Melodie, in der er sich, obwohl verjüngt, wiederfinde. Diese
Randzeichnungen erschienen in der Cotta’schen Handlung, und im
Auftrage derselben reiste hierauf der Künstler 1830 nach Paris , um
die Julius-Revolutionslieder und die neuen französischen National-
gesänge in Randzeichnungen zu versinnlichen. Diese geistreichen,
lebendigen und charakteristischen Zeichnungen finden wir in dem
Werke: Souvenir du 29., 30., 34. Juillet etc.
Nach seiner Heimkehr machte sich Neureuther wieder an seine
Lieblingsbeschäftigung, an die Randzeichnungen zu den Dichtun-
gen deutscher Classiker, in welchen sein eigenthümliches romanti-
sches Talent und seine unerschöpfliche Phantasie auf bisher nie
gesehene Weise sich ausspricht, und er ist daher der eigentliche
Schöpfer seiner Art von Darstellungen aus Dichtern. Auch dieses
Werk erschien von 1832 an in der Cotta’schen Buchhandlung in
sechs Heften. Ein eigenes Werk bilden ferner die bayerischen Gebirgs-
lieder in Bildern, zwei Hefte mit Randzeichnungen, in gewohnter
Meisterschaft aufgefasst und ausgearbeitet.
So geist-, formen- und phantasiereich indessen alle bisherigen
Werke von ihm sind, so glaubt dennoch ein Referent im Kunst-
blatte 1853, No. 38, dass alle diese nur Vorstudien für das grosse
Blatt, in welchem er die wichtigsten Beziehungen des Grimm’schen Mährchens:
vom Dornröslein zu einem mälerischen Ganzen vereiniget hat. Zu dieser Arbeit gab ihm 1855
der Kunstverein in München den Auftrag, und Neureuther compoonirte und radirte da-
her sein Dornröslein als Vereinsgeschenk für 1836, welches der Di-
mension nach alle bis dahin erschienenen Blätter des Vereins über-
traf. Zwei Momente bot hier die Geschichte für die bildliche Dar-
stellung, entweder den Schlaf oder das Erwachen. Neureuther
wählte das erstere. Wir sehen das von wilden Rosen umwachsene
Schloss, und darin die Königstochter, wie sie vom Stich der Spin-
del getroffen, den hundertjährigen Schlaf schläft, und der Prophe-
zeihung zufolge alles Übrige: König und Königin, bekrönt auf
Blumenranken, der Pferdeknecht, der Jüger, die Magd, die Kö-
chin, der Koch, die Dachshündin, die Schwalbe im Neste, die
Katze etc. Alles ist entschlafen: Wo die Dornen am dichtesten
sich um die Festsäulen vor dem Schlosse ranken, sieht man die
Helden, welche den Zauber zu lösen, vor der Zeit gekommen sind.
Mit Laune weicht der Künstler hier vom Wort des Mährchens ab,
und übersetzt die „Königssöhne“ in allerhand vorgeblich sich Mü-
hende. Hier hängen in bedauerungswürdigster Lage Ritter und
Knappen, Maler und Musikanten, Spieler, Trinker und Fromme,
die alle zur Unzeit gekommen; Lebendig ist nur hoch oben die
Alte beim düsteren Schimmer der Lampe, welche Uhland in der Pa-
raphrase des Mährchens so schön die Stubenpoesie nennt. Aber
ihr Stündlein hat geschlagen; der prophezeite Königssohn ist schon
allein durch das Schloss gedrungen, und wir sehen, wie er sich über
die schlummernde Königstochter beugt, um sie mit seinem Kuss zu
wecken. Alles dieses, und noch mehr, sehen wir in Pracht und
Reichtum dargestellt. Dieses Blatt gehört aber auch in Hinsicht
auf Behandlung der Radiermalerei zu den geistreichen Werken dieser
Art; der Künstler hat großen Fleiss daran verwendet, und das
Ganze mit einer Vollendung und Freiheit ausgeführt, die eine sehr
geübte Hand voraussetzt. Im Jahre 1856 fand Neureuther auch
wieder Gelegenheit, durch ein Gemälde seine Kunst zu erproben.
Er malte neben andern Künstlern im Hönigsbäue, im Salon der
Königin Wieland’s Oberon, wo der Künstler wieder in seinem
eigenthümlichen Elemente sich bewegen konnte. Neureuther’s
Namen verkündet ferner die Prachtausgabe von J. G. von Herder’s
Cid, Stuttgart 1830. Der Künstler illustriert diese Ausgabe durch
70 Zeichnungen, welche von Thompson, Grave, Branston u. a.
meisterhaft in Holz geschnitten wurden. Jedes der vier Bücher
hat einen Prachttitel, und die übrigen Verzierungen hat der
Künstler an die Anfänge der Romanzen gesetzt, theils als Vignetten
und Randzeichnungen, theils als Arabeskenverzierungen behandelt.
Dies ist das erste illustrirte Originalwerk der deutschen
Typographie.
Im Jahre 1853 war Neureuther in Rom, wo sich ihm eine
neue Welt und reicher Stoff für sein Combinationsvermögen
darbot. Am lebendigsten sprachen ihn Roms Villen an, mit
ihren Ruheplätzen und Fernsichten, mit ihren Trümmern alter
Kunst zwischen der jugendlich fortwuchernden Natur, mit ihren
Wasserwerken, Bäumen und Blumen, mit ihrer ganzen herrlichen
Vegetation, und sie traten einzeln ihm zu Bildern zusammen.
Eines derselben, in Öl gemalt, stellt die über und in den Trümmern
der diocletianischen Kaiserpaläste wie in einem Zaubergarten
aufgeschossene Villa Milz (ehemals Spada) dar, und ausführlich
beschrieben im Kunstblatte 1830 No. 5. In der Mitte des
Gemäldes öffnet sich die düstere Halle des unteren Geschosses des
alten Palastes, mit einer Götterstatue im schwachen Dämmerlichte,
Über diesem Dunkel der Vergangenheit breitet sich der blühende
Rosengarten aus mit seinen Lauben und Gebüschen, mit seinen
Pinien und Cypressen. Links öffnet sich die Aussicht über das
Tiberthal und das alte Rom, rechts übersieht man das neue Rom.
Beide Ansichten, die eine im Schimmer der Abendsonne, die andere
im Morgensonnenduft, sind durch verzierte Rahmen eingerahmt,
und vor denselben am Boden passende Staffagen von wenigen
Figuren angebracht. Den Sockel bildet ein Aufriss der Kaiserpaläste
in ihrem ehemaligen Prachtzustande, geisterhaft, grau und unbestimmt
gehalten. Die Ölgemälde dieses Künstlers sind selten, desto häufiger
aber die Zeichnungen in Aquarell. Indessen sprechen seine
zauberisch phantastischen Gestaltungen in Fresco, in Aquarell,
in einfacher Zeichnung und in Radierung fast noch in höherem Grade
an, als in Öl. Sein Verdienst in jener Art ist ganz eigenthümlich.
Auch die oben erwähnte Ansicht von Rom von der Villa Milz aus
ist in Aquarell vorhanden. Diese herrliche farbige Zeichnung kam
1850 zur Verloosung des Kunstvereins in München. Da hatte man
öfter Gelegenheit, von seinen sinnigen Darstellungen aus Dichtern
zu sehen, so wie auch andere Bilder und Ansichten, die immer auf
originelle Weise behandelt sind. So sahen wir z. B. eine Ansicht
des Dorfes Thalkirchen im Arabeskenstil. In neuester Zeit beschäftigte
den Künstler die Darstellung des glänzenden Maskenzuges, welchen
die Künstler und Kunstfreunde Münchens im Carneval 1840 hielten.
Der Zug selbst wird in einem eigenen Werke von Dr. Marggraff
beschrieben, Neureuther stellte ihn aber nicht in jener Ordnung dar,
wie er gehalten wurde, sondern in seiner geistreichen Arabeskenform.
Die Composition ist eine der reichsten und glänzendsten dieser Art,
durch ein Gemälde in Wasserfarben und durch eine treffliche
Radierung bekannt. Im untern Theile entsteigt der mittelalterliche
Comus den Gräbern, und bläst zum Zuge. In der Mitte des Bildes
sind die Helden des Tages, der Kaiser Maximilian und Dürer in würdiger
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