Scheffer, Ary, Historien- und Genremaler, geb. zu Rotterdam 1795, äusserte schon in den Kinderjahren eine so entschiedene Neigung zur Kunst, dass seine Eltern, der oben erwähnte Joh. Baptist Scheffer von Mannheim , und seine hochgebildete Mutter, die Malerin C. Scheffer-Lamme, dieses seltene Talent mit aller Sorgfalt pflegten. Ary wetteiferte daher schon als Knabe von 12 Jahren mit den besten Künstlern seiner Vaterstadt, und damit dem vielversprechenden Sohne durchaus kein Mittel fehlte, begab sich die Mutter nach dem erfolgten Tode des Vaters nach Par- is, wo sie, wie oben im Artikel desselben gesagt, einzig und al- lein der Erziehung ihrer Kinder lebte, und desswegen nur einen kleinen Kreis gebildeter Freunde um sich zog. Die Früchte, die sie durch ihre sorgfältige Erziehung erndtete, sind auch wirklich vom edelsten Gehalt, Ergüsse des reinsten Gemüthes. Ary und Henry Scheffer sind die geliebten Söhne, die auch als Männer noch mit kindlicher Pietät der Mutter anhingen.
Ary Scheffer erschien schon 1812 mit Werken auf der Kunst- ausstellung zu Paris, und von Jahr zu Jahr betrachtete man seine Bilder als Glanzpunkte des Salons. In dem genannten Jahre sah man das Gemälde mit Thirza und Abel, wie sie vor ihrer Hütte dem Herrn Lob singen. In der früheren Zeit widmete sich Scheffer aus- schliesslich der Historienmalerei , und in diesem Vorsatze bestärkte auch die öffentliche Aufmunterung, nicht allein zu Paris , sondern ihn auch im Vaterlande. Sein Bild der Engel bei Abraham erhielt bei der Amsterdamer Kunstausstellung 1816 den Preis der Malerei. In Jahre 1817 malte er den Tod des heil. Ludwig, im Jahre 1819 die patriotische Aufopferung der sechs Bürger von Calais, und dann den Sokrates, wie er in der Schlacht bei Potidäa in Thrazien den Alcibiades vertheidiget. Dieses Gemälde fertigte er im Auftrage des königlichen Ministeriums, und bald darauf ermunterte ihn auch die Prefectur des Departement der Seine durch die Be- stellung eines Bildes, welches St. Ludwig vorstellt, wie er beim Besuche seiner pestkranken Soldaten selbst von der Pest befallen wird. Alle diese Bilder tragen ein strenges historisches Gepräge und sind bereits von solcher Gediegenheit der Darstellung, die nur von einem so eminenten Talente in der Folge noch überboten werden konnte. Jetzt erweiterte er den Kreis seiner Wirksamkeit und zog auch das Genre in sein Gebiet; allein die Sphäre, in der sich die beiden Scheffer bewegen, ist so edel und erhaben, die Be- wegungen des Gemüthes, welche sie darstellen, haben eine solche Wahrheit und Tiefe, der Eindruck, den ihre Werke in der Seele des Beschauers zurücklassen, bleibt so lebendig, dass sie jede Stufen- höhe in der Kunst einnehmen können. Scheffer ist ein wahrer Historienmaler, denn er ergreift mit grosser Wahrheit Charaktere, ohne die materielle Wahrheit zu verschmähen,
An die eben genannten Werke reiht sich der Zeit nach die Wittwe des Soldaten mit ihren Waisen, ein Bild des wärmsten Gefühls, welches man auf der Ausstellung von 1822 sah, neben ei- nem grösseren Gemälde mit einer Darstellung aus Dante, wie die- sem und dem Virgil die Schatten der Francesca de Rimini und ihres Geliebten erscheinen. Im Jahre 1824 malte er aus Auftrag des Ministeriums den Gaston de Fuix, der nach dem Siege bei Ravenna todt gefunden wird, eben so schön colorirt als meisterhaft behandelt, jetzt in der Gallerie Versailles aufgestellt. Hierauf sah
Man das Gemälde mit St. Thomas von Aquin, der während des Sturmes predigt, und an dieses Bild reihen sich mehrere Genre- stücke, wie der abgebrannte Mäierhof, die Beerdigung des jungen Fischers, die arme Frau auf ihrem Lager, die verirrten Kinder, das kranke Kind, die Rückkehr des jungen Invaliden, der gute Alte, das Kind, welches weint, um getragen zu werden, die kranke Mut- ter auf zwei ihrer Kinder gestützt zur Kirche ziehend, griechische Mädchen, welche während des Kampfes zur Madonna flehen, im Besitze des Herzogs von Orleans, jetzigen Königs; das vom Hagel getroffene Feld, der Schlaf des Grossvaters, die Garnison von Mis- solunghi im Momente einer anzuzündenden Pulvermine, in der Sammlung Lafitte; die Rückkehr von der Armee, in der Samm- lung Rothschild; der Sturm, die Suliotinnen nach der Ermordung ihrer Männer im Begriffe sich von dem Felsen zu stürzen; ein er- greifendes und bewundertes Werk in der Gallerie des Luxembourg. Es sind aber alle die genannten Bilder trefflich in ihrer Art, voll tiefen Gefühls, wenn sie auch, das Gemälde der oben genannten griechischen Frauen ausgenommen, zur Erhöhung seines Ruhms nicht bedeutend beigetragen haben. Sie entstanden alle 1831, so wie das Bild des ersten Husarenregiments im historischen Museum zu Versailles, das Frescobild an der Decke des dritten Saales des Staatsrathes, wo Scheffer Karl den Grossen malte, wie er, der Versammlung der Franken die Capitularien diktirt. Dieses Gemälde, das sich eine kleinere Darstellung im historischen Museum zu Paris befindet, ist eines der schönsten jener. In dem genannten Jahre malte der Künstler für den Fürsten Galitzin Christus mit den Kleinen, dann das Reiterbild des Königs und das Bild der Königin Anna von Oesterreich, im Palais royal auf- gestellt. Die Reihe der gepriesensten Bilder beginnt, aber mit seiner Darstellung von Faust und Gretchen, mit seinem Bilde der Leo- nora, einem zum wiederholten Male behandelten Gegenstand, beide von 1831, und seinem Eberhard dem Greiner über der Leiche sei- nes Sohnes weinend, 1834 gemalt. Diese drei Bilder sind bekann- ten deutschen Dichtungen entnommen, so wie denn überhaupt Göthe, Schiller, Byron u. a. diesem Künstler öfter Stoff zu geist- reichen Bildern geliefert haben; Im Jahre 1835 erklärte man jene zum zweitenmale behandelte rührende Episode aus Dante mit le- bensgrossen Figuren als das ausgezeichnetste Werk des Salons. Das ist die Scene, wie Dante und Virgil den Schatten Paolo's von Rimini begegnen. Der Maler hat diesen auf eine ganz eigenthümliche Weise aufgefasst, so dass Schatten in fast horizontaler Richtung vorüberschweben, und sie den ganzen Vorgrund einrahmen lässt, während Dante und Virgil nur zur Hälfte aus den Wolken hervortreten. Dadurch ist es dem Künstler möglich geworden, die Figuren in Lebensgrösse auf ei- ner Leinwand von nicht gar grossem Umfange darzustellen. Ein anderes Meisterwerk, welches den echt religiösen Sinn des Künstlers beurkundet, stellt Christus dar, aber nicht die ein- zelne Figur, sondern verkörperte Aussprüche des Heilandes: Ver- kündigung des Evangeliums, Heilung der zerschossenen Herzen, Rec- treitung der Gefangenen und Unterdrückten. Christus ist von Un- glücklichen umgeben; zu seinen Füssen beugt sich weinend eine Mutter über den Leichnam ihres Kindes, links kommt Magdalena vertrauensvoll heran, ein Grieche und ein Pole erscheinen als Repräsentanten der unterdrückten Nationalfreiheit, und ein Neger als Sinnbild der Sklaverei. Im Vorgrunde ist ein Mädchen mit gebrochenem Herzen und eine alte Nonne, zur Rechten rückt ei- ne.
Im Jahre 1839 sah man auf dem Pariser Salon zwei schöne und sinnige Bilder, welche den Beschauer in eine schwärmerische Stim- mung versetzen. Es sind diess zwei Darstellungen der Mignon nach Goethe, die eine in Sehnsucht nach dem Vaterlande, die an- dere mit nach dem Himmel gerichtetem Sinne. Diese beiden Ge- mälde kamen in den Besitz des Herzogs von Orléans, und dieser legirte sie dem Grafen Molé. Grösser als diese Bilder ist ein Ge- mälde mit Faust und Gretchen, im Besitze des Pairs Paturle. Auch dieses durch Tiefe des Gedankens, Schönheit der Form und durch meisterhafte Behandlung ausgezeichnete Bild wurde 1839 dem Pu- blikum vorgestellt. Ein anderes, in derselben Zeit entstandenes Bild stellt den König von Thule dar, in dessen Zügen sich unsi- gliche Trauer ausspricht. Die Hände, welche den Becher an die
merklich, indem der Künstler von seiner Manier abging, wodurch
das Colorit an Kraft und Stärke gewann.
Auf den Salons von 1841 und 1842 sah man keine Gemälde von diesem Meister ausgestellt, was immer eine fühlbare Lücke bildet; denn die Gemälde eines Ary Scheffer, Delacroix und H. Vernet sind die Glanzpunkte einer jedesmaligen Kunstausstellung, und die Künstler selbst die einzigen grossen Meister der jetzigen französischen Schule. Im Jahre 1843 hatte er die traurige Pflicht, die Zeichnungen zum Grabmale eines Fürsten zu machen, welcher den Künstler Freund nannte. Es ist dies das Denkmal des Her- zogs von Orleans, welches in der St. Ferdinand's-Capelle zu Sa- blonville aufgestellt wurde. Der Bildhauer Triqueti führte es in Marmor aus, bis auf den Engel am Sterbebette, welcher ein Werk der Prinzessin Marie ist. Der über der Asche des Prinzen wei- nende Genius von Frankreich am Sockel ist nach der Idee des Königs dargestellt.
Dann haben wir von Scheffer auch viele Bildnisse, die bei sei- nem Streben nach Charakter zu den ausgezeichnetsten Leistungen dieser Art gehören. Er malte den König Louis Philipp und die Königin Amelie, den Herzog von Orleans zu wiederholten Malen, die Prinzessin Marie, die auch als Künstlerin berühmte und zu früh verstorbene Herzogin von Würtemberg. In der historischen Gallerie zu Versailles ist das Bildniss des Eugen Napoleon Beau- harnais, dann jenes des Grafen Clausel, beide im Kniestücke. Dann malte er auch den Fürsten Talleyrand, Lafayette, Laffitte, Dupont de l'Eure, und andere Notabilitäten. Ary Scheffer ist Ritter der Ehrenlegion.
Mehrere Werke dieses Meisters sind im Stiche bekannt, und auch in dieser Nachbildung von hohem Interesse. Hodges stach das Bildniss des Prinzen Talleyrand in schwarzer Manier, gr. fol. Leroux jenes von Lafayette, fol.; F. Garnier das Portrait des Odi- lon Barrot, gr. fol.; H. Dupont stach das berühmte Bild: Christus Consolator, gr. qu. fol., und Leopold Müller hat es lithographirt, fol. L. Calamatta stach 1837 Francesca da Rimini, Mercury desselbe Bild später; Aristides Louis die beiden berühmten Bilder der Mignon, gr. fol., und Faust und Gretchen, gr. fol.; T. und A. Johannot: Les Enfans gares, und Les Orphelins, gr. fol.; F. Girard: La Nunziata; 4.5 H. Garnier lith.: Retraite de Russie, qu. imp. fol.; Frilley: La pauvre femme en couche, kl. fol.; Garnier: Marjolin, in schwarzer Manier, kl. fol. Die Bilder in der histo- rischen Gallerie zu Versailles sind in Gavard's Gal. hist. de Ver- sailles in Stahl gestochen.
In der Collection de Vignettes pour les Chansons de Beranger, gravures sur acier, 12 Lieferungen, 8., sind auch von ihm Com- positionen.
Vorsicht
Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.
Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.
Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_nAVVAAAAcAAJ/