Odevaere, Joseph Dionis

Odevaere, Joseph Dionis, Historienmaler, geboren zu Brügge 1775, gestorben zu Brüssel 1830. Dieser oft mit Rulun genannte Künstler war der Sohn angesehener Bürgersleute, die ihm im Augustinercollegium zu Brügge eine gelehrte Bildung gaben, und schon war der Sohn Willens, die Universität Löwen zu besuchen, als die französische Revolution ausbrach, welche der Lage der Dinge eine andere Wendung gab. Sein Vater betrieb die Handlung, musste aber 1794 auf einige Zeit vor den Franzosen weichen, und indem damals der Handel überhaupt eintrübte, so fanden es die Eltern auch nicht geraten, dass der Sohn sich derelben widme, wie er Willens war. Nach Brügge zurückgekehrt, verlegte er sich daher mit Eifer auf die Malerei, und da er nach dem Beispiele des G. X. de Saint schon früher grosse Vorliebe für diese Kunst gewonnen hatte, so erhielt er bereits 1796 den Preis der Akademie seiner Vaterstadt. Jelzt, begab sich der junge Künstler nach Paris , um unter Suvöc seine Studien fortzusetzen, als aber dieser das Direktorat der französischen Kunstschule in Rom übernahm, musste sich der junge Odevaere um einen anderen Meister umsehen. Diesen fand er in David, dessen Schule bereits mit Ruhm genannt wurde. Er gewann hier bald den zweiten Preis der Zeichnung, und da er sich mit gleichem Fleisse auch auf die Malerei verlegte, so wagte er es, 1802 um den Preis derselben zu concourriren. Die Aufgabe war die Darstellung von Sabinus und Epounina, und obwohl dieses Bild immerhin Vorzüge hatte, so konnte er doch den Preis nicht erlangen. Doch wurde er dadurch nicht entmutiget, im Gegentheile zu grösserer Thätigkeit gespornt, und so erhielt er 1804 mit allgemeiner Übereinstimmung den großen Preis der Malerei. Das Preisbild stellt den Tod des Phocion dar, der mit vier seiner Mitbürger aus dem Giltbecher trinkt. In Landon’s Annales IX. p. 21 ist es im Umrisse gestochen. Der Kaiser Napoleon empfing damals den Künstler sehr ehrenvoll, und als er hierauf nach Brügge zurückgekehrt war, wurde er festlich empfangen, als ein Künstler, auf welchen man die grösste Hoffnung baute. Im Jahre 1805 begab er sich als Pensionär des französischen Institutes nach Rom, um daselbst seine Studien fortzusetzen. Odevaere verweilte acht Jahre in Rom, und führte hier mehrere Gemälde aus, die nicht nur in seinen Vater-

Odevaere, Joseph Dionis.

In Italien grosse Anerkennung fanden, wenn auch die Critik nicht immer schwieg. In Rom malte er ‘die Krö- nung Carl des Grossen und Pabst Leo III., zwei Bilder, von wel- chen das erste in de Bast’s Annales du salon de Gand p. 28 abge- bildet ist. Hierauf erhielt er den Auftrag, im Quirinal auf Monte Cavallo zwei grosse Bilder in Fresco auszuführen, das eine den Romulus mit der dem Feinde abgenommenen Beute, das andere Griechen und Trojaner im Streite um Hektor’s Leiche vorstellend; allein die Zeitverhältnisse wirkten hindernd ein. Gegen Ende des Jahres 1481 verliess Odevaere Rom, und kehrte nach Paris zurück, wo ihm jetzt der Kaiser eigenhändig die grosse goldene Krönungs- medaille überreichte. In demselben Jahre sah man von ihm auf der Pariser Kunstausstellung das Gemälde, welches den König von Rom auf dem Capitol vorstellt; ferner ein Altarbild mit dem Leich- nam Christi auf dem Schoosse der Mutter mit Johannes und Mag- dalena, lebensgrusse Figuren, und ein drittes Bild, welches er mit beiden erwähnten zuletzt noch in Rom ausführte, stellt Iphi- genie, in Aulis vor, wie sie, von der Mutter begleitet, im griechi- schen Lager vor Aulis bei ihrem Vater Agamemnon aufkommt. Dieses Gemälde ist 20 Fuss breit und 14 Fuss hoch, beurtheilt in Schlegel’s deutschem Museum IV, 336. In Rücksicht auf Dich- tung und dramatisches Interesse bot dieses Bild manchen Stoff zur Bemerkung, die Zusammenstellung so zahlreicher Figuren, der malerische Effekt, der harmonische Ton, das warme und kräftige Colorit fand aber grosses Lob. Das Bild ist auch in teehnischer Hinsicht meisterhaft und mit liebevollem Fleisse durchgeführt,

Nach der Katastrophe von 1814 begab sich Odevaere von Paris nach Brügge, wo ihn der König Wilhelm II. 1831 zum Hofmaler ernannte, und das erste Bild, welches er als solcher malte, stellt die Union von Utrecht 1579 vor. Hierauf malte er aus Auftrag des Königs die Schlacht von Nieuport, 14 Fuss hoch und 18 Fuss breit, und ein anderes grosses Bild, welches er für den König aus- führte, stellt die Schlacht bei Waterloo dar, oder vielmehr den Moment, in welchem der Erbprinz bei Waterloo verwundet wurde. Dieses Gemälde sah man 1817 zuerst auf der Ausstellung zu Gent, und hierauf wanderte es an andere Orte zur Beschauung. Von zwei kleineren Werken aus jener Zeit stellt das eine den Tod des Königs Lorenz, das andere Rafael von Urbino vor, wie ihn Bramante dem Pabste vorstellt. Andere renomirte Werke dieser Art sind fer- ner der Triumph des Cimabue, der Maler David in seinem Ate- lier, die Bildnisse des Königs und des Kronprinzen u. a. Ein Ge- mälde von grossem Umfange, 24 auf 16 Fuss gross, stellt die Grün- dung der Krone des Hauses Oranien vor, 1823 vollendet. Es ist dieses die Vereinigung der merkwürdigsten Personen, eine Scene von lebhaftem Interesse, an eine merkwürdige Geschichtsepoche erinnernd. So ein Staatsbild ist auch jenes der Inauguration des Königs zu Brüssel 1815 mit den Portraiten der bei der Feier an- wesenden Personen. Im Jahre 1826 sah man auf der Genter Kunst- ausstellung ein anderes, sehr großes Gemälde von Odevaere: die Aufopferung des Themistokles und der Athener für die Frei- heit Griechenlands, und um dieselbe Zeit behandelte er auch eine Episode aus der neuesten griechischen Geschichte, den letzten Tag von Missolonghi vorstellend. An diese Bilder reihen sich noch zahlreiche grosse Kirchenbilder und kleinere Cabinetstücke, in welchen er über viel grösseres Lob verdient, als in einigen seiner grossen Werke. Odevaere wurde lange Zeit als der erste Historienmaler genannt, obgleich über fing die Critik an, ihm seinen Ruhm etwas streitig

zu machen. Seine Schlachtbilder zeigen einen Künstler, bei wel- chem die Kräfte nicht hinreichten, zum höchsten Ziel zu gelangen. Auch in anderen Werken bleibt zu wünschen übrig, selbst in der Färbung, die bei diesem Künstler nicht die vorzüglichste ist. Auf solche Weise wird Odevaere in der Kunstgeschichte keine sehr merkwürdige Rolle spielen. Er sah in der letzten Zeit seines Le- bens selbst noch den Enthusiasmus schwinden, welchen früher seine Kunst erregte. Seine Galathea, welche er 1827 in Brüssel ausstellte, hatte wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen; sie be- friedigte weder im Colorite, noch in Zeichnung und Ausdruck. Dagegen fand ein früheres Werk: Narcissus, der sich im Wasser besieht, allgemeinen Beifall, und man zählte es zu den besten Werken des Künstlers. Es ist in de Bast's Salon de Gand abge- bildet, so wie das Bild der Phädra, die dem Theseus ihr Verbre- chen gesteht, ebenfalls ein früheres Gemälde. In den beiden letz- ten Jahren beschäftigte ihn die Ausarbeitung eines Werkes: über die schönen Künste in Italien seit ihrem Aufblühen bis auf Ra- fael: De la splendeur des beaux-arts en Italie jusqu'à Raphael, 3 Bände mit schönen Zeichnungen.

Odevaere wurde zur Zeit der Restauration vom Könige nach Pa- ris geschickt, um die aus Belgien entführten Kunstwerke zu rekla- miren, was der Künstler mit solcher Zufriedenheit bewerkstelligte, dass ihn der König zum Ritter des belgischen Löwenordens ernannte. Das vom Könige begründete niederländische Institut überreichte ihm das Diplom eines correspondirenden Mitgliedes, und mehrere Städte überschickten ihm Medaillen. Er war auch Mitglied der Akademie von St. Luca in Rom, so wie anderer Akademien. — Lignon stach nach ihm das Bildnis des Erbprinzen von Ora- nien, N. P. de Vlamynck jenes des Königs, den Narcissus, der sich im Wasser besieht, die Schlacht von Nieuport, Rafael von Bra- mante dem Pabste Julius II. vorgestellt.

Vorsicht

Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.

Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.

Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_qsM-AAAAcAAJ_2/