Schmidt oder Schmid, Peter, Maler, ein in der Kunstgeschichte höchst achtbarer Mann, der um die Vervollkommnung der Lehr- weise im Zeichnen entschiedene Verdienste sich erwarb *). Im Jahre 1769 zu Trier geboren, musste er als armer Knabe in einer Baumwollenzeug-Manufaktur eines Herrn Lenzius mit seinem jüngern Bruder spinnen, um der Mutter, einer Küfers-Witwe, einen Theil des Lebensbedarfes zu erwerben. Von jetzt an schien er an das Spinnrad gebannt zu seyn, denn er musste auch noch spin- nen, als Lenzius die Mutter geheiratet hatte, und noch überdies die Strenge des Stiefvaters fühlen. Endlich aber erwachte er von dem Traume der Kindheit vor dem grossen Freskobilde des Fisch- zuges Petri an der Fassade des Hauses der Fischergilde zu Trier . Es war diess das erste Gemälde, welches er sah, es wirkte aber so mächtig auf ihn, dass er jetzt jede freie Minute bis in die Nacht hinein zum Zeichnen und Malen benutzte. So trieb er es bis zum Jahre 1782. Damals geschah es, dass der Churfürst Clemens Wenzeslaus in Trier einen pomphaften Einzug hielt, und der junge Schmid zeich- nete diesen auf einen Streifen von mehr als vierzig an einander geklebten Bogen. Der Domprobst Graf von Walterdorf sah die- sen Fries, und beschloss sich des Knaben anzunehmen. Er gab ihn dem Maler Habicht zu Trier in die Lehre; allein dieser Mann setzte nur in eine gewisse Kühnheit und in keckes Hinwerfen das Hauptverdienst der Kunst. Dies galt ihm für geistreich, originell, und das Streben des Knaben nach Naturgemässheit und Correkt- heit der Zeichnung für eine kein Genie verrathende Aengstlichkeit. Im Jahre 1786 sah sich endlich der würdige Domprobst durch die teilweise unrühmlichen Streiche Habicht's veranlasst, seinen Pfleg- ling dem Hofmaler Zick in Coblenz zu übergeben. Dieser damals berühmte Meister stand zwar weit über Habicht, war aber dennoch nicht im Stande, seinen Schüler auf die sicherste Bahn zu leiten, und wirkte nur in so fern vortheilhaft auf ihn, dass er ihm Ge- legenheit verschaffte, gute Gemälde zu sehen und zu studieren. Im Jahre 1789 ging er mit Empfehlung seines Gönners und Zick's nach Mannheim, wo der Bildhauer und Direktor Verschaffelt sein besonderer Lehrer wurde; allein auch dieser geschickte Künstler war nicht geeignet, einen Schüler heranzubilden, und als Schmidt *
*) W. Perschke schrieb eine interessante Lebensgeschichte dieses Mannes, die aus den rheinischen Blättern 1837 besonders ab- gedruckt wurden. Essen bei Bädecker, S. -
Nagler's Künstler-Lex, Bd. XV. 23
die freundlichste Aufnahme in mehreren der angesehensten Fami-
lien der reichen Handelstadt. Die raschen, ungewöhnlichen For- schritte seiner Schüler, die unverkennbaren Vorzüge scines metho- dischen Unterrichts führte bald überaus günstige Verhältnisse her- bei, und schon 1799 ward in Stettin ein großes Institut gegrün- det. Von hieraus machte der Künstler auch mehrere Ausflüge, zu- erst nach Bruchsal, wo sein Wohlthäter, der Graf von Walterdorf zum Fürsten erhoben worden war, dessen Bildniss er malte. Im Jahre 1801 reiste er zum ersten Male nach Paris, wo jetzt die Kunstschätze von ganz Europa zusammenflossen, und da er in
den nächst folgenden Jahren die Reise wiederholte, so fand er
Gelegenheit in den reichen Sammlungen die bedeutendsten Studien zu machen. David und Denon gehörten nicht zu seinen gering- sten Freunden, die Paris ihm gewährte.
Mittlerweile wurde das Institut zu Stettin mit aller Umsicht geleitet, da sich auch sein Schwager zu diesem Zwecke herange- bildet hatte. Je weiter aber Schmid auf der Bahn der Kunst fortge- schritten war, je umfassenderen Blick er in das Wesen derselben
erwonnen hatte, desto deutlicher hatte sich ihm die Unzulänglich-
keit und Fehlerhaftigkeit der bisherigen Methode erwiesen, desto eifriger war er darauf bedacht gewesen, eine wahrhaft entwickelnde und in die Kunst auf geehnetem, geradem Wege einleitende Un- terrichtsweise zu finden. Auch waren seine Bemühungen in dieser Beziehung nicht erfolglos gewesen, und die schönsten Fortschritte seiner Schüler waren Ergebnisse dieses Strebens, einen naturge- mässen, vom uranfänglich Leichten zum Schwierigeren fortführen- den Unterrichtsweg zu ermitteln. Die Bemühungen zu diesem Zwe- cke hatten zwar schon in Trier begonnen, wurden in Stettin fort- gesetzt und selbst durch seine Reisen nach Paris nicht unterbro- chen, doch stand er erst 1800 an dem Scheidewege zwischen der Ausübung und dem Lehramte der Kunst. Schmid hatte in Paris durch das Studium des Vollendetsten, was aus der Vorzeit geblie- ben ist, gründliche Einsicht erlangt, und der ernste Beifall be- rühmter Kunstgenossen bürgte dafür, dass er nicht unrühmlich die Laufbahn des Malers zurücklegen würde. Doch Schmid ent- schied für das Lehrfach, mit dem festen Willen, eine Bahn zu bre- chen, auf welcher nur die eigene Kraft nach mühseligem Wege zum Ziele führen könnte. Er gab sich jetzt mit freudiger Aufoppe- rung eigener Wünsche unausgesetzt dem Studium der Methode hin, und schon 1800 war er dahingelangt, einen sehr nützlichen Stu- fengang im Zeichnen nach Vorlegeblättern der Welt mitzutheilen. Diese erschienen mit Erklärung unter dem Titel: Anleitung zur Zeichenkunst, besonders für diejenigen, die ohne Lehrer dasselbe erlernen, für Eltern, die ihre Kin- der darin selbst unterrichten wollen, zugleich auch in Schulen für Kinder unter ihrem zehnten Jahre als Einleitung zum Naturzeichnen. 2 Hefte mit Kupf. Berlin 1801. Zweite Auflage 1825, 8. Den Stufengang dieses Un- terrichtes entwickelt, Schmidt selbst, und ein schönes Gesammtbild der Methode gibt besonders auch Perschke in der Eingangs er- wähnten Schrift. Hierauf war der Zweck langjähriger Untersuchun- gen und unausgesetzter Bestrebungen die beim Zeichnen nach Naturgegenständen im Allgemeinen, und die beim Copiren insbe- sondere angewendeten Grundsätze methodisch in Wirksamkeit zu-
setzen,
zeichnen für den Schul-und Selbstunterricht. Fort- setzung der Anleitung zur Zeichenkunst. I, Theil. Mit 26 Kfn. Berlin 1828. Zweite Auflage 1833, 8. Eine genaue Ana- ]yse dieses methodischen Unterrichtes gibt wieder Perschke, der hier auch auf die Einwendungen zurückkommt, die dem Leh- rer gemacht wurden, und diejenigen zurückweiset, welche das Verdienst unseres Künstlers in Anspruch nehmen wollten. Im ent- fernteren Zusammenhange mit dem letztgenannten Werke des Mei- sters steht auch eine etwas früher erschienene Abhandlung dessel- ben: Die Wege der Natur und der Entwicklung des menschlichen Geistes, Berlin 1827, 8. Dieses Buch enthält indessen nur die
"Ausführung zweier sinnreicher Gleichnisse, das eine durch einen
abgestumpften Kegel, auf welchem das Feuer der Wahrheit lodert, das andere durch den Baum der Entwicklung des menschlichen
Geistes gegeben.
In den beiden oben genannten Lehrwerken befindet sich der Schüler auf dem Gebiete der Synthesis, in den folgenden Abthei- lungen nähert er sich aber allmählig der Region der Analysis. Der
Lehrer geht zwar von dem Besonderen, scheinbar synthetisch aus,
fasst aber zuletzt reflectirend alle einzelnen Wahrnehmungen zu- sammen, und gewinnt, sie unter einem Gesichtspunkte ordnend, eine Abstraktion. Bisher wurden die perspektivischen Veränderungen
der Linien nur nach dem Augengmaass bestimmt, die Aufgabe
des nächsten Theiles des Werkes ist es aber, die Gesetze dieser Veränderungen auf eine einfach verständliche Weise zum Bewusst- seyn des Schülers zu bringen. Der dritte Theil des Schmid'schen Unterrichtswerkes hat den Titel: Das Naturzeichnen für den Schul- und Selbstunterricht, Mit 23 Kfn. Berlin 1830, 3. Dieser Cours theilt sich in zwei Abtheilungen, deren erste die Lehre vom Grund- und Aufriss, die zweite die Lehre vom per- spektivischen Zeichnen enthält. Ueber die Methode handelt der
Meister selbst im erklärenden Texte, und besonders bezeichnete auch Perschke den Gang des Unterrichtes.. Der dritte Theil, mit
seinen zwei Abtheilungen schliesst den Unterricht des Naturzeich- nens ab. Der darnach gebildete Schüler hat ein sicheres, unfehl- bares Augenmaass, eine für gewöhnliche Anforderungen genügende Kenntniss der Perspektive und der Schattenlehre und eine ausge- bildete Hand erhalten.
Auf dieses Werk folgte eine neue kleine Schrift: Die For-
menlehre mit Anwendung auf Naturgegenstände für
den Schulunterricht. Mit 10 Kpf. Berlin 1833. Diese für das jugendlichste Alter bestimmte Schrift entwickelt die Begriffe der Linie, des Winkels, der geometrischen Figuren etc., und lei-
tet in mannigfaltigen Aufgaben zugleich zur Nachbildung des Er-
läuterten an. Im Jahre 1834 erschien zu Berlin der erste Theil
seiner Linear-Perspektive für angehende Künstler, zu-
gleich für Schulen bearbeitet. Mit 25 Kpfm. 8. In die-
sem Buche macht er auf den Unterschied zwischen einem Systeme
und einem Lehrbuche aufmerksam und verlangt, dass man die Anforderungen nicht verwechsle. Im folgenden Jahre sah sich der
Künstler veranlasst, eine Vertheidigungsschrift seiner Unterrichtsweise herauszugeben, zugleich auch den äussern Hindernissen zu begeg-
nen, welche in vielen Schulen der Einführung seiner Methode
entgegenstehen. Es wurden nämlich einerseits unter der freudig-
sten Anerkennung, der gerechtesten Würdigung in redlicher Ab-
aber bereitete ihm Hass, Missgunst und Verfolgungsgeist Verun- glimpfungen. Gegen diese ‚stumpfsinnigen Invectiven verteidigte sich Schmid mit edler und ruhiger Würde. Eine grosse Menge trefflich gebildeter Schüler in der Nähe und Ferne, und in allen Verhältnissen des Lebens sprechen für die Tüchtigkeit seiner Methode. In Stettin blieb Schmid nur bis zum Jahre 1810, da ihn un- günstige Zeitverhältnisse zur Auflösung seiner Verbindungen zwan- gen. Jetzt ging er nach Berlin, wo seine der Natur abgelauschte Methode, obwohl sie damals noch nicht völlig entwickelt war, die lebendigste Theilnahme erregte. Ja der Umstand, dass bald nach den ersten Stunden eine bedeutende Gruppe gezeichnet, und
bis zum höchsten Lichte ausgeführt wurde, steigerte die Theil-
nahme bis zum rauschenden Beifall, welcher freilich, als der Künst- ler diese zu frühe, den Grundsätzen seiner Methode nicht entspre- chende Anforderung einer geübteren Kraft aufhob, allmählich sich verlor. Doch wenn sich der Ruf der Methode auch vom Markt- platz in die Wohnung der Einsichtigeren zurückzog, so war doch das Ansehen derselben so tief begründet, zu unerschütterlich die Achtung vor den Künstler selbst, welcher durch sein lebensgrosses Bildniss und eine wandgrosse Copie eines Thierstückes von Pötter, was er leistete, genügend bewiesen hatte, als dass es die Methode hätte untergraben können. Im Jahre 1817 gründete er in Frank- furt a. M. ein Institut, das in kurzer Zeit noch blühender wurde, als jenes in Berlin. In die folgenden Jahre der regesten Anstren- gung fallen die wichtigsten Studien für das Naturzeichnen. Wäh- rend eines Erholungsaufenthaltes in den Bädern zu Aachen erhielt er von der dortigen Regierung die Aufforderung, einigen jungen Lehrern die Grundsätze seiner Methode zu lehren, und hierauf unterwies er in Folge eines Auftrages der Regierung in Cöln da- selbst 14 Lehrer auf ähnliche Weise. Dadurch sah sich das k. Mi- nisterium des Cultus auf's Neue zu einer Prüfung seiner Methode veranlasst, in deren Folge Schmid 1822 nach Berlin herufen würde, Er musste da an zwei Tagen wöchentlich einer Anzahl von höchst- stens 40 Schülern, die zu Zeichnungslehrern an Seminarien und städtischen Schulen bestimmt waren, Unterricht ertheilen. Im Jahre 1834 erfolgte seine Ernennung zum königl. Professor. In diesem Kreise wirkte Schmid noch mehrere Jahre kräftig fort, und hatte das Vergnügen, an vielen Anstalten des Vaterlandes seine Schüler angestellt zu sehen. Schmid lebt noch gegenwärtig in Berlin.
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