Peruzzi, Baltasar, Maler und Architekt , wurde 1481 zu Acciaiano im Sienesischen geboren, und auch sein Vater war ein Sierer, wie in den Lett. sen. III, 178 gegen Vasari, der ihn zu einem Florentiner macht, bewiesen ist. Auch der Sohn nannte sich öfter Baltassaro da Siena , um das alte Andenken zu ehren. Nur von Volterra , wo Einige ebenfalls seine Geburtsstadt finden wollen. Er wuchs in Dürftigkeit heran, denn der Vater hatte den Unruhen seine Habe verloren, und wenn er anfangs nur Vorliebe die Kunst pflegte, so musste er bald auf den Erwerb deren, der ihm aus derselben zufliessen konnte. Sein Meister ist unbekannt, wenn es nicht Francesco di Giorgio ist, da P. dell’ Valle vielleicht nicht Recht hat, der ihn zum Schüler des Matteo von Siena und des Pachiarotto macht. Gewiss ist aber, dass Baltasar frühzeitig nach Rom sich begeben hatte, wo er Rafael be wunderte und nachahmte, besonders in einigen heiligen Familien. Einige zählen ihn auch zu Rafael’s Schülern, da er selbst Wandbildern sich diesem grossen Meister nähern suchte, wie in dem Urtheil des Paris in Castello di Belcara, wo man das besiegte Werk des Künstlers vermutet, und in der berühmten Sibylle, die dem Augustus die Geburt des Heilandes vorkündet, zu Fonte Giusta bei Siena, eine begeisterte Gestalt, und eines der berühmtesten Werke der Stadt, so wie es auch das Hauptwerk von Perussino späterer Zeit ist, wo er dem Bestreben nach äusserer Form
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schönheit die Anmut der früheren Werke geopfert hat. Auch in grossräumigen Werken ist Peruzzi’s streng ordnender Geist zu er- kennen, und die glückliche Gabe, Gemüthsbewegungen im Bilde zu fassen, wie „alla Pace“ zu Rom. Da sieht man das berühmte Gemälde der in den Tempel gehenden heil. Jungfrau, in Fresco gemalt, aber bereits ausgebessert. Früher als dieses Bild sind wohl die Wandge- mälde, welche er an den Wänden der Altartribune von S. Onofrio zu Rom, unter den Kuppelgemälden von Pinturicchio, ausgeführt hat. Sie stellen eine Madonna auf dem Throne mit Heiligen, auf der einen Seite die Anbetung der Könige, auf der anderen die Flucht nach Ägypten dar. Diese Bilder sind noch ziemlich alterthümlich; enthalten aber höchst anmuthvolle Küpfe. Nicht so bedeutend, und noch ziemlich im Style des 15. Jahrhunderts, sind die Decken- bilder im Saale der Farnesina, wo Rafael die Galathea gemalt hat. Auch diese enthalten viel Liebenswürdiges und Anmuthiges. Vgl. Kugler Gesch. d. M. II. 284.
So gross und ernst Peruzzi's Geist gewesen, so konnte er doch auch mit den leichten und vielfach verschlungenen Gewinden der Arabesken ein gar sinniges Spiel treiben, wenn er auch dem Sodoma nicht ganz gleich kam, und von dem spätern Caldara über- troffen wurde. In der Kenntniss der Perspektive ist ihm aber kein Sieneser gleichgekommen. Seine architektonischen Verzierungen in terra verde (chiaroscuro) ausgeführt, und seine monochromen Basreliefs, Opfer, Bacchanale u. dgl. waren bis zur Täuschung
| t, in Erguss des heitersten Geistes, Er zierte die Halle des Palastes Massini in Rom, den Hochaltar der Hauptkirche in Siena, und das Thor des Hauses Sacrati in Ferrara, dies so lieb- lich, dass es unter die Seltenheiten der Stadt, und in seiner Art Italiens, gezählt wurde. Noch mehr aber beurkundete seinen treff- lichen vielseitigen Geist der Palast der Farnesina, der mit höch- ster Anmuth von ihm ausgeschmückt war. Gegenwärtig ist nur noch die Dekoration eines Saales im zweiten Geschosse vorhanden, die schönen Verzierungen der Fassade, die in grüner Farbe aus- geführt waren, sind verschwunden. Da war es auch, wo später ein von Peruzzi gemaltes Gesims das geübte Auge eines Titian fuschte, so dass er durch Betastung sich davon überzeugen wollte. Sol- che künstlich gemalte Architektur war an mehreren Gebäuden in Rom und Siena, und in letzterer Stadt sah man besonders, welch grosser Meister Peruzzi in Grottesken gewesen. Er wusste da Alles hineinzuziehen, zügelte aber die Laune stets durch die Vernunft.
Eine andere Gattung von Verzierung der Häuser, deren man sich damals gerne bediente, ist jene, welche die Italiener „a ter- retta“ nannten. Man schnitt die Zeichnungen auf dem An- wurf ein, und füllte diese vertieften Linien mit Schwarz und Weiß aus. Zum Grunde bediente man sich der Thonerde, zer- stossener Kohle, des Travertin’s oder des Kalksteinstaubes. Man schnitt Zierathen und Scenen ein, nach Art der Basreliefs, allein sicher sind alle diese Arbeiten zu Grunde gegangen.
Dann wollen wir hier auch noch bemerken, dass Peruzzi der erste unter den Neueren ist, welcher Theaterdekorationen gemalt, und diese Kunst fast wie mit einem Schlage zu einer Vollkommen- heit gebracht hat, wie man sich früher nie träumen liess. Gele- genheit hiezu fand er zunächst bei den Festen, welche dem Giu- liano de’ Medici zu Ehren gegeben wurden, und dann bei Ankunft der Comödie des Cardinals Bibiena „la Calandra“, welche Leo X. in seiner Gegenwart aufzuführen ließ.
Diese Decorationen erregten damals den höchsten Enthusiasmus und obgleich sie die ersten sind, so wurden sie dennoch auch spätere Zeit das Muster und die Vorschrift aller derjenigen, die gemalt wurden. Die Bewunderung und Lobeserhebung freilich etwas übertrieben sein — wir können uns durch Augenschein nicht mehr überzeugen — immerhin aber ist ein Beweis, dass Peruzzi auf einer hohen Stufe des Wissens stand. Zu einem so plötzlich schlagenden Resultate konnte
ein Mann gelangen, dem alle Hilfsmittel seiner Kunst zu Geltung stand. Er musste das gründlichste Studium der Theorie und der Perspektive gepflogen haben, und bei seiner bekannten Vorzüglichkeit in der Architekturmalerei bedurfte es nur einer Regung, um ein vollkommener Decorationsmaler zu werden. Seiner Meisterschaft in der Perspektive zeugen alle Alten, Lanzi und Milizzi rissen alle Neuern zum Lobe hin.
Peruzzi's Bilder in Öl sind von grosser Seltenheit. Lanz wusste nur ein einziges Altargemälde anzugeben, eine Madonna zwischen dem Täufer und dem heil. Hieronymus in halber Figur zu Torre Balbiana, 18 Miglien von Siena. Auch seine Staffelei- mälde sind Seltenheiten. Eine Darstellung der drei Könige kommt in mehreren Gallerien vor, allein nur als Copie. Peruzzi führte das Bild nur Farbe in Farbe aus, und Girolamo da Tre- vano hat es nachmals colorirt. Doch ging das Werk später auf der Galerie zu Grunde.
In dem Palaste Ranucci zu Florenz sieht man von ihm die Anbetung der Weisen, wo man 50 Köpfe zählt. Noch reich- voller ist aber jenes Gemälde mit der Geburt Christi, welche Carracci 1579 gestochen hat, wovon das Urbild sich im Palast Pe- voglio zu Bologna befand.
In der Bridgewater Gallerie ist von ihm die Anbetung der Weisen aus der Gallerie Orleans, im Schulgeschmacke Rafael’s. Peruzzi’s bekannten bizarren Zusätzen von Turbanen und ande- ren wunderlichen Trachten, seinem übertrieben glühenden Farben- empfinden und etwas gleichgültigen Köpfen, Vgl. Waagen II. 320.
Graf Pembroke zu Wiltonhouse besitzt ein hübsches Bild der Geburt der Maria, welches aber Waagen für Garofalo halten möchte.
In der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg ist ein bewe- gungswürdiges Meisterstück der Architekturzeichnung in einem großen Gemälde. Dies stellt zwei Reihen großer Paläste mit genauer Beobachtung der Verhältnisse und sorgfältig verziert mit Basreliefs. Den Hintergrund bildet ein Säulengang. Am Himmel erscheint die heil. Jungfrau mit dem Kinde, auf welche verschiedenen Menschengruppen an den Gebäuden staunend Blicke richten. Generalfeldmarschall überliess das Bild dem L. Oxford, dann kam es in die Gallerie zu Houghton-Hall als Gut Romano, und aus jener Sammlung nach St. Petersburg.
Noch berühmter ist Peruzzi als Architekt, im Allgemeinen ein der vorzüglichsten unter den Neueren. Seine Werke gehören den schönsten Denkmälern der Architektur, und was Anmut und Zierlichkeit der Form betrifft, stehen sie vielen anderen berühm- ten Erzeugnissen dieser Art voran. Die Muse und die Hilfs- mittel, sich diesem Studium zu widmen, verdankte Peruzzi vornehm-
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lich dem Agostino. Chigi, einem Sieneser, der zu Rom in glän- zenden Verhältnissen lebte. Dieser ließ sich durch Peruzzi einen Palast, oder vielmehr ein Casino bauen, welches jetzt unter dem Namen der Farnesina bekannter ist. Hier legte nun der Künstler einen glänzenden Schatz von architektonischen Kenntnissen dar, und hier erreichte durch ihn auch die Architekturmalerei einen Grad von Vorzüglichkeit und Vollkommenheit, wie man früher nie gesehen. Schade nur, dass die von ihm gemalten architekto- nischen Verzierungen des Vordertheiles verschwunden sind. Sie waren so sehr auf die Wirkung des Ganzen berechnet, dass die- ses anmuthvolle Gehäude nach Beraubung des Schmuckes einen etwas nüchternen Eindruck macht. Die Hauptfassade bietet im Erdgeschosse einen schönen Porticus (Loggia) von fünf Bogen dar, und in dieser Gallerie malte Rafael die Fabel der Psyche. Dieser Porticus, so wie das Hauptgebäude, machen den Hintergrund von zwei Flügeln aus, welche demnach die Vordergebäude desselben bilden. Rings um die untere Etage läuft eine Ordnung dorischer Pilaster, von gleicher Raumweite, wie die Öffnung der erwähnten fünf Bogen. Die Etage über dem Erdgeschosse ist ebenfalls mit dorischen Pilastern, und der Fries über der Hauptetage mit von Genien und Candelabern getragenen Fruchtschnüren geziert, alle Detaile der Profile von attischer Eleganz und Reinheit. Dieses Gebäude ist noch jetzt eine der elegantesten Schöpfungen der Ar- chitektur, und als es noch allen Zauber der Decorationsmalerei in sich vereinigte, musste es als eine Art Wunderwerk erscheinen. Von der Harmonie eines unter solchen Umständen geschaf- fenen Gebäudes kann man sich kaum einen Begriff machen. Va- sari sagt davon, es sei nicht gemauert, sondern wirklich ge- wachsen (Si vede non murato ma veramente nato). Dieses Gebäude verbreitete weithin seinen Ruf, und so wurde er auch nach Bologna berufen, um die Fassade der Kirche St. Petronio zu entwerfen. Er machte zwei grosse Auftritte mit ihren Durch- schnitten, den einen im neuen Geschmacke, den anderen im gothi- schen Stil; allein es blieb bei der Bewunderung. Dann fertigte er die Zeichnung zur Pforte der Kirche St. Michele in Bosco, den Plan zur Hauptkirche von Capri, welche darnach auch ausgeführt wurde, der Bau der Kirche des heil. Niculaus in Bologna wurde aber wieder unterbrochen, weil Peruzzi zur Leitung der Festungs- bauten nach Siena berufen wurde.
Bei seiner Rückkehr nach Rom richtete Papst Leo X. sein Augenmerk auf ihn, denn er bedurfte eines Architekten, der den Bau der St. Peterskirche leitete. Die Bestallung ist vom 1. August 1520, wie Carlo Fea, Notizie intorno Raffaele etc. p. 17, aus den Büchern der Bauverwaltung ersehen. Rafael war gestorben, und so trug der Papst dem neuen Meister auf, ein Modell der Kirche nach einem kleineren Plane zu verfertigen, weil ihm Rafael’s Ent- wurf zu weitläufig schien. Der Grundriss dieses neuen Modells, der in Serlio’s Architekturwerk abgebildet ist, zeigt die Kirche in Form eines griechischen Kreuzes, und vielleicht ist dieser Entwurf der schönste von allen, die zu der neuen Peterskirche gemacht wurden, der aber leider nicht zur Ausführung kam, obgleich Pe- ruzzi bis an sein Ende Hauptmeister des Baues blieb. Allein die- ser ging einen sehr langsamen und schleppenden Gang, woran auch grösstentheils die Erschöpfung der papstlichen Kasse Schuld war, und zuletzt wurde unter Peruzzi’s Leitung nur die von Bra- mannte angefangene Haupttribune vollendet. Ausserdem fertigte der Kunstler einige Pläne zu Palästen und bescheidenen Wohnungen,
die alle das Gepräge des reinsten Geschmackes tragen, aber b: trat für Rom eine missliche Zeit ein. Der Nachfolger Le hemmte die Fortschritte der Kunst, da Adrian VI. wenig Sinn hatte, und als 1527 unter dem Connetable von Bourbon Rom erobert und geplündert worden war, verschwand alle Hoffnung: Viele Künstler gingen in jener Katastrophe unter, die anderen fanden mit Gefahr ihres Lebens. Peruzzi wurde gefangen und seiner stattlichen Anschauung wegen für einen verkleideten Prälaten gehalten, von welchem man grosses Lösegeld hoffte. Nach vielen erduldeten Beschimpfungen und Misshandlungen machte er den Feinden endlich begreiflich, dass er ein armer Künstler sei, und so musste er, um sich zu überzeugen, das Bildnis des verhassten Connetable malen. Jetzt erhielt er seine Freiheit, wurde aber auf dem Wege nach Siena auf’s Nene gefangen, und überdies auch noch geplündert. In diesem traurigen Zustande langte er in Siena an, wo sich aber Freunde beeiferten, ihn zu unterstützen und Arbeit zu verschaffen. Diese bestand hauptsächlich in Erbauung von Privathäusern, und in der Decorirung der oben erwähnten Orgel der Kirche del Carmine. Auch übertrug man ihm die Vollendung der Befestigungswerke. Um dieselbe Zeit wollte Clemens VII. als Ingenieur im Kriege gegen Florenz gebrauchen, allein der Künstler wollte gegen eine ihm teuere Stadt nicht im Felde ziehen, und folgte dem Begehren des Kirchenhauptes nicht.
Darüber wurde der Papst etwas empfindlich, und der Künstler musste nach hergestelltem Frieden die Vorbitte dreier Cardinäle ansprechen. Nach erlangter Verzeihung setzte er in Rom seine gewohnten Arbeiten fort. Er gab den Fürsten Orsini verschiedene Zeichnungen zu Palästen, von welchen die einen zu Viterbo, die anderen in Apulien aufgeführt wurden. Der Hof des Palastes Altemps zu Rom gilt ebentalls für sein Werk, ist aber vielmehr von Peruzzi restaurirt.
Ein wahrhaft originelles Gebäude, eines der herrlichsten der neueren Roms, ist der von Peruzzi erbaute Palast Massini, der neben der Farnesina an Anmuth und Zierlichkeit wenige sein Gleichen hat. Es ist diess ein Werk der sinnreichsten Anordnung, da die Lage nicht beschränkter und unregelmässiger hätte sein können. Der gebogenen Richtung der Strasse entsprechend befindet sich die Fagade des Palastes in einem kreisförmigen Aufriss. Eine dorische Saulenordnung umfasst den Umriss des Erdgeschosses, dessen Mitte ein Vorhaus mit freistehenden Säulen gibt. Von dahin gelangt man in einen kleinen Porticus, und die Thüre steht gerade der Säulenweite des Einganges gegenüber. Der Raum ist eng und klein, aber alles, was ihn ausfüllt, ist groß und schön gemächlich; überall ist Schönheit und klassische Vollendung. Die Bauhütte des Künstlers, das letzte Werk des Künstlers, welches er nicht mehr beenden konnte. Er starb 1530 nicht ohne Verdacht einer Vergiftung; seine Familie erbte nichts, als seinen berühmten Namen. Die Künstler veranstalteten ihm ein ehrenvolles Leichenbegängniss, und seine Begräbnisstätte wurde ihm im Pantheon neben Rafael angewiesen. S. Serlio erbte zum Theil seine hinterlassenen Schriften und Zeichnungen von Alterthümern. Er bereicherte mit denselben seine Abhandlung über die Architektur, besonders das IV. und V. Buch, welche die alterthümlichen Denkmäler Roms enthalten.
Das Bildnis des Künstlers, halbe Figur, sticht ein Ungenannter. Auch andere Werke dieses Künstlers wurden gestochen: Alberti, Ch., die Anbetung der Könige.
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