Müller, Johann Gotthard von, berühmter Kupferstecher, geboren zu Bernhausen bei Stuttgart 1747, gestorben zu Stuttgart . Sein Vater, ein Beamter, bestimmte den Sohn zum Studium der Theologie, und letzterer sollte daher am Gymnasium zu Stuttgart den Grund dazu legen. Daneben besuchte Müller aus Neigung zur Kunst die 1761 von Herzog Carl errichtete Kunstakademie, und machte da so schnelle Fortschritte in der freien Handzeichnung, dass er, eben im Begriffe, die Universität Tübingen zu beziehen, von seinem Fürsten aufgefordert wurde, sich ganz der Kunst zu widmen. Obgleich der Vater lieber einen Theologen an ihm gehabt hätte, so bewog ihn die natürliche Neigung dennoch, dem Rufe des Herzogs zu folgen, der ihn auch auf seiner neuen, 1764 betretenen Laufbahn großzügig unterstützte. Müller befliss sich zuerst zu Ludwigslust in der Schule des damaligen ersten Hofmalers Guibal der Malerei, widmete sich aber nach dessen Wunsch der Kupferstecherkunst, worin er dann während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Paris von 1770 — 76 des Rathes und Umganges des berühmten Wille sich zu erfreuen hatte. Schon in dieser Zeit erwarb sich unser Künstler mehrere akademische Preise und einen bedeutenden Namen, wie er doch auch 1776 zum Mitglied der k. Akademie der Künste zu Paris aufgenommen wurde. In demselben Jahre aber berief ihn der Herzog nach Stuttgart zurück, um hier eine Schule für Kupferstecher einzurichten. Die Meisterwerke, die er darauf in Stuttgart lieferte, wird man aus dem Verzeichnisse ersehen. Seine erste Arbeit daselbst war der Stich des historischen Blattes: „Alexandre vainqueur de soi-même“, nach dessen Vollendung, 1781, er sich genötigt sah, mit seiner Platte nach Paris zu gehen, um sie dort abdrucken zu lassen, indem er sie der in Stuttgart von ihm errichteten Kupferdruckerei nicht anvertrauen konnte. Der anerkannte Werth seiner Arbeiten verschaffte Müller im Jahre 1785 den Ruf nach Paris, um das Portrait Ludwigs XVI. in ganzer Figur zu stechen. Er verfertigte sich dazu dort nach dem Gemälde von Duplessis eine sehr studirte Zeichnung, nach welcher er es in Stuttgart mit dem Grabstichel aus-
Müller, Johann Gotthard von.
führte. Um den eigenthümlichen Werth des Künstlers zu bestim- men, darf man z. B. auf diesem Blatte nur den Kopf des Königs betrachten, wenn aber dieser Kopf nicht ganz so ähnlich ge- funden wurde, als in dem so schön gestochenen Blatte von Bervic, so kommt dies daher, weil das Original zu Bervic’s Stich 10 Jahre später gemalt worden war, als jenes, wunach Müller stechen musste, und wozu der Kopf schon 1774 nach dem Leben gemalt worden war. Wie sehr die Züge des Königs sich später verändert haben, ist bekannt. Es war indessen natürlich, dass man auf einen so ausgezeichneten Künstler auswärts immer aufmerksamer wurde, und ihn an sich zu ziehen suchte. In dieser Absicht wurden, als er bei Aufhebung der hohen Carlsschule seine Stelle und seinen Ge- halt verloren hatte, von Dresden aus Unterhandlungen mit ihm gepflogen, die aber zu keinem Resultate führten, da er zu glei- cher Zeit von dem damaligen Erbprinzen, nachmaligen König von Würtemberg, die Versicherung einer vortheilhaften Wiederanstel- lung erhielt. Im Jahre 1802 machte ihm zu Paris während seines Jetzten dortigen kurzen Aufenthaltes der Graf Cobenzl die vortheil- haftesten Anträge, wenn er bei der Wiener Akademie die Direktion über den Zweig der Kupferstecherkunst übernehmen wollte, und unfehlbar würde er diesen Ruf angenommen haben, wenn er nicht von seinem Landesherrn auf eine großmütige Art entschädigt wor- den wäre. Seit dieser Zeit blieb Müller fortwährend als Professor der Kupferstecherkunst in Stuttgart, und führte seine Schule fort, durch welche er der deutschen Nation den neuen Ruhm erwarb, dass die Kunst mit dem Grabstichel zu arbeiten gerade zu der Zeit, wo ihr durch viele andere, zum Theil neuerfundene Kupferstich- arten beinahe völliger Untergang drohte, nun aufs neue von ver- schiedenen deutschen Künstlern mit Erfolg unterstützt ward. Un- ter seinen Schülern haben sich vorzüglich Leybold, Bitthäuser, Ulmer, Barth, Rist, Hof, Krüger, und besonders sein Sohn Christian Friedrich rühmlich bekannt gemacht. Die allgemeine Anerkennung seiner Verdienste spricht sich auch durch mehrere öffentliche Ehrenbezeugungen aus. So ward er im Jahre 1804 von der Berliner Akademie zu deren ordentlichem Mitglied, im J. 1814 von der Akademie in München zum Ehrenmitgliede ernannt; im Jahre 1808 wurde er vom König Friedrich zum Ritter des Ver- dienstordens ernannt, und vom König Wilhelm, im Jahre 1818 zum Ritter des Ordens der Würtembergischen Krone erhoben.
Es ist schade, dass dieser vortreffliche Künstler nicht frühzeitig an einem Orte lebte, wo er unter trefflichen historischen Gemälden des edilen Styls für seinen Grabstichel wählen konnte. Indessen hat sein Stich auch in den beiden Blättern nach niederländischen Meistern den ihm gebührenden Beifall erhalten. Wahr aber ist es, dass ein Kupferstecher durch die Gelegenheit, nach großen und edlen Meistern zu stechen, seine Kunst geltender zu machen ver- mag, wie dies selbst Müller’s spätere Blätter beweisen. Anfangs beschäftigte er sich mehr mit Portraitstichen, und schliesst sich auch hierin an die grössten älteren Meister dieses Faches an.
Sein Verdienst als guter Zeichner, welches so manchem sonst geschulten Kupferstecher abgeht, setzte ihn überall in den Stand, die Kunst seines Grabstichels gehörig zu entwickeln, und was dies betrifft, so darf man wohl behaupten, dass er die frühere Behandlung des Stiches, welche die eigenthümliche Weise und selbst das Colorit der Gemälde wiedergab, mit der neuern An- wendung des Grabstichels, wie er seit Wille gebraucht und miss-
Müller, Johann Gotthard vom.
braucht wurde, seit welcher Zeit er gleichsam Anspruch auf einen neuen Kunstcharakter machte; in eine glückliche Vereinigung ge- bracht hatte, die man nur bei weniger neuern Kupferstechern fin- det; ein Vorzug, den er wohl besonders seiner früheren Übung in der Malerei verdankt. Im Kunstblatte und in andern Schriften über Kunst werden die Verdienste dieses Künstlers erhoben, und eine ausführliche Biographie lieferte der schwäbische Merkur 1830 No. 71, und Kunstblatt 1830.
Folgendes ist das vollständige Verzeichnis seiner Werke, in der Ordnung, wie er sie vollendet hat.
Das Bildnis des Künstlers stach E. Morace nach Tischbein.
Bacchus mit einem jungen Faun, nach Golzius, 1771, kl. fol.
Ceres von einem Mädchen begleitet, nach demselben, 1771, kl. fol.
Frédéric Maurice de la Tour d’Auvergne, Vicomte de Turenne, nach R. Nanteuil, copirt 1772, kl. fol.
La petite Javotte, P. A. Wille filius del. 1772, 4.
La mère Brigide, nach demselben, 1772, 4.
La Nymphe Erigone, nach N. R. Jollain, Oval, 1773, kl. fol. Dieses Blatt ist dem Herzog Carl v. Würtemberg zugeeig- net, Probedruck vor der Schrift, nur mit dem Wappen und des Stechers Namen, bei Weigel 18 gr. ;
Joueuse de Cistre, nach Wille dem Sohn, 1774, fol.
Obige Blätter sind die ersten Versuche des Künstlers, die nachherige Kupferstecher zu seinen gelungenen Blättern zäh- len würde.
Louis Leramberg, sculpteur du roi etc. peint par A. S. Belle; avé pour sa reception à l’académie 1776. Er stach es aber das Jahr vorher. Oval, fol. Bei Weigel ein Probedruck vor aller Schrift 2 Thlr. 12 gr.
Louis Galloche, peintre du roi etc. peint par Tocque, gravé pour sa reception à l’académie 1776, fol.
Fierro, Direktor der k. Akademie, in seiner Jugend von ihm selbst gemalt, ebenfalls 1776 gestochen, fol.
J. G. Wille, Graveur du Roi, nach Greuze, 1776, ein vor- treffliches Blatt, und das letzte, was er in Paris gestochen, fol.
Der heil. Hieronymus, Stuttgart 1778. Dieses kleine, geist- reiche Radierblatt machte er nach seiner Rückkunft für Lavater.
Alexandre vainqueur de soi-même, peint par G. Flinck de Véelcolc de Rembrandt, 1781. Ein treffliches Blatt, gr. qu. fol.
In den ersten seltenen Abdrücken vor dem Namen: St. Lambert. Bei Weigel 2 Thlr.
- Loth avec ses filles, peint par G. Honthorst 1623, gravé 1762, qu. fol. r
Im ersten seltenen Drucke vor Frauenholz’s Adresse,
- La mère Brigitte, peint par F. Tischbein 1780, grav. 1784, „ fol.
Es ist dies das Portrait der ersten Frau des Künstlers nach einem der besten Pastellgemälde des Leipziger Prof.
- Louise Elisabeth Vigée le Brun, nach ihrem eigenen Ge-
Müller, Johann Gotthard von.
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