Nesiotes, ein alter griechischer Künstler, der erst neuerlich durch Professor Ross (Sendschreiben an Hofrath Thiersch, aus dem Fran- zösischen übersetzt im Kunstblatte von Dr. v. Schorn 1840 No. 11) seine vollen Ehren erhielt. Plinius erwähnt zwar eines Nestocles, des Zeitgenossen des Phidias , Alkamenes und Critias, allein sein monströser Name war für die Erklärer und die Geschichtschreiber der Kunst ein Räthsel, so lange man die schon von Junius vorge- schlagene, und durch Handschriften bestätigte oder wenigstens an- gedeutete Verbesserung, Nesiotes statt Nestocles, beharrlich von sich wies. Endlich widerfuhr dieser Lesart zwar ihr Recht,
durch Thiersch und andere Forscher; sie wurde als die gültige anerkannt; aber in ihrer Erklärung schlich sich ein neuer Irrthum ein, der jetzt durch L. Ross gehoben ist. Der Name Nesiotes wurde früher nicht, wie er es doch nach dem Zusammenhange musste, für einen Eigennamen, sondern für Bezeichnung des Geburtslandes des Kritias angenommen, der hiernach ein Insulaner gewesen wäre, und da nun diesem das bestimmte Zeugnis des Pausanias, nach welchem er ein Attiker war, entgegenzustehen schien, so suchte Thiersch zuerst diese widersprechenden Ansichten zu vermitteln durch die Annahme, dass er aus einem der kleinen, namenlosen Eilande an der attischen Küste gebürtig gewesen sei, worauf C. O. Müller seine früher ausgesprochene Meinung, er sei ein Aegi- nete gewesen, dahin modificirte, dass er ihn für einen Kleruchen auf Lemnos hielt, also zugleich für einen Eiländer und attischen Bürger. Als bestätigendes Zeugnis hierfür wurden noch zwei Stel- len des Lukianos angezogen, wo Kritias ebenfalls Nyocwörns ge- nannt zu werden schien; obgleich wenigstens in einer derselben sämmtliche Handschriften beide Namen getrennt gaben, und so auch den Nesiotes als Eigennamen darstellten. S. alle diese Stel- len Kunstblatt 11. c. Nun fand sich aber in einer 1835 in Athen am Aufgange zur Akropolis vor den Propyläen ausgegrabenen In- schrift, auf einer Basis von weissem Marmor, die eine Statue ge- tragen hatte, ein Künstler Nesotes, als Mitarbeiter eines andern, von dessen Namen nur die Silbe ΟΧ übrig geblieben ist, s. Tafel No. 1 im Kunstblatte. Da nun die Inschrift nach ihrem allgemei- nen paläographischen Charakter vor das Archontat des Eukleides, und nach der Form des Buchstaben Σ’ sogar vor die 80ste Olym- piade gesetzt werden muss, so schloss L. Ross, dass dieser Ne- sotes derselbe Künstler sei, den Plinius und Lukianos als Zeitge- nossen des Phidias und Kritias hatten bezeichnen wollen, und dass folglich in ihren Texten dieser Name statt des corrumpirten Nesto- cles oder Nnowirns wieder herzustellen sei; allein später fand Ross den letzteren Namen auf einer zweiten Inschrift aus derselben Epo- che und auf derselben Akropolis zwischen den Propyläen und dem Parthenon ausgegraben, in derjenigen Form, welche der Text des Lukianos und die nach Handschriften berichtigte Leseart des Pli- nius darbieten. Auch hier, wie in den beiden Lukianischen Stel- len, und in der früheren Inschrift erscheint Nesiotes als Mitarbei- ter oder Gehülfe eines anderen Künstlers, der aber hier nicht Kri- tias, wie bei Lukianos, sondern Kritios heißt. Diese zweite In- schrift findet sich auf einer Basis, die ohne allen Zweifel eine von Pausanias erwähnte, und von ihm dem Kritias beigelegte Statue getragen hat. Pausanias nennt auf seinem Wege von den Propy- läen nach dem Parthenon unter andern Statuen, zunächst nach dem Heiligthum der Brauronischen Artemis und dem ehernen Stand- bilde des trojanischen Pferdes, die Statue des Hoplitodromen Epi- charinos als ein Werk des Kritias, und auch in der Inschrift er- kennt man die erste Hälfte des Namens Epicharinos, so dass also jene Inschrift aufgefunden ist, welche Pausanias vor Augen hatte, die Gründe gibt Prof. Ross auf das Wahrscheinlichste an. Dann stellt er im Texte des Pausanias die Leseart Kritios statt Kritias her, und auch das Schwanken der Rechtschreibung Nesotes und Nesiotes erklärt er, was Alles im Kunstblatte ausführlicher zu le- sen ist.
Aber warum erscheint Nesiotes immer als Gehülfe des Kritios? Verstand er für sich allein nichts zu machen? Prof. Ross erklärt dies aus der Natur des Materials. Beide waren Erzbildner, einer
vom ilmgn _ferligte das Modell, und dieser eigentliche xÄasens scheint Kritios gewesen zu seyn, der desswegen immer vor Nesio- tes genannt wird, welcher die Modelle seines Meisters in Bronze ausführte. Auf ähnliche Weise finden wir öfter Künstler- paare zusammengenannt. Die eine der von Ross erwähnten Inschriften nennt die beiden Künstler ausdrücklich, und in der anderen ist nach Ross das verstümmelte Wort „... os in Kpirıos zu ergänzen, so dass man Jesen muss: Hpitrıos xai Nngwötns &xom- satryyv. Nouch evidenter würde diess, wenn sich darthun lidsse, dass diese am Eingange der Akropolis gefundene Base zu einer der Statuen des Harmudios und Aristogeiton gehört habe. Diese Sta- tuen standen allerdings etliche hundert Schritte weiter unten, im Inneren Kerameikos; allein das Piedestal konnte ja von dort an seinen jetzigen Fundort zum Bau der grossen Batterie vor den Pro- zipyläen berbeigeschleppt worden seyn. Mehreres s. im bezeichne- ten Kunstblatte.
Nesmann, Ad. s. Nessmann.
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