Schmidt (Schmidt, Simon

Schmidt (Schmidt, Simon, königlich bayerischer geistlicher Rath und Hofkaplan, ein Mann, der, obgleich nicht streng Künstler, in der Geschichte der Lithographie zuerst genannt werden muss, in keinem Falle übergangen werden darf, wenn sich der Geschicht- schreiber nicht der schärfsten Rüge aussetzen will. Es herrschten nämlich über den Erfinder der Lithographie verschiedene Meinun- gen, die sich jetzt auf zwei reduciren *), indem einige, und zwar die älteren Autoritäten, den Professor Schmid, unseren geistlichen Rath, die anderen den Alois Senefelder als Erfinder dieser Kunst bezeichnen. Es wird auch Niemand, der von der Sache genaue Kunde hat, das Verdienst Schmid's verkennen, nur ist es ein an- deres, früher erworbenes, als jenes von Senefelder, dessen Ruhm auch dann nichts leidet, wenn auch für Schmid Rechte geltend

gemacht werden, welche dieser ehrwürdige Priester aus zu großer Gescheidenheit dem Senefelder gegenüber nicht verfochten hat. Es ist dies das Recht der Priorität in Anwendung des Steins zum Abdrucke, wobei aber von der lithographischen Kunst im späteren Sinne noch nicht die Rede ist. Schmid hatte die moralische Ueber- zeugung, der eigentliche Erfinder des Steindruckes **), zu seyn, sprach sie aber nur selten vor Eingeweihten aus, und nie aus Ruhmsucht. Es war ihm oft schmerzlich hören und lesen zu müs- sen, wie man seine Erfindung als zweideutig hinstellte, dieselbe ganz ignorirte, oder seine Versuche mindestens als ganz unbedeu- tend bezeichnete. Wir werden daher in den folgenden Spalten nach Dokumenten und der mündlichen Aussage des geistlichen Rathes Schmid zu beweisen suchen, dass er bekanntermassen der erste gewesen, der, allerdings bei unvollkommenen Mitteln, sich des Steines zum Abdruck bediente, von dem wenigstens in der Neuzeit die ersten Versuche in einer Kunst gemacht wurden, die später durch die Erfindung des genialen Senefelder unter dem Namen der Lithographie Bewunderungswürdiges leistete. Schmid

*) Auf die Ehre der — wenigstens gleichzeitigen oder theilweisen — Erfindung der Lithographie machten auch noch andere An- spruch: zwei Künstler aus Regensburg, Namens F. A. Nieder- mayer und J. G. Reihl, ein gewisser Strohhofer, der sein Ge- heimniss in Stuttgart dem Hofrath G. H. von Rapp anbot, von welchein die früheste Abhandlung über diese Kunst herrührt; E. F. von Schlotheim in Gotha u. a. Das Verdienst dieser Männer besteht vielleicht nur in einigen selbstständigen Ver- suchen auf dem Wege vorhergegangener Anregung.

**) Wovon die spätere Lithographie zu unterscheiden ist.

Simon Schmid wurde 1760 in München geboren, wo sein Vater, ein bürgerlicher Lederbereiter, den talentvollen Sohn zu den höheren Studien bestimmte. Dieser durchlief seine Bahn mit Auszeichnung, aber nicht blos in einseitiger Schulbildung, sondern hatte auch von jeher grosse Vorliebe für die Naturwissenschaften und für die zeichnenden Künste. Schmid besuchte daher mit anhalten- dem Fleisse die damalige öffentliche Zeichnungsschule. Endlich bezog er die Universität Ingolstadt, um sich dem Studium der Theologie zu widmen, und 1784 wurde er zum Priester geweiht. Als junger Geistlicher übernahm er 1780 die Stelle eines Privat- lehrers im Hause des Freiherrn Stephan von Stengel, eines um die Kunst hochverdienten Mannes, der selbst geistreich in Kupfer radirte, und in seiner Familie mannigfaltige Kunstübungen be- günstigte. Schmid war längere Zeit im Hause des edlen Freiherrn, selbst noch nach seiner den 7. April 1787 erfolgten Anstellung als Lehrer an der bürgerlichen Realschule zu Unserer Frau und nach seiner Ernennung zum Professor der Logik und Naturgeschichte an der 1780 neu errichteten Militärakademie. Im Hause des nach- maligen Staatsraths Baron Stephan von Stengel machte Schmid 1787 auch die ersten Versuche in der Lithographie, oder wenn man lie- ber will, er suchte den Gedanken zu verwirklichen, Kellheimer Marmorplatten mit glatter Oberfläche zum Abdrucke zu benutzen. Auf diesen Gedanken brachten ihn die in Holz geschnittenen gros- sen Buchstaben, deren sich die Elementarschüler in der Frauen- schule bedienten, welche Schmid als Lehrer der Realschule auf wohlfeilerem Wege erhalten wollte. Er glaubte dieses durch Ab- drucke von feinkörnigen Steinen bezwecken zu können; denn es war ihm nicht unbekannt, dass einige Bildhauer im Besitze eines Verfahrens waren, vermittelst dessen sie in Stein ätzen konnten. Schmid sah dieses deutlich an einigen Grabsteinen an der Frauen- kirche, und besonders erregte ein Denkstein zwischen dem an der Nordseite gelegenen St. Bennobrunnen und der Sakristei seine Auf- merksamkeit, wie Schmid selbst versicherte, und um so mehr zu glauben ist, da seine niedere Lage das Auge um so leichter anzieh- te. Er ist von 1601 und die Schrift anscheinend hochgeätzt. Ähnliche Steine sieht man noch mehrere an der Metropolitkirche, die, wenn auch nicht alle geätzt, doch die einmal gefasste Idee unseres Professors trat bei jedem Tritt an die Kirche von Neuem erwecken mussten. Es sind da Grabsteine mit ähnlicher erhabener Schrift von 1308, 1587, 1588, 1620 und 1622. Mittlerweile fand Schmid auch Rezepte zum Aetzen auf Stein vor. Er erwähnt in einem Briefe an den damaligen Gallerie-Inspector und späteren

Schmidt (Schmid), Simon- Direktor d. k. v. Dillis eines alten Kunstbuches, welches in Nürn- berg unter dem Titel: Curieuse Kunst- und Werkschule von J. K. 1705 erschien. Es enthält eine Anleitung, feinere Zeichnungen auf Stein aufzutragen und zu ätzen. Solche Recepte besass man schon im 16. Jahrhunderte, wenn nicht früher, und mehrere Bild- hauer bedienten sich der Aetzkunst bei Herstellung von Schriften und flachen Zierathen an Grabsteinen, Gedenktafeln, Sonnenuhren und anderen kleinen Arbeiten von Stein. Im k. Antiquarium ist ein grosser runder Tisch, auf dessen Platte Figuren, Ornamente, Singweisen u. s. w. geätzt sind. Ein ähnlicher ist im Schlusse zu Hohen-Schwangau, beide Werke früherer Jahrhunderte. Ein Re- cept, wie eine Sonnenuhr auf Stein, Messing oder anderes harte Material mit Scheidewasser zu machen ist, fanden wir in einer Aus- gabe von Penther's Gnomonica, Augsburg 1768, in der Sammlung des Direktors Weiss in München, beigeschrieben. Diese Anwei- sung gibt 1774 ein Conventual des Klosters Fürstenfeldbruck in Bayern und bemerkt, dass man die Linien mit Unschlitt über- ziehen, und dann den Rand mit Bienenwachs umgeben müsse, da- mit das Scheidewasser auf der Oberfläche halte.

Eine andere Frage ist die, ob Schmid der erste gewesen, welcher Steine zum Abdrucke benutzt habe, oder ob man schon früher des Steins zum Drucke sich bediente, wie Senefelder (Lehrbuch der Lithographie S. 10) aus seiner Knabenzeit in Frankfurt oder Mainz sich erinnern will. Er glaubte als Knabe mit schwarzen Schiefersteinen, in welchen No- ten geschnitten waren, gespielt zu haben, sagt aber, er habe spä- ter nie etwas von einer solchen Druckerei vernommen. Es kommen auch in alten Gesang- und Andachtsbüchern manchmal mit Noten begleitete Texte und Schriften vor, die man als schlechte lithographische Produkte betrachten möchte; allein wir wären immer geneigt, diese Arbeiten für schlechte Stiche in Holz und weiches Metall zu halten, was wenigstens für jene Zeit viel leichter zu bearbeiten ist, als Stein. Sollte nun jemand auf diese Mach- werke einiges Gewicht legen, und darauf die Hypothese gründen wollen, dass schon vor Schmid Steine zum Abdrucke benutzt wur- den, so würde er mit dem Beweise sicher noch schlimmer fahren, als derjenige, der nachweisen sollte, dass in Frankfurt oder Mainz eine Notendruckerei war, in welcher schon früher Steine benutzt wur- den. Wir könnten selbst die Vermuthung aussprechen, dass schon im 16. Jahrhunderte Versuche gemacht wurden, den Stein zum Abdruck von Schriften zu benutzen. Der schon erwähnte Kunstliebhaber, Direktor Weiss in München, besitzt nämlich ein Steinchen, wel- ches 2 Z. 6 L. lang, und 3 L. dick ist. Auf diesem Steinchen ist in erhabener Manier verkehrt folgende Adresse an den römischen König Ferdinand, Erzherzog von Oesterreich eingeschnitten: Dem Allerdurchleuchtigstenn Grossmechtigstenn -Furstenn vnnd herrn Ferdinando Romischenn zu Hungern vnnd Böhmen König Ertzherzoge zu Oester- reich Hertzogenn zu etc.

Dieses Steinchen ist so eingerichtet, dass man Abdrücke davon machen könnte, und man hat dies in neuester Zeit, nach einem Gypsabgusse, welchen Herr Weiss davon machte, auch versucht. Es liegt uns selbst ein Abdruck vor, der freilich im Vergleich mit dem zierlich geschnittenen Steinchen roh aussieht. Es fragt sich nun, ob dieses jemals zum Abdruck bestimmt gewesen ist, oder ob man es nicht eher als ein Kunststückchen eines Schreibmeisters zu betrachten habe? Wir glauben das letztere, und dass nie ein Ab- druck davon gemacht wurde, da man das Steinchen damals weder

in eine Buchdrucker- noch in eine Kupferdruckerpresse ohne Gefahr des Zerbrechens hätte bringen dürfen, während bei den jetzigen Vorrichtungen sogar von noch dünneren Plättchen Abdrücke ge- macht werden können. Auch hat sich bisher kein gleichzeitiger Abdruck gefunden, und es ist überhaupt kaum denkbar, dass man im 10. Jahrhunderte den Stein zum Drucke habe verwenden wol- len, da der Formschnitt in so hoher Blüthe stand. Dagegen fin- det man allerlei Kleinigkeiten in härtere oder weichere Steinmas- sen geschnitten, auch erhaben geschnittene oder geätzte Schriftzüge und Ornamente.

Es könnte indessen auch schon frühe Jemanden eingefallen seyn, sich der Steine statt des Holzes und Metalls zum Abdrucken zu bedienen, und Senefelder (Lehrbuch etc., München 1818, S. 20) kann daher Recht haben, wenn er sagt: »Uebrigens können weder ich (Senefelder) noch er (Schmid) uns anmassen, der Erste gewesen zu seyn, welchem eingefallen wä- re, Steine zum Abdrucken zu benutzen. Nur die Art wie? ist das Neue an der Sache.« Allein der positive Be- weis, dass schon vor Schmid Steine zum Abdrucken benutzt wur- den, fehlt immer noch, so viel dürfte aber sicher seyn, dass Sene- felder erst nach Schmid Steine zum Abdrucke hergerichtet habe. Er will indessen von früheren Versuchen Schmid's nichts wissen, hat aber die Bereitwilligkeit, in einem gegebenen Falle diesem die Priorität einzuräumen. Er sagt nämlich: Lehrbuch der Lithogra- phie S. 26, nach vorgängiger Bemerkung, dass es eben nicht viel

Grundungsgeist bedürfe, um einzusehen, dass man hoch erhobene Buchstaben auf Grabsteinen mit Buchdrucker-Ballen anschwärzen und abdrucken könne: »Wenn aber Herr Schmidt dieser er- sten Idee die zweite hinzufügte, dass man nämlich auch feine und daher wenig erhobene Schriften und Zeichnungen durch Hülfe eines dazu zu erdenkenden Werkzeuges einschwärzen und abdrucken könne, wenn er diess that und ausführte früher als ich, oder wenigstens ohne vorher von meinen Arbeiten Kenntniss zu haben, dann gebührt ihm allerdings die Ehre, die damalige mechanische Art des erhobe- nen Steindruckes entweder zuerst, oder gleichzei- tig erfunden zu haben.«

Dieses Verdienst wurde in früherer Zeit dem geistlichen Rathe Schmid von vielen Seiten zuerkannt, und in dem unter Chr. von Mannlich's Leitung 1817 begonnenen Nachbildungen der vorzüg- lichsten Werke der k. Gallerie in München und Schleissheim wurde das von Auer lithographirte Bildniß Schmid's beigege- ben, unter welchem er geradehin Erfinder der Lithographie enannt wird. Dieses fand natürlich Widersprüche, da man die Verdienste Senefelder's um die Lithographie nicht verkennen durfte, ja da gerade durch seine von Schmid unabhängigen Erfundun- gen diese junge Kunst auf jene Höhe gebracht werden konnte, auf der sie in dem genannten Galleriewerke das Vollendetste zeigte, was bis dahin geleistet wurde. Die Freunde Schmid's erkannten in demjenigen, von dem der erste Gedanke und die ersten Ver- suche im Steindrucke ausgingen, den ersten Erfinder, welcher aber jetzt nicht nur nicht den Ruhm mit Senefelder theilen sollte, son- dern dessen Verdienst, als das einer rein mechanischen Erfindung, theils ganz ignorirt, theils als geringe und ohne Einfluß auf die Erfindung Senefelder's zurückgewiesen wurde.

Gesetzt nun auch, Schmid sei nicht als Erfinder der Lithogra-

Und nun über die Erfindung Schmid's und die Zeit, in welche diese fällt. Senefelder sagt (l. c. S. 27) nur im Allgemeinen, Schmid habe mit seinen Schülern mancherlei Versuche, Zeichnungen auf Stein zu verfertigen, gemacht, bezweifelt jedoch das Gelingen der Abdrücke, weiss aber bereits gewiss, dass dessen Druckart von der seinen abweiche, und dass Schmid von der chemischen Druckerei, die Senefelder 1798 erfand, keine Kenntniss habe. Zugleich sagt er, er wolle es aber dem Professor Schmid aufs Wort glauben, wenn er als ehrlicher Mann versichern sollte, schon vor dem July 1706 auf Stein gedruckt zu haben. Diese Versicherung hat Schmid den Interessenten oft gegeben, schon vor der Erscheinung des Senefelder'schen Lehrbuches, und noch als Greis. Und wer zweifelt an der Wahrhaftigkeit dieses Ehrenmannes? Viele kannten ihn, und wissen, dass er von dieser Sache ungern sprach, da sie ihm, wie er dem Verfasser dieses Artikels, der über seine Erfindung mit ihm Rücksprache nahm, selbst versicherte, viele Verdrüsslichkeiten verursachte. Eine schriftliche Bestätigung gab Schmid in einem Briefe, welchen er im März 1810 an den damaligen Gallerie-Inspektor von Dillis schrieb, und zwar als Beantwortung einiger vom damaligen Kronprinzen Ludwig, unserm kunstbegeisterten König, in Bezug auf die Erfindung der Lithographie durch von Dillis an Schmidt gestellten Fragen, die dieser, wie er Eingangs sagt, nur aus Gehorsam gegen Se. königliche Hoheit beantwortete. Dieser Brief ist mit einem Berichte über die Erfindung des Steindruckes (Lithographie) dem 4. Hefte des oben genannten Gallerie-Werkes beigegeben, und da dieses Blatt jetzt sehr selten mehr zu finden ist*), so wird es von Interesse seyn, die Worte dieses ehrwürdigen und gelehrten Priesters zu vernehmen:

»Du forderst mich im Namen Seiner Königl. Hoheit des Kronprinzen auf, dein Schreiben genüglich zu beantworten, und ich gehorche. Schon zur Zeit, als ich die Stelle eines Reallehrers zu München verwalt*), fielen mir mehrere in der Nähe des Schulhauses zu U. L. Fr. sich befindliche Leichensteine auf; die mit aqua fort geätzt sich besonders auszeichneten, worunter ein, zwi-

*) Wurde desswegen im Kunst- und Gewerbsblatt, München 1817. S. 313 f. wieder abgedruckt, **) Sein Anstellungs-Dekret ist vom 27. April 1787.

„Noch verdient bemerkt zu werden, dass ich mit Herrn Sene- felder keinen Umgang pflegte, von Person selben nicht einmal kenne, obgleich ein Bekannter desselben Herr Hofmusikus Gleiss- ner, sich etliche mal bei mir einfand und über dieses und jenes sich besprach.«

„Lieber Dillis, das ist alles, was ich Dir nach Treu und Wahr- heit schreiben kann. — Dass zu Federkriegen und gelehrten Strei- tigkeiten ein weites Feld übrig bleibt, welche ich aber als ein Mann, der Zeitlebens schon genug herumgehudelt worden, von Herzen zu vermeiden suche. — Ich halte mich für belohnt genug, genützt zu haben.« u. s. w.

Aus diesem Briefe, dessen Inhalt der geistliche Rath Schmid als wahr bestättigte, gehet nun klar hervor, dass er die ersten Ab- drücke 1737 gemacht habe, also zu einer Zeit, wo A. Senefelder noch ein Knabe von 16 Jahren war, der aber bald darauf die Uni- versität Ingolstadt bezog, wo er als talentvoller Jüngling ausge- zeichnete Studien machte, die er aber nach dem 1792 erfolgten Tod seines Vaters nicht mehr vollenden konnte, so dass er Schau- spieler und Theaterdichter zu werden beschloss, und damals an nichts weniger, als an die Lithographie dachte. Von Schmid's Buch- staben dürfte sich kaum mehr ein Abdruck finden, von dem im obigen Briefe erwähnten Vogel könnte sich aber noch ein solcher erhalten haben. Dem Vernehmen nach soll die Platte mit der Jahrzahl 1787 bezeichnet gewesen seyn. Hiernach zeichnete Schmid eine Anzahl von Giftpflanzen auf Stein, die den Schülern der Realklasse, und dann, als Schmidt zum Professor an der 1789 errichteten Militair- Akademie ernannt wurde, auch den Zöglingen dieser Schule beim Unterrichte in der Naturgeschichte gegeben wurden. Diese Steine sind 5 Z. 9 L. breit und 3 Z. 8 L. lang. Die Sammlung hatte ein eigenes Titelblatt, welches einen oval gezogenen Blumenkranz zeigt, im Inneren mit dem Titel: Abbildung der Giftpflan- zen, in lateinischen Buchstaben. Die Platte ist 3 Z. 10 L. breit, und 32,5 L lang. Diese Blätter, die ein Heft bildeten, sind im Gan- zen sehr schlecht gezeichnet, im älteren Drucke waren sie aber ziem- lich roh, da nämlich die Vorrichtung dazu selbst sehr ungenügend

*) Vielmehr die Buchstaben mit heissem Wachs auf Stein zu zeich- nen, und diesen dann mit Scheidewasser zu begiessen, um die Buchstaben erhaben zu erhalten,

„einwärts gearbeitet. Auch von dieser Karte befindet sich der Stein

im Besitze der Frau von Stengel. Es ist diess eine Karte von Afrika, die beim ursprünglichen Abdruck die grössten Schwierig- keiten verursachte, indem wenig reine Abdrücke herunter gingen. Die neuen auf Veranlassung der F. Staatsrathin von Stengel gezogenen Probedrücke sind allerdings sehr gut. Br. der Matte

„5 Z. 8 L., jene der Karte 5 Z., L. 3 Z. 8½ L. Alte Abdrücke

von den sämmtlichen Schmid'schen Steinen, die in verschiedenen

Besitz übergingen, und wahrscheinlich grösstentheils zu Grunde

gegangen sind, dürften äusserst selten vorkommen, obgleich sie in

der Real- und Militairschule nach Hunderten gebraucht wurden. Die frühesten, welche Schmid selbst mit seinem Cylinder abdruck- te, sind wahrscheinlich alle vernichtet, von jenen aber, welche danach in der Schulbücherverlags-Druckerei gemacht wurden, die gut gelangen, könnten sich noch einige finden. Später beachtete

man diese Blätter nicht mehr, da sie mit den neueren Produkten

der Lithographie keinen Vergleich aushielten, endlich nicht einmal mehr gekannt wurden. Wir wissen nur von einem einzigen Exem- plar, welches der königlich bayerische Oberst Herr von Mail- inger in München, noch als Schüler der Militär-Akademie aufbe- wahrt hatte, Er fand es wenige Jahre vor dem Tode des geistli- chen Rathes unter seinen Papieren vor, und machte es ihm zum

Geschenke. Dieser hatte längst kein Blatt mehr, und freute sich

jetzt um so inniger, als er diese unansehnlichen Produkte seiner frühen Zeit fast alle für verloren hielt. Diese Blätter müssen sich im Nachlasse des seel. Schmid vorgefunden haben, und mit dem- selben jetzt im Besitze des Herrn Ferchl seyn, der auch Senefelder's gesammten Nachlass an sich gebracht hat.

Den grössten Theil der Platten fertigte Schmid im Hause des Herrn Baron Stephan von Stengel und machte aus seinen Versu- chen eigentlich kein Geheimniss. Desswegen erhielt der erwähnte

Gleissner, welcher die Bekanntschaff unseres Professors eifrig ges ticht hatte, ohne Mith Einsicht davon. Gleiss- ner besprach sich mit ihm auch noch später über diesen Gegen- stand, als Professor Schmid bereits die Sache mehr geheim hielt.

Gleissner, der aus dem Unterrichtgeben und Notenschreiben ei-

nen Erwerb machte, interessirte sich schon frühe für die Schmid'sche

Erfindung, war aber für sich nicht im Stande, davon einen Ge- brauch zu machen, da er weder Kenntnisse in der Chemie hatte, noch im Zeichnen und in der Calligraphie bewandert war, und daher kam es ihm sehr erwünscht, als sich Alois Senefelder ihm näherte, der 1705 nach seinen unterbrochenen Universitätsstudien die kümmerlichste Aussicht hatte, zunächst als Theaterdichter und Schauspieler sein Aus- kommen zu finden hoffte, und zu diesem Zwecke seine dramati- schen Erzeugnisse in Kupfer oder Zinn ätzen wollte, um die Druckkosten zu ersparen, aber zuletzt durch die Anwendung des Steins ein leichteres Mittel fand, wie er in seinem Lehr-

nur in Hinsicht auf das mechanische Verfahren desselben zugeben.

Abdrücke von Schmid'schen Steinen kamen damals, um 1705, noch häufig vor, und Senefelder's Brüder erhielten deren schon früher als Schüler der Militair-Akademie von Schmid selbst. Wie auch deyn mäge: Senefelder griff die von Schmid bereits längere Zeit zum naturhistorischen Zwecke gepflegte Kunst des Stein- druckes ebenfalls auf, und war schon 1700 im Stande, Schriften nicht nur vertieft, sondern mit noch grösserem Vortheile erhöht auf Stein darzustellen und abzudrucken. Er benutzte diese Erfin- dung mit Gleissner zuerst zum Notendrucke, und dieser schlug seine bei Schmid erworbenen Kenntnisse im Steindruck so hoch an, dass er sich selbst als Miterfinder der damals sogenannten Polyautliographie oder Steindruckerei bezeichnete, und den grösseren Theil des Gewinnes zog, wozu ihn allerdings der Um- stand zu berechtigen schien, dass er die Mittel zur Betreibung des Geschäftes anwies, und nebst seiner Frau beim Drucke thätig war. Sie gaben damals sowohl Gleissner's eigene, als fremde Musik- Compositionen auf Stein geschrieben heraus, deren einige in der den 18. August 1788 eröffneten Musikalienhandlung von Falter in München erschienen. Einige dieser Musikalien dienen auch zum Be- weise, dass Gleissner damals die ersten Ansprüche machte. Auf einem von Senefelder geschriebenen Offertorium de sancta Cruce, von Foscano, liest man nämlich: München, gedruckt bei Gleissner und Senefelder. Zu haben in der Fal- terischen Musikhandlung. Gleissner trat später mit sei- nen Ansprüchen auf die Miterfindung zurück, und nach einiger Zeit kannte man nur eine k. b. privilegirte Steindruckerei von Alois Senefelder, Gleissner und Compagnie, worunter auch Gleiss- ner's Frau zu verstehen ist. Senefelder wurde aber immer noch nicht als alleiniger Erfinder der Lithographie anerkannt. So le- sen wir im Morgenblatte 1807 S. 1171, dass Senefelder bei einem Botaniker gesehen, wie dieser auf solche Weise Pflanzenabdrücke machte. Und dieser Botaniker ist doch wohl kein anderer als Schmid? Darauf bezieht sich, wie uns versichert wurde, auch jenes Geschichtchen, wie Senefelder durch einen Stein mit einem Stein- abdrucke, den er, in Verzweiflung getrieben, auf dem Wege nach der Isar gefunden, auf die Erfindung des Steindruckes ge- kommen ist. Diese romantisch-tragische Geschichte ist aus zwei Briefen an Göthe und Staatsrath von Krenner und durch Druck bekannt; später wollte aber Senefelder nichts davon wissen und in dem Lehrbuche übergeht er die Sache. Nur Engelmann nimmt sie in seinem Werke wieder auf: Gesammtgebiet der Lithographie. Deutsch von Pabst und Liretzschmar, Chemnitz 1840. S. 3.

*) Diesen Namen gaben die Johannots, Besitzer, der Andre- schen Musikalienhandlung in Offenbach, der neuen Erfin- dung, und erst 1800 wurde der Name Lithographie ge- schöpft. Damals erschien Senefelder's und Comp. Muster- buch über alle lithographischen Manieren.

**) Er wollte dem Senefelder später sogar die Durchrei streitig machen,

**) Ein anderes Werk aus dieser Druckerei und von Gleissnersind 24 Duos faciles pour 2 cors ou 2 trompettes, in Commission bei Falter. Haslinger in Wien hatte von Gleissner 6 Duos pour 2 Flutes, Liv. I. III.; 20 Var. sur un Thème de Haydn.

So vergingen einige Jahre und die Lithographie gelangte mit Riesenschritten zu einem Resultate, welches man sich anfangs nicht einmal träumen lassen konnte. Schmid, der einerseits zuwe- nig Künstler und mit anderweitigen Berufsgeschäften überladen war, andererseits von der Anwendung der Steine zum Drucke nach dem damaligen Betriebe keinen grossen Erfolg hoffte, liess das einmal gewonnene Feld fast wieder brach liegen, und als ihm 1804 die Pfarrei Ober-Haching, und 1807 jene in Miesbach mit dem Landdekanat zu Theil geworden war, dachte er, fern von der Hauptstadt, wenig mehr an die Lithographie, die sich jetzt als ärmliche Steindruckerei zu einer glänzenden Kunst erhoben hatte. Diesen unerwarteten Aufschwung verdankte sie von 1798 an allerdings zunächst dem A. Senefelder, der durch seine genialen Erfindungen die früheren beengenden Grenzen ausdehnte und die Lithographie zu einer heilbringenden Kunst erhob. Er ist somit der Vater der jetzt bestehenden Lithographie. Doch auch Schmid sollte nicht zurückge- wiesen und vergessen werden, da er zuerst den Stein zum Abdrucke anwendete. Seine Freunde suchten ihm daher das Recht der Priori- tät zu sichern, und namentlich nahm sich der Direktor von Mann- lich des bescheidenen Decan in Miesbach an. Es wurde sein Bildniss als das des ersten Erfinders dem Münchner Schleisshei- mer Galleriewerke beigegeben, welches aber nach einigen Jahren wieder weichen musste. Was Schmid in seinem Briefe an Dillis befürchtet, trat ein. Senefelder wies ihn 1818 in seinem Lehrbu- che der Lithographie fast ganz zurück, und auch 1810 erhob sich im literarischen Monatsberichte für bayerische Geschäftsmänner, 2tes Märzstück, eine Stimme gegen ihn. Da steht eine weiltäufige Geschichte des Steinldruckes, als dessen Erfinder einzig Senefelder gepriesen wird. Wenn aber der Verfasser sagt, »lass man seit einem Jahre Schmid mitaller Gewalt zum ersten Er- finder des Steindruckes machen wolle«, so geht diess gegen von Mannlich und andere unterrichtete Freunde des geistli- chen Rathes Schmid, und er ist in so fern im Irrthum, als schon von jeher und auch in der Folge dessen Ansprüche erkannt und vertheidiget wurden, wie wir oben nachgewiesen haben. Fassen wir aber das Ganze zusammen, so ergibt sich folgendes Resultat:

Schmidt steht als erster oder bekannter*) Erfin- der des Steindruckes auf mechanischem Wege, Sene- felder anfangs auf demselben und dann als Erfinder der eigentlichen Lithographie in weiterer Bedeutung auf chemischer Basis, auf welcher durch ihn die Lithographie die mannigfaltigste Ausdehnung er- hielt und zur Kunst erhoben wurde.

Dekan Schmid kam von Miesbach als Hofcaplan und Beicht- vater der Frau Churfürstin Leopoldine nach München und wurde zum geistlichen Rath ernannt, als welcher er 1810 in einem Alter von 80 Jahren starb.

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