Navez, F. J.

Navez, F. J., berühmter Historienmaler , wurde zu Charleroy geboren, und da er schon von Kindheit an grosse Vorliebe zur Malerei hatte, schickten ihn seine Eltern im fünfzehnten Jahre nach Brüssel, um sich derselben zu widmen. Er genoss hier den Unterricht des Malers Frangvois, besuchte auch die Akademie und als er nach Paris sich begab, hatte er bereits alle Preise der- selben gewonnen. Den Preis der Malerei erhielt er 1812 mit dem Bilde, welches Virgil vorstellt, wie er in Gegenwart der Octavia das sechste Buch der Aeneis vorliest. In Paris besuchte er Da- vid’s Schule, wo er zwei Jahre verweilte, bis David ins Exil wan- dern musste. Dieses zog ihn nach Brüssel , und auch da verweilte Navez noch zwei Jahre um den Meister, worauf er nach Italien sich begab. In Rom malte der Künstler 1820 Hagar und Ismael, allen er zeigte darin, dass der Anblick der klassischen Werke je- ner Stadt keinen überwiegenden Einfluss auf seine französische Weise gewonnen hatte. Immerhin aber waren die Hoffnungen gross, die man von ihm im historischen Fache hegte, als aber sein Gemälde mit der lebensgrossen Rebecca , die in Anleitung des Elieser dem Jakob begegnet, erschien, sagten viele, dass er diese Hoffnung nicht erfüllt habe. Glücklicher war Navez in italienischen Scenen nach Art des Carravaggio, die kräftig, wahr und mit gut gewählten Contrasten in den Figuren dargestellt sind. Beifall fan- den auch seine Darstellungen weiblicher Charaktere, denen er An- muth und zarten Ausdruck von Innigkeit und Reinheit zu verlei- hen wusste. Dagegen aber wurde das Colorit als leblos, mitunter bunt und in den hellsten Tönen als fehlerhaft getadelt. Seine Versuche, jünglern Style zu malen, blieben ohne Erfolg, zogen ihm vielmehr adel zu.

In Rom blieb Navez nicht lange; er war 1822 schon wieder in Brüssel, wo er von dieser Zeit an eine bedeutende Anzahl von Werken schuf, die ihre Vorzüge haben, aber nicht immer dem Tadel entgingen. Im Haag ist sein Gemälde des Propheten Eli- säus mit zehn lebensgrossen Figuren, und in de Bast’s Salon de Gand, p. 00 ist sein Bild der heil. Veronica im Umriss gestochen. Auch das in früherer Zeit von ihm gemalte Bildnis des Malers David ist im Kupferstiche vorhanden. 1824 malte er den Kindermord, ein Werk von nicht geringen Vorzügen, dagegen aber wurde 1827 sein Bild der heil. Cäcilia als steif und manieriert ge- tadelt. Auch 1830 fand die Kritik wieder Stoff, als Navez das le- bensgrosse Bild von Athalia und Jvas zur Ausstellung brachte. Die Zeichnung fand man correct, die Gruppierung grossartig, aber den Ausdruck übertrieben, nach französischer Weise, das Colorit grell und hart im Ton. Der Künstler hatte die Lehren David’s noch immer nicht vergessen. Vorzüglicher ist das Gemälde mit der heil. Jungfrau und dem Kind, welches der Künstler um die- selbe Zeit malte. Die Heilige ist in Lebensgrösse auf dem Throne in einer Nische dargestellt, nach Art des Perugino. Die Köpfe

sind ausdrucksvoll, höchst edel, das Colorit ist glänzend, aber hier dennoch harmonisch; an diese heilige Darstellung reiht sich eine mythologische Scene; die Flussnymphe Salmacis, wie sie den schö- nen Hermaphrodit umarmt, in Lebensgröße. Dieses Bild hat gute Zeichnung, viel Ausdruck, edle, aber üppige Formen. Erhaben und würdevoll sind aber die Gestalten eines folgenden Bildes, wel- ches die Hoffnung und den Glauben vorstellt. Mittlerweile malte Navez immer auch Bilder im kleineren Maßstabe, mit Figuren in halber und unter halber Lebensgröße, und diese Werke sollen ihm am besten gelingen. Im Kunstblatte wird seiner öfter erwähnt, mehr oder weniger tadelnd, und dass der Künstler von seiner ein- mal angenommenen Weise nicht gewichen, beweisen auch noch die neueren Critiken über seine Werke. Im Kunstblatte von 1836 wird ebenfalls noch seine conventionelle Behandlungsweise von hei- ligen Genossen wie früher gerügt, bei Gelegenheit der Aus- stellung jenes Bildes, welches in einer hässlichen Manier die heil. Jungfrau vorstellt, wie sie der heil. Anna und dem heil. Joachim Gebet hersagt. Indessen ist zu bemerken, dass in den Navez- schen Bildern immer so viel Correctheit der Zeichnung, Glanz und Schimmer sind, dass sie blenden könnten, und es fehlt ihm auch nicht an Bewunderern, da nicht jeder einen so strengen Maßstab an seine Werke legt, als dieses öfter im Kunstblatte geschehen ist. Als ein solches verführerisches Bild wird 1837 die Ehebre- cherin bezeichnet, welche auf dem Pariser Salon desselben Jahres zu sehen war: Die weinende, händeringende Courtisane ist ein be- wunderungswürdig schönes Weib; aber ruft der Referent aus, wo sehen wir den Erlöser? wo bleibt die Parabel? jene aufeinander gehäuften Figuren in halber Lebensgröße bilden eine verwor- rene, unverständliche Scene. Wenn eine Coquetterie in der Ma- terie überhaupt verwerflich und unzulässig ist, so erscheint sie in Behandlung eines so ernsten Gegenstandes doppelt strafbar. An diese Werke, deren es noch mehrere gibt, reihen sich die Bild- nisse; die Navez mit bekannter Meisterschaft behandelt. Er wählt immer vortheilhafte Stellungen aus, und außer der Ähnlichkeit besticht er auch durch den Glanz seiner Färbung.

Als charakteristisches Kennzeichen von Navez fanden wir früher angegeben, dass sich fast in jedem seiner Bilder ein böses, mür- risches Gesicht finde, so wie auch die braunen Gesichter und die hohlen Augen mit dem tief ernsten Blick charakteristischer Weise in seinen Werken sich wiederholen sollen. Man findet diese Tatsachen in dem Gemälde mit Joas und Athalia, in jenem mit den wandernden Musikanten und in anderen, wenigstens früheren Werken bestätigt.

Navez hat schon mehrere Schüler gebildet, und man misskennt auch in ihren Werken den Meister nicht. Es ist darin eine ge- wisse Nachfolge der Navez’schen Manier unverkennbar. Im Jahre 1837 ernannte ihn der König zum Ritter des Leopold Ordens:

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