Prag, Theoderich von, Maler, neben Kunze von Prag und Ni- colaus Wurmser von Strassburg einer der Hauptmeister, welche un- ter Carl IV. um die Mitte des 14. Jahrhunderts das von letzterem erbaute Schloss auf dem Carlsstein und den Dom in Prag mit Ge- mälden zierten, und eine Schule bildeten, die in einer eigentüm- lichen Weise grosse Thätigkeit entwickelte. Die Lebensverhältnisse Theoderich's sind unbekannt; nur aus einer einzigen lateinischen Urkunde, Datum Pragae Anno-Dni M.CCC.LXXVI. Indict. V, Quarta Kal. May. Caroli IV. — Per D. Michaelem fratrem D. Ar- chiep. Nicol. de Crupicz, abgedruckt im dritten Bande S. 117 der Abhandlung der königl. böhmischen Akademie und in Dlabacz's böhmischen Künstlerlexikon, — wissen wir etwas Näheres von ihm, dass dieser prachtliebende Kaiser , der seine Residenzen mit Schmuck und Zierden aller Art ausstattete, seinen Hofmaler Magister Theo- daricus 1367 mit Steuerfreiheit für seinen Hof in Morzin, doch gegen jährliche Abgabe von dreissig Pfund Wachs für die Kreuz- kirche zu Karlstein bei Prag, begnadigt habe. Dieser Hof, in dem Dorfe Gross-Morzina (in der Karlsteiner Herrschaft), wo Dietrich und Nicolaus Wurmser aus Strassburg, fern von dem Geräusche der Königsstadt, nahe dem einsamen Karlstein, den sie mit ihrer Kunst ausschmücken halfen, in brüderlichem Vereine lebten, liegt rechts an der Strasse, die von Prag nach Karlstein führt, etwa eine halbe Stunde von diesem, in einer freundlichen Gegend. Man zeigt noch die Gebäude, welche jetzt einen Hof ausmachen, in dessen Umkreise der Aufenthaltsort beider Maler gewesen seyn soll.
So schwer es auch nach dem Urtheile der Meisten ist, die Werke beider Maler von einander zu unterscheiden, so glaubte Primisser, Wiener Jahrbücher B. XXVII., doch ohne Gefahr viel zu irren, annehmen zu können, dass alle Staffeleigemälde des Karlstein (jene des Thomas von Mutina ausgenommen) Werke des Theoderich, dagegen aber die Wand- und Freskogemälde, die durchaus einen ganz andern Charakter haben, Arbeit des N. Wurm-
Ser Seraphin. Auch wir folgen in der Aufzählung der Werke der heil. Kreuzkapelle dem A. Primisser.
Der fortwährenden Ueberlieferung gemäss sind von Theoderich die Staffeleigemälde auf Holz- und Gypsgrund (an hundertdreissig) in der heil. Kreuzkapelle des Karlstein. Die ganz eigenlhümliche Anordnung derselben machte eine so ungewohnlich grosse Zahl möglich. Sie erinnert nämlicb, wie F. v. Schlegel nicht mit Un- recht bemerkt, an die Einrichtung der griechischen Kirchen, in so fern in diesen der innere, den Laien verschlossene Theil, in welchem die Messe gelesen wird, von dem äussern Theile der Kirche, in welchem das Volk sich versammelt und dem Gottesdien- ste beiwohnt, durch eine Scheidewand getrennt ist. Diese wird, um ihre Leere vor den darauf gerichteten Augen des Volkes durch etwas zur Andacht stimmendes auszufüllen, gewöhnlich mit einer Menge von Bildern besetzt, was man heute noch in griechischen Kirchen bemerkt. Diese Scheidewand nun findet freilich in der Kreuzkapelle nicht statt, vielmehr ist dafür ein grosses Gitter an- gebracbt, welches die Laien von dem Priester trennt; aber die vor- erste Wand, an welcher der Altar steht, ist, ganz gegen die sonst in ältern und neuern katholischen Kirchen gewöhnliche Weise, von oben bis unten mit Brustbildern der Heiligen, deren jedes beson- ders eingerahmt ist, ausgeschmückt.
Die vielen Bildnisse der Heiligen sind, der einfachsten Erklärung gemäss, desshalb hier, weil eben so viele Reliquien in den Wän- den der Kreuzkapelle, zum Theil in grösseren, verborgenen Be- hällnissen, zum Theil in den Rahmen selbst aufbewahrt wurden, wie man noch aus den Einschnitten in denselben, die oft deutlich die Form des Knochens, der darin war, zeigen, — ersehen kann. Man bemerkt nirgends die Spur einer Aufschrift unter oder über den Bildern, wahrscheinlich aber waren nach damaliger Gewohn- heit die Namen in den Heiligenscheinen in erhobener Zeichnung auf dem vergoldeten Gypsgrunde geschrieben. Schwerlich dürfte aber jetzt einer davon lesbar seyn, da das Gold und die Gypsplätt- chen sich häufig abgelöst haben, und noch mehr und mehr abzu- springen drohen. Desshalb ist bei den meisten Bildern nicht mehr möglich, zu sagen, was sie vorstellen, wenn nicht ein bestimmtes Kennzeichen den Heiligen verräth.
Betritt man die Mitte der bilderreichen, glänzenden Kapelle, und wendet das Auge rückwärts nach der Wand, die den Eingang enthält, so erscheinen, gehörig vertheilt, zwanzig Bilder (wovon aber jetzt drei fehlen). In der Mitte erkennt man den heil. Hie- ronymus mit dem rothen Hute, und einen schönen Greis mit weis- sem Bart und einem Buche in der Hand, in der Tracht eines Ein- siedlers, dann mehrere Bischöfe mit Buch und Kreuzstab, endlich unten sechs heilige Fürsten, mit Sceptern und goldenen Aepfeln, aber mit nicht gekrönten Häuptern, mit Schilden in den Händen, Auf der nächsten Wand, wo die untere Reihe fortgesetzt ist, sind noch sieben schildhaltende Fürsten, bärtige Gestalten, mit könig- lichen oder herzoglichen Mänteln, Scepter und Kugeln in den Händen;
Über diesen sieben Fürsten sieht man fünf Bischöfe, mit ihren Infuln, Büchern und Kreuzen, ernst und grossartig. Über den Bischöfen sind drei heil. Aebte, und noch höher, wo die Wand sich an das spitze Gewölbe anschliesst, das Lamm mit der Kreu- zesfahne zwischen zwei Engeln. Gegenüber scheint der Kaiser die heiligen Streiter der Kirche versammeln zu wollen. Man sieht hier fast lauter Krieger, in goldenen Rüstungen und
In dem vordern Theil der Capelle innerhalb des Gitters gewahrt man rechts zu jeder Seite des Fensters fünf Bilder, unter welchen einige Apostel kennbar sind; ferner der heil. Veit, der heil. Pal- matius, wie es scheint, und der heil. Mauritius. St. Veit hat einen schönen jugendlichen Kopf, ist aber besser in Färbung, als in der Zeichnung, indem die zu schiefe Richtung der Nase — der häu- figste Fehler dieses Meisters — den Ausdruck immer stört. Ein mit Hermelin ausgeschlagener Mantel schmückt ihn, und in der Rechten hält er eine Palme. — Unter diesem steht vielleicht der heil. Palmatius; eine herrlich strahlende Rittergestalt. Ueber der Panzerrüstung trägt er einen rothen, mit erhabenen goldenen Sti- ckereien geschmückten Wappenrock. Seine Hände decken goldene Handschuhe mit abgetheilten Schienen und Nieten, alles schön und der Natur getreu gemalt. Die Rechte hält die Fahne, die Linke aber greift unter dem länglich runden, nach unten zuge- spitzten Schilde hervor, und umfasst den goldenen Griff des Schwer- tes, womit der Held umgürtet ist. Aus dem Angesichte dieses heil. Streiters leuchtet ruhiger, leidenschaftsloser Ernst, in sanften Wel- len rollt sein braunes Haar über die Schulter herab, und der leichfarbige Bart ist sorgfältig getheilt, wodurch das unbedeckte Haupt einem Christuskopfe ähnlich wird. Der Gegensatz der Milde im Antlitz, wie sie einem Streiter Christi ziemt, zu der kriegeri- schen Pracht seiner Kleider macht eine seltsame und ergreifende Wirkung.
Neben diesem Krieger sieht man einen andern schwarz von Ge- sichtsfarbe, dadurch als heil. Mauritius bezeichnet. Ein rother Wappenrock ziert auch ihn, desgleichen goldene Handschuhe und ein Gürtel. Der blaue Mantel ist mit Gold gestickt, in der Linken hält er, wie jener, seinen Schild mit blauen Kreuzen, in der Rechten eine Fahne. — Sowohl der Grund als die Gewänder sind mit zahlreichen Rosen und Juwelen, von ausgelegten, stark vergoldeten Gypsplättchen geschmückt, in beiden Bildern aber diese Zierathen ohne die mindeste Rücksicht auf Falten und deren Lage und Richtung in gleicher Ordnung aufgeklebt. Die Köpfe umge- ben breite Heiligenscheine mit runden Kugeln und anderem Zier- werk ausgelegt. Diese beiden Gestalten stehen im Zusammenhange mit einer Reihe von Kriegern, die wir die Streiter Christi ge- nannt haben,
In der Fenstervertiefung, neben dieser Wand, zeigen sich zwölf heilige Frauen, von welchen aber nur wenige sich zuverlässig er- kennen lassen: die heil. Catharina mit dem Palmzweige und Rade,
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Prag, Theoderich. von: Beth, Landgräfin von Thüringen in klösterlicher Kleidung, wie sie einem armen Manne Speise reicht; mild und freundlich; die heil. Klara, die heil. Agnes mit Lamm und Palme, im grauen mit Edelsteinen besetzten Gewande, Aus allen aber leuchtet die heil. Ludmilla hervor. Sie hat ihr schönes, ernst mildes Angesicht gerade vorwärts gerichtet, die edelgeformten Hände sind zum Gebete erhoben, ein weisser Nonnenschleier umhüllt ihr Haupt, auch der Körper ist in weisse Gewänder gehüllt, diese scheinbar von dickerem, reicherem Stoffe als der Schleier, sehr schön und einfach gezeichnet. Der Hintergrund ist ultramarinblau, ein goldener, mit gepressten Verzierungen geschmückter Strahlenschein umgibt das Angesicht. In der Nähe der heil. Ludmilla endlich sieht man eine schöne blonde Jungfrau, die in den Händen eine Kapelle hält, und zwei Nonnen, wovon eine in brauner Karmeliterkleidung einen Scepter in der Hand hält, die andere aber ein himmelblaues Gewand mit weissem Schleier trägt, in den Händen ein offenes Buch, Die Wand gegenüber zeigt wieder lauter männliche Heilige, Bischöfe mit Büchern und Hirtenstäben, den heil. Laurentius und den Erzmartyrer Stephanus, den heil. Dionysius, mit den Werkzeugen ihrer Marter. So wie man dem Altare näher kommt, treten die unmittelbaren Gefahren Christi und seine Zeitgenossen vor die Augen: Johannes der Täufer mit dem Lamme; die heil. Evangelisten, unter welchen die jugendlich schöne und blühende Gestalt des Johannes sich auszeichnet; die heil. Mutter Anna, mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskindlein, alle auf einem Bilde nach gewöhnlicher Weise zusammengestellt. An den äussersten Ecken, sieht man wunderschöne Engelchen, mit reizenden runden Gesichtchen, besonders einen Schutzengel, der die ihm anvertraute Seele, deren Gestalt an Karl IV. selbst erinnert, schützend bewahrt, und zum Ziele des Lebens hinweist. — Die Zeichnung der Gesichter ist im Ganzen für jene Zeit ziemlich gut; man erkennt in ihnen überhaupt das Streben nach dem Idealen, oder nach einer mehr typischen und herkömmlichen Form, wie dies in der byzantinischen und alt-italienischen Kunstweise der Fall ist, wogegen die deutschen Meister jener Zeit schon mehr die Natur in ihrer ganzen Schärfe, aber unbehülflich, nachzuahmen suchten, wodurch sie meist in Carrikatur verfielen. Indess bleibt es wahr, dass Theoderichs Köpfe den entgegengesetzten Fehler haben, und unbestimmt geschwollen und muskellos erscheinen. Augen und Mund sind meist schön und edel, der Blick fast immer seelenvoll, tief und durchdringend, und gibt den Bildern den grössten Werth, über dem man viele andere Unvollkommenheiten vergisst. Die Nase dagegen pflegt Theoderich fast immer ins Profil zu stellen, was bei den Köpfen en face natürlich am unangenehmsten auffällt. Die Hände sind manchmal recht schön gezeichnet. Das Colorit der männlichen Köpfe ist meist wärmer und besser, als jenes der weiblichen, bei welchen die grauen käfigen Töne, zumal in den Schatten, vorherrschen. Die Lichter sind nirgends stark aufgetragen, sondern alles ist glatt und verbunden. Die Haare scheinen nicht so unverständig gemalt, als Fiorillo meint; auch die Hände haben oft eine sehr wahre Farbe. Was die Gewandung betrifft, so lässt sich nicht von allen gleich urtheilen; einige, z. B. das weisse Gewand der heil. Ludmilla, zeigen Spuren eines gut gedachten und nach der Natur verstärktem Faltenwurfes; andere, vorzüglich männliche Kleider, hat die seltsame Bekleidung mit vergoldeten Gypsplättchen, die ohne alle Rücksicht auf den Gang der die heil. Ursula mit dem Pfeil und Palmzweige, die heil. Elisa-
Falten angeheftet sind, so verdeckt, dass man sie wenig oder gar nicht erkennen kann. Die Hintergründe sind meistentheils nicht Gold, sondern verschiedentlich gefärbt, die Scheine um die Köpfe aber durchaus mit gepressten Goldplättchen ausgefüllt. Schlegel in seinen gehaltvollen Andeutungen im X. Hefte des deutschen Museums sagt: „Theoderichs Bilder seien zwar nicht mit denen Giotto's und Gozzoli's zu vergleichen, aber keineswegs gering zu schätzen und machten ein sehr merkwürdiges Glied in der Entwick- lung der fortschreitenden Kunst aus."
Den übrigen malerischen Schmuck dieser Kapelle bilden unmittel- bar auf die Mauer in Fresko gemalte bildliche Scenen, welche dem Wurmser und Kunze zugeeignet werden. Diese Bilder be- zeichnen wir im Artikel des N. Wurmser näher, und diejenigen, welche Thomas von Modena (Mutina) für den Kaiser ausführte, und die nicht den Charakter der Prager Schule tragen, siehe im Ar- tikel des Tommaso da Modena; über noch einige andere Bil- der der alten böhmischen Schule in der an die heil. Kreuzkirche stossenden Kapelle der heil. Katharina, in der unteren Kirche Ma- ria Himmelfahrt auf dem Karlsstein, in der St. Wenzelskapelle im Dome, und in der Theinkirche zu Prag Kugler's Geschichte der Malerei II. 31 f. Es ist nicht bekannt, welchen Antheil Theo- derich an jenen Werken gehabt habe. Man kann da nur muth- masslich bestimmen, was auch mit dem ehemaligen Hauptbilde der von ihm verzierten heil. Kreuzkirche der Fall ist. Es ist dies der lebensgrosse gekreuzigte Christus mit Maria und Johannes, welchen Ch. v. Mechel dem Wurmser beilegt. Als Werk unsers Künstlers bezeichnet man dann auch ein Altargemälde, welches sich jetzt in der ständischen Gallerie zu Prag befindet. In der oberen Abthei- lung kniet der Kaiser mit seinem Sohne Wenzeslaus vor der Ma- donna, und zwei Heilige sind zu ihren Seiten, in der unteren Ab- theilung sieht man den Prager Erzbischof Oczko von Wlassim und vier böhmische Bischöfe. Auch dieses Bild, so wie jene der heil. Kreuzkapelle, zeigt den Meister auf einer höheren Stufe, als die seiner anderen böhmischen Kunstgenossen. Die Werke derselben lassen nach Kugler in ihren allgemeinen Verhältnissen zwar das Schlichte und die einfache Würde des germanischen Styls erken- nen, aber sie sind keineswegs als eine namhafte Blüthe desselben anzuführen. Im Gegentheile mangelt es hier durchaus an edlem, feinerem Formensinn, und plumpe, rohe, schwerfällige Bildungen beleidigen das Auge des Beschauers. Theoderich's Werke zeigen aber im Einzelnen manches Bessere, und namentlich ist ihnen eine ungemeine Weichheit in der Farbenbehandlung eigen. Diese Vor- züge treten besonders an dem genannten Altarbilde hervor, wenn es auch nicht von jener Schwerfälligkeit frei ist, die man an den Gemälden der Schule bemerkt. In den jugendlichen Gesichtern ist jene eigenthümliche Weichheit, die bereits an Anmuth gränzt; auch die Gewandung ist sehr weich gehalten.
In der Prager Universitäts-Bibliothek sind zwei Bilder von Apo- steln aus der heil. Kreuzkapelle, und zwei andere Gemälde, wel- che sich daselbst befanden, sieht man jetzt in der k. k. Gallerie zu Wien: die halben Figuren der Kirchenväter St. Ambros und Augustin auf Goldgrund, mit netzartig darauf eingeschnittenen Verzierungen. Die Charaktere der Köpfe sind von ausserordentli- cher Würde, der Faltenwurf ist breit, der Farbenauftrag flüssig, der Ton kräftig und klar, jedoch nicht von der Schönheit und Zierlichkeit, wie bei Wilhelm von Köln. Die Formen sind etwas schwer- fällig.
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Stuccateur, und als solcher zierte er mit Langenbucher die damals abgebrannten Gemächer der Residenz aus.
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