Olivier, Johann Heinrich Ferdinand von

Olivier, Johann Heinrich Ferdinand von, Landschaftsmaler und Professor der Kunstgeschichte an der königlichen Akademie in München , wurde 1785 zu Dessau geboren, und obwohl sein Va- ter, ein um das Erziehungswesen in Deutschland hochverdienter Mann, schon frühzeitig die entschiedene Neigung des Knaben zur Kunst bemerkte, so mussten vorerst doch die allgemeinen Schul- studien, vor allem gepflegt werden. Seine ersten Kunststudien machte er dann unter der geistvollen Anleitung des Dr. C. W. Kolbe, und das Beispiel dieses Mannes, der auf seinen Zögling auch in Bezug auf dessen übrige Ausbildung gleich wichtigen Einfluss hatte, erregte in ihm zuerst eine Vorliebe für das Fach der Landschaft. Später nahm sich der Kupferstecher Haldenwang des lernbegierigen Jünglings an, allein noch immer hatte der Vater den Wunsch, in einem seiner Söhne einen Pädagogen heranzubilden. Ferdinand musste ihn daher 1802 als Hüllslehrer nach Berlin begleiten, hier aber erhielt er die väterliche Einwilligung, ungeteilt seiner Hauptneigung folgen zu dürfen. Schon während der zwei vorher- gehenden Jahre hatte er sich unter Leitung des Professors Unger mit der xylographischen Technik vertraut gemacht, und selbe bei der Herausgabe des großen Elementarwerkes seines Vaters mit glücklichem Erfolge in Anwendung gebracht, jetzt aber ging er mit seinem Bruder Heinrich nach Dresden , doch weniger um vom Besuche der Akademie Nutzen zu ziehen, als die dortigen Kunstsammlungen zu benutzen. Die beiden Olivier verlebten von jetzt an eine Reihe von Jahren mit allem Eifer der Kunst, da sie sich auch der Gunst und der Unterstützung des Herzogs Franz von Anhalt zu erfreuen hatten, so wie sich denn damals überhaupt das Interesse für die Kunst wieder gesteigert hatte. Die Weimar’schen Kunstfreunde, Goethe an ihrer Spitze, hatten auf den Grund der Bestrebungen Winckelmann’s vornehmlich die Liebe zur antiken Kunst, überhaupt einen lebhafteren Anteil an den schönen Kün- sten angeregt, während die beiden Schlegel, L. Tieck u. a. den Sinn für die Kunst des Mittelalters besonders in Deutschland und Italien weckten. Dresden galt damals in gewisser Hinsicht als der Herd, wo das Feuer dieser neuen Kunstbegeisterung reichlich Nahrung fand, und nach beiden Richtungen hin sich verbreitete. Auch von Olivier wurde von diesem neuen Streben erfüllt, und er ist neben Mechau und Kaaz einer der wenigen, welche die Landschaftsmalerei nicht als Getrenntes behandelten, sondern erkannten, dass sie nur als lebendiges Glied der historischen Kunst

zu ihrer wahren Höhe sich zu erheben vermöge. Die politischen Verhältnisse von 1806 entfernten den Künstler auf einige Zeit von seinen Studien, indem ihn sein Landesherr zu diplomatischen Zwecken in seine Dienste rief. Doch schon im folgenden Jahre konnte er in Paris sich wieder ungehindert der Kunst widmen, deren Stu- dium jetzt für ihn um so ergiebiger wurde, da ihm das Musee Na-

Poldon, welches damals mit den grössten Werken aller Zeiten prangte, die reichsten Quellen aufschloss, Olivier behielt hauptsächlich die großen Historienmaler im Auge, und nahm für die Landschaft einen solchen Maassstab, wonach sie sich eignete, selbst Figuren im ernsten historischen Style in sich aufzunehmen, die aber nicht als zufälliges Beiwerk (Staffage) erscheinen, sondern stets in der Idee des Ganzen innig verwebt sind.

Im Jahre 1808 erhielten die beiden Olivier Gelegenheit, von dem bisher Erlernten im Grösseren eine Anwendung zu machen. Der Herzog von Dessau trug ihnen auf, gemeinschaftlich mehrere historische Bilder von ansehnlichem Umfange für ihn auszuführen, von welchen die Taufe Christi und die Einsetzung des Abendmahls zur Ausschmückung der von dem Herzoge hergestellten gotischen Kirche in Wörlitz bestimmt wurden. Die Künstler erhielten den Auftrag, diese beiden Gemälde im strengen alten Kirchenstil zu halten, und die Empfehlung ihres Fürsten an Derion verschaffte ihnen eine unumschränkte Benützung des Museums. Zu diesem Auftrage kam dann noch ein anderer, die Ausführung eines lebensgrossen Reiterbildes von Napoleon, welches mehr einen historischen Charakter tragen, als einen bestimmten Zug aus dem Leben des Kaisers schildern sollte. Zur Erreichung der Ähnlichkeit blieb nichts übrig, als die besten sich vorfindenden Porträts zu Grunde zu legen, und durch häufige Betrachtung der Person des Kaisers die unmittelbare Naturwahrheit, so viel es sich thun liess, zu erreichen. Dieses Gemälde wurde in Dessau aufgestellt, wovon später Leute aus der nächsten Umgebung des Kaisers urtheilten, dass es in Ausdruck, Haltung und Gebärde der Wahrheit näher käme, als die meisten bekannten Bildnisse der französischen Meister. Der ganzen Anordnung nach stellte es den Kaiser als überwunden und im vollen Rückzuge dar, aber dieser Sinn entging den Augen der Franzosen. Zu Anfang des Jahres 1810 verließ Olivier Paris, und kehrte in die Heimath zurück, wo er vor allem die in Frankreich angefangenen Werke vollendete, bis ihn endlich der politische Druck, unter welchem damals das nördliche Deutschland seufzte, in Österreich ein Asyl zu suchen zwang.

Er kam 1811 mit seinem jüngeren Bruder, Friedrich von Olivier, in Wien an, wo durch Wächter, einem unmittelbaren Nachfolger Carstens, die neue Kunstrichtung nur bei einigen jüngern Künstlern Eingang gefunden hatte, und Olivier gelang es, für diesen engeren Kreis mehrere Jahre hindurch in seinem Hause einen Ver- einigungspunkt zu bilden. In Wien schloss sich Olivier auch an den Landschaftsmaler Joseph Kuch an, der unsern Künstler bei den heftigen Widersprüchen, die er erfuhr, ermunterte, auf seiner Wien bei Kunike auch eine Fülle von eigenhändig betretenen Bahn fortzufahren. Olivier unternahm jetzt wiederholte Reisen nach Steiermark und Salzburg, und die von dort mitgebrachten Studien, weil sie etwas anderes als die bis dahin gewöhnlichen Veduten enthielten, haben wenigstens in Wien vieles beigetragen, dass die Aufmerksamkeit auf die ausserordentliche Schönheit jener Gebirgsländer geleitet wurde. Er gab 1823 zwei Blättern heraus, unter dem Titel

„Sieben Gegenden aus Salzburg und Berchtesgaden nach den sieben Tagen der Woche, verbunden durch zwei allegorische

Blätter.

Diese Blätter gehören zu den vorzüglichsten Leistungen, die bis dahin im landschaftlichen Fache erschienen. Anordnung und Com-

Die Position der Figuren und Gruppen, sowohl in den Landschaften, als in den allegorischen Blättern, sind ernst und edel, in jenem Geiste, welcher die damalige Richtung beherrschte.

Hierauf widmete sich Olivier wieder mit aller Liebe der Ölmalerei, und so entstanden nach und nach mehrere größere und kleinere Werke, größtenteils historische Landschaften, und auch einige rein-historische Darstellungen, Werke, von welchen mehrere mit dem größten Beifalle aufgenommen wurden, da sich in ihnen der Gedanke in schönster Klarheit entfaltet, bei der liebevollsten Innigkeit und Sorgfalt in Auffassung und Darstellung der Details. Dann zeichnen sich seine Werke durch eine eigenthümliche Bestimmtheit der Form und durch eine bewunderungswürdige Klarheit des Tons aus.

Vom Jahre 1833 an malte Olivier wenig mehr, da er in diesem Jahre zum Professor der Kunstgeschichte und zum funktionierenden General-Secretär der königl. Akademie der bildenden Künste in München ernannt wurde. Dieser neue Wirkungskreis hatte ihn von der praktischen Ausübung der Kunst entfernt, und mehr seine wissenschaftliche Tätigkeit in Anspruch genommen. Erst 1838 sah man auf der Kunstausstellung in München wieder Werke von ihm, und Olivier hat damit gezeigt, dass sich in Folge anderweitiger Geschäfte seine künstlerischen Kräfte keineswegs vermindert haben. Wir lesen im Kunstblatte No. 5 desselben Jahres, dass sich dieselben vielmehr konzentriert hätten, und in freierer Entwicklung, geleitet von dem ursprünglich inwohnenden feinen Natursinn, einer wo möglich gehobenen Anschauungsweise dienten. Diese Behauptung erzeugte das wirklich schöne Gemälde mit einem altherümlichen, aber wohnlichen Schlosse in der Mitte, wo rechts schlanke Bäume aufstreben, links eine volle schattige Baumgruppe sich ausbreitet, und im Vorgrunde dem Weiher ein Bach mit leuchtendem Fall entfließt. Die Gegensätze, die dem Landschaftsmaler zu Gebote stehen, von Erhebung, Senkung und Fläche, schweren und leichten Massen, weichen und scharfen Linien, Licht und Schatten, Nähe und Ferne etc., sind hier mit reinstem Gefühl, mit größter Müßiggkeit in Folge der Verbindung gebracht und mit gleich grosser Anspruchslustigkeit vorgetragen. Ausser der dem Künstler in hohem Grade eigenen feinbestimmenden Zeichnung muss man dann auch noch die Kunst der Abrundung, der Perspektive, das freie Vor- und Zurücktreten der Flächen und der erhobenen Gegenstände, die warme, tiefe und doch höchst liebliche Färbung, und die geschmackvolle Ausführung rühmen. Olivier ist eigen- thümlich in seinen Landschaften, die daher von einem eigenen Standpunkte aus aufgefasst werden müssen. Die historische Landschaft wurde von dem alten Reinhard, Koch und Olivier lange allein geübt, und auch jetzt noch ist die Zahl der Künstler, welche auf dieser Bahn wandeln, nicht gross.

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