Paris, ohne Vermögen

Paris , ohne Vermögen, ohne anderes Mittel zum Unterhalte, als seinen Pinsel. Er befand sich jetzt in grosser Verlegenheit, aus welcher ihn nur ein Mittel reissen zu wollen schien, das den edlen Sinn des Menschen beleidigen musste. Damals entwürdigten sich die Künstler oft durch cynische Darstellungen, und auch Regnault war durch seine drückenden Verhältnisse gezwungen, sein Talent durch einige Compositionen dieser Art zu erniedrigen. Doch erregte er von Zeit zu Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit

durch Werke, die seiner würdiger waren. Im Jahre 1782 erwarb ihm sein Bild: „Perseus und Andromeda" die Ehre in die k. Aka- demie aufgenommen zu werden. Allein er bekannte selbst, dass er dem Geschmache der Akademie einen leichten Tribut gebracht hatte, und vernichtete später das Gemälde. Dagegen zeigte er bald darauf durch sein Bild: „die Erziehung des Achilles ," dass er seine ganze Unabhängigkeit wieder gewonnen, und sein Talent völlig

entwickelt hatte. Man sieht dieses Bild jetzt im Musée royal, und C. Bervic hat es gestochen. Von diesem Augenblick an ward er jenen grossen Meistern beigesellt, die in der französischen Schule eine glänzende Umgestaltung herbeiführen sollten, was durch David und in anderer Weise auch durch Regnault geschah. Diese beiden Künstler, so wie sie in ihren Gesinnungen nichts gemein hatten, verfuhren aber auch nach verschiedenen Grundsätzen in der Kunst. David, der Mann der Revolution und der Feind des Königthums, zeigte eisernen Ernst und Strenge; Regnault war der Maler der Grazien, dem die Darstellung der zartesten Gefühle und die Ver- körperung der abstraktesten Ideen gelang. Als Greis von 75 Jahren sah man ihn noch die lachendsten Compositionen der Mythologie auffassen und sie mit dem ganzen Feuer jugendlicher Kraft auf die Leinwand übertragen. Mit seinem hohen Alter trieb er selbst eine Art Koketterie, indem er dieses auf jedem Bilde beischrieb. Von seinen Gemälden zarteren, grösstentheils mythologischen Inhalts nennen wir: Alcibiades von Sokrates aus den Armen der Wohllust gerissen, den Tod des Adonis, die drei Grazien, das Urtheil des Paris, Amor und Hymen aus der Schale der Freundschaft trinkend, Achilles den Bogen spannend, Mars von Venus entwaffnet, die Entführung der Orithia, Jupiter (als Diana) und Callisto, die Toilette der Venus, Perseus als Befreier der Andromeda, Amor und Psyche, Venus auf Wolken getragen etc. An diese Werke schliessen sich fünf ähnliche ausgezeichnete Bilder, welche in den letzten Jahren des Meisters entstanden: Pan und Syrinx, Jupiter und Io, Danae im goldenen Regen, die Entführung des Boreas und Amor in den Armen der Psyche schlummernd. Dieses letztere Gemälde vollendete er vier Monate vor seinem Tode. In seinem Nachlasse befanden sich 24 kleine vollendete Skizzen mit Dar- stellungen aus Ovid's Metamorphosen, und 50 Oelbilder verschie- denen Inhalts. Seine Zeichnungen belaufen sich gegen 700; und darunter sind 20 grosse ausgeführte Blätter und 38 akademische Studienköpfe.

Dies sind aber nicht alle Werke des Künstlers, er malte auch mehrere Darstellungen ernsten und allegorischen Inhalts. Vor allen nennen wir eine Kreuzabnahme, die er 1788 für die Kapelle in Fontainebleau malte, welche aber später in der Gallerie des Luxembourg aufgestellt wurde. Dem Gehalte nach schliessen sich an dieses an: Die Skizze zum grossen Plafond der Jesuskirche in Rom, der Tod des Priamus, Iphigenia in Tauris, Herkules als Befreier der Alceste, der Tod der Kleopatra, zwei Darstellungen der Sündfluth, Hektor am Wagen des Achilles geschleift, der Tod des Generals Desaix, Frankreich auf dem Triumphwagen zum Tempel des Friedens ziehend, ein 30 Fuss breites und 10 Fuss hohes Gemälde in einem der Säulen des Pallastes der Pairz; die bei der Einnahme von Wien eroberten Fahnen, Allegorie auf die Erstetzung der Bourbons in ihre Thronrechte, Allegorie auf die Annahme der Constitution Ludwig's XVI, die Wahl Napolcon's zum Consul auf Lebenszeit, der Triumph, allegorische Darstellung für die Kammer der Deputirten entworfen etc.

Regnault hat als vortrefflicher Lehrer auch viele ausgezeich- nete Schüler gebildet, die ihm ebenso viele Freunde wurden, und es bis zum Tode des Meisters blieben. Dieser hatte aber auch als Mensch vortreffliche Eigenschaften. Die Menge, die sich zu seinem Leichenbegängnisse drängte, der Regen von Immortellen- kränzen, unter dem er in das Grab sank", sagt deutlich, dass Regnault noch mehr als ausgezeichneter Maler war. Der König ernannte ihn zum Ritter des Ordens vom heil. Michael und der

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