Martin, John

Martin, John, Maler und Kupferstecher zu London , ein berühm- ter Künstler, wurde um 1790 geboren, und auf der Akademie der Künste zu London begann er seine artistischen Studien; dies mit solchem Glücke, dass er in kurzer Zeit sich der akademischen Fes- seln entwinden zu können glaubte. Sein Geist hatte kaum die Schwingen jugendlicher Kraft gefühlt, als er aus dem gewöhnli- chen Kunstgeleise brach, und seinen Flug nach einer Höhe rich- tete, die nur die Kühnsten zuvor besucht hatten, und vor einem Sturze bewahrt wurden, welcher unkundige Anmassenheit erwar- tet. Er wagte sich schon als Jüngling an die Darstellung des Kampfes mit zahlreichen Opfern ihrer Wuth in fürchterlicher Manigfaltigkeit des Todeskampfes, des erstarrenden Schreckens, der Leidenschaften jeder Art, des Unterganges ganzer Völker. Im Jahre erregte sein Gemälde, welches Balsazzar’s Fest vorstellt, allgemeine Bewunderung, da es durch Neuheit und Originalität anzog. Es ist durch Luptoa’s Kupferstich bekannt. Der Künstler hat da noch einmal die Gäste zum unfrohren Feste geladen, um sie in ihrer Bestürzung und Angst vorzuführen, welche die Schrift an der Wand in jedes Herz goss, jenen ausgenommen, welcher nimmer war, dem gottlosen Monarchen die Flammenwürde zu geben.

Das ausgezeichnetste Werk, welches das verhängnissvolle Schick- sal einer ganzen Bevölkerung vorstellt, ist sein Untergang von Babylon , einer ungeheuren Stadt, die sich im schauerlichen Lichte des Mondes ausbreitet, und über welche das nächtliche Verderben hereingebrochen ist. Die Feinde sind eingedrungen, die Flammen schlagen schon hie und da hervor, die Elephanten werden über- wältiget, alles dieses in entfernten Plänen. Im Vordergrunde er- wartet der König mit den Weibern untätig und ratlos sein Schick- sal. Das Ganze wimmelt von Tausenden von Gestalten, bei denen die manigfaltigsten und ergreifendsten Motive eben sowohl, wie die Conception des Ganzen von einer seltenen Erfindungsgabe zeugen. Die Figuren im Vordergrunde sind etwa acht Zoll hoch, die Ausfüh- rung ist frei aber feinsichtig, die Färbung kräftig und klar, der Effekt des Ganzen sehr schlagend. Merkwürdig ist nun aber bei dem poetisch-phantastischen Sinn, welcher in dem Ganzen waltet, das Bestreben nach Natürlichkeit, ja nach historischer Wahrheit im Einzelnen. In den Gebäuden sind die Werke und Nachrichten über die älteste Bauart im Orient genau zu Rathe gezogen und die

Figuren unmittelbar unter den Mauern sollen in ihrem Verhältnis den Nachrichten über die Höhe der Mauer pünktlich entsprechen. Vgl. Dr. Waagen Kunst und Künstler etc. II. 430. Dieser Schrift- steller sagt auch, er begreife jetzt vollkommen den außerordent- lichen Beifall, welchen die Bilder von Martin in England gefun- den haben; denn sie vereinigen in einem hohen Grade die drei Eigenschaften, welche die Engländer in einem Kunstwerke vor al- lem begehren: Effekt, eine phantastische, zum Schwermütigen neigende Erfindung und topographisch-historische Natürlichkeit und Wahrheit. In keinen Kunstwerken, welche Dr. Waagen bisher gesehen, spricht sich der Contrast der modernen Auffassungsweise in der Kunst zu der antiken so schlagend aus, als in diesen. Die Auffassung darin ist nämlich dem Wesentlichen nach landschaftlich, und, durch die Wirkung derselben als Landschaften wird auch der bezweckte Eindruck hauptsächlich hervorgebracht; denn unter den unzähligen Figuren kann nur in denen im Vorgrunde, und selbst in diesen bei ihrer geringen Größe nur unzulänglich derbeabsichtigte geistige Affect ausgedrückt sein.

Ein anderes Bild stellt die furchtbare Katastrophe der Städte Herkulanum und Pompeji dar, ein Werk, das die höchste Summe seiner Kräfte erschöpft zu haben schien. In diesem Gemälde scheint die Natur im furchtbarsten Kampfe zu sein; Alles tritt dem Lebenden drohend entgegen; über die ganze Scene schreitet der Tod in seiner furchtbarsten Gestalt. Der Beobachter findet sich in ein un- bekanntes Land versetzt, das gebieterisch seine Aufmerksamkeit anspricht; denn in diesem Bilde zeigt die Leinwand einen großen Theil der Dinge, die keines Menschen Auge je gesehen hat oder se- hen kann. Die Composition zeugt von ungewöhnlichen Talenten, die Ausführung ist bewundernswerth. Der manigfache Charakter des Gebirges, die teilweise waldbewachsenen Seiten, die felsigen Spitzen, die Schrecken des Kraters, das aufgeregte Meer, die Tempel, Theater, Wasserleitungen und andere architektonische Gegenstände sind geschickt behandelt, ihre Wirkung gross und eindringend. Gebäude stürzen unter wiederholten Stössen zusam- men, Menschengruppen drücken alle Grade der Furcht aus, von der verzweifelten Angst schüchterner Frauen, bis zum erschüttern- den Beben der römischen Soldaten. Alles das spricht von grossem Geschick und tiefem Studium.

Doch entging dieses Gemälde auch dem Tadel nicht. Man ver- ruchtete das Feuermeer den Überbleibseln eines mit Fransen und Restons gezierten Vorhangs, oder den rohen ungemischten Farben, welche man ohne Absicht auf einen schönen Grund legt, oder will- kürlich auf die Leinwand träufeln lässt. Man tadelte wiederholt die ermüdende Ähnlichkeit der flammengetupften Lavawogen, der Fluss- und Meereswellen, die Unbedeutendheit der sinkenden Stadt und die Figuren im Vorgrunde, die all der Flitter der Lasur und anderer Künste der Maler nicht besser macht. Daraus nun ist wohl zu schliessen, dass das ganze Gemälde in der Hauptsache nur ein üppiges Spiel mit Farbe und Beleuchtung sein kann, das mit seinen grellen Gegensätzen auch das unerfahrene Auge nur auf kurze Zeit besticht.

Zu Martin’s besten Werken zählt man neben der Zerstörung von Babylon (The storming of Babylon) noch den Brand von Troja (Revenge betitelt), Josua, und The Welsh Bard. Diese Bilder sind ruhiger behandelt, mit dem Farbenglauze ist er haushalterischer

... Macbeth ‚mit den drei Hexen nüm zut?iäm tossend grässlich. Ein anderes großes Gemälde, das er 1825 zur Ausstellung brachte, stellt die Schöpfung dar „nach den biblischen Stellen: Und die Erde war gestaltlos und leer, und es lag Finsterniss auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf der Oberfläche der Gewässer, „Man erkannte in diesem ehrwürdigen Versuche zwei Beweise von grosser technischer Geschicklichkeit, wie von Kraft und Originalität der Erfindung, aber den Geist Gottes, darzustellen durch die gigantische Gestalt eines durch Nebel sichtbaren Mannes, fand man ab „Martin’s Schöpfung hat jedoch alle die Verdienste, die jedes seiner Werke mehr oder minder auszeichnen, und hier vielleicht am sprechendsten hervortreten. Wie dieser Künstler die Extreme liebt, so halten es seine Beurtheiler mit seinen Werken; die Schöpfung wurde bald als eines der besten, bald als eines der schlechtesten Gemälde dargestellt.

An diese reihen sich noch einige andere Bilder, unter welchen Marcus, Curtius besonders hervorgehoben werden dürfte. Der ge- niale Künstler hat dieses Bild 1837 selbst gestochen. Die Plage in Aegypten ist uns durch einen Elfenbeinschnitt von B. Höfel be- kannt. Die Sündfluth hat 1834 Lucas gestochen, und in demsel- ben Jahre erschien auch dessen Stich vom Feste des Balsazzari. Lucas stach auch das Paradies, den Zug durch das rothe Meer, die Zerstörung von Babylon, den letzten Tag von Pompeji; die Kreuzigung, Josua vor Jericho.

Martin’s Bilder sind gewöhnlich von ungeheurer Grösse, und dafür musste er so viel Zeit und Mühe verwenden, dass er nur gegen 1000 — 2000 Pf. St. ein solches ablassen kann. Deswegen findet er wohl selten Käufer, und so kann er vom Malen nicht leben. Dass er auch die Kupferstecherei übt, zeigt das unten fol- gende Verzeichniss von Blättern.

Auch in der Glasmalerei machte Martin Entdeckungen. Er malt auf Spiegelglas, welches so dick ist, dass man es mit gewöhn- lichen Mitteln nicht zertrümmern kann, und so gross, dass man der Eisenstangen nicht bedarf. Mit den Wirkungen des Lichtes und in den Gesetzen der Schattengebung ist er ebenfalls sehr er- fahren.

Dieser Künstler verschmäht es auch nicht, Zeichnungen zu den Illustrationen und für Almanache zu fertigen, da auch diese kleine Gattung seiner Werke sehr willkommen ist. Von 1833 an erschienen zu London Illustrations of the bible from printings by R. Westall and J. Martin. Diese Sammlung kam in fünften zu 8 Holzschnitten heraus. Ein anderes Werk mit Compositionen Martin’s ist: The Paradise lost of Milton, with illustrations by John Martin, 12 Theile, London 1832 und 353. Für die 1834 und 35 zu Leipzig erschienenen Bibelbilder oder bildlichen Darstellungen aus der heil. Schrift fertigte er mit Westall eigene Gemälde. sind dieses 12 Hefte mit 06 Holzschnitten.

Von ihm selbst in Kupfer gebracht ist:

  1. Eine heroische Landschaft mit Baulichkeiten und einer Fontaine, die mit den Statuen des Neptun und der Venus geziert ist. Radierung mit dem Namen des Künstlers, qu. fol. Bei Weigel 2 Thlr. 8 gr.

  2. Eine Landschaft mit grosser Stadt und fernster Aussicht, Radierung mit dem Namen und der Jahrzahl 18160, qu. fol. Bei Weigel 2 Thlr. 8 gr.

  3. Das Fest des Balthasar, nach dessen berühmtesten

Bilde, in schwarzer Manier, fol. Preis

  1. The ascent of Elijah, nach Lahne, in schwarzer Manier,

fol.

  1. Christ tempted in the wilderness, das Gegenspiel

  2. Josua gebietet der Sonne Stillstand, grosse Landschaft, in

schwarzer Manier.

  1. Marcus Curtius, nach einem seiner neuesten und vorzüglichsten

Gemälde,

  1. The fall of Nineveh, in schwarzer Manier; Preis 70 fl

  2. The fall of Babylon, in schwarzer Manier, Preis 35 fl.

  3. Illustrations of the Bible, by J. Martin. Erschien von 1830

an in 10 Heften, jedes zu 2 Blätter, von Martin selbst in

Aquatinta ausgefertigt, fol. Jedes Heft 7 Thlr.

  1. Einige treffliche Blätter in dem Taschenbuch: The Keepsake,

1833, und solche in andern Taschenbüchern,

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