Protogenes, Maler und Erzgießer von Caunus, berühmter Zeitge- nosse des Apelles, der aber länger lebte, als dieser Meister, zwi- schen Ol. 104 — 120. Von armen Eltern geboren, war er sein eigener Meister, lebte aber bei aller Geschicklichkeit bis in sein fünfzigstes Jahr in unverdienter Dunkelheit. Bis dahin soll er sich vom Bemalen der Schiffe genährt haben, und vielleicht goss er auch manchmal eine Statue; denn Plinius setzt ihn zur Classe derjenigen Künstler, die Athleten, Jäger , Bewaffnete und Opfernde bildeten. Zum Ruhme gelangte er endlich durch Apelles, dessen Genie über jede niedrige Gesinnung erhaben war. Apelles schiffte sich seinetwegen nach Rhodus ein, wo Protogenes wohnte, fand ihn aber nicht zu Hause, sondern nur ein altes Mütterchen und eine grosse Tafel, die zum Bemalen hingestellt war. Auf die Frage, wessen Besuch sie dem Protogenes ankündigen sollte, sagte Apelles nur: Dessen, indem er einen Pinsel ergriff und eine Li- nie von der höchsten Feinheit über die Tafel (per tabulum) zog. Protogenes, zurückgekehrt und die Linie sehend, rief sogleich, Apelles sei angekommen, denn kein anderer vermöge etwas so Vollkommenes zu machen. Er ergriff daher einen Pinsel , und zog mit einer anderen Farbe eine noch feinere Linie in jener Linie, und befahl, dem Fremden, wenn er wieder komme, zu sagen, der- jenige, den er suche, habe diese Linie gezo gen. Apelles kam wie- der, und erröthend sich übertroffen zu sehen, ergriff er zum zwei- tenmale den Pinsel, und theilte mit einer dritten Farbe die Linien
mit solcher Feinheit, dass kein Raum mehr übrig blieb. Protoge- nes eilte jetzt nach dem Hafen, um den Gast aufzusuchen, und sich als überwunden zu bekennen. Von dieser Zeit an verbreitete sich der Ruhm des Protogenes, denn Apelles bot ihm selbst für eines seiner Gemälde 50 Talente, zunächst um die Rhodier auf das Verdienst des Meisters aufmerksam zu machen. Die Tafel mit den drei Linien wurde nach Plinius als ein Wunder betrachtet, sie soll aber beim Brande im Hause des Kaisers auf dem Palatin zu Grunde gegangen seyn, mit den Werken vieler anderer grosser Meister, unter welchen die leere Tafel des Protogenes den ersten Rang behauptete. Die Stelle, an welcher Plinius von dem Welt- eiter beider Meister spricht, hat indessen zu mancherlei Vermu- thungen Anlass gegeben. Einige nahmen die drei Linien für nichts
ein Märchen des Plinius. Die Sache entbehrt indessen durchaus nicht der Möglichkeit, und es dürfte buchstäblich wahr seyn, was Plinius behauptet: lineam ex colore duxit summae tenuitatis per tabulam.
Die Gemälde dieses Künstlers waren sehr selten, aber un- schätzbar, da sich in ihnen das genaueste Naturstudium und, oft allzu sorgfältiger Fleiß, offenbarte. Apelles selbst hatte den Protogenes getadelt, dass er bei seinen Arbeiten zu ängstlich ver- fahre und nicht wisse, die Hand von denselben abzuziehen. Ei-
nen Beweis seiner Sorgfalt liefert das Meisterwerk des Künst- lers, welches den Heroos Jalysos vorstellte, mit seinem keuchenden, noch schäumenden Hunde, zu Rhodus im Tempel desselben aufge- stellt, Protogenes malte sieben Jahre daran, oder gar elf, wenn Fronto Recht hat. Er soll während der Arbeit nur angefeuchtete
Lupinen genossen haben, um Hunger und Durst zu stillen, und um den Sinn nicht durch zu viel Süsse des Genusses abzustumpfen, wie Plinius bemerkt. Der Künstler war bei der Darstellung dieses Stadt- heros ausserordentlich besorgt, und wollte das Bild dadurch vor Beschädigung und Unbild der Zeit schützen, dass er es viermal vollkommen übermalte, damit, wenn die obere Farbenlage weg- ginge, die untere zum Vorschein käme. Dieses erzählt Plinius. Neuere haben aber die Sache für fabelhaft erklärt. Hirt hat indes- sen in den Schriften der königl. Akademie der Wissenschaften zu
Berlin 1802 zu erläutern gesucht, wie dies bei der Malerei der Al-
ten, welche zum Bindungsmittel der Farben den Leim gebrauch- ten; möglich, und bei der Sorgfalt des Protogenes auch wahr- scheinlich sei. Diesem berühmten Bilde zu lieb hob Demetrios
, der Städtebezwinger, Ol. 110 die Belagerung der Stadt Rhodus auf,
weil er sie nur von der Seite mit Erfolg zu erstürmen hoffen konnte, wo der Tempel des Jalysos stand, welcher dabei hätte zu Grunde gehen können. Protogenes hielt sich damals in einem kleinen Gartenhause der Vorstadt auf, wo ihn Demetrios öfter besuchte, und ihm eine Sicherheitswache zutheilte, um ungestört arbeiten zu können. Auch soll ihn der König gefragt haben, woher das Zutranen komme, sich gleichsam in Feindes Hände zu geben? worauf der Meister erwiederte, er habe geglaubt, Demetrios sei gekommen, um die Stadt, aber nicht die Kunst zu bekriegen,
Das Bild des Jalysos wurde später nach Rom gebracht, wo es Vespasian im Friedenstempel aufstellen liess. Dasjenige, welches Protogenes während der Belagerung malte, stellte einen ruhenden Satyr vor, der die Flöte hielt. Dabei brachte er eine Wachtel an, und zwar so natürlich, dass die Leute mehr auf den Vogel als auf den Satyr sahen, bis sie endlich der Künstler wegstrich; Einige glauben diesen Faun des Protogenes in den oft vorkom- menden Bildwerken zu erkennen, welche einen Faun vorstellen, der so eben aufgehört hat, die Flöte zu spielen, über deren ver- klungene Töne er aber noch das innigste Vergnügen zu empfinden scheint. Das Motiv dieses Bildes, welches den Beinamen des Faun Anapauomenos hatte, ist allerdings sehr ansprechend, so dass es einen Bildhauer bewogen haben konnte, den Faun in einer Sta- tue zu geben. Im Pariser Museum sind zwei Exemplare.
Dann malte Protogenes auch den Tlepolemos und Cydippe, den Tragödiendichter Philiscus nachdenkend, einen Athleten, den Kö- nig Antigonus, und die Mutter des Philosophen Aristoteles, der den Künstler ermahnte, auch die Thaten Alexanders, ihrer Unver- gesslichkeit willen, zu bearbeiten; Plinius erwähnt aber nur Ein
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