Schnorr v. Carolsfeld, Julius

Schnorr v. Carolsfeld, Julius, Ritter. Wandbilder sind in encaustischer Weise behandelt; und vollkommen ausgemalt, nicht wie im ersten und zweiten Zimmer des Königs die Compositionen Schwanthaler's nach antikem Weise einfach in colorirten Umrissen gegeben. Wenn die genannten Compositionen in ihrer Fülle allein als Erguss des reichsten Geistes zu betrachten sind, welche in Con- ception und Ausführung die ganze Zeit des Meisters in Anspruch nehmen sollten, so fand er dennoch auch noch zu anderen Arbeiten Masse. Er entwarf nebensächlich mehrere andere Bilder, und nahm auch die Palette zur Hand. Von Arbeiten dieser Art nennen wir vornehmlich die Bilder, welche er im Auftrage des Ministers von Stein ausführte. Es ist dies eine Reihe von Darstellungen aus der deutschen Geschichte, womit dieser das Schloss Kap- penberg zu zieren gedachte. Schnorr begann mit dem Tode des Kai- sers Friedrich Barbarossa, 1832 in Oel ausgeführt. Dieses Gemälde fand allgemeinen Beifall, und es wurde auch im Kunstblatt 1833 Nr. 80 gerühmt. Auf dieses Bild sollten mehrere verwandte Dar- stellungen folgen, allein bald darauf erhielt der Künstler vom Kö- nige die an Großartigkeit der Ideen reiche Aufgabe, in drei Sälen des k. Saalbaues (nördlicher Residenzflügel) die Hauptmonumente der deutschen Geschichte aus dem Leben Karls des Grossen, Friedrich Barbarossa's und Rudolph's von Habsburg bildlich darzustellen. So wie die Gemächer mit den Nibelungen eine an grossen Grund- zügen der Poesie reiche, aus germanischem Heldenthum und dem neuen Christenthum erwachsene neue Welt öffnen, so erhebt sich der Saalbaus durch seine grossartigen historischen Bilder selbst zu ein Denkmal deutscher Geschichte, welches in grossen Haupt- zügen die Gestaltung deutschen Volksthums durch Carl den Grossen schildert, in den Momenten aus dem Leben des Friedrich Bar- barossa, des von den Welschen so bezeichneten edlen Staufen, den hervorragendsten deutschen Geschichtspunkt zeigt, und in den Thaten des Kaisers Rudolph von Habsburg die Züge einer neuen Zeit abbildet. Diese Compositionen sollten anfänglich in Fresco ausgeführt werden; allein die Unzulänglichkeit dieser Technik für so reich gruppirte und mit Architektur gezierte, auf hohe und hervortretende Wirkung berechnete Bilder, sowie die be- schränkte Farbenscala und die natürlich bedingten materiellen Schranken der Frescomalerei veranlassten den Professor Schnorr, die Gemälde in der von Fernbach) erfundenen Encaustik auszu- führen. Die Anwendung derselben bot dem Künstler vollkommene Freiheit im Technischen, und die ganze Scala der Oelfarben. Die Encaustik nimmt das Prinzip der Oelmalerei in sich auf, erfreut durch eine der Frescomalerei nicht erreichbare Wirklichkeit und Illusion, und entspricht sowohl der architektonischen Anforderung, als jener eines heiteren Festgebäudes. Schnorr begann 1838 mit den Darstellungen aus dem Leben Rudolph's von Habsburg, in dem zunächst am den mit Schwan- thaler's vergoldeten Kaiserstatuen gezierten Thronsaal stossenden Saale, welcher nach den Bildern der Habsburger Saal genannt wird. Wir sehen da vier Hauptgemälde, wovon zwei jedes 20 F. lang und 16 F. hoch ist, von den beiden andern jedes 121/2 F. lang und 36 F. hoch erscheint. Im ersten Bilde führt uns der Künstler in eine freie Landschaft und an den Bach, wo Ritter Rudolph vom Rosse gestiegen, um dem Priester mit dem Sahramente das *) Conservator Fernbach hat seitdem sein Verfahren bekannt ge- macht. Die enkaustische Malerei. Lehr- und Handbuch für Künstler und Kunstfreunde, München 1845

Diese vier Gemälde aus dem Leben Rudolph's von Habsburg, die im Kunstblatte: 13840, Nro. 38 ff., ausführlich beschrieben

werden, erhalten ihren Schluss durch ein Bilderband, das als Fries über ihnen hinläuft, und durch den in einem Medaillon über der Thüre allegorisch durch Pax und Abundantia dargestellten Wahlspruch des Kaisers: »Melius bene imperare quam im- perium ampliare«. In diesem Fries hatte sich dem Künstler ein weites Feld des Gedankens eröffnet. Der Landfrieden war Rudolph's segensreichste That und die Grundlage der neuen Zeit, Dieses eben erst erblühende Leben hat der Künstler auf die pas- sendste Weise durch Kindergestalten bezeichnet. Es nimmt daher ein langer Zug von Kindern mit allerhand Emblemen den Fries der vier Wände in der Weise ein, dass er von Pax und Abundantia ausgehend, zur Rechten und Linken sich theilend, am Eingang in den Thronsaal ankommt. Diese Composition ist aber das Werk des unerschöpflichen Humors des Malers Moritz von Schwind, und die Ausführung (auf Goldgrund) hat Schnorr mit einigen Ge- hülfen selbst übernommen.

Die Malereien dieses Saales wurden im August des Jahres 1830 vollendet, und nun ging J. von Schnorr an die Ausschmü- ckung des Barbarossa-Saales. Hier schilderte er in sechs Haupt- bildern die wichtigsten Momente aus dem Leben des Kaisers Frie- drich I. von Hohenstaufen, wovon jedes 21 F. hoch, und 22 F. breit ist, mit Ausnahme von zweien, die etwas weniger breit erschei- nen. Wir sehen hier die 1152 erfolgte Wahl des Staufen Frie- drich dargestellt, und dann dessen Einzug in die 1162 eroberte Stadt Mailand. Der Kaiser reitet mit triumphirendem Stolze über die Trümmer der Stadtmauern. Ihm voran und nach ihm ziehen Krieger mit Fahnen unter dem Schalle kriegerischer Instrumente, und Magistrat und Geistlichkeit nahen in tiefer Unterwürfigkeit. Den Vorgrund füllen Gruppen der gedemüthigten, in Furcht und Schmerz versetzten Mailänder. Das dritte Gemälde schildert die Zusammenkunft des Kaisers mit Papst Alexander III. in Venedig im Jahr 1177, ein Bild voll heiteren Lebens. Auf den Lagunen schwim- men die geschmückten, von Menschen gefüllten Gondeln, und das kaiserliche Schiff naht heran. Ein freundliches Bild ist auch jenes, welches zur Zeit des Pfingstfestes das 1181 in Mainz veranstaltete Fest der Meistersänger vorstellt, wo das Nibelungen Lied den Preis gewinnt. Von den beiden Gemälden, welche im geschichtlichen Zu- sammenhange auf diese folgen, stellt das eine die Schlacht bei Co- nium, das andere den 1100 erfolgten Tod des Kaisers vor, wel- chen derselbe im Calicadnus fand. Zwischen den Fenstern sieht man zwei schmale Gemälde: die Verbannung Heinrich's des Löwen, und die Belehnung des Otto von Wittelsbach mit dem Herzogthu- me Bayern. Als Gehülfen standen dem Meister Giessmann, Jäger und Palme zur Seite, die auch hier, so wie im Saale des Kaisers Rudolph von Habsburg im vollkommenen Einklänge zum Ruhme des Meisters beitrugen. Am Fries ist der Kreuzzug Barbarossa's dargestellt, aber hier nicht durch ein Gemälde, sondern durch ein 260 F. langes Relief von Schwanthaler's Composition. Der dritte Saal ist Kaiser Karl dem Grossen gewidmet; dessen ruhm- und thatenreiches Leben eigentlich den ersten Theil des geschichtlichen Cyclus des Saalbaues bildet. Im Saale Carl's des Grossen sind 6 Hauptgemälde, wovon 4, jedes 20 F. lang und 95 — 16 F. breit sind, die beiden anderen 174 F. ins Gevierte gehalten. Der Meister schilderte hier die Salbung Karls in einem Alter von 12 Jahren, durch Papst Stephan II. 754; die Besiegung des Longobarden Königs Desiderius, unter dessen vergeblichen

In dem abgetheilten Fries sind 12 kleinere Bilder, welche eben so viele Momente aus dem Leben des grossen Kaisers darstellen, von seiner Jugend bis zum Tode. Da sieht man in chronologi- scher Ordnung, wie Carl als Knabe von elf Jahren den Papst er- bangt, der hilfesuchend zum König Pipin kommt, gemalt von Strä- hüber; die Huldigung des jungen Frankenkönigs nach dessen 768 erfolgten Thronbesteigung, gemalt von Giessmann; die erste Schlacht gegen die Sachsen 772, gemalt von Palme; wie Carl die Gesandten des Papstes höflich empfängt, und jene des Deside- rius zurückweiset 772, gemalt von Strähuber; die Vertreibung der Longobarden und die Flucht des Desiderius 773, gemalt von Jä- ger; Carl bei seinem ersten Erscheinen in Rom mit Jubel empfan- gen, wie der Papst ihn vor der St. Peterskirche erwartet 774, ge- malt von Jäger; der Sieg über die Sarazenen oder die Einnahme von Saragossa 778, gemalt von Jüger; die Taufe Wittekind's, und die gleichzeitig erfolgte Bekehrung von dessen Gemahlin und Al- bion's durch Carl den Grossen 791, gemalt von Giessmann; Carl auf den Reichstage zu Regensburg, gemalt von Palme; die Schlacht gegen die Hunnen, gemalt von Jäger; Carl's Schenkung der von

den Hunnen erbeuteten Schätze an den Papst, gemalt von Giess- mann; des Kaisers Tod in Aachen, gemalt von Jäger,

Diess sind die Darstellungen, womit Schnorr von Carolsfeld die drei grossen Säle des nördlichen Residenzflügels geziert hat, in welchen sein schaffender Geist eine Fülle der mannigfaltigsten Abwechslungen ans dem Leben des Mittelalters entfaltete. Die Geschichtschreiber jener thatenreichen Zeit und die früheren Dich- tungen lieferten ihm den Stoff zu seinen lebensvollen, mit aller Pracht ausgestatteten Bildern. Sie beurkunden einen streng hi- storisch gebildeten Künstler, der in dieser Hinsicht wenige seines Gleichen sucht. Uebrigens ist er auch ein Mann von den feinsten Sitten.

In letzterer Zeit fand v. Schnorr auch wieder Muße zu klei- neren Compositionen und zur Oelmalerei. Zu seinen neuesten Bildern in Oel gehört eine heil. Familie im Grünen, und Christus mit dem Kreuze vor den Thoren Roms dem heil. Petrus begeg- nend: Domine quo vadis? Romam etc. Ein drittes Oelgemälde stellt den Abschied Siegfried's von Chriemhilden dar.

Dann verdanken wir diesem Künstler auch Zeichnungen zur Il- lustration zweier Prachtwerke aus dem Cotta'schen Verlage. Das eine dieser Werke hat den Titel: Der Nibelungen Noth, illustrirt von J. Schnorr von Carolsfeld und E. Neureuther. Mit Text von Dr. G. Pfizer. Stuttgart 1844, gr. 8. Die Zeichnungen zu diesem Prachtwerke

fertigte Schnorr von Carolsfeld inzwischen der grossen Arbeiten im Salmbau, fast nur in Feier- und Abendstunden. Man kann aber diese Zeichnungen zu den schönsten Gaben seiner kunstrei- chen Hand zählen. Die Kunst erscheint hier als Gefährtin der Poesie und gibt ein anschauliches Bild jener Welt und ihrer Eı-

scheinungen, die das Nationalepos der Deutschen uns vorführen wollte. Schnorr übernahm die eigentliche Darstellung, Neureuther die Ornamente, und somit sind die Zeichnungen theils lediglich Randverzierungen, Blumen- und Pflanzenranken mit Andeutungen einzelner Züge des Gedichtes, theils bestimmte, auf denselben Raum beschränkte Scenen in Verbindung mit Arabesken oder selbst- ständige Darstellungen. Die anderen Zeichnungen lösen sich gewisser- maassen ganz vom Texte, indem sie den Raum einer Seite einnehmen, und diese sind die grossen entschiedenen Monumente des Gedichtes. Doch auch bei diesen ist das ornamentale Element nicht ganz be- seitigt, wenn es sich auch nur auf den Schmuck der äusseren Umgebung verwiesen sieht. In einzelnen dieser Darstellungen er- kennt man die bereits aus Schnorr's öffentlichen Arbeiten und Kö- nigsbau zu München bekannten Bilder, obschon bei dem grossen Reichthum der ganzen Folge diese Beziehung fast verschwindet. Die Holzschnitte gingen aus Braun und Schneider's xylographischer Anstalt hervor.

Das zweite Prachtwerk, zu dessen Ausschmückung J. v. Schnorr Zeichnungen gefertigt hat, ist eine Bibel, die mit Holzschnitten geziert wird, aber noch nicht im Drucke erschienen ist.

Mehrere seiner Gemälde sind bereits auch im Stiche und durch die Lithographie bekannt, wovon besonders die Stiche nach den Gemälden des k. Saalbaues zu den Prachtblättern ihrer Art gehö- ren. Sie wurden auf Kosten des Kunstvereins in München ge- stochen, der dadurch auch dem Auslande die Betrachtung dieser grossartigen Compositionen gestattet, und dem Freunde der vater- ländischen Kunst einen Cyclus von classischen Bildern liefert. Für die nächsten Jahre wird vermuthlich dem Vereine seine Aufgabe gegeben seyn, die Reproduction der Compositionen aus dem Kö- nigs- und Saalbau. J. Thäter stach den Einzug des Kaisers Fried- rich Barbarossa in Mailand, Kunstvereins-Blatt von 1841; dann dessen Zusammenkunft mit Papst Alexander III. in Venedig, Kunst- vereinsgeschenk von 1844, beide nach den Cartons gestochen, gr. roy. fol. Ein drittes Blatt, welches Thäter für die Geschichte der neuen deutschen Kunst von A. Grafen von Raczynski stach, stellt den Tod Siegfried's dar, nach dem Gemälde im Königsbau, gr. fol. Das Barbarossa-Bild in Mainz hat F. Hohe für dessen »Neue Malwerke in München« lithographirt, qu. roy. fol. Hagen und Volker aus dem Saal der Nibelungen ist in dem Werke der Privat- sammlung des Königs lithographirt, München 1844, roy. fol. Schütz stach einen Fries in vier Blättern, mit Compositionen aus dem Nibelungenlied, schw. qu. fol. A. Strähuber lithographirte für Dr. Marggrafs Jahrbücher Kaiser Rudolf als Richter, nach dem Bilde im Saalbaue, Umriss, qu. 4. Von älteren Bildern des Meister's stach H. Mertz: Jakob, Laban und Rahel, nach der Fe- derzeichnung zum Gemälde aus der Sammlung der Königin Caro- line, qu. fol. N. Hoff lithographirte nach einer Handzeichnung im Besitze des H. v. Schneider in Frankfurt die reiche Composi- tion mit Laban, der in einer Landschaft die Rahel umarmt, 1828. Völlinger lithographirte auf 6 Blättern die Fresken in der Villa Massimi, die Begebenheiten der schönen Angelica. Mit Text von Dr. Schmidt, Karlsruhe 1833, qu. fol.

Ruscheweyh stach nach ihm das Bildniss von Bart. Georg Niebuhr, Brustbild, Rom 1831, fol. H. Mertz stach dasselbe Bild- niss kleiner. Im Anhange von Sipmann's Zeichnungsschule sind ei- nige Köpfe nach Gemälden dieses Meisters von Schünninger litho- graphirt, München 1842.

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