Masaccio da S. Giovanni, im Valdarno

Masaccio da S. Giovanni, im Valdarno, 389

Grundton seines Kunstcharakters betrachtet werden kann; denn aus ihm erfolgte jenes Streben nach tiefster Wahrheit, nach Be- zeichnungen der leisesten Bewegungen des Gedankens und der Empfindung in der geistigen Natur, so wie nach Darstellung des Individuellsten in der körperlichen Erscheinung des Menschen, ver- bunden mit der Einfalt und Grösse, welche die Kunstauffassung vollendete. Mit diesem Künstler, sagt L. Schorn (Anmerk. zum Vasari I. c. S. 150), entschied sich der Uebergang der Malerei von typischer Auffassung, die nach Giotto und unter dessen Nach- folgern geherrscht hatte, zu der naturgemässen. Masaccio lehrte die Erscheinung nach ihrer vollen Wahrheit darzustellen, beschützte jedoch die Malerei vor der Abirrung in’s Gemeine, indem er sei- nen der Gegenwart entnommenen Gemälden die Weihe eines hohen sittlichen Ernstes verlieh, und sie dadurch zum Ausdrucke reli- giöser Gefühle geeignet machte. Wenn daher die religiöse Dar- stellung — die unter ihm und seinen nächsten Nachfolgern noch fast durchaus kirchlich — durch ihn jenen Typus symbolischer Heiligkeit verlor, der in ihren abstrakten Formen geruhte, so erhielt sie un- ter seiner Hand menschlicheren und innigeren Ausdruck. Merkwür- dig ist, dass um dieselbe Zeit die Malerei in den Niederlanden durch J. van Eyck auf denselben Weg geführt wurde, ohne dass ein Zusammenhang mit der italienischen Richtung historisch nach- zuweisen wäre.

Masaccio begann seine Studien zur Zeit, als Masolino von Pani- cale die Capelle der Brancacci in Carmine zu Florenz malte. Die- ser Meister diente ihm damals zum Vorbilde, aber Filippo Brune- leschi und Donato suchte er nachzuahmen, wenn gleich ihre Kunst von der seinigen verschieden war. Vasari sagt, er habe sich un- ausgesetzt geübt, seine Figuren lebendig, beweglich, der Natur treu darzustellen, Zeichnung der Umrisse, wie Ausbildung der Farben, sei bei ihm so verschieden von dem, was frühere Mei- ster leisteten, dass seine Arbeiten sicherlich im Vergleich zu jedem neuern Malerwerk bestehen können. Bewunderungswürdig nennt er ihn bei den Aufgaben der Perspektive, und als seinen Lehrer in dieser Kunst nennt er im Leben des Bruneleschi ausdrücklich letzteren Künstler. Er sagt, dass dieser seine Erfindung, den per- spektivischen Aufriss aus dem Grundriss zu zeichnen, dem Masac- cio gelehrt habe. Diese wichtige Erfindung gab nach Schorn natürlich auch der Zeichnung menschlicher Figuren grössere Si- cherheit, indem sie besonders den Verkürzungen grosse Vortheile gewährte. Vasari rühmt auch den Künstler, weil er Verkürzungen in den verschiedensten Ansichten besser gezeichnet habe, als ir- gend einer vor ihm gethan. Vasari erwähnt eines perspektivischen

Bildes der Heilung des Besessenen durch Christus, mit einer Men- ge kleiner Figuren, zu seiner Zeit im Besitze des Ridolfo Ghirlan- dajo, das aber jetzt nicht mehr bekannt ist. Die Gebäude darauf

waren sehr schön perspektivisch gezeichnet, so dass man zu glei- cher Zeit das Äussere und Innere derselben gewahr ward, weil er zu grösserer Schwierigkeit die Ansicht nicht von vorne, son- dern von den Ecken genommen hatte. Dieses Gemälde ist ver- schwunden. Noch vorhanden ist die in Tempera bemalte Tafel mit der Madonna, welche mit dem Kinde im Schoße der heil. Anna ruht. Zu Vasari’s Zeit war das Bild in S. Ambruogio; Meyer be- schreibt es in Göthe’s Propyläen III. 1. S. 34 noch an Ort und Stelle, nachher aber kam es in die Sammlung der Akademie der Künste zu Florenz, wo es jetzt als ein zweifelhafter oder Jugend- bild des Masaccio gilt. Dagegen aber sind folgende, von Vasari

genannte Bilder nicht mehr vorhanden. In S. Niccolò zu Florenz war das Bild einer Verkündigung mit perspektivisch schön gemal- ter Architektur; in der Abtei daselbst das Frescobild des loci Ivo, an welchem Vasari die Verkürzung rühmt; in S. Maria Novella ein Altargemälde der Dreieinigkeit, zu den Seiten die Madonna und Johannes mit den Donatoren; in S. Maria Maggiore ein Al- tarbild der Madonna mit St. Katharina und Julianus, an der Staffel Darstellungen aus dem Leben dieser Heiligen, in der Mitte des- selben die Geburt Christi; zu Pisa in der Kirche del Carmine die Madonna mit singenden Engeln, zu den Seiten Heilige, mit Be- gebenheiten aus ihrem Leben an der Staffel; in der Casa Rucellai eine Tafel mit zwei nackten Gestalten. Alles dieses waren Jugend- arbeiten des Künstlers, vor seiner Abreise nach Rom gemalt. End- lich aber ging er, aus Liebe und Eifer zur Kunst getrieben, nach jener Stadt, und da nun gelangte er zu großem Ruhme. Vor allem lässt ihn Vasari in einer Capelle von S. Clemente reiche Ge- mälde ausführen, nämlich die Kreuzigung an der Hauptwand, die Geschichte der heil. Katharina auf zwei Seitenwänden, die Evan- elisten und Kirchenväter an der Decke, die 12 Apostel in Me- dailons, die zwar nicht restauriert, wie die übrigen Bilder, aber doch gelitten haben; die Verkündigung und St. Christophorus mit dem Kinde aussen am Bogen. Diese Bilder sind nach Schorn (An- merkung zum Vasari 1. c. 156) weder der Gedankenweise, noch der Be- handlung nach den beglaubigten Werken des Masaccio ähnlich, erinnern vielmehr in Composition, Zeichnung und Farbenbehand- lung noch an das Zeitalter des Giotto. Wiewohl die Zeichnung schon völliger, schöner und naturgemäßer, der Sinn für Anmut darin entwickelter ist, als in den Fresken des Giotto zu Assisi, so findet sich doch manche Ähnlichkeit mit denen der Incoronata in Neapel, die überdies noch blühender coloriert sind. Daher bleibt nach Schorn Vasari's Aussage zweifelhaft. Schon G. Man- cini in einer Handschrift, welche Baldinucci (ed. Manni III. 170) anführt, wollte diese Bilder dem Giotto zuschreiben mit Be- rufung auf einige Verse, die er an der linken Seite der Tribune daselbst gelesen zu haben versicherte, und auf die Fertigung die- ser Bilder im Jahr 1200 bezog. Diese Gemälde jener Capelle sind im Stiche vorhanden, mit dem, wie aus dem Obigen zu ersehen, irrigen Titel: Le pitture di Masaccio esistenti in Roma nella Ba- silica di S. Clemente &tc. publ. da Giov. delle Arme. Roma 1809; S. diese Verse Vasari 1. c. S. 157.

Die von Masaccio in Rom gemalten Temperabilder sind zu Grunde gegangen, wir müssen daher den Künstler nach Florenz beschlagen, wohin er nach der Rückkehr des Cosmo von Medici (1434) sich begab. — Masolino war daselbst 1418 gestorben, und jetzt erst begann Masaccio die Fortsetzung der Malereien in der Capelle de Brancacci in der Carmine. Ehe er dies jedoch unternahm, malte er das noch zu Vasari’s Zeit vorhandene Gemälde des heil. Paulus in der Nähe der Glockenseile, das aber 1437 bei Erbauung der prächtigen Cappelle des heil. Andrea Corsino herunter geschlagen wurde. Vasari rühmt dieses Bild besonders, als eines, dem einzig die Sprache fehlt. Darauf malte er im Kreuzgange über der Thüre die Feierlichkeit bei Einweihung der Kirche, mit einer großen Anzahl von Portraitfiguren, deren Vasari mehrere nennt; diese Darstellung ist zu Grunde gegangen. Die Zeichnung eines Theils davon, mit der Feder und in Tusche ausgeführt, ist in der Sammlung der florentinischen Gallerie. Daselbst sind auch noch andere Zeichnungen dieses Meisters, deren in den Propyläen III, 38 &c. er-

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