Scamozzi, Vincenzo

Scamozzi, Vincenzo, Architekt , vor Zeiten ein gefeierter Künstler, jedenfalls der bedeutendste Nachfolger Palladio's, welchen er jedoch stets mit Geringschätzung, öfter sogar mit Boswilligkeit behandelte. Im Jahre 1552 zu Vicenza geboren, fand er an seinem Vater Domenico den ersten Lehrer, und im Wohlstande desselben die Mittel zur weiteren guten Erziehung. Er gewann daher schon als Knabe eine ungewöhnliche Reife des Verstandes, und als Jüngling von 17 Jahren hätte er für Vicenza als vollkommener Architekt gelten können. Damals fertigte er für die Grafen Gondi den Plan zu einem Palaste, der zwar nicht zur Ausführung kam, aber den vollsten Beifall fand, da das ungünstige Terrain auf das vorzüglichste benutzt war. Ein Jugendwerk des Künstlers ist aber in seiner Idea dell' Architettura I. 3. 16. abgebildet, das Landhaus des Grafen Verla in Villa Verla. Dieses schöne Gebäude ruht auf einem Sockel mit Bossagen, mit zwei ionischen Säulenstellungen, die eine auf der Seite des Hofes zur Loggia angewendet. Dieses elegante Gebäude verkündet bereits den schönen Stil der venetianischen Schule, die ihm den Geist eines Sanmicheli, Sansavina und Palladio aufgeschlossen hatte, und besonders war es Letzterer, der auf Scamozzi den wirksamsten Einfluss übte, wenn dieser auch

Scamozzi's Thätigkeit war jetzt auf mannigfache Weise in An- spruch genommen; er war auch schon frühe mit seiner Idea dell' architettura universale beschäftigt, und es verging kein Tag ohne den Kreis seiner Kenntnisse erweitert zu haben. Um dieses in voll- lem Masse zu erreichen, unternahm er selbst weite Reisen, be- sonders, wenn sich ihm eine erwünschte Reisegesellschaft darbot. So ging er (1587) mit dem venetianischen Gesandten Pietro Duodo nach Polen an den Hof des Königs Siegmund, und auch noch an- dere Gesandte machten es sich zum Vergnügen, den Scamozzi in ihrem Gefolge zu haben. Bei solcher Gelegenheit machte er vier Reisen nach Rom, zwei nach Neapel, eben so viele nach Deutsch- land, und den Rückweg nahm er durch Frankreich, so dass er auch Paris und andere Französische Städte sah. Auf diesen Rei- sen führte er ein genaues Tagebuch, welches auch Zeichnun- gen von allen Gegenständen enthielt, die sein Interesse erregten.

Diese Reisen verbreiteten auch im Auslande seinen Ruhm immer mehr, und man verlangte von allen Seiten her Entwürfe und Mo- delle zu Palästen, wovon er in seinem architektonischen Werke viele Zeichnungen hinterliess, die aber oft willkürlich abge- ändert wurden, so dass man seine Compositionen sehr verunstaltet findet, wie dies mit dem Palaste Ravaschieri in Genua, und etwas weniger mit jenen des Roberto Strozzi zu Florenz der Fall ist. Dann beklagt sich der Künstler auch über die Art, wie man ihm für die Mühe gelohnt.

Ins Vaterland zurückgekehrt wurde er wieder mit Arbeiten über- laden, und er wäre eher der Last derselben unterlegen, als dass er eine einzige abgelehnt hätte. Doch war es oft der Fall, dass die Bauten nicht unter seiner persönlichen Leitung ausgeführt wer- den konnten, was manchmal nicht zu seinen Gunsten ausfiel. An die oben genannten Werke schliesst sich zunächst der Palast des Senators Pietro Duodo, welchen er nach seiner Rückkehr aus Po- len in der Nähe von St. Maria Giobbe baute, im einfachen würdigen Style. Dann machte er den Plan, zu einem Palaste des Cardinals Federigo Cornaro, der ein Gegenstück von jenem wer- den sollte, welchen Sansovino für den Senator Cornaro gebaut hatte; allein der Bau unterblieb, aber in seinem architektonischen Werke ist doch die Zeichnung erhalten. Endlich erfolgten Aufträge, welche seinem Talente weiten Spielraum gewährten; denn nach- dem er auch auf der Terra firma die herrlichen Pallaste von Gio- vanni und Giorgio Cornaro und bei Luregia für Girolamo Conta- rini ausgeführt hatte, übertrug ihm Venedig die Vollendung der Säle des Museums und der neuen Procuratie des St. Markusplatzes. Beim ersteren Baue musste er viele Unregelmässigkeiten der frühe- ren Anlage beseitigen, und namentlich zwischen den Thür- und Fensteröffnungen Symmetrie herstellen, was ihm durch eine Ord- nung korinthischer Pilaster glücklich gelang. Doch auch die in- nere Anordnung entspricht der Bestimmung vollkommen. Hierauf wurde ihm die Fortsetzung der von Sansovino begonnenen Arbeit- en auf dem Platze übertragen, wo damals nur erst die eine der beiden Seiten ausgebaut war, das von Buono und Lombardi er- richtete Gebäude der Procuratie vecchie. Scamozzi hätte nach dem alten Plane fortbauen sollen; allein er reichte einen neuen Plan ein, der den ganzen St. Markusplatz umfasste. Nach dieser Idee solite derselbe sowohl mit dem Gebäude der Bibliothek an dem Platze des herzoglichen Palastes, als mit der Kirche von S. Gemi-

Scamozzi, Vincenzo.

Verano in Uebereinstimmung gebracht werden. Scamozzi legte auch ein Modell von allen Gebäuden vor, und sobald der Doge und die Procuratoren selbes genehmiget hatten, begann der Bau der richtigen Gebäude der Procuratie nuove, gegenüber der alten Procuratia. Im Style wich er von jenen ganz ab, und da auch Sansovino mit seiner Fagade der Bibliothek nur die Höhe der Procu- ratie vecchie berücksichtigte, übrigens statt dreier zwei Stockwerke

errichtete, mit ausserordentlicher Erhöhung des Hauptgesimses, so

war die Symmetrie nur um so mehr gestört, als Scamozzi drei Eta- gen anordnete, und damit über die Gebäude hinausreichte. Das ungeheure Gebäude der Procuratie nuove, welches bei einer Länge von 400 Fuss im unteren Geschosse 30 Arkaden enthält, ist aber für sich betrachtet eines der schönsten Werke der Civilbaukunst. Er wendete dabei die drei Säulenordnungen in den besten Ver- hältnissen und mit allem Reichthume an. Die dritte Etage hält man für die schönste, sie ist aber diejenige, welche dem Künstler haupt- sächlich Tadel bereitete, weil sie nicht in gleicher Höhe mit dem Gebäude der Procuratie vecchie steht. Man muss jedoch diesen herr- lichen Palast als das Meisterstück Scamozzi's ansehen, an welchem sich aber noch viele andere schöne Gebäude reihen, die zu Vene- dig, im Gebiete von Vicenza und an der Brenta nach seinen Plä- nen errichtet wurden, wovon sich vollständige Zeichnungen oder wenigstens Skizzen in seinem Werke finden. Darunter sind vor allen die Paläste Feretti, Priuli und Goddi zu nennen. Einer der

schönsten Paläste seiner Erfindung ist auch der Regierungspalast zu Bologna, welchen der Podesta Giulio Contarini errichten, liess.

Über der dorischen Ordnung des 165 Fuss breiten Erdgeschosses erhebt sich eine jonische, und diese krönt eine Attika. Der Cava- liere Fino wollte sich zu Bergamo einen prächtigen Palast bauen, der 188 Fuss lang und 93 F. breit seyn sollte; allein der Bau kam nicht zu Stande, und nur die Zeichnungen hat uns der Urheber überliefert. Dann musste Scamozzi auch den Plan zur Restauration der Cathedrale in Bergamo machen; allein es blieb ebenfalls beim Projekt. Der Ritter Fontana hatte später die Ehre davon. Dagegen fand Scamozzi Gelegenheit, sein Talent an einem neuen Dome zu erproben. Der Erzbischof von Salzburg, der den Künst- ler schon früher kennen gelernt hatte, lud ihn jetzt an seinen Hof ein, um sich über den Bau eines neuen Domes mit ihm zu berehmen. Scamozzi untersuchte das Terrain, gab eine Skizze des Gebäudes, und reiste mit allen Instruktionen versehen nach Vene- dig, wo er in Zeit von drei Jahren die Plane, Aufrisse und Durch- schnitte fertigte, die er dann mit genauer Angabe aller Details nach

Salzburg schickte. Temanza rühmt diese Zeichnungen als das

Vollkommenste, was Scamozzi je geliefert, und als dasjenige Werk,

welches ihm allein seinen Rang unter den ersten Architekten sicher- n würde. Allein in Salzburg scheint man sein Andenken nicht an diesen Dom knüpfen zu wollen, denn in dem, angeblich nach dem besten Quellen bearbeiteten neuen Wegweiser der Stadt wird Santino Solari als derjenige bezeichnet, nach dessen Plan die Kir- che gebaut wurde. Dieser Santino Solari erlaubte sich wahr-

scheinlich nur jene Abweichungen, die nicht im Geiste der Kunst

Scamozzi's liegen, und dann dürfte er den Bau geleitet und zu

Ende geführt haben, da Scamozzi nicht mehr nach Salzburg kam, und vor der Vollendung des Domes starb. Der Grundstein wurde

den 14. April 1614 gelegt, und Erzbischof Paris weihte ihn den 28. Sept. 1628 mit grossem Pompe ein. Die Glockenthürme liess der Erzbischof Guidobald vollenden. Im Jahre 1614 wurde auch

nach seinem Plane in Prag der Grundstein zur königlichen Burg

Scamozzi, Vincenzo. sclegt; allein die darauf ausgehobene Empörung unterbrach den Bau. Scamozzi fertigte fast zahllose Pläne und Entwürfe zu Gebäu- den aller Art, er schadete aber seinem Ruhm, weil er mehr unter- nahm, als er vollenden und persönlich übersehen konnte. Daher kommt es, dass man sich öfter Abänderungen erlaubte, welche für die Kunst Scamozzi's nicht immer das günstigste Zeugniss geben, wenn man sie auf seine Rechnung setzt; „Dann beschäftigte ihn auch zu allen Epochen seines Lebens ein theoretisches Werk über Architektur, welches das ganze Gebiet dieser Kunst umfassen sollte, aber noch viel größere Mittel erfordert hätte, als ihm zu Gebote standen, wenn auch die seinigen schon bedeutend waren." Die Hauptsumme seiner Kenntnisse schöpfte er aus Vitruv und aus dem Studium der klassischen Werke der Alten. Die alten Schriftsteller boten ihm Stoff zu einer Menge von geschichtlichen, geographi- schen und mythologischen Einschaltungen, und da er sich sogar auch über Physik und Moral verbreitet, gerieth er nicht selten in unerwünschte Weit schweifigkeit. Schätzbar ist aber dasjenige, was rein architektonischer Natur ist. Auch seine Abhandlungen über die Wohnungen der Griechen und Römer, über dunkle Stellen des Vitruv, über das berühmte Landhaus des Plinius u. s. w. sind immer sehr lesenswerte Artikel, da er sie auch mit Grund- und Aufrissen begleitete. Im 6. Buch stellte er die Säulen der Alten zusammen, und gab somit, wie seine Vorgänger, ebenfalls ein Werk über die Säulenordnungen. Die Zeichnungen der von ihm selbst ausgeführten und projectirten Palläste und Gebäude, deren Stiche eingedruckt sind, machen dann einen weiteren Theil zur Begründung seiner Theorie aus. Dieses Werk hat den Titel: Idea dell' Architettura. Venezia, G. Valentino, 1615. 2 Bände mit einge- druckten Kupfern, fol. Er hatte es nach dem anfanglichen Plane in 12 Bücher eingetheilt, die er in der Folge auf 10 reducirte. Allein das 4., 5., 6. und 10. Buch dieses Werkes sind nie erschie- nen. Die oben genannte Originalausgabe ist sehr selten; öfter fin- det man die Ausgabe: Piazzola 1607; Venezia, Albrizzi, 1604; Ven. 1714, alle in fol. A. C. Daviler und S. Dury gaben Scamozzi's Werk in französi- scher Uebersetzung mit Kupfern heraus: Oeuvres d'Architec- ture, Leide 1713; Haie 1736. Von d'Aviler ist bloss die Ueberse- tzung des 6. Buches, aber mit Abkürzungen, indem er nur das rein Architektonische gab. Dieses 6. Buch mit den Säulenordnun- gen erschien aber früher als die obige Ausgabe, unter dem Titel: Les cinq ordres d'Architecture. Paris 1685, fol. In neuester Zeit hat Normand dieses Werk in seine Parallele des ordres d'Archi- tecture. Paris 1819, aufgenommen. Zu Paris erschien 1764 ein Aus- zug aus der Gesammtausgabe seiner Werke, von Jombert; Oeuvres d'architecture, gr. 8. Mit Ak. In Nürnberg erschien die Idea dell' architettura 1607 in einer deutschen Uebersetzung, unter dem lateinischen Titel: Opera ar- chitectonica. Eine deutsche Uebersetzung des Werkes über die Säu- lenordnungen hat den Titel: Klare Beschreibung der fünf Säu- lenordnungen und der ganzen Baukunst. Sulzbach 1678 fol. In Jacob's Uebersetzung von Normand's Nouveaux parallele des ordres d'architecture. Potsdam 1830, kommen diese Säulenordnungen, eben- falls vor, und dies ist zugleich die berichtigte Ausgabe. In hollän- discher Sprache erschien dieses Werk 1658 zu Amsterdam, fol. Frü- her erschienen die Grundregeln der Baukunst; Regelen van de Vyf ordres der Architectura, Amsterd, 1640, fol.

Ein anderes großes Blatt, ohne Namen des Stechers, zeigt ein in Tempelform verziertes Schiff bei der Vermählung der Signora Maeversina Grimani zu Venedig 1590. Vincenzo Scamozzi ist nur als Zeich- ner genannt. Er

Als Scamozzi, in einem noch nicht sehr vorgerückten Alter, sein nahes Ende fühlte, und keinen direkten Erben hatte, diktierte er seinen Freunden ein Testament, welches dann dem Gerichte zur Vollziehung übergeben wurde. In diesem Documente hebt der Künst- ler auch seine Verdienste hervor, und zweifelt nicht, dass seine architektonischen Werke und seine Schriften seinen Ruhm für die Ewigkeit sichern werden. Damit aber sein Name nicht erlösche, nahm er einen jungen Menschen an Kindesstatt an, und vermachte ihm sein ganzes Vermögen, unter der Bedingung, dass er seinen Namen und sein Wappen führe, und der Wissenschaft und der Architektur sich widme. Seine Wahl fiel auf Francesco Gregori, den Sohn des Messer J. Isoppo Gregori von Vicenza. Dieser musste ihm als Adoptivsohn und Universalerbe ein ehrenvolles Leichenbe- gängnis veranstalten, ein Grabmal mit Inschrift und Büste er- richten etc., und zu jener Zeit selbst wieder einen Adoptivsohn wählen, auf welchen Scamozzi's Name und Vermögen unter den- selben Bedingungen als Fideicommiss übergehen sollte. Scamozzi nährte die Eitelkeit seiner letztwilligen Verfügung nicht lange. Er starb 1636 zu Venedig, und wurde nach seinem Wunsche in S. Giovanni e Paolo mit grossem Leichengepränge begraben. Es wurde ihm auch ein Denkmal gesetzt, doch ohne Büste, da der Adop- tivsohn bald darauf selbst starb. Bonaventura Gregori, der Substitut desselben, ließ ihm aber in S. Lorenzo ein neues Monument und eine Büste setzen, mit doppelter Inschrift, die mit großen Zügen seinen Ruhm verkündete. Die Erbschaft seines Namens pflanzte sich dann auf verschiedene Subjekte fort, von denen sich aber nur Ottavio Ber- tutti Scamozzi selbst einen Namen machte, wie wir unten sehen. Giuseppe Guariento hat das Leben Vincenzos beschrieben, und dann Temanza in den Vite dei più celebri architetti etc. 2 Lib. Vene- zia 1778 gr. 4. Milizia nahm bei seinem Artikel über Scamozzi den Temanza zum Grunde, stellte einen Vergleich von dessen Säu- lungen mit jenen von Vitruv, Vignola etc. an, und nimmt es sehr übel, dass Scamozzi hierin dem Palladio nahe tretet. Die von Quatremère de Quincy in seiner Geschichte der berühmtesten Architekten gegebene Biographie Scamozzis ist die neueste aber nicht die beste. Sein Bildniss befindet sich in der von Palladio erbauten Villa des Marchese di Capri bei Vicenza, das Vor- bild zu vielen späteren Bildnissen des Künstlers.

Vorsicht

Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.

Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.

Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_nAVVAAAAcAAJ/