Pintelli, Baccio

Pintelli, Baccio, Architekt von Florenz , ein tüchtiger Künstler , der aber bis auf die neueste Zeit wenig beachtet wurde, da ihn Vasari nur sehr oberflächlich berührt. Sr. Gaye im Kunstblatt 1836 Nr. 86 ff. gab gehaltvolle Nachweisungen über ihn, mit welchen auch die Übersetzung von Vasari’s Lebensbeschreibungen von L. Schorn bereichert wurde. — Wir wissen von seiner Bildung gar nichts; ja die Nachricht Vasari’s, dass er seiner Herkunft nach ein Florentiner sei, könnte durch Pungileone, in seinen Dokumenten zum Leben des Giov. Santi, p. 82, zweifelhaft werden, da der Künstler da Maestro Vaccio da Urbino heißt, was aber nicht ausgemacht angenommen werden darf. Die Thätigkeit Pintelli’s lässt sich, so weit sie nämlich Dr. Gaye historisch verfolgen konnte, an das Haus der Rovere, namentlich an Papst Sixtus IV. So lange der Papst lebte, von 1471 — 1484, sehen wir ihn in Rom vielfach beschäftigt, und von einigen seiner Bauten in jener Stadt spricht auch Vasari. Pintelli baute da die Kirche und das Kloster von S. Maria del Popolo, wahrscheinlich von 1472 bis 1477, nach den Inschriften über der Fassade und der Seitenthüre zu schließen. Vergl. Kunstblatt 18536 S. 3660. Früher begonnen sein vielleicht der Bau von S. Agostino, im Jahre 1470, wie Titi bemerkt, der hier mehr Glauben verdienen dürfte, als jene, welche das Jahr 1483 für den Bau der Kirche angeben; dies nach der bezeichneten Jahrzahl auf der Fassade der Kirche, die aber wahrscheinlich auf die Vollendung sich bezieht. Die Kuppel dieser Kirche ist die älteste in Rom und ihre Pfeiler und Säulen gehören zur ersten Herstellung der antiken Baukunst. Im Jahre 1473 baute Pintelli die Sixtinische Kapelle, ein Werk in einfachem, einfachen Stil, welchem die von Vasari erwähnte alte vaticanische Bibliothek wahrscheinlich gleichzeitig ist, da Platina schon 1475 von Sixtus IV. zu deren Bibliothekar ernannt ward. Vasari nennt das Jahr der Erbauung der Sixtinischen Kapelle nicht, es ist aber aus der Beschreibung Rom’s von Plattner, Bunsen II. 245, und durch Gaye, a. a. O., bekannt. In der früheren Zeit seines Aufenthaltes in Rom fällt auch der Wiederaufbau des 1471 abgebrannten (nach Vasari) oder verfallenen Hospitals von S. Spirito. Das zweite Cortile hat noch das Wappen Sixtus IV. und über Thüren und Fenstern die Inschrift: Sixtus IV. fundavit. Zu der von Pintelli erbauten Ponte Sistino legte Pius IV. selbst den ersten Stein, mit der Inschrift: Sixtus IV. Pont. Max. fieri fecit sub anno MCCCCLXXIIMI. Eine große Lapidarinschrift auf der Brücke besagt, dass der Bau zuerst auf das Jubeljahr Bezug habe, welches 1475 fiel. In jener Zeit wurden nach Vasari’s Versicherung in Rom von Baccio eine Menge kleiner Kirchen gebaut, die man am Wappen von Papst Sixtus erkennt. Darunter nennt Vasari die Kirche S. S. Apostoli, die aber später mit Ausnahme des Porticus niedergerissen und prächtiger aufgebaut wurde; S. Pietro in Vincolis und S. Sisto. Zu diesen Kirchen fügt Titi noch S. Agostino (wahrscheinlich 1470 — 1483, abgebildet bei d’Agincourt, Arch. pl. 64) und S. Maria della Pace, welche jedoch später nach verschiedenen Zeichnungen

Pintelli, Baccio.

nun restauriert und erneuert wurden. Dem Style nach unbedingt von Pintelli, und unter Sixtus IV. ausgeführt, ist S. Pietro in Montorio. Vasari drückt sich darüber nicht bestimmt aus, sagt nur, dass Viele versichern, die Zeichnung der Kirche sei vor Baccio, er könne aber in Wahrheit nicht sagen, dass dem so sei. Dr. Gaye glaubt, die Kirche dürfte nach Pintelli's Plan von einem Schüler desselben gebaut worden sein. Im Styl stimmt sie mit Baccio’s anderen Werken in Rom überein, so wie die jetzt verlassene und sehr verfallene Kirche S. Jacopo auf Piazza Navona, nach Vasari auf Kosten der spanischen Nation gleichzeitig mit Pietro in Montorio erbaut. Ausser diesen, auch äusserlich mehr oder minder beglaubigten Werken, glaubt Gaye noch folgende demselben Architekten vindiciren zu dürfen: das Cortile des Klosters St. Gregorio, hinter der rechten Colonnade von St. Peter, zwei offene Bögen auf achteckigen Säulen, übereinander, neu ab der zweite Stock über der Thüre; die mit Waffen, Trophäen u. dgl. geschmückte Thüre links vor dem Hauptthore des Klosters zu Grottaferrata mit der Aufschrift: Julius Cardinalis Ostiensis, und endlich die sehr zierlich gearbeitete Thüre in der Straße, welche vor der Kirche St. Maria sopra Minerva auf’s Capitol führt.

Im Jahre 1480 schickte ihn der Papst nach Assisi, um Reparaturen an Kirche und Kloster von S. Francesco vorzunehmen, da diese den Einsturz drohten. Vasari sagt, der Künstler habe desswegen am Erdgeschosse ein starkes Schützwerk angebracht, und dies sind die colossalsten Strebenpfeiler an der nördlichen Seite, die ungefähr in einer Ausdehnung von 200 Fuss am Abhang hinlaufen. Von Assisi aus dürfte sich der Künstler wieder nach Rom begeben haben, wo jetzt ein Theil der obgenannten Werke der Vollendung entgegen ging; nach dem Tode Sixtus IV. (um 1484) wurde er abwärts wahrscheinlich nach Urbino berufen, da daselbst das dem Papst verwandte Fürstenhaus im Baue des herzoglichen Palastes einen Architekten bedurfte. Sein Vorgänger war Lucian Lauranna, der aber nach Dr. Gaye’s Vermuthung nur mit den ungeheueren Vorarbeiten, den Suhstruktionen, mit Ebnung des ungünstigen Terrains beschäftigt gewesen sein dürfte, in späterer Zeit von Francesco di Giorgio unterstützt. Den eigentlichen Prachtbau, weitestens zum grössten Theil, schreibt Gaye dem Baccio zu, während Vasari von allem diesem schweigt. Das Cortile zeigt nach Gaye im Allgemeinen den Plan, welchen er in seinen Klosterhöfen in Rom angewendet hatte; der erste Stock hat Bögen auf Säulen von zusammengesetzter Ordnung, darüber Architrav, Fries und Karnis, der zweite Stock ohne Bögen, und die einzelnen Teile verhältnismässig breiter. Die Fenster dieser Abteilung gleichen jederzeit im Cortile von St. Spirito. Über diesen zwei gäulengängen hebt sich von Backsteinen ein dritter Stock mit zwei Reihen kleinerer Fenster, diese ähnlich angebrachten des Peruzzi zu vergleichen; wie denn überhaupt der Einfluss des Pintelli auf Peruzzi und durch diesen auf Giulio Romano sich nachweisen lässt, während anderseits die Rückwirkung des Bramante auf Pintelli zu erkennen ist, da jener schöner als irgend einer vor und nach ihm gerade den Bau solcher Höfe verbreitet hat. Dieser umfangreiche Bau wurde von 1484 — 1485 von Baccio geleitet, und in den letzten Jahren finden wir ihn bereits zu Scignaglia eine neue Kirche bauen. Nach 1491 fehlen die Nachrichten über ihn. Vielleicht starb er in Urbino, weil er in einer älteren Notiz den Beinamen Urbinas führt. Abgebildet ist dieser Palast in den Detailen der Memorie contenenti la citta da Urbino. Roma 18724

Der Stil des Pintelli nähert sich dem seines Landsmannes Brunelleschi und hat noch allerlei Reminiscenzen aus der früheren Sgtizbogenbauart, z. B. in den Rosen 4er Fenster, den Kreuzgewölbten (mit Ausnahme der Sistina, welche Spiegelgewölbe hat), den falschen Fassaden, zeigt aber im Einzelnen großen Geschmack, besonders in den Ornamenten. Auch sind seine Arbeiten besser construiert, wie die des Bramante, z. B. die Kuppel von S. Agostino und der Ponte Sisto. Auf sein eigenes Verdienst in der Construction der Kuppel von S. Agostino hat schon d’Agincourt in der Tabelle der Kuppeln aufmerksam gemacht. Andere Eigen- tümlichkeiten zeigen die Kirchen der Apostel, und S. Pietro in Vincoli, so wie die Fassade von S. Maria del Popolo, insbesondere die untere Arkade der ersten mit achteckigen Säulen, in denen, so wie in den Kapitellen derselben sich der Künstler ohne Rücksicht auf die gewöhnlichen antiken Ordnungen seiner eigenen Einbil- dungskraft überlassen hat. Gaye sagt, es möchte scheinen, als ob gerade das Streben, originell sein zu wollen, den Künstler bisweilen irregeleitet und auf die durchbrochenen Giebel, auf die verschnörkelten, durch nichts bedingten Verzierungen gebracht habe, welche an den Fassaden der Kirchen S. Maria del Popolo, an S. Agostino und S. Jacomo so störend sich zeigen, dass sie des 17. Jahrhunderts nicht unwürdig wären. Gaye glaubt dies eher so, als durch Nachahmung römischer Architektur erklären zu müssen. Denn wenn die spätere Kaiserzeit auch Willkürlichkeiten der Art in Menge zu Tage förderte, so zeigt doch Baccio in seinen Profilierungen, in seinen Pilasterkapitellen, in seinen Säulen zu großem Geschmack, als dass man ihm zutrauen könnte, er habe vor dem Besseren gerade das Schlechtere sich ausgewählt. Einige Arbeiten könnten noch von Anderen vollendet worden sein, wie die Fassade von S. Agostino, wo in Gesimsen so viele Schwere- fälligkeit, so starkes Hervorspringen einzelner Teile ist, dass man sie nicht leicht mit Maria del Popolo, mit Pietro in Montorio, über- haupt mit seinen feinen Profilierungen zu vereinigen weiß. Eigene, aber einfache und glückliche Erfindungen zeigen die Kapitelle sei- ner Säulen und Pilaster, an denen er stets wieder zu erkennen ist, da sie immer wiederkehren, so dass man darin eine gewisse Ar- muth der Erfindung erkennt. Am erfindungsreichsten und glück- lichsten zeigt er sich in seinen Ornamenten, welche den besten Arbeiten des 15. Jahrhunderts sich vergleichen dürfen, wie jene der Thüren von S. Maria del Popolo, Pietro in Montorio und namentlich jene Tür zwischen der Minerva und dem Capitol. Diese Eigentümlichkeiten brachten Dr. Gaye zu der Überzeu- gung, dass Pintelli, und nicht Lucianus der eigentliche Erbauer des Palastes in Urbino sei.

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