mehr für Scopas, als für Praxiteles spricht. Die Venus von Milo hat aber auch keine Verwandtschaft mit der cni- dischen Venus des Praxiteles, mit welcher aber die mediceische in der Auffassung, die nur den feinsten, schönsten und süssesten Liebreiz bestrebt, so sehr übereinstimmt, dass sie gewiss, wie die meisten späteren Statuen der Venus, unter dem entschiedenen Ein- fluss derselben entstanden ist. Hiefür spricht auch eine gewisse Verwandtschaft zu den Copien nach Werken des Praxiteles. Nie- mand aber wird läugnen, dass die Conception, welche der Venus von Milo und der von Medici zum Grunde liegt, nicht allein auf verschiedene Meister, sondern selbst auf verschiedene Zeiten deu- tet, wie denn auch zwischen den frühesten Werken des Scopas und den spätesten des Praxiteles ein Zeitraum von beinahe 60 Jahren liegt. Nach dieser geistreichen Deduction Waagens muss die An- sicht, dass wir in der Venus des Louvre ein Werk aus der Schule

interessante Mittelstufe zwischen der strengen, erhabenen, archi-

tektonischen Kunstart des Phidias, und der ganz freien, die höch- ste Feinheit und Grazie athmenden des Praxites besitzen. Und die- ses Mittelglied bildet Scopas.—Die Venus von Milo ist aber nicht

ohne bedeutende Beschädigungen. Nur der Kopf ist nie vom Rump-

fe getrennt gewesen, so dass wir wenigstens die ursprüngliche, so charakteristische Bewegung desselben, und die edle, unverletzte Bildung des Halses haben. Dagegen fehlt der rechte Arm bis auf

ein Stück des oberen Theiles ganz, von dem linken der ganze

Unterarm; beide sind unergänzt gelassen. Der vordere Theil der

Nase ist restaurirt, aber zu scharf und spitzig ausgefallen. Auch am Gewande sind Restaurationen vorgenommen, alle nur vorläu-

fig in Gyps. An dem schönen rechten Fusse ist nur die Spitze der grossen Zehe neu, der linke fehlt ganz.

Eine zweite unbekleidete Venus von Scopas sah man zu Rom im Tempel des Brutius Callaicus am Circus Flamininus, welche nach Plinius selbst jene des Praxiteles übertraf, d. h. die berühmte Ve- nus in Cnidus, wenn nicht Plinius mit den Worten »Praxitelem illam antecedens« eine chronologische Bestimmung geben will.

Eine andere Statue der Venus, von Scopas in Erz gebildet,

war in Elis als Aphrodite Pandemos auf dem Bocke sitzend

dargestellt, im merkwürdigen Gegensatze zu Phidias benachbarter Venus Urania auf der Schildkröte.

«M Samothrace war eine Statue der Venus zugleich mit den Liebesgöttern Pothos und Phaeton (?), wie Plinius bemerkt.

« Auch die in mehreren Exemplaren vorhandene Venus Gene-

rix, welche im leichten Chiton sich ein Obergewand von feinem

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