Palladio war 29 Jahre alt, als er in seine Vaterstadt zurückkehrte, um die Summe seiner Kenntnisse anzubieten. Man glaubt, er habe zuerst einen Anteil an der Erbauung des Theaters in Udine genommen, indem Temanza an mehreren Teilen des Gebäudes Pal- ladio’s Kunstweise erkannte. Einen größeren Spielraum fand sein Talent bei der Wiederherstellung der Basilica von Vicenza, ein Gebäude im gotischen Stile, welches damals dem gänzlichen Ver- falle nahe war. Die Sache war schwierig, so Gefahr drohend, dass mehrere Architekten darüber zu Rathe gezogen wurden. Dem Pal- ladio wurde das Werk anvertraut, welches er zu seinem Ruhme vollendete, aber in ein Gebäude umwandeln, in welchem die go- thischen Formen zwischen den Gallerien der dorischen und joni- schen Art ganz fremd hervorblücken. Palladio baute um den Saal, welchen er erhalten sollte, zwei Gallerien, die untere in dorischer, die obere in jonischer Ordnung. Die Säulen sind an den Pfeilern der Arkaden halb eingemauert, der Bogen ebenfalls auf einzelnen kleinen Säulen ruhend. Das dorische Gesims ist mit Triglyphen und Metopen geziert, das jonische trägt eine Balustrade, welche die Brustlehne einer rings herumlaufenden Plattform bildet, über welche sich eine Art von Attika erhebt, deren Pfeiler zwischen den Säulen mit runden Öffnungen durchbrochen sind, welche dem alten Baue angehören. Diese Umwandlung des Gebäudes, welche wir mit Quatremere de Quincy (Leben der berühmtesten Architek- ten etc.) nicht eine glückliche Restauration nennen wollen, ver- schaffte dem Künstler einen Ruf nach Rom, wo Papst Paul III. Entwürfe zur neuen Peterskirche machen liess. Allein: da drang Palladio nicht durch, weil der Papst bald darauf starb, und so richtete er wieder sein Augenmerk auf die alterthümlichen Gebäude
Palladio, Andrea. 479
der Stadt. Er gab im Jahre 1564 auch ein kleines Werk über die römischen Denkmäler heraus, welches einige Auflagen erlebte.
Nachdem der Künstler wieder in seine Vaterstadt zurückgekehrt war, beeiferte sich jeder Baulustige, einen Plan von Palladio zu erhalten. Die Zahl der Gebäude, die sich nach seinen Entwürfen zu Vicenza und in der Umgegend, zu Venedig und anderen Städ- ten des Gebietes erhoben, ist sehr bedeutend, denn man fand fast nur eine Kirche, jenen Palast, jene Villa u. s. w., schön, welche nach
Palladios Plan erbaut waren. Seine Phantasie war ausserordentlich reich, sein Geschmack durch das Studium der Werke einer frühe- ren, besseren Zeit geläutert, und nicht minder glücklich der Sinn für das decorative Element der Architektur. Er wusste die Formen der römischen und griechischen Baukunst auf das mannichfaltigste zu verbinden, und sie dem modernen Begriffe anzupassen. Alles dieses mit grosser Freiheit, da er sich nie sklavisch an die alten Typen hielt. Bei den Stadtpalästen ordnete er mit grosser Eigen- thümlichkeit die Säulenordnung so an, dass dadurch zugleich auch ein Säulengang entstand. Die Erdgeschosse bestehen meistens aus einfachen Arkaden ohne Gurten. Sehr oft dienen diese Säulen- gänge dem oberen Stockwerke statt eines Untersatzes in Bossage; die Bossagen selbst bediente er sich mit Geschmack, aber mit Maass, und trieb es nie bis zu den festungsartigen Mauern des früheren florentinischen Häuserbaues. Doch wusste Palladio sehr wohl, dass Bossagen, so wie regelmässig behauene Werkstücke, die Wirkung erhöhen und die Schönheit der Säulen- und Verzierungen in ein noch glänzenderes Licht setzen können.
Sein Werk ist der prächtige Palast Tine an der Strasse S. Stefano auf einem massiven Untersatze, mit Arkaden, die Haupt- etage mit corinthischen Pilastern geziert. Der Bau wurde nicht ganz vollendet, der Plan aber ist vollständig in Palladios Architekturwerk. Einer der elegantesten Paläste ist derjenige, welchen er zu Vicenza für Giuseppe de Porti erbaute, eigentlich ein Dop- pelpalast, der auf zwei Strassen stösst. Im Erdgeschosse sind Ar- kaden mit wenig vorstehenden Bossagen, auf welchen der Unter- satz der jonischen Säulen ruht, welche die sieben Fenster der Fa- cade trennen. Im Hofe ist eine Gallerie in compositer corinthischer Ordnung. Im Palast Valmara wendete er Pilaster an, welche die obere und untere Etage durchreichen, und die Loge des Gartens daselbst zierte er mit einem corinthischen Peristyl. Prächtig ist sein Pal- ast zu Maser im Trevisanischen, in welchem Eleganz mit Pracht sich paart. Der Palast Barbarano ist nicht minder von Bedeutung, so wie der kleine tempelähnliche Palast in der Vorstadt S. Croce zu Padua.
Die Paläste und Wohnhäuser, welche nach den Plänen dieses Künstlers ausgeführt wurden, sind zu zahlreich, als dass wir sie hier aufzuzählen im Stande wären. An diese Werke reiht sich dann eine grosse Anzahl von herrlichen Landhäusern, womit er die Umgegend von Vicenza und die Staaten Venedigs zierte. Da hatte seine Einbildungskraft noch freieren Spielraum, da er durch das Terrain nicht beschränkt war, wie in den Städten. Sein Combinationsvermögen konnte sich auf das mannichfaltigste äus- sern. Vor allem bewundert wurde die Villa Capra oder Rotondo bei Padua. Lord Burlington nahm sie beim Bau seines Land- hauses zu Chiswick zum Vorbilde, und ihm folgten bald mehrere andere englische Grossen. In Capra waren ehedem auch die Origi-
Palladio, Andrea.
Vorsicht
Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.
Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.
Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_qsM-AAAAcAAJ_2/