Lysippus, berühmter Bildner in Erz und Stein, aus Sikyon gebürtig. Er wollte Anfangs das Schlosserhandwerk erlernen, Eupomus aber rieth ihm, sich der Malerei zu widmen, die er jedoch bald mit der Plastik vertauschte. Als Bildhauer wurde er gross und berühmt; Alexander der Grosse war ihm vor allen zugethan, und dieser Fürst erlaubte nur ihm und dem Apelles seine Körperlform nachzubilden. Lysippus verstand es auch, dem Stolze eines Alexanders zu schmeicheln. Er stellte den Eroberer mit einem Haarschmucke dar, welcher wie der des Jupiters geordnet war, indem sich Alexander für Jupiters Sohn ausgab. Die Haare stehen empor und fallen wellenförmig in mehreren Abstufungen herab. Diese Berührung, in welche er mit Alexander kam, bestimmt uns
die Blüthezeit des Künstlers. Seine Lebenszeit dehnen O. Müller, Sillig u. a. bis Ol. 114 aus, und schon Ol. 103 war er thätig. Da- mals, ohngefähr 20 Jahre alt, fertigte er die Statue des Troilus, wie Pausanias benachrichtet, u. Ol. 114 mochte er an die 70 Jahre alt gewesen sein,
Während nach Müller, Archäologie S. 123, die ersten der neuen Schule von Athen , Skopas, Praxiteles, Leochares , immer noch den Geist des Phidias , nur in seiner Verwandlung, in sich tragen und daher vorzugsweise ein inneres geistiges Leben in Göttern oder andern mythischen Gestalten auszudrücken bemüht waren, so setz- ten dagegen besonders Euphranor und Lysippos die Schule des Polyklet, die Argivisch-Sikyonische, fort, deren Augenmerk immer mehr die körperliche Wohlgestalt und die Darstellung athlethischer und heroischer Kraft gewesen war. Unter den Heroen wurde von Lysippus der Herakles-Charakter auf eine neue Weise ausgebildet, und seine mächtigen Gebäude seiner durch Mühe und Anstrengung ausgearbeiteten Glieder zu dem Umfange aufgetürmt, dem die Kunst der späteren Bildner allzeit nachstrebte. Über das in der höchsten Potenz in Herakles ausgeprägte Heroen-Ideal, s. Müller 1 c. § 410
Lysippische Herkulesstatuen sind: 1) Der bei grosser Unterneh- mung momentan rastende Herakles, Farnesische Colossalstatue, in den Thermen des Caracalla gefunden, unter welchem Kaiser die Statue wahrscheinlich nach Rom kam, wo sie von Glycon nach- gebildet wurde, wie die Lyschrift einer schlechten Copie beweist, Gallaio del Caesare IV. 18., wie Gerhard (Neapel’s Bildwerke) dar- zuthun sucht. Abb. s. Maffei Racc, 40; Piranesi Statue 113 Museo Borbon. IIl. 23, 24. Die Hand mit den Äpfeln des farnesischen Colosses, ist neu; die ächten Beine sind 1787 an die Stelle der von G. della Porta gekommen. Eine ganz ähnliche Statue beschreibt Libanios; auch kommt die Figur sonst viel in Statuen, Gemmen und auf Münzen vor. Den Kopf dieser Statue übertrifft nach Müller, aus dessen Archäologie diese Angaben über Lysippische Werke entnommen sind, vielleicht jener der Marbles of the Brit. Museum I. 11 an ergreifendem Ausdruck, b) Der nach vollbrachten Arbeiten ruhende Herakles, Coloss zu Tarent, durch Fabius Max, nach dem Capitol, später nach Byzanz gebracht, von Niketas de statuis Constant. V. 12, Ed. Wilken, beschrieben. Er sass, sorgenvoll gebeugt, auf einem Korbe (in Bezug auf Augeas Stallreinigung), worüber die Löwenhaut lag, und stützte den linken Arm auf das ebogene Knie, der rechte lag auf dem herabhängenden rechten Bein. Offenbar ist dieses die auf Gemmen so häufige Figur. c) Der von Eros Macht niedergebeugte, seiner Waffen beraubte Herakles, nach Müller wahrscheinlich erhalten in einer der vorigen ähnlich nachgebildeten Figur auf Gemmen. d) Ein kleiner bronzener Herakles, den Statius und Martial beschreiben, von der großartigsten Bil- dung und heiterem Ausdrucke, wie beim Göttermahl, auf einem mit der Löwenhaut bedeckten Steine sitzend, in der rechten Hand den Becher, die Linke an der Keule ausruhend; Dieses ist nach Heyne offenbar das Vorbild zum Torso.
Die Athletenbilder nahmen zu Lysippus Zeit die Künstler nicht mehr so wie früher in Anspruch, obgleich auch sechs Statuen der Art als Werke des unglaublich thätigen Lysippus angeführt werden; dagegen waren es besonders idealisierte Porträite mächtiger Fürsten, welche die Zeit forderte. In der Gestalt des Alexander wusste Ly- sippus selbst den Fehlern Ausdruck zu verleihen, und, wie Plu- tarch sagt, allein das Weiche in der Haltung des Nackens und den
Nagler's Künstler-Lex. Bd. VIII, 10
Lysippus.
Augen mit dem Mannhaften und Löwenärmlichen, was in Alexanders Mienen lag, gehörig zu verschmelzen. Lysippus Hauptstatue des Alexander ist jene mit dem des Jupiters ähnlichen Haarschmucke, mit der Lanze und der spätern Beischrift: Ἀνδρόγυνος ὁ Ἀλέξανδρος ὁ ἐκ Αἰγύπτου etc. Plutarchus de Alex. virt. II 2, Aex. 4.; Tzetz. Chil. VIII. V. 426 u. A. Eine Reiterstatue Alexanders, des Gründers (von Alexandrien, wie es scheint), hatte strahlenförmig wallendes Haupthaar. Von der Statue mit der Lanze ist auf den Münzen der Makedoner aus der Kaiserzeit der beheilme, eigentümlich gewandte Kopf erhalten; diesem entspricht die Gabinische Statue (Visconti mon. Gab, 23) und der ähnliche Kopf der Statue im Louvre 684 Bouill. II. 21, Clarac 263. Der von Manchen für Helios gehaltene Capitolinische Alexanderkopf kann nach Müller ebenfalls von jener Reiterstatue genommen sein. Die Rondaninische Statue in München des zur Schlacht sich rüstenden Alexanders hat wenig vom Lysippischen Charakter, namentlich in den Proportionen. Vortrefflich ist die Bronzestatue des zur Schlacht im Kampfgewühl streitenden Alexanders, Mus. Borbon. II. 43 b. Ein Rätsel der Archäologie ist der Kopf des sterbenden Alexanders in Florenz. Als treues, aber ohne Lysippus’ Geist gearbeitetes Portrait gilt am meisten die Büste des Ritters Azara im Louvre. Visconti Iconographie grecque p. 30, 1.
Lysippus bildete den Alexander oft ab, schon als Knabe stellte er ihn dar: a pueritia -ejus orsus, sagt Plinius. Eine der Statuen Alexanders liess Nero vergolden, um, nach seiner Mei- nung, die Schönheit derselben zu erhöhen, wodurch sie aber an Bestimmtheit verlor; ‘ Man suchte das Gold wieder abzuschaben, und jetzt wurde die Statue ganz verdorben, wie dieses Alles Pli- nius erzählt. Lysippus stellte auch die Jagd Alexanders in einem Bildwerke dar, das zu Delphi geweiht wurde, und dann Alexanders Heldenschar, wo er selbst, und die 25 am Granikus gefallenen Freunde portraitähnlich dargestellt waren, neben 9 Krie- gern zu Fuss. Dieses Bildwerk nahm Metellus mit sich nach Rom, wohin wahrscheinlich auch einige von Lysippus gefertigte Quadri-
en kamen. Unter den Freunden Alexanders durfte vor Allen Hägeston nicht vergessen werden, und daher fertigte der Bildner auch die Portraitstatue desselben.
Vorzüglich berühmt war seine colossale Statue des Zeus zu Ta- rent, 40 Cubitus hoch. Auf dem Forum zu Sikyon stand eine Erz- statue des Zeus, eine gleiche mit den Musen zu Megara und jene des Jupiter Nemeus, ebenfalls von Erz, sah man zu Argos, wie Pausanias benachrichtigt.
Zu Corinth war eine eherne Statue des Neptun. Auf dem Heli- kon war von Lysippus eine Statue des Bacchos, deren Pausanias erwähnt, und dieser Perieget sagt uns auch von der Existenz einer Erzstatue des Amor in Thespiä. Über den Amor des Lysippus fehlen genauere Bestimmungen, und es ist daher kein Grund da, weshalb die zahlreichen geflügelten Bogenspanner dem Lysippus beigelegt werden sollen. S. Neueste Beschr. Roms I. 2890. Auch von einer Statue des Occasio, unter der Gestalt eines Jünglings mit Waage und Scheermesser, an den Fersen Flügel, weiss man; so wie von Statuen der 7 Weisen Griechenlands und Aesops, durch Agathias Anthol. Gr. IV. 33, 331. Nach diesen Statuen könnten nach Müller die Hermen der Villa des Cassius, und der Aesop der Villa Albani verfertigt sein.
Wenn Diogenes Laertius Glauben verdient, so fertigte Lysippus auch eine Erzstatue des Diogenes, dieses aus Auftrag der Athenien-
Lysippus. . 447
ser. Pausanias nennt die oben erwähnte Statue des Troilus, und Tatianus eine Statue der Praxilla. Dann fertigte er auch die Sta- tuen der Olympischen Sieger Callikrates, Chilon und Polydamas. Strabo will auch von dem Erzbilde eines fallenden Löwen wissen,
In der Anthol. Palat, IX. 777 wird auch eines ehernen Pferdes mit grossem Lobe erwähnt, und daran schliessen wir die Meinung, dass Lysippus auch die berühmten antiken Pferde über dem grot- tesken Portale der Sankt Marcus - Kirche zu Venedig gefertiget habe, was indessen Einige verneinen. Mustoxidi, Sut quatro cavalli della basilica di S. Marco in Venezia 1816 hält den Urhe- ber dieser Bronzen für einen geschickten Meister aus der Zeit Ale- xander’s des Grossen, wenn man auch so geradehin dem Lysippus selbe nicht zuschreiben dürfe. Mustoxidi meint, die Chier hatten die Pferde entweder von einem einheimischen oder fremden Künst- ler giessen lassen, was indessen so schwer zu beweisen ist, als dass sie Lysippus wirklich gefertiget hat. Abgebildet sind diese Pferde bei Zanetti, Statue di Venezia I. tav. 45 — 46. Constantin der Grosse nahm diese Bildwerke, die aus Chios nach Italien ge- kommen waren, mit sich nach Constantinopel und stellte sie auf dem Hippodrom auf, Früher zierten sie in Rom die Triumphporte des Augustus, dann jene des Nero, später die des Domitian, und Constantin nahm sie mit dem Sonnenwagen von seinem Triumph- bogen herab, da er sie auch auf denselben gesetzt hatte. Im Jahre 1205 nahmen sie in Constantinopel die Venetianer mit sich, und Jahrhunderte hindurch sah man sie jetzt über dem Portale von St. Marco, bis 1709 Napoleon die Wanderung nach Paris veranstaltete, mit so vielem Rechte, wie seine Vorgänger. Der Friede von Paris war 1815 die Ursache, dass die Venetianer das Viergespann wieder erhielten.
Irrthümlich tragen Lysippus Namen die Statue der Juno von Sa- mos, die Cedrenus diesem Meister und dem Bupalus zuschreibt; die Statue des Königs Seleucus, und der Herkules Pitianus mit der Inschrift: ATZUIOT EPI’ON,
Ueber die letzteren der angeführten Werke handelt Sillig im Cat. artif. genauer, mit Angabe der Quellen.
Lysippus ist einer der berühmtesten Meister des Alterthums, ein Glanzpunkt der griechischen Kunst, der nach Praxiteles sich zeigt. Er nahm immer an Vollkommenheit zu; Beobachtung der Natur und Studium der früheren Meister, welche Lysippus eng mitein- ander verband, führte ihn zu mancher Verfeinerung im Einzelnen (argutiae operum des Plinius); namentlich legte er das Haar natür- licher, nach Müller wahrscheinlich mehr nach malerischen Effek- ten an. Die Künstler damaliger Zeit wandten auf die Proportionen des menschlichen Körpers das angestrengteste Studium; dabei führte sie das Bestreben, besonders Portraitfiguren durch eine un- gewöhnliche Schlankheit gleichsam über das Menschenmaass hin- auszuheben, zu einem neuen System schlankerer Proportionen, welches von Euphranor und Zeuxis begonnen, von Lysippus aber erst harmonisch durchgeführt, und in der griechischen Kunst her- nach herrschend wurde. Es muss indessen gestanden werden, sagt Müller, dass dieses System weniger aus einer warmen und innigen Auffassung der Natur, welche namentlich in Griechenland sich in gedrungenen Figuren schöner zeigt, als aus einem Bestreben, das Kunstwerk über das Wirkliche zu erheben, hervorgegangen ist, Auch zeigt sich in den Werken dieser Künstler schon deutlich die vorwaltende Neigung zu dem Colossalen, welche in der nächsten Periode herrschend gefunden wird. Müller, 1. c. S. 125 f.
Über diesen Künstler handeln besonders O. Müller in seinem trefflichen Handbuche der Archäologie, Thiersch in den Epochen der bildenden Kunst bei den Griechen, Meyer in der Geschichte der griechischen Kunst, Hirt in seiner Archäologie, Sillig im Ca- talogus artificum, Winckelmann’s Werke u. s. w.
Vorsicht
Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.
Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.
Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_eMM-AAAAcAAJ/