Schnorr von Carolsfeld, Ludwig Ferdinand

Schnorr von Carolsfeld, Ludwig Ferdinand, Historienmaler , der Bruder des berühmten Julius Schnorr von Carolsfeld, und selbst ein tüchtiger Meister, als welchen ihn jeder erkennt, welcher für die strengere romantische deutsche Kunst, und namentlich für die religiöse Schule der Malerei in Deutschland Sinn hat. Im Jahre 1789 in Leipzig geboren, erhielt er den ersten Unterricht von seinem Vater Veit Hans Schnorr, kam aber schon nach Wien, wo er an dem kunstliebenden Herzog Albert von Sachsen-Teschen einen Gönner fand. Ludwig von Schnorr konnte mit Unterstützung dieses Fürsten die Akademie daselbst besuchen, und errang sich durch Muth und anhaltendem Eifer endlich eine Anerkennung, welche unter den damals an der Akademie in Wien obwaltenden Verhältnissen nicht leicht ein Künstler fand, der gegen den akademischen Schematismus anzukämpfen wagte. Über diese Verhältnisse haben wir im Artikel seines Bruders gehandelt, und somit verweisen wir hier auf denselben. L. F. Schnorr erlangte schon früh eine gewisse Reife, in Folge deren er bald nach seiner Ankunft in Wien es wagte, mit Werken öffentlich hervorzutreten. Es sind dies verschiedene Compositionen in Sepia und Tusche , oder mit der Feder und in Aquarell ausgeführt. Man erkannte in diesen ein ernstes Studium nach der Antike, nach Gemälden und Zeichnungen von Rafael, Michel Angelo, Bandinelli und anderen gleichzeitigen Meistern, und namentlich auch eine sorgfältige Beobachtung der menschlichen Natur. Es finden sich noch eine Menge von Aktstudien aus seiner früheren Zeit, welche sein eifriges Streben nach Ausbildung beurkunden. Er fing auch schon früh in Oel zu malen an, anfangs gewöhnlich heroische Compositionen und dann Scenen aus der heiligen Geschichte und Legende. Doch gründete keines dieser Bilder seinen Ruf; er fand vielmehr darin manche Anfechtung. Entscheidenden Ruf erwarb ihm erst seine Darstellung von Goethe's Faust, welche sich seit 1821 in der Gallerie des Belvedere befindet, 9 F. 8 Z. hoch und 7 F. 10 Z. breit. Dieses große Bild stellt Faust's Beschwörung dar, welche sogleich mehrere Federn in Bewegung setzte, die den Ruf des Meisters verkündeten.

Faust, in rothem Unterkleide, schwarzem, mit Fuchspelz verbrämtem Ueberwurf, schwarzem Barret, ist eine mittelgroße, starke, gedrungene Gestalt, von entschiedenem, harten Zügen, in Nacken und Stirne ein rücksichtsloses, unaufhaltsames Vorwärtsgingen kundgebend. Erst später kommt er in die Hexenküche, die ihn verjüngen, die dreissig Jahre ihm vom Leibe schaffen soll. An ihm rühmt Goethe noch nicht den hohen Gang, seine edle Gestalt, seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt; dieser Faust ist der Mann der alten sinnvollen deutschen Sage, der vielverfolgte Erfinder jener erfolgreichen Kunst. Er ruht hinter seinem Pulte, wo er so eben die Uebersetzung des neuen Testaments aus dem heil. Original ins geliebte Deutsch beginnt, und vollbringt unerschrocken die Beschwörung. Des Pudels ungeheure Nebelgestalt schwindet zur Thüre, und Mephistopheles, als ein fahrender Scholastikus gekleidet, tritt hinter dem Ofen hervor. Des Beschwörers gebieterisches Drohen verkündigt sich meisterhaft in dem befehlend ausgestreckten rechten Arm, und in dessen auf das ewige Buch.

Schnorr von Cavalsfeld, Ludwig Ferdinand.: Der in der Gnade so gewaltig hingeballte Faust, in den athmenden Augenhöhlen und Stirnknochen — menschliches Entsetzen vor dem Teufelsgesichte —, in dem unwillkührlichen Zurückbiegen des durch die vorgestemmte Rechte beschirmten Oberleibes, in dem krampfhaften Anfassen der festen stützenden Stuhllehne mit der Linken, welches instinktartige Geneigtheit zum Aufspringen verräth. In der Mitte zwischen diesen beiden Gefühlen ist die grauenvoll auf die Erscheinung fixirte Richtung der Augen. Es ist keineswegs mehr der furchtsam weggekrümmte, in allen Lebenstiefen zitternde Wurm, dennoch hat erst des Bösen frostige Anrede jenen Rückfall in menschliches Entsetzen hinweggescheucht und Faust wieder zu der nöthigen Haltung zurückgebracht, zu der nothgedrungene, vornehme Antwort: »Das also ist des Pudels Kern? Ein fahrender Scholast? — Der Casus macht mich lachen!« — Diese Gestalt ist nicht die eines Menschen, es ist der Verderber. Mephistopheles ist lang und hager, doch ebenmässig; die Züge sind edel, schön, die des aus Hochmuth gestürzten Göttersohnes, aber keilförmig, glatt, furchtbar ruhig, in sich abgeschlossen. Die Farbe ist nicht bleich; sie ist durchsichtig blass, mehr in sich, als durch das Licht beleuchtet. Schadenfroh und heimtückisch lauert er, mit entsetzlichem Blicke. Wie fest greift nicht die das grüsliche »Mein« charakterisirende Linke in die Rolle unter dem Mikroskosm der Hölle. Die Rechte begleitet geschmeidig die höhnische Rede. Dieser physischen Wechselwirkung in beiden Figuren, Faust und Mephistopheles, dient die ganze überaus mühevoll Umgebung, die der Dichter so genau, so malerisch, so lebendig bezeichnet. Die Skizze dieses grossen Gemäldes, in einigen Nebendingen von dem Bilde selbst abweichend, besitzt der Staatskanzler Fürst von Metternich, eine ausgeführte Zeichnung Hofrath Gehler in Leipzig, ein ganz nach dem grossen, mit unglaublichem Fleiß ausgeführtes kleines Gemälde, Graf Hugo von Salm in Reitz, Die Exposition von 1820 hatte von Schnorr zwei vortrefliche Bilder, Genofeva und Golo nach Tieck, und des ritterlichen Jägers Liebelauschens, beide durch des Freiherrn von Schlechtts Sonette würdig gefeiert. In diesen drei Kunstwerken hat sich Schnorr als einen Meister der schneidendsten Gegensätze bewiesen. Den Verstandesfanatismus und seine undankbare Emancipation vom Herzen, vom Glauben und von der Liebe, zeigte er im Faust, — eine wilde vernichtende Liebesgluth im Golo, und friedlich begütigend steht zwischen beiden das Bild glücklicher Liebe, jener ritterliche — Jäger; am dunklen Abend von hoher Eiche zum hellerleuchteten Fenster hinein die Geliebte belauschend, die eben ein Brieflein an ihn schreibt. Seine Genofeva gibt aus Tieck's herrlicher Dichtung den Augenblick, wie die von ihrem zum grossen Entscheidungskampfe wider die Araber gezogenen Gemahlin Siegfried, so eben verlassene fromme Pfalzgräfin hinaustritt auf den Söller, eine hohe, herrliche Gestalt, das aufgelöste Haar bis an die Knie wallend, die blauen Augen in milder Sehnsucht den Sternen zugewendet. Golo steht unten im Burgzwinger in gewaltsam angespannter Stellung an zwei verwachsene Birken gelehnt, die gluthverzehrten Augen, der ganze Körper hinaufgewendet gegen den Stern seines Lebens; seine Finger irren unbewusst in den Saiten der klagenden Laute, Ueber den Burgwall durch die Birkenzweige in geisterhafter Weisse schaut der Vollmond herüber auf den von Schmerz und Lust zerrissenen Golo, auf die heilige Ruhe Genofeva's, und spiegelt sich im Bache. Hinter der Pfalzgräfin steht die alte Gertrud, Golo's Amme, Arges sinnend und voll des Dranges, es der Gebieterin

Die zarte Idylle des zweiten Bildes stellt uns eine englischschöne Maid dar. Sie schreibt in süsser Ruhe, spät Abends, am Fenster dem Geliebten, dessen Bild an goldener Kette ihr am Halse hängt, Sie ahnet nicht des Geliebten Nähe, der draussen im Dunkel die vielästige Eiche erklettert hat und zum Fenster hineinlauscht. Aus der zweiten Kammer herüber blickt der Mond. Aber des Bildes Mittelpunkt, und zugleich auch sein Lichtpunkt, ist das Fräulein, das mit halb geschlossenen und doch so sprechenden Augen die helle schöne Stirne auf eine überaus liebliche Hand stützt, in deren Darstellung Schnorr überhaupt eine ganz besondere Meisterschaft besitzt, wie wir alles dieses im Archiv für Geschichte etc. von B. v. Hormayer im Jahre 1821 gerühmt fanden, was hier als Beweis dienen soll, wie sehr man damals von den Erzeugnissen der neuen deutsch-romantischen Kunst begeistert wurde.

Der Gegenstand eines anderen, trefflichen Gemäldes sind die Schlussverse von Goethe's Erlkönig, und das äusserst liebliche Bild nach Lichtenberg's Idee, wie ein Kranz unschuldiger Mädchen, nach der individuellen Verschiedenheit ihres Alters und ihrer Sin- nesart, in den Brunnen hinabschauen, aus welchem, wie ihnen die Mutter versichert hat, die Kinder herauskommen, hat Rahl mit der Aufschrift: »Die Mädchen am Brunnene«, in Kupfer gesta- chen. Das Brustbild der schönen Zauberin Lore Lay (Liebeswahn- sinn ist das Bild benannt) in reizender und tröstloser Verwirrung mit verzweifelnder Glut zum Fenster hinausstarrend, über den Siron, dem Geliebten nach, der sie betrogen, erklärte man den trefflich- sten, mit dem alten grossen Meister wetteifernden Schüler von Leonardo würdig. Der Gegenstand ist der tiefen Ballade Brenta- no's nachgebildet. Diese Gemälde, und ein kleines, wie sich die Oesterreicher und Tyroler an der Mühlbacher Clause den Bruder- seid schwüren, ein Bild hoher Vollendung, das dem Künstler allein eine ausgezeichnete Stufe in der Kunstwelt sichern soll, sind im Besitze des Grafen Hugo Salin.

Von Schnorr's übrigen früheren Compositionen wird besonders hervorgehoben: der sterbende Marc Aurel, den Senatoren seinen Sohn empfehlend (in Leipzig), — die Trauung Undinens, aus der Exposition von 1816 rühmlich bekannt (jetzt in Neapel), — eine Madonna mit dem Kinde, Eigenthum des Pfarrers Reiharter, — der Schutzgeist, welcher zwei Kinder gen Himmel führt, — der h. Veit, Altarblatt beim Grafen Hoyos in Buchberg, — eine Rast der h. Familie auf der Flucht nach Egypten, — der h. Joseph im Traume vom Engel zur Flucht ermahnt, — eine Schiffe aus der Sündfluth, nach Gessner, — Christus im Tempel. In der Kirche Maria Stiegen in Wien sind Glasgemälde nach seinen Compositio- nen, von Mohn ausgeführt. Dann fertigte Schnorr in früherer Zeit auch eine Menge Zeichnungen für Taschenbücher und Vig- netten, besonders zu Armbruster's Ausgabe der deutschen Classiker. Alle diese Gemälde gehören in die mittlere Periode des Meisters

Nagler's Künstler - Lex. Ba. XV. 927

und tragen das Gepräge jener deutsch-romantischen Kunst, wel- ches in den beiden ersten Decennien unsers Jahrhunderts für die- selbe charakteristisch ist. Dazu kommen auch noch einige Bild- nisse, wie jenes des Regimentsarztes und Homöopathen Dr. Anton Schmidt u. s. w.

Von den späteren Arbeiten nennen wir vornehmlich das grosse Bild in der Gallerie des Belvedere zu Wien, welches die hl. Jung- frau mit dem Kinde und dem kleinen Johannes in einer Landschaft vorstellt, 1828 gemalt. Dieses Gemälde ist 8½ Schuh hoch und 6½ Schuh breit. Im Jahre 1830 gab Schnorr ein herrliches Ge- mälde in die Gallerie des Ferdinandeums in Innsbruck, welches die Vereinigung der Tyroler Landleute durch Andreas Hofer vor- stellt. Im September von Tirol des genannten Jahres gab Dr. Schuler eine ausführliche Beschreibung davon. Unter den zunächst folgen- den Bildern erwähnen wir das Portrait des Sohnes des Kaisers Na- poleon, welchen der Künstler 1832 wenige Monate vor dessen Tod

zeichnete hatte. Dieses Bild ist durch eine Lithographie bekannt. In der Gallerie des Belvedere zu Wien ist aus jener Zeit eine zweite Darstellung aus Göthe's Faust, als Gegenstück zu der oben enannten Beschwörungsscene. Gretchen ist im Kerker, wohin Faust gedrungen, um sie zu befreien; sie schlägt aber im Bewusst- seyn der Schuld die Hülfe aus, und somit drängt ihn Mephisto- pheles, den Kerker zu verlassen. Dieses Bild ist dem inneren Ge- halte nach mit dem früheren des Faust zu vergleichen, und noch meisterhafter gemalt. Es trägt das Monogramm und die Jahrzahl 1833. Ein späteres und kleines Bild aus Göthe's unsterblichem Ge- dichte stellt Faust vor, im Begriffe die Geliebte aus dem Kerker zu befreien. Sie liegt auf den Knien, die Arme zu dem Gekreuz- igten erhebend, wie sie die Worte spricht: »Gott, deinem Ge- richte habe ich mich ergeben!« und die Hülfe zurückweiset. Im Jahre 1833 vollendete er eines der grössten Gemälde Wiens, näm- lich die Speisung der 4000 durch Christus, im Refectorium des Mechitaristen-Klosters. Hierauf unternahm er die Ausschmückung des Brandhofes, eines herrlichen Landsitzes des Erzherzogs Jo- hann. Ueber dieses Unternehmen berichtet die allgemeine Zeitung von 1839, S. 2550. Von seinen neuesten religiösen Bildern stellt eines Christus am Oelberge dar, wie er die Worte spricht: Wachet und betet! auf dass ihr nicht in Versuchung fallet. Ein zweites Bild ist unter dem Titel des Almosen bekannt, beide auch litho- graphirt. Das Bildniss dieses Nigglers, 1820 von Richter in Wien gezeichnet, findet man in der Portraitammlung des k. sächsischen Maler Vogel von Vogelstein in Dresden,

In Abbildung sind im Ganzen folgende Werke bekannt: das Portrait des Homöopathen Dr. Schmidt durch den Stich von G.

Leybold, das Bildniss des jungen Napoleon durch eine Lithogra- phie von Lemercier, welche 1852 nach dem Tode des Herzogs er- schien; das erwähnte Bild der Mädchen am Brunnen durch den Stich von Rahl. Das berühmte Bild der Beschwörung des Dr. Faust im Belvedere lithographirte F. Herr in grossem Formate. Der ge- nannte Christus am Oelberge ist von Stahl lithographirt für ein Werk unter dem Titel: Christliches Kunststreben in der österrei- chischen Monarchie, 3te Lieferung, Prag 1840.

Dann hat Schnorr von Carolsfeld selbst mehrere Blätter radirt und lithographirt.

  1. Der heil. Alphons Ligorius, radirt und mit einer Stein-Stein- platte gedruckt, kl. fol.,

  2. Eine Scene aus Homer: ein verwundeter Feldherr auf der

. Tm;@ von einem andern begleitet, während. im Grunde die Stadt gestürmt wird, im 15. Jahre radirt, qu. 4. .

  1. Eine Folge von Darstellungen aus Fouque's Undine, nach den Bildern des Grafen Clary radirt, qu.
  2. St. Anna lehrt Maria kiesen. Original-Lithographie, mit Ton gedruckt 1820, qu. fol.
  3. Das Almosen, für das Album der Künstler Wiens eigen- thändig auf Stein gezeichnet 1845, gr. fol. D
  4. Grosse anatomische Tafeln, radirt.

Vorsicht

Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.

Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.

Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_nAVVAAAAcAAJ/