Phidias, der erhabenste Meister des gesamten Alterthums, war der Sohn des Charmidas von Athen, und Schüler des Argivers Ageladas. Seine Geburt, um , fällt in die Zeit, in welcher Athen zu einer Macht gelangte, wie sie nur je eine Stadt besessen, und die reichen Schätze, welche zusammenflossen, wurden zur großartigsten Ausschmückung derselben verwendet. Perikles, dessen gewaltiger Sinn sein ganzes Zeitalter durchdrang, erkannte das hohe Genie des Phidias , und er machte ihn um 482 oder 483 zum Leiter aller jener Unternehmungen, da der Meister nicht nur alle Fächer der Bildnerei umfasste, sondern auch in der Baukunst und der Malerei gründliche Kenntnisse besass. Die Werke, welche ihm zugeschrieben werden, sind fast zu zahlreich für ein Menschenleben, und wir müssen daher annehmen, dass viele nur nach seinen Ideen von andern Künstlern ausgeführt wurden, in einer ausgedehnten Schule, als deren Haupt Phidias zu betrachten ist. Alles, was daraus hervorging, trug das Gepräge eines grossartigen Geistes, welcher die bildende Kunst von den Fesseln alterthümlicher Steifheit gelöst, der vollendete, was bereits Calamis begonnen hatte. Jedoch sind nach Q. Müller, dem Charakter der älteren Hellenen gemäss, noch immer ruhige Würde und eine leidenschaftslose Stille der Secle das Gepräge der bewunderten Hauptwerke der Zeit. Die damalige attische Schule zeichnete sich der Peloponnesischen gegenüber in erhabenen Darstellungen der Götterweit aus, während im Peloponnes die Künstler in Darstellung menschlich attischer Schönheit Vorzug suchten. Die weit größere Mehrzahl von Phidias Arbeiten bestand aus Götterbildern, in welchen nach Kugler die göttliche Hoheit und Majestät unmittelbar in die Erscheinung getreten, aber in einer Weise, dass sowohl die Charaktere der verschiedenen Götter aufs Bestimmteste unterschieden, als auch die Charaktere der besonderen Gottheiten, je nach dem Zweck und der Bestimmung des einzelnen Bildes, mannigfach variiert waren.
In solcher Art hatte er vornehmlich das Bild der Athene mehrfach gearbeitet, und die berühmteste Statue derselben war jene aus Gold und Elfenbein im Parthenon zu Athen, ein Colossalbild von 26 Ellen Höhe. Die Göttin, mit der Aegis und dem Gorgoneion, war hier gerüstet und siegreich, als eine in heiterer Majestät schreitende Götterjungfrau dargestellt, mit reichem Schmucke an der Basis, den Waffen und selbst dem Sohlenrande. Der Helm war mit halberhobenen Greifen geschmückt, und der Kamm in Gestalt einer Sphinx gebildet. Sie hatte die Lanze in der einen Hand, und die andere ruhte wahrscheinlich auf dem Schilde, der
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auch als Schützpunkt diente, da eine vier Ellen hohe Nike auf Hand stand. An der inneren Seite des Schildes war der Gigant kampf, an der äußeren eine Amazonenschlacht, und am Rand der tyrrhenischen Sohlen die Centauromachie dargestellt. Schilde bemerkte man auch die künstlichen Porträts des Peri- und Phidias. An der Basis war die Geburt der Pandora gel- det. Das abnehmbare Gewand der Pallas Parthenos wog 44 Go- talente, 786,500 Rthl., doch betrug die Dicke wenig über eine Elle. Die Vollendung des Werkes fällt in das Jahr 438 v. Chr. oder Ol. 85. 5. Über das Gorgoneion siehe besonders Levesque, Abhandlung über die Entwicklung des Gorgonen Ideals in den handlungen der Berliner Akademie 1832. Über die technische Beschaffenheit der Statuen von Gold und Elfenbein, siehe O. M. ler § 312.
Am nächsten steht der Parthenos (nach Müller) die Statue V. Albani (Cavaceppi Raccolta I. 1.; Hope Specimens pl. 25) – jene in Neapel (Museo Borbon. IV, 7.), welche auch Quatrem- de Quincy, der in den Monuments et ouvrages d’art antiq. f. 1829 p. 63 über die Parthenos eine lange Abhandlung geschrie- ben hat, zu Grunde legt. Auch auf Münzen asiatischer Städte ist häufig nachgebildet, Eckhel Syll. 5, 10. M. S. Clement. 4;'
An dieses berühmte Bild der Minerva schließen sich noch dere derselben Göttin an. Zu Platäa war eine streitbare Minerva (Athena Areia) als Akrolith, aus vergoldetem Holze, Gesicht, Hände und Füße aus Marmor, zu ihren äußeren das Bild des He- führers Arimnestus. Für die Athener auf Lemnos bildete er sich besonders anmuthig und in einem milden Charakter, was ihr Beinamen KaMiuoppos erwarb. Sie war aus Erz gebildet, frü- her als die Minerva im Parthenon, und bevor Perikles den Künst- ler in seine Dienste nahm. Um diese Zeit und vielleicht noch frü- her, ebenfalls aus Gold und Elfenbein gefertigt, ist die Albä- zu Pellene gewesen. Plinius nennt ebenfalls ein Minervenbild, doch, ohne nähere Angabe. Paulus Aemilius weihte es bei dem Tempel der Fortuna,
Das colossalste Minervenbild, welches er fertigte, ist jenes aus Erz, welches zwischen den Propyläen und dem Parthenon über beide emporragend, so dass dieser 50 – 60 Fuss hohe Göttin war als Vorkämpferin (Promachos) vorgestellt, und aus Beute von Marathon geweiht. Sie hob den Schild, welcher nahe ein Menschenalter später von Mys nach Parrhasios Zeich- nuag vollendet wurde. Alarich sah 395 diese Schutzgöttin noch,
Ein Nachbild der Athene Polias ist nach Schorn, Amealthea 213, vielleicht die Pallasstatue im Antiken-Museum zu Dres- den (abgeb. tab. XIV.). Auch im Museum zu Cassel ist eine gan- zliche Pallas, die Welker in seiner Zeitschrift I. 256 beschreibt. Dresden ist noch eine zweite Wiederholung, und drei andere geringerer Bedeutung in den Sälen des Antikencabinets. Die abgebildet im August. XLVII.
Noch mehr als diese Werke erregte das Staunen und den Enthusiasmus der Hellenen der Olympische Zeus ans Gold und Elfenbein im Tempel zu Olympia, als Herr der Götter und Menschen, welchen gesehen zu haben sich Jeder glücklich pries.
Phidias kam erst nach mehrfachen Versuchen zur Darstellung dieses höchsten Götterideals, und gleich Apelles unterwarf er seine Mo- delle der öffentlichen Prüfung, wie aus Lucian (Imag., 14) erhellt. Endlich gelangte er durch folgende Verse des römischen Dichters v. 529 zur Klarheit der Idee:
„Also sprach und winkte mit schwärzlichen Brauen Cronion, Und die Ambrosischen Locken des Königs wallten ihm vorwärts Von dem unsterblichen Haupt; es erbebten die Höhen des Olympus.“
Der König, der Götter war auf einem Thron sitzend dargestellt, etwa 40 Fuß hoch, auf einer Basis von 12 Fuß Höhe. In der ei- nen Hand hielt er den Scepter, vielfarbig von verschiedenen Me- tallen, auf der anderen eine Siegesgöttin, gleichfalls von Elfen- bein und Gold. Das Haupt umwallten goldene Locken, von denen nach Lucian einige 6 Minen, etwa 300 Louis d’or wogen. Sein goldenes Gewand war mit Blumen geschmückt. Der Thron aus Cedernholz hatte die reichsten Zierden aus Gold, Elfenbein, Eben- holz und Steinen; in freien Statuen, Reliefs und Malerei beste- hend. Die Wände hatte Panaenus gemalt, und wie F. Röse in Kug- le’s Museum 41837 No. 290 meint, waren dies diejenigen Wände, welche zwischen die Füße und Stützen des Thrones eingelassen waren, was die richtigere Erklärung der Stelle des Pausanias sein durfte. Auch der Fussschemel des Zeus und die Basis, auf wel- cher der Thron stand, war mit mancherlei Bildwerk geziert. Höch- ster Reichthum der die einfach erhabene Gestalt umgebenden pla- stischen Zierden, tiefe Wissenschaft in der Anordnung der Maße der sehr colossalen Figur, und der erhabenste Schwung des Gei- stes in der Auffassung des Zeusideals machten diese Statue zu ei- nem Wunder der Welt. Die zum Grunde liegende Vorstellung nach Müller (Arch. 2te Aufl., S. 115) die des allmächtig herr- schenden, überall siegreichen Gottes in huldvoller Gewährung, gäädiger Erhörung menschlicher Bitten. In ihm schauten die Grie- chen Zeusgegenwärtig; ihn zu sehen, war ein Privileg (irrationaler, freudiger), ein vor dem Tode nicht erblickt zu ha- ben, beinahe ein solches Unglück, wie in die Mysterien uneinges weiht zu sterben. Phidias arbeitete fünf Jahre an diesem Werke; nach Ablauf der 86. Olympiade, 433 v. Chr., hatte er sie vollen- det. Zu dieser Zeitbestimmung berechtigt namentlich der Um- stand, dass Phidias den Namen des unten erwähnten Pantarkes auf den Finger des Gottes schrieb. Unter den erhaltenen Werken sind am verwandtesten der (nicht ausgezeichnete) Jupiter Verospi, und die Mediceische und Vaticanische Büste, besonders letztere, in der Sala rotonda. Die Statue Verospi siehe in Abbildung P. Cl I 1., und die colossale Büste von Otricoli VI, I. und Mus. Franc. III. 1. Zu Imdefonso ist ein (unbekannter) Coloss; eine er- habene, aber sehr erstückte colossale Büste im Garten Boboli zu Florenz, Winckelmann IV. Taf. 1 a; eine andere in der florenti- nischen Gallerie, 1. c. S. 316; eine schöne Büste in Neapel, Mus. V. 0; Eleische Haisermünzen mit dem Zeus Olympios bei Quatremère pl. 17. p. 312, und M. Fontana 6, 41. Quatremère de Quincy schrieb ein eigenes Werk über den Olympischen Jupiter. Über eine Restauration dieser berühmten Statue siehe Damöphon.
Zu Elis war von Phidias eine Venus Urania mit der Schild- pfote unter dem Fusse, aus Gold und Elfenbein, von Plutarch zubenannt. Eine andere
in ihrem 'Lénpel nicht fern vom Keramaicos, und ein drittes, schönes Marmorbild der Venus sah man später zu Rom im Jaste der Octavia.
Die Magna Mater im Metroum zu Athen, sass auf einem Throne, unter welchem Löwen lagen. Der Stoff, aus welchem dieses Werk gefertigt war, ist nicht bekannt.
Auf der Burg zu Athen war die Statue des Apollo Partheus von Erz, welche Pausanias noch sah.
Die Statue des Askulap zu Epidauros, von Gold und Elfenbein, wird ebenfalls als Werk des Phidias bezeichnet, doch nicht von Pausanias, der sie zwar ebenfalls nennt.
Mit seiner an die Lanze gestützten Amazone trat er mit Lyklet, Ktesilaos, Phradmon und Kydon in den Wettkampf, und Lyklet aber überwand alle. Die Phidias’sche Amazone ist nach Marmor in der zum Sprunge sich bereitenden im Vatican wieder bekannt worden. Piranesi Statuae etc. 37, Mus. Frane. Ill. Bouill. II, 10. Eine eben so schöne Statue ist im Capitol, Copien sind häufig.
Zu Ismenium bei Theben war nach dem Zeugnisse des Pausanias eine marmorne Statue des Mercurius.
Von grösserer Bedeutung war ein Weihgeschenk, in 13 Erzstatuen bestehend, welche die Athener aus der marathonischen Siegesbeute zu Delphi aufstellten, anscheinlich früher gefertiget, als die genannten Minervenstatuen. Hirt (Gesch. d. b. R. S. 435) glaubt, der Künstler habe sich dadurch zuerst den fremden Städten bekannt gemacht. Dieses Geschenk bestand aus den Schutzgöttern Athen’s, dem Apollo und der Minerva, mit Miltiades, dem Sieger zu Marathon, und dazu kamen die zehn alten Stammherren der Stadt: Erechtheus, Cecrops, Pandion, Celeus, Antiochus, Aegyptus, Acamas, Codrus, Theseus und Pyleus.
Ausser den Eingangs genannten colossalen Götterstatuen haben wir auch eine Nachbildung einer höchst grossartigen Statue der Dioscuren auf Monte Cavallo zu Rom. Platner und Bunsen (Beschreib. Rom’s III. 2. S. 404) erkennen hierin im Wesentlichen den hohen Geist des Phidias, wenn die Arbeit der römischen Kunstzeit angehört. Plinius spricht nur von einer nackten Colossalstatue, worunter wohl nicht diese Kopie verstanden ist.
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